Dreifach im Quadrat
Veröffentlicht: 30. Juli 2026 Abgelegt unter: Allgemein, Alltag, Amsterdam 2019, Farbstifte, Gouache, Pflanzen | Tags: Blumen, Gemüse, Gouache, mixed media, Obst Ein KommentarAcht Monate hatte das Reisetagebuch in meinem letzten Beitrag gewartet, bis es endlich abgeschlossen war – ein Lieblingsbuch, Dokument einer besonders schönen Reise und mir ans Herz gewachsen als Collage aus Fineliner-Zeichnungen, Aquarellen auf vorgrundiertem Papier und allerlei Fundstücken. So kam ich darauf, mich einem nächsten Lieblingsstück zu widmen, dem Stillman&Birn Nova Trio Square, das ich seit 2020 in Benutzung habe.
Habent sua fata libelli, die Bücher haben ihre Schicksale, das gilt auch für Skizzenbücher. Sie sind für das Schicksal-Haben gemacht. Wie kommt ein Skizzenbuch mit einem Namen wie das abgefahrenste Getränk einer amerikanischen Kaffeekette in meinen Haushalt?
Die moderene Skizzenbuchkultur ist ein Kind des Internetzeitalters, eine Form des Tagebuchs, das sich privat gibt und dabei die mitlesende, mitschauende Öffentlichkeit beim Schreiben und Malen immer schon einbezieht. Für mich war diese Art des nun möglichen Selbstausdrucks ein himmlisches Geschenk, immer schon hatte ich gern geschrieben, in jedem Urlaub ein Reisetagebuch mit Zeichnungen geführt. Im Sommer 2013 gelang es mir erstmals, das Reisebuch in den Alltag zu holen.
Damit stellte sich bald die Frage, was für ein Buch, rein materiell, es denn sein sollte. (Natürlich stellte sie sich auch inhaltlich; diese Geschichte wird an anderer Stelle erzählt werden.) Für botanische Studien (die am Anfang einen breiten Raum einnahmen) verwendete ich ein gerade auf Reisen angefangenes Buch des deutschen Herstellers Vang weiter; wunderbares cremeweißes, aquarellgeignetes Papier mit einer Anmutung von Pergament – leider wird es schon lange nicht mehr angeboten. Für unterwegs suchte ich eine Weile und fand dann den amerikanischen Hersteller Stillman&Birn. S&B bietet eine schier unüberschaubare Kombination aus sieben Papierqualitäten in fünf Farben und den verschiedensten Formaten. (Der deutsche Hersteller Hahnemühle zog mit noch besser aquarellgeeigneten Büchern bald darauf nach und ich benutze mittlerweile beide Marken.)

Das quadratische „Nova Trio“ erhielt ich 2019 beim Urban-Sketching-Festival in Amsterdam anlässlich eines Seminars der britischen Künstlerin Pat Southern-Pearce als Geschenk. (Wer bei einem solchen Festival an einem Seminar teilnimmt, wird von den Firmen als Influencer eingestuft und reich beschenkt.) Da ich bereits ein eigenes Buch vorbereitet hatte (auch in dem gibt es noch leere Seiten!) sparte ich das geschenkte noch ein bisschen auf; ich begann damit Anfang 2020, im ersten Corona-Frühling. „Nova“ steht für getönte Papiere in drei Farben: schwarz, grau und beige, und im „Trio“ finden sich alle drei vereint. Das Buch ist mit 19×19 cm für unterwegs ziemlich unhandlich, außerdem passt es aufgeklappt nicht auf den A4-Scanner – beides Gründe dafür, dass es noch ungenutzte Seiten gab.

Eine Rose für Ingeborg Bachmann – die letzte graue Seite.
Während ich mit dem schwarzen Papier so fremdele, dass immer noch leere Blätter übrig sind, mag ich die grauen Seiten sehr – fast wunderte ich mich ein bisschen, dass noch eine frei geblieben war. Ende Juni hätte Ingeborg Bachmann ihren 100.Geburtstag gehabt; ich erinnerte mich an die Liebe, die mich mit ihren Gedichten verbindet, an die ersten Begegnungen mit ihren Prosatexten, an das Erschrecken, als ich, nach und nach, von ihrer Biografie erfuhr. Ich blätterte in den Büchern, die teils zer-, teils ungelesen in meinem Regal stehen, suchte nach einer geeigneten Fotovorlage für eine Porträtzeichnung – und zeichnete am Ende eine Rose aus meinem Garten.

Mit den Radieschen auf Beige hingegen tat ich mich leicht – abgesehen davon, dass ich zur Zeit gerade einen Haufen „Kram“ zu erledigen habe und abends oft müder bin als erhofft. Der Beigeton – die dritte Farbe – erinnerte mich an die fast zerfallenen Seiten eines alten Haushaltslexikons, das ich als Collage mit einbaute. Auch dieses ist die letzte Seite im Buch, das nun wieder zugeklappt im Schrank auf die nächste Chance für Schwarz wartet.
Heringe und Tulpen …
Veröffentlicht: 6. Mai 2026 Abgelegt unter: Allgemein, Reiseskizzen, Urban Sketching | Tags: Amsterdam, Blumen, Park, Urban Sketching, visuelles Tagebuch Hinterlasse einen Kommentar… wer denkt da nicht an Holland? Oder, um genauer zu sein, an die Niederlande? An Frau Antje mit Flügelhaube und Matjes, im Hintergrund ein Tulpenfeld? Tulpenfelder, das sei vorangeschickt, habe ich einige gesehen auf meiner Reise – der Hering, um den es hier geht, hatte hingegen einen mehrfachen Migrationshintergrund.
Gekauft hatte ich ihn in Schwerin, beim Fischhändler meines Vertrauens, gefangen wurde er, soviel steht fest, weder an der deutschen Ostsee- noch an der niederländischen Nordseeküste – beide Regionen sind so überfischt, dass der Heringsfang dort zum Erliegen gekommen ist – , sondern vermutlich irgendwo vor Schottland oder dem nördlichen Dänemark. Geräuchert, und zwar im Ganzen, wurde er vermutlich in Deutschland, wo er einst zu seinem Namen gekommen war: der Bückling war in früheren Jahrhunderten ein Bockling – wegen des bockig strengen Geruchs.

Vor der Fischmahlzeit war noch eine Aquarellskizze entstanden – die dann, halbfertig, mit mir nach Utrecht reiste und im Zug endlich fertig wurde.
Drei Tage später, bevor ich von Utrecht nach Hause fuhr, besuchte ich noch einen für Ostdeutsche nachgerade mythischen Ort: den Keukenhof. Ich habe von Seeleuten der DDR-Handelsmarine gehört, die ihr kostbares West(taschen)geld auf Landgang für einen Besuch des Keukenhof ausgaben. Nach der Wende wurde der legendäre Tulpenpark zu einem der beliebtesten Busreiseziele.
Hervorgegangen ist das Gelände aus dem Küchen(„Keuken“)Garten eines Wasserschlosses, später wurde ein klassischer Landschaftsgarten im englischen Stil daraus, seit den 1950er Jahren gibt es dort eine Tulpenschau. Heute ist es eine perfekt durchorganisierte Anlage, auf der etwa sieben Millionen Tulpenzwiebeln wachsen, die in einer zweimonatigen Saison von knapp anderthalb Millionen Besuchern bewundert werden. Die kommen aus allen Ländern der Erde: schöne Asiatinnen in noch schöneren Kleidern, Sarongs, Saris und viktorianischen Rüschen, herausgeputzte kleine Mädchen, bärtige dunkelhäutige Männer aus südasiatischen Weltgegenden, von denen ich bisher noch nie gehört hatte … Die deutsche Rentnerin ist mittlerweile unterrepräsentiert.

Da es ein kühler Tag mit echtem Aprilwetter war, zeichnete ich durch die Panormascheiben eines Cafés nach draußen, und zwar gegen Abend, als die Menschenmengen sich schon etwas gelichtet hatten. Dass sie auf meinem Bild ganz fehlen, ist allerdings eine unzulässige Vereinfachung.
Bald, nachdem das Bild fertig war, stieg ich in einen der Shuttlebusse nach Amsterdam, um mit einem ziemlich unbequemen Nachtzug nach Hause zu fahren. Von dort würde ich zwei Tage später zum zweiten Teil meiner Urlaubsreise Richtung Thüringen aufbrechen.
