Mit Bildern

Ich bin in einer bilderarmen Zeit aufgewachsen. Natürlich nicht so bilderarm wie die vor der Erfindung von Buchdruck und Fotografie, doch geprägt von Papierknappheit und ideologischer Begrenztheit einerseits und dem Fehlen uns heute selbstverständlicher elektronischer Medien andererseits.

Un so mehr habe ich mit Bildern gelebt. Zuerst war es der Kanon der Alten Meister, in Postkarten, Kalenderblättern und einigen Bildbänden präsent und immer wieder betrachtet; später, in den prägenden Wachstumsjahren, kamen Impressionismus und Moderne. Manche Bilder, manche Motive und Künstler, die ich in jener Zeit kennengelernt habe, sind in mein innerstes Bildarchiv abgesunken, von wo sie als Archetypen in mein weiteres Leben als Sehende und Gestaltende hineingewirkt haben.

Das meiste, was ich damals sah, sah ich in Reproduktionen und Fotografien, die Begegnung mit den Originalen geschah oft Jahrzehnte später.

Werke von Ernst Barlach sah ich bereits in den 80ern, in meiner Greifswalder Studienzeit, zum ersten Mal. Auf einem Ausflug nach Schwerin machten wir am Güstrower Atelierhaus halt. Ende Oktober diesen Jahres führte der Weg mit einigen der alten Freunde von damals wieder dorthin. Aus den gezeigten Werken stach für mich der „Lesende Mann im Wind“ hervor; der in den Stürmen der Zeit in sich und seinem Buch Geborgene, Getröstete … Ich hatte kein Skizzenbuch mit, so dass ich, entgegen meinen Gewohnheiten, ein Foto abzeichnete, zusammen mit einigen kleinen Skizzen dieses Wochenendes.

Erinnerung an ein Wochenende mit alten Freunden.

Vorher schon, auf der Rückfahrt aus der Schweiz, hatte ich in Stuttgart bei Otto Dix Halt gemacht. Das „Bildnis der Tänzerin Anita Berber“ ist fast schon eine Pop-Ikone, seine Präsenz im Original (wie auch die anderer Dix-Porträts) strahlt bis in den letzten Winkel des Ausstellungsraums. Auch hier ist nur wenig von meiner Zeichnung vor Ort entstanden; ich war in Gesellschaft unterwegs gewesen und hatte mich auf eine schnelle Bleistiftskizze beschränkt. Alles andere entstand zu Hause nach Fotos.

Otto Dix in Stuttgart.


Rückblick IV – Nach Graubünden

Mit den letzten Regentropfen überquerte ich den Rhein und betrat den Kanton Graubünden. Noch war es kühl, über dem Städtchen Maienfeld lag auf den Felsen hinter den Wolken der erste Schnee. Maienfeld spielt in dem Roman „Heidi“ eine Rolle, sein hübsches Ortsbild mit „Städtli“, Burg und Schloss lädt zur touristischen Zeitreise geradezu ein. An dem kühlen Montagmittag war ich fast der einzige Gast und die beiden Cafés geschlossen; doch fand ich noch ein wärmendes Mittagessen und machte mich danach an eine kleine Zeichnung. 

Im „Städtli“ von Maienfeld

Das Blatt, mit dem ich ein neues Skizzenbuch eröffnete, blieb unkoloriert. Erst heute, an einem herbstlichen Regentag, erinnerte ich mich wieder daran, auch wenn die kühle Stimmung seinerzeit noch am gleichen Tag verflog. Heiter wanderte ich durch Rebberge meinem Tagesziel Malans entgegen, während die Wolken sich auflösten und dem gewohnten blauen Himmel Platz machten.

Der nächste Tag war als Ruhetag geplant. Gegen Mittag fuhr ich mit der Rhätischen Bahn, die mich von nun an auf Schritt und Tritt begleiten würde, nach Chur. Chur, das wegen steinzeitlicher Ausgrabungen mit dem Slogan „Älteste Stadt der Schweiz“ wirbt, hat auch nach historischen Maßstäben eine lange Geschichte; es war als „curia raetorum“ ein römischer Verwaltungssitz, davor eine keltische Siedlung und danach durchgehend bewohnt. Bereits im Jahr 451 gab es hier einen Bischofssitz, den ersten nördlich der Alpen. Aus dem Bischofssitz wurde der Churer Dom, hoch über der Stadt auf einem Felssporn gelegen, und er blieb es auch, als die Stadt unter ihm ins reformierte Lager wechselte. 

Eine der Churer „Apostelsäulen“

Der Ort strahlt die natürliche Autorität eines uralten Siedlungsplatzes aus. Der Dom selbst ist nicht besonders groß, doch angefüllt mit Kunstschätzen aus seiner langen Geschichte; die ältesten stammen noch aus der Spätantike. Mir hatten es besonders die vier „Apostelsäulen“ angetan, streng aussehende romanische Herren, drei mit einem Buch und der vierte – Petrus – mit einem Schlüssel ausgestattet, stehen sie jeder vor einer Säule, die wiederum auf einem Löwen ruht. Der Löwe hat sich gerade eine arme Seele geschnappt: „Euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge.“ Am oberen Ende der Säule aber kommt ein Engel mit erhobenen Armen und in seltsamer Haltung zur Hilfe. Fast war ich geneigt, mich bei ihm an die geheimnisvolle Tübinger Sonnenfigur zu erinnern. 


Rückblick III – Sargans

„Kirche vor Berg“ ist einer der Topoi des Alpenbildes – kaum ein Autohauskalender kommt ohne ihn aus. Die Wanderin stellt vor Ort fest, dass das Original zum Bild einfach schön aussieht. Zumal wenn der Himmel knallblau, der Berg felsig und schroff und die Kirche, auf einem Hügel gelegen, aus der Untersicht gesehen ist.

So ging es mir in Sargans. Ich war mit dem Zug gekommen, um im Nachbarort Mels die Alpabfahrt zu besuchen und spazierte durch das „Städtli“, die unterhalb der Burg gelegene kleine Altstadt, die wie ausgestorben wirkte – kein Wunder, alle Bewohner standen längst in Mels an der Strecke. Ich suchte mir einen Schattenplatz nahe der Kirche und legte die Vorzeichnung in großen Farbflächen an – um danach aufzubrechen. Gestern habe ich das Bild wieder hervorgeholt und – Kitsch hin, Kalender her – mit blauem Himmel und schroffen Felsen fertiggestellt.

Die Kirche von Sargans.

Am nächsten Tag hatte sich das Blatt gewendet und es regnete in Strömen. Ich stieg zur Burg neben der Kirche hinauf und suchte Unterschlupf im Museum, wo ich in den Fastnachtsmasken ein willkommenes Motiv fand. (Ich hatte sie schon einmal gezeigt, aber nun sind sie ordentlich gescannt und schön farbkräftig.)

Fastnachtsmasken im Sarganser Heimatmuseum.

Rückblick II

Von St. Gallen aus lief ich durch das Appenzellerland Richtung Rheintal. Eines meiner liebsten Bilder dieser Reise entstand auf diesem Weg: im kühlen Schatten eines Wirtschaftsgebäudes lud auf einer Stufe ein Sitzplatz zum Verweilen ein – so lange, bis das Bild auch wirklich fertig war.

Ein typisches Appenzellerhaus.

Am nächsten Tag wanderte ich über Berg und Tal und versuchte, endlich angekommen, noch die Skizze eines modernen Kirchleins gegen den Abendhimmel – sie misslang. Am nächsten Tag beschloss ich, dem Zeichnen seinen gebührenden Raum zu schaffen – und fuhr einen Teil der Strecke mit dem Bus. Der Lohn war u.a. das Bild einer alten Esche an einem Hang, über den Versuch des Vorabends gelegt. In der Zwischenzeit hatte sich noch ein Stempel der kleinen Wallfahrtskirche auf dem Blatt eingefunden – und zu Hause klebte ich das Bild einer hilfreichen Madonna dazu, deren Kirchlein komplett ungezeichnet geblieben war.

Ein Stück Reisetagebuch, wie ich es mir wünsche.
Das „Schlössli“ in Sax.

Die Schweiz ist bekanntlich kein preiswertes Reiseland – so habe ich meist in Privatzimmern übernachtet und mich aus dem Supermarkt verpflegt. An diesem Abend machte ich eine Ausnahme: ich speiste und schlief fürstlich hinter den dicken Mauern des „Schlössli“, eines echten Renaissance-Schlosses. Es ist ein wunderbarer Ort, dessen Bild man nicht ansieht, dass es leicht erhöht am Rand der Rheintalebene steht – man genießt einen wunderbaren weiten Blick. An dem verhangenen Morgen, an dem ich es mit ein paar Bleistiftstrichen skizzierte – alles andere kam später – sah man nicht, dass weit über ihm am Hang die Reste der Burg Hohensax zu sehen sind. Als ich ein wenig über das verzweigte Geschlecht derer von „Sax“ oder Hohensax“ nachlas, stellte ich erstaunt fest, dass sie in meinem Bücherschrank bereits eine Spur hinterlassen hatten. Im Freiburger „Wetzstein“ kaufte ich einst ein handsigniertes Exemplar von Adolf Muschgs Roman „Sax“ – den ich nie zu Ende gelesen habe, von dem ich nun aber immerhin weiß, wo der titelgebende Held seinen Stammsitz hatte.


Rückblick I

Einige Stunden des gestrigen, vorletzten Urlaubstages habe ich damit zugebracht, die Reisetagebücher zu sichten, unterwegs eingesammelte Erinnerungen einzukleben (oder wahlweise wegzuwerfen) und noch an das eine oder andere halbfertige Bild Hand anzulegen. Es war für mich selbst interessant zu sehen, wie weit weg die Erinnerungen der ersten beiden Wegwochen schon gerückt waren – anscheinend hat mein Gehirn nur einen bedingten Speicher für neue Eindrücke.

Einen Überblick über die gesamte Wegführung gibt es hier. Insgesamt bin ich rund 280 Kilometer gelaufen, gar nicht so viel auf die Länge der Zeit, aber für mich war es genug.

Begonnen habe ich in der Bodenseeregion, in der Fachwerkstadt Pfullendorf, wo ich vor zwei Jahren aufgehört hatte. Drei Tage bin ich weitgehend über Asphalt durch die Agrarsteppe des deutschen Bodenseevorlandes gelaufen, weiter über Überlingen nach Konstanz und zur Reichenau, bis es im Schweizer Kanton Thurgau drei Tage lang durch Apfelplantagen und Streuobstwiesen ging.

Einige Bilder habe ich neu gescannt – ich bin immer etwas unzufrieden mit der Qualität der Aufnahmen unterwegs – und zeige sie hier noch einmal.

In einem Waldstück ein berührendes Denkmal für die Opfer des Flugzeugabsturzes 2002 …

… und einige Tage später begegne ich dem Satz in einer 1000 Jahre alten Handschrift wieder, die in der St.Galler Stiftsbibliothekausgestellt wird.

Es ist sonnig am Bodensee, und ich bin froh über meine Antoniusmütze.
Uralte Kirchen auf der Insel Reichenau.
„Nur“ normales Mittelalter in Konstanz.
Gar nicht alt: der Laube-Brunnen von Peter Lenk.

Im Zauberwald und in der Stadt

Nachdem ich mit der Rhätischen Bahn durch den Tunnel gefahren war, ging der Weg am nächsten Tag ab Susch durchs Unterengadin weiter. Das Dorf liegt auf 1400 Höhenmetern, und der Weg führte an der nördlichen Talseite bergan – es war schattig und kalt. Vom Anstieg wurde mir bald warm, und ich erfreute mich an dem Zauberwald um mich herum: uralte Fichten und Lärchen, riesige Felsblöcke, Preiselbeeren und – Pilze! Sehnsüchtig hatte ich in den Wäldern des Rheintals danach gesucht, doch nur vereinzelt ein paar kleine Boviste oder ein Schopftintling gefunden. Hier hingegen schienen sie aus den Wegrainen zu quellen, Täublinge, Massen von Schafporlingen, Edelreizker … Natürlich hatte ich keine Möglichkeit, sie mitzunehmen und womöglich zuzubereiten, also winkte ich freundlich in ihre Richtung und pflückte mir ab und zu eine Preiselbeere.

An einem Holzplatz fand ich eine größere Menge an goldbraunen Pilzen, die ich noch nie gesehen hatte: besonders beeindruckte mich der leuchtend braune, weiche Ring. Wie ein Pantherpilz, der in braune Farbe gefallen war … Meine App hatte dazu auch nichts zu sagen, so machte ich einige Fotos und eine Bleistiftskizze.

Goldfarbener Glimmerschüppling – Phaeolepiota aurea – und Grüne Blattflechte – Peltigera malacea – Pilzwunder im Unterengadin

Erst zu Hause wusste eins meiner Pilzbücher Rat: Es waren Goldbraune Glimmerschüpplinge, die mich so beeindruckt hatten. Keine Wunder, dass sie schwer zu bestimmen waren: hatten sie zwar reichlich Goldbraun an sich, doch weder Glimmer noch Schuppen. Beides war den schon recht alten Exemplaren im Regen verloren gegangen. Glimmerschüpplinge sind relativ selten; sie enthalten Blausäure, die zwar beim Kochen verdampft, doch sind Vergiftungen beobachtet worden. 

Richtig ins Staunen geriet ich angesichts der seltsamen blattartigen grünen Pilze, die ich zwischen Moos und Preiselbeeren wachsen sah. Auch hier galt: Bleistiftskizze und Fotos, denn die netzunabhängige App war ratlos. Fündig wurde ich bereits abends im Hotel: es waren gar keine „normalen“ Pilze, sondern Flechten, Symbionten aus Alge und Pilz, und zwar die seltene „Grüne Blattflechte“, Peltigera malacea. Das Bild habe ich dann aber erst zu Hause fertiggestellt.

Falscher Schwefelröhrling, ein Zufallsfund in Stuttgart.

Auf dem Heimweg hatte ich einen Tag in Stuttgart pausiert. Auf einer Baumscheibe in einem ländlichen Vorort fand ich den „Falschen Schwefelröhrling“ (ich habe keine Ahnung, wie der richtige aussieht), auch „Gelber Hexenröhrling“ genannt. Hier wusste die App gleich Bescheid. Nach einem ausgefüllten Tag hatte ich abends im Hotel noch Lust, den Pilz zu zeichnen und holte ihn mir ins Zimmer – doch ich hatte die Rechnung ohne das gelbe Lampenlicht gemacht. So kamen wieder Fotos und Farbproben ins Spiel, dieses Mal im Bad – zum Fertigstellen war am nächsten Tag im ICE ausreichend Zeit.


Im Val Müstair

Am Kloster St.Johann im Schweizer Münstertal (auf rätoromanisch Val Müstair) endete meine lange Wanderung. Heiter war ich über den Pass da Costainas gekommen und nach einer Nacht in dem hochgelegenen Örtchen Lü heiter das Tal hinunter gelaufen. Vor dreizehn Jahren hatte ich hier schon einmal eine Woche verbracht; dieses Mal blieb mir leider nur noch ein Tag, dafür aber in der Klosterherberge. Bei den gastfreundlichen Benediktinerinnen fühlte ich mich willkommen, gern wäre ich länger geblieben hinter den dicken Mauern, zwischen den Blumenbeeten des alten Wirtschaftshofes, in den mit Schnitzereien und Wandbehängen geschmückten Räumen …

Das Kloster wurde in karolingischer Zeit, im Jahr 775, gegründet; seitdem, seit 1200 Jahren, gibt es hier durchgehend einen benediktinischen Konvent. Seit 1200 Jahren wird in der berühmten Klosterkirche das benediktinische Stundengebet gesungen. Die Kirche ist ebenso alt, nicht nur, wie vielerorten, die Grundmauern oder die Krypta, sondern der gesamte, nicht sehr große Bau, der im Innern komplett ausgemalt war. Das Kloster wurde nie zerstört und immer nur stückweise umgebaut, so dass viele dieser Malereien erhalten sind. Sie haben große Ähnlichkeit mit denen in St.Georg auf der Reichenau; ob sie wirklich gleich alt sind, wird unter Fachleuten kontrovers diskutiert.

Den schönsten Blick hat man von Osten auf die Anlage. In der Mitte die alte Klosterkirche mit ihren drei unterschiedlich großen Apsiden, die dem Bau etwas organisches geben, rechts der charakteristische dicke Wehrturm von 960 und links der Glockenturm, den eine kluge Äbtissin in der Reformationszeit errichten ließ, um die Dorfbewohner beim „alten Glauben“ zu halten – was ihr auch gelang.

Trotz Welterbestatus ist Müstair ein stiller Ort geblieben, von der Schweiz aus nur nach einstündiger Fahrt über den Ofenpass zu erreichen. Für mich ist es ein Sehnsuchtsort geworden, den ich gern wieder und wieder aufsuchen würde, und sei er auch noch so fern.


Unter Arven und Lärchen

Nachdem ich mich zwei Wandertage lang an den Schätzen des Unterengadin nicht hatte sattsehen können, bog der Weg nach Süden ab, um mich nach einer Übernachtung in der ehemaligen Bergbausiedlung S-charl ins Val Müstair zu bringen. Der Weg nach S-charl führt durch ein schwer von Murenabgängen gezeichnetes Tal – man kann hier, der Straße über riesige Schutthalden folgend, dem Gebirge bei der Arbeit zusehen.

Es war ein mühsames Stück Weg; um so schöner wurde der zweite Teil der Strecke am nächsten Tag. Ein liebliches Bergtal, das sich allmählich in eine rotbraune Heidefläche weitet und sanft zum Pass da Costainas ansteigt. Auf der anderen Seite geht es steil zwischen Felsen hinab in eine grüne, parkartige Landschaft, die von Arven (Zirbelkiefern) und Lärchen geprägt ist.

Arven sind extrem frosthart und fühlen sich auch in 2000 m Höhe noch wohl, dabei wachsen sie langsam und werden alt – manche tausend Jahre. Beim Zeichnen konnte ich die Kraft geradezu spüren, die von diesem Baum ausging


Am Weg

Mit dem Veröffentlichen von Zeichnungen ist das unterwegs so eine Sache. Manche Tage sind so voll mit Gehen in die Länge und in die Höhe, dass ich fast gar nicht zeichne; und wenn ich es dann tue, werden die Bilder vielleicht nicht fertig, es fehlt die Farbe oder die Linie oder die zweite Lasur … Dann wieder ist kein richtiges Licht, um das Bild abzufotografieren oder mir sind mal wieder die Augen über dem Schreiben zugefallen am Abend.

Das soll anders werden! Daher hier ein erster Beitrag mit Bildern von Rasten, vom Wegrand; mit unfertigem, einfarbigem und unperfekt fotografiertem.

Ich fange an mit, klar, Kühen. Endlich. Im Prättigau gab es einen kurzen Gehtag, an dem ich mir die Zeit nehmen konnte, mich neben eine Weide zu stellen.

Einen Tag später rastete ich kurz vor Klosters, einem jener bekannten Ski-Orte, in denen schon Thomas Mann mit dem Zug ankam. Wer nicht mit der Bahn nach Davos fährt, sondern mit dem Auto, kommt heute über die Sunnibergbrücke, ein extravagantes Meisterwerk der Ingenieurskunst.

Von Klosters aus habe ich den Zug genommen, bin durch den Tunnel unter den ganz hohen Bergen hindurch und ins Engadin gefahren, um dort ganz ordentlich dem Graubündener Pilgerweg bis ins Val Müstair zu folgen. Davon (hoffentlich) morgen mehr.


Brauchtum

Letzten Samstag wurde in Mels die Alpabfahrt gefeiert. Ich verkürzte meine Wanderstrecke und stellte mich bei strahlendem Wetter mit an den Straßenrand, um die ankommenden Kühe und Ziegen zu bestaunen. (Im Übrigen eine unter Coronabedingungen nicht unumstrittene Aktion, in anderen Orten wurde alles Rahmenprogramm abgesagt.)

Wie läuft so etwas ab? Die Herden kommen wirklich, teils in Etappen, von den Bergen herunter und werden nicht etwa, wie vielleicht anderswo, am Ortsrand vom LKW geladen; teilweise sind die Älpler mit den Tieren 20 km unterwegs. Geschmückt werden sie natürlich erst kurz vorher. Bevor die Herde in den Ort einzieht, kann man sie eventuell auf einer höher gelegenen Straße kommen sehen; auf jeden Fall wird man sie hören. Eine Art dumpfes Dröhen und Trommeln von den Hufen, unerwartet rhythmisch, wird begleitet vom Geklapper der Treicheln (die wir gemeinhin als Kuhglocken bezeichnen.) Einige Kühe bekommen für die Zeit des Einzugs besonders große Treicheln umgehängt – das alles zusammen macht einen infernalischen Lärm.

Dann hieß es für mich: gucken, staunen – und fotografieren. Denn an Zeichnen war in dem Trubel kaum zu denken, das habe ich auf die kleinen Rasten bei Bratwurst und Kaffee beschränkt. (Natürlich gab es an den langen Tischen auch reichlich Bier und Wein.)

Kugelschreiberskizzen am Rande der Melser Alpabfahrt.

Irgendwann wurde es mir zu laut, zu voll und auch zu sonnig; ich spazierte ein bisschen in Richtung auf einen schattigen Berghang zu und fand mich neben einer Ziegenweide wieder. Ziegen zeichnen – darauf hatte ich schon die ganze Reise über gehofft. So lernte ich in den nächsten zwei Stunden, dass Ziegen lange Hälse haben, auf denen sie gern den Kopf schräg drehen – und dass zwei Böcke wirklich ganz schön bockig miteinander umgehen.

Ziegenstudien

Am nächsten Tag goss es in Strömen! Was macht man bei solchem Wetter? Genau, man geht ins Museum. Fastnachtsmasken boten hier ein attraktives Zeichenmotiv, nach der Übung des Vortages gern ohne Vorzeichnung mit Füller zu Papier gebracht.

Den Abend des Regentages brachte ich damit zu, aus meinen Fotos ein Skizzenblatt zusammenzustellen. Ich habe eine Menge gelernt über Tschäppel (das sind die seltsamen Kronen, die die Kühe aufhaben), Glockenriemen, Bauchgurte und Stirnschilder – und weiß nun auch, warum die Bauern so viele Dahlien in ihren Gärten stehen haben.

Am meisten allerdings haben mich die Menschen fasziniert. Mit welch aufrechter Bodenhaftung, stolz und in sich ruhend die Älplerinnen und Älpler dort vor ihren Herden her gingen – davon habe ich ein bisschen versucht in mein Bild zu holen.