Schloss Schwarzburg
Veröffentlicht: 12. März 2015 Abgelegt unter: Bewohntes Gelände, Mixed Media, Urban Sketching | Tags: Schwarzburg, Thüringen Ein KommentarSchwarzburg hat nicht nur aus der Zeit gefallene Hotels zu bieten, es hat auch ein Schloss. Und was für eins! Ich habe selten einen disparateren Ort erlebt als den Schwarzburger Schlossberg. Auf einem schmalen Bergsporn thront über dem Dorf eine riesige Ruine, die auf den ersten Blick aussieht wie eine gespenstische Fabrik, sich beim Näherkommen dann als der Rest eines dort vermutlich immer deplatziert gewesenen barocken Kastens erweist, dem einige Seitenflügel fehlen. Andere sind bereits restauriert, in sehr verschiedenen Stilen, strahlend weiß ein schöner Renaissance-Bau, das Zeughaus, quietschbunt Teile eines Teils, der den sogenannten Kaisersaal enthält – einer der Schwarzburger hatte es im 14.Jahrhundert immerhin bis zum Gegenkaiser gebracht.
Der ruinöse Zustand des Gebäudes ist ein Produkt deutscher Geschichte – 1940 begannen die Nationalsozialisten mit brachialen Abrissarbeiten, denen ein Wiederaufbau als Reichsgästehaus folgen sollte – dass es dazu nicht mehr kam, ist naheliegend.
Am Schloss laufen weiter Restaurierungsarbeiten, dass sie, wie eine Tafel verspricht, 2015 abgeschlossen sein sollen, halte ich für unwahrscheinlich. Auch ein endgültiges Nutzungskonzept soll es noch nicht geben.
Ich habe mich zum Zeichnen für das entschieden, was wohl einmal so etwas wie die Hofseite gewesen sein muss – für einen wirklichen Hof ist der Bergsporn eigentlich zu schmal. Das leuchtend orange Wandstück ist eine Farbprobe, ansonsten ergeben unterschiedliche Grade von Verfall und Vernagelung eine breite Palette an braun und grau, ergänzt durch die schon frisch gedeckten Schieferdächer.
Die letzten ihrer Art
Veröffentlicht: 6. März 2015 Abgelegt unter: Bewohntes Gelände, Urban Sketching | Tags: Schwarzburg, Skat, Thüringen 3 Kommentare
Vier alte Herren beim Skat im Schlossberg-Hotel in Schwarzburg. Wasserfarbe und PITT-Pens in Stillman&Birn Beta.
Dieses Bild ist das einzige, was ich gleich vor Ort fertigstellen konnte – ich saß ja auch warm und gemütlich auf einem 100 Jahre alten Hotelsofa im Hotel „Schlossberg“ im Schwarzburg. („Setzen Sie sich ruhig auf das Kissen, sonst sinken Sie so tief ein.“)
Schwarzburg, etwas oberhalb von Rudolstadt im Schwarzatal gelegen, war im 19.Jh. ein beliebter Urlaubsort, und in den fetten Jahren vor dem ersten Weltkrieg entstanden dort wahre Hotelpaläste, in Fachwerk und Schindeln gekleidete Schönheiten mit Türmchen und Erkerchen und Buntglasfenstern. Da die Zeitläufte ihnen gnädig waren, stehen die meisten bis heute unverändert, allerdings oft genug vernagelt und unsaniert.
Das Hotel „Schlossberg“, in das es mich verschlagen hatte, wird von dem mittlerweile über 70jährigen Inhaberpaar allein geführt. Die Zimmer sind ein auf DDR-Standard, das mag vermutlich nicht jeder, doch das gesamte Ambiente, die hervorragende Hausmannskost und vor allem die tiefe Herzlichkeit der beiden alten Leute gehören zu den Erlebnissen, um derentwillen sich eine solche Fußwanderung lohnt.
Während ich beim Mittagessen saß, trafen vier alte Herren zur Skatrunde ein – vielleicht waren sie einmal Apotheker, Oberförster und Hauptbuchhalter gewesen, jedenfalls schienen sie ebenso die letzten ihrer Art wie das Inhaberpaar zu sein.
Wo das Mittelalter begann
Veröffentlicht: 5. März 2015 Abgelegt unter: Bewohntes Gelände, Urban Sketching | Tags: Arnstadt, Thüringen Ein Kommentar
Liebfrauenkirche in Arnstadt, Thüringen. Im Vordergrund ein Klostergebäude aus dem 16.Jh., das gerade restauriert wird.
Am Anfang der Wanderreise stand dieses Mal Arnstadt, das sich bis 1989 mit dem Titel „Älteste Stadt der DDR“ schmücken durfte. Im deutschlandweiten Wettstreit liegen natürlich die römisch geprägten Rheinstädte vorn (oder hinten, wie mans nimmt), doch östlich des Rheins hat irgendwo hier das Mittelalter begonnen.
Die Liebfrauenkirche in Arnstadt strahlt etwas davon aus, etwas archaisches, auch wenn kaum noch ein Stein original ist, so oft wurde sie umgebaut und restauriert.
Miss Marple im Café
Veröffentlicht: 31. Januar 2015 Abgelegt unter: Mixed Media, Urban Sketching | Tags: Schwerin, visuelles Tagebuch Hinterlasse einen KommentarEiner meiner Lieblingsplätze in Schwerin ist Rothes Café im Schlossparkcenter. Nicht, dass es besonders originell oder kuschlig wäre, sondern wegen des unüberbietbaren Blicks auf das Panoptikum des Lebens. Jeder Tisch eine eigene kleine Bühne, bespielt mit immer neuen Einaktern.
Diese Dame mit Hut, Perlenkette und Kreuzworträtsel schien mir direkt aus einem Miss-Marple-Film gekommen zu sein … (Am Nebentisch saßen drei schmallippige Parzen, die mit jedem energischen Biss in ihre Torte einen Lebensfaden durchzubeißen schienen, doch reichten meine zeichnerischen Fähigkeiten nicht aus, um diesen Eindruck mit einem Mindestmaß an Diskretion festzuhalten.)
Zeitkapsel
Veröffentlicht: 8. Dezember 2014 Abgelegt unter: Artist Journal, Ink&Wash, Urban Sketching | Tags: Architektur, Bonn, visuelles Tagebuch, Wirtschaftswunder 3 KommentareIch habe gerade vier Tage Fortbildung hinter mir, die in der Mensa der Bonner Uniklinik auf dem Venusberg stattfand. Dieses Gebäude ist eine Zeitkapsel, direkt aus den Wirtschaftswunderjahren der jungen Bundesrepublik in die Gegenwart gekommen. Es ist völlig unsaniert – einschließlich der Originalfenster mit Einfachverglasung, Schwingtüren mit Drahtglas und eloxierten Metallgriffen und einem Lastenfahrstuhl, der die Jahreszahl 1958 trägt.
In den beiden Speisesälen gibt es modernes Mobiliar, auch die Beleuchtung ist nicht mehr original, an einigen wenigen Stellen liegt hässlicher PVC-Bodenbelag, ansonsten dürfte architektonisch im wesentlichen alles auf dem Stand vom Ende der 50er Jahre sein.
Ilse Bilse …
Veröffentlicht: 7. Dezember 2014 Abgelegt unter: Artist Journal, Ink&Wash, Urban Sketching | Tags: Annette von Droste-Hülshoff, Bonn, Ludwigslust, Stechpalme, visuelles Tagebuch 2 Kommentare… keiner willse, böse Hülse. Verständlich, meint „Hülse“ in diesem Vers doch weder ein sitzengebliebenes Mädchen noch eine Umhüllung, sondern ein stachliges Forstunkraut, Ilex aquifolium, die Stechpalme. Der Name „Hülse“ in vielen Ortsnamen weist auf die einst weite Verbreitung der Pflanze, besonders im Westen Deutschlands. Die Dichterin Annette von Droste-Hülshoff trug eine solche Ortsbezeichnung in ihrem Namen.
Die Pflanze mag das atlantische Klima, mit Trockenheit und stärkeren Frösten kommt sie nicht zurecht. Als ich Anfang der 90er in den Westen Mecklenburgs zog, begegnete ich der Pflanze dort zum ersten Mal in den Wäldern und Dörfern. Das Dorf Loosen bei Ludwigslust ist bekannt für seine mindestens hundert Jahre alten Ilex-Hecken. Erstaunt nahm ich das zur Kenntnis, hatte ich die „Holly“ doch bis dahin für eine lästige amerikanische Weihnachtsimportware gehalten.
Bei einem Spaziergang auf dem Bonner Venusberg begegnete ich der Pflanze wieder. Hier gab es gleich noch ein anderes Relikt alter Forstwirtschaft zu bestaunen: Uralte Baumriesen, die ihre knorzige Form der Brennholzgewinnung aus Niederwaldwirtschaft verdanken. Dabei wurden, ähnlich wie bei Kopfweiden, die Bäume immer wieder in einer niedrigen Höhe abgeschnitten.
Johannes der Täufer am Radweg
Veröffentlicht: 3. November 2014 Abgelegt unter: Allgemein, Bewohntes Gelände, Bewohntes Gelände 2, Ink&Wash, Reiseskizzen, Urban Sketching | Tags: Pilgerweg, Radwegkirchen, Rokokko, Schnitzaltar, Thüringen 3 KommentareWer hätte gewusst, dass es Radwegkirchen gibt? Ich weiß es jedenfalls erst, seit ich im thüringischen Eberstedt in einer gerastet habe. Es war eine sehr angenehme Rast in einem hellen lichten Kirchenraum mit einer beeindruckenden Rokokko-Ausstattung und einer freundlichen und lebendigen Atmosphäre.
Die Stirnwand wird von einem großen Schnitzaltar eingenommen. Zum Zeichnen habe ich mir Johannes den Täufer gewählt. Er hält die Thora auf dem rechten Arm und weist damit gleichzeitig auf Jesus als den Kommenden, der das Gesetz transzendieren wird – ein ikonografisches Motiv, dem ich später in der Gegend in ganz ähnlicher Form noch einmal begegnete. Johannes trägt eine Art zotteligen Fellmantel, der ihn ein wenig in die Nähe eines „wilden Mannes“ rückt. Einen schönen Kontrast dazu bildet die Dekoration, die ich als Rosen, Ananas und Tabakblätter gedeutet habe.

Anker-Steinbaukasten
Veröffentlicht: 27. Oktober 2014 Abgelegt unter: Alltag, Architektur, Ink&Wash, Urban Sketching, visuelles Tagebuch | Tags: Anker-Steinbaukasten, Schwerin Hinterlasse einen KommentarHeute konnte ich bei schönstem Herbstwetter nicht widerstehen, eines der Häuser am Schweriner Pfaffenteich zu zeichnen. Frisch saniert, prangten sie mit ihren Ziegelfarben in der Nachmittagssonne. Dieser Schweriner 1900er Baustil lässt mich immer an Anker-Steinbaukästen denken mit seinen klar abgegrenzten Klinkern, seinen Erkern und Türmchen. Als Kind habe ich mir viele Stunden mit einigen Vorkriegs-Tangrams aus dem Hause Anker vertrieben. Deren Packungen lagen glücklicherweise keine Lösungen bei, aber dafür Werbung für eben jene legendären Steinbaukästen, die ich wieder und wieder durchblätterte. Ich habe später, als sie wieder hergestellt wurden, darauf verzichtet, meine Kinder mit meinem Kindheitstraum zu belästigen, sondern beschränke mich darauf, die Kästen im Geschäft zu bewundern. Oder eben gelegentlich ein Steinbaukastenhaus zu zeichnen.
Der Trost der Dinge
Veröffentlicht: 23. Oktober 2014 Abgelegt unter: Alltag, Aquarell, Artist Journal, Dinge, Ink&Wash, Urban Sketching, visuelles Tagebuch | Tags: Berlin, Daniel Miller Ein KommentarGestern in Berlin ergab sich auf der Rückreise aus Thüringen die erfreuliche Möglichkeit, mit einigen der Berliner Urban Sketcher in der Marheineke-Markthalle gemeinsam zu zeichnen. Nach zehn Tagen Stille und Wanderung fiel es mir nicht ganz leicht, mich auf das Stadtgewusel einzulassen, am Ende half es mir, einen schönen, nützlichen und, wie ich finde, etwas geheimnisvollen Gegenstand zu zeichnen – der Trost der Dinge.








