Im Hainbuchenhain

Die alten Zeiten, als Deutschland noch von tiefen, undurchdringlichen Wäldern bedeckt war … sind vermutlich viel länger her, als die meisten Menschen meinen. Spätestens im Hochmittelalter waren alle gut zugänglichen Waldgebiete urbar gemacht: „Bebaut sind alle Felder, gerodet ist der Wald…“ sang um 1200 Walther von der Vogelweide in einem elegischen Altersgedicht. Nur in Sumpfgebieten und unzugänglichen Gebirgen hielten sich die Urwälder bis in die Frühe Neuzeit.

Und was an Wald noch erhalten oder neu angepflanzt war, wurde intensiv ge-, manchmal auch übernutzt und sah anders aus als der Urwald unserer Vorstellung. In lichten, parkartigen „Hudewäldern“ weidete das Vieh und zur Brennholzernte wurden Bäume immer wieder „geköpft“ oder „geschneitelt“: das Ergebnis ist ein „Niederwald“.

Einen solchen Niederwald – es gibt davon nur noch wenige in Deutschland – habe ich vor einigen Tagen besucht. Der Jassewitzer Busch in der Nähe der Lübecker Bucht wurde seit Ende des 18.Jahrhunderts bis ca. 1920 als Niederwald bewirtschaftet, danach wuchsen die Bäume allmählich aus, wurden gefällt oder zerbrachen unter der Last ihrer viel zu großen Kronen. In den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts begann man, den verbliebenen Hainbuchenbestand wieder in alter Weise zu beschneiden. (Hainbuchen mit ihrer Wüchsigkeit eignen sich besonders gut für diese Art von Waldwirtschaft.)

Das Ergebnis ist ein einzigartiges Denkmal einer unter menschlichem Einfluss geformten Landschaft. Die Bäume befinden sich in ganz unterschiedlichen Stadien des Beschnitts: manche haben schon wieder eindrucksvolle Kronen entwickelt, während andere aussehen wie die uns vertrauten Kopfweiden und wieder andere ganz kahle „Köpfe“ zeigen.

In diesem Waldabschnitt sind die Kronen dicht; alles ist frühlingsgrün.
Hier wurden die Stämme erst vor wenigen Tagen beschnitten, der Blick schweifte den Hang hinunter auf die angrenzenden Wiesen.


Westberlin

Als Ende 1989 die Mauer fiel, war dies nicht nur der Anfang für das schnelle Ende der DDR – auch das alte Westberlin begann sich zu verwandeln, auszubleichen, in der neuen Hauptstadt aufzugehen (nicht immer zur reinen Freude der immerhin zwei Millionen Westberliner). Tagestouristen und Neubürger blieben fortan weitgehend im Osten. Auch ich, in ferner Nähe aufgewachsen, machte da kaum eine Ausnahme.

Letzte Woche verbrachte ich einige Tage in Charlottenburg, und es blieb Zeit, einige der weißen Flecken meiner inneren Landkarte auch zeichnend zu füllen.

Nahe beim Bahnhof Charlottenburg ein Hauseingang, der von den prachtvollen Zeiten des alten Berliner Westens kündet.

Ich war mit einigen Zeichnerinnen und Zeichnern am St.-Georg-Brunnen am Hindemithplatz verabredet. Der Brunnen fällt vor allem durch das Fehlen des namensgebenden Heiligen auf – der ist ihm 1945 abhanden gekommen. So stehen die vier Säulen auf seiner oberen Ebene etwas unmotiviert in der Gegend herum. Weiter unten herrscht ein wildes Getümmel von Fratzen, Masken und merkwürdigen Gestalten, die wohl einen Bezug zum Drachen des herstellen sollen.

Leider hatte der Brunnen nicht nur keinen Georg, sondern auch kein Wasser, was die seltsame pandemisch-stille Stimmung auf dem kleinen Platz noch verstärkte.

Ich hatte das Blatt schon mit etwas Aquarellfarbe grundiert, bevor ich die Zeichnung mit Kugelschreiber ausführte. Zum Schluss habe ich die Farbe noch einmal vertieft.

Doch Westberlin besteht nicht nur aus Schnörkeln. Der Bombenkrieg hatte hier nicht weniger gewütet als im Ostteil der Stadt, und dem Wiederaufbau fiel im Rausch der Moderne manches zum Opfer, was man hätte erhalten können. Nur wenige Straßenzüge entfernt von der Gründerzeit-Idylle türmen sich am Richard-Wagner-Platz ein paar 70er-Jahre-Plattenbauten in den Himmel – ein bisschen gegliederter die Fassade als die ihrer Brüder und Schwestern im Osten, ein bisschen bunter, ein bisschen brutalistischer der U-Bahn-Eingang … doch kaum wohnlicher anmutend an der Kreuzung zweier großer lauter Straßen …

U-Bahn-Station Richard-Wagner-Platz in Berlin Charlottenburg.


Charlottenburg

Der Berliner Stadtteil Charlottenburg ist gut zwanzig Kilometer von den Orten entfernt, an denen ich aufgewachsen bin. In jenen Jahren lag er auf einem anderen Planeten, was sich, wie wir wissen, inzwischen geändert hat. Heute kann ich Charlottenburg jederzeit erreichen, mit dem Auto, der U-Bahn oder einem kleinen roten Zug.

Meist allerdings bin ich in all den Jahren, in denen das nun schon möglich ist, auf einer der riesigen autogerechten Magistralen durchgefahren oder (als man das noch tat) am Bahnhof Zoo umgestiegen. Geblieben bin ich hier selten, und so gibt es eine Menge zu entdecken, wenn ich es, auf Verwandtenbesuch, nun endlich einmal tue.

Namensgebend für den Stadtteil ist das ausgedehnte barocke Schloss mit seinem schönen Park, und dort gingen wir als erstes spazieren. Fasziniert betrachtete ich eine weißgrüne Zwiebelpflanze, die in großen Gruppen auf den Wiesen stand: einen Milchstern. Ich kannte bisher nur den Doldenblütigen, dessen Essenz als „Star of Bethlehem“ als Bachblüte Verwendung findet. Am liebsten hätte ich mich gleich auf der Wiese mit Skizzenbuch und Stift hingesetzt, doch ich nahm ein paar Stängel mit nach Hause und zeichnete einen am nächsten Morgen.

Bei der Artbezeichnung bin ich mir inzwischen nicht mehr so sicher, es kann sich auch um Ortnithogalum nutans, den Nickenden Milchstern, oder eine Hybride aus beiden handeln. Diesen Milchsternen ist eigen, dass es sich um sogenannte „Gartenflüchtlinge“ handelt, Pflanzen, die der Mensch – u.U. bereits vor Jahrhunderten – in Kultur nahm und die sich nun an bestimmten, ihnen zusagenden Standorten eingebürgert haben. Bei den Milchsternen sind dies vor allem Parks, Friedhöfe, Wegränder, Weinberge; „künstliche“ Wiesenstandorte, an denen nicht zu oft gemäht und vor allem nicht gepflügt wird. In Norddeutschland findet man sie selten.

Drei Tage später, am Abreisetag, es war inzwischen heiß geworden, ging ich noch einmal zum Zeichnen in den Park, in gebührendem Abstand begleitet von einigen Zeichenfreunden. In der inzwischen aufgekommenen Hitze bot sich eine schattige Bank mit Blick auf die Schlossbrücke an.

Es ist eine Zeichnung mit Tinte (den letzten Resten meiner nicht wiederzubeschaffenden Lieblingstinte Noodlers Lexington Grey) und den in der letzten Zeit neu entdeckten „Aquarell“-Stiften in dem schönen und immer noch nicht gefüllten quadratischen Nova-Trio-Buch von Stillman&Birn.


Am Ende des Mittelalters

Das Wernigeröder Rathaus ist so gotisch, dass es einem Disney-Film entsprungen sein könnte. Übertrieben spitze Türmchen, vorkragende Erker und riesige Wasserspeier verleihen ihm ein märchenhaftes Aussehen. Gebaut wurde es ursprünglich nicht als Rat- sondern als „Spielhaus“, eine Art frühes Theater für Fastnachtsspiele und ähnliche Aufführungen; natürlich wurde der große Saal im Innern auch für andere Zwecke genutzt – eine echte städtische Mehrzweckhalle. Später hat man es mehrfach umgebaut und nach einem Brand des alten zum neuen Rathaus umgewidmet.

Ich saß in meinem Urlaub mehrfach in einem Café an der Ostseite des Marktes und zeichnete die berühmte Fassade von der Seite. Dieses Bild ist – in zwei Sitzungen – vorwiegend vor Ort entstanden, zu Hause habe ich nur noch ein bisschen nachkoloriert.


Friedrich der Gebissene (Leporello II)

So ein Leporello ist eigentlicher ein Papierstreifen – mit einer Vorder- und einer Rückseite. Die Vorderseite hatte sich auf einer Grundierung mit leuchtenden Herbstfarben über einige Tage gefüllt; blieb noch ein letzter Urlaubstag für die Rückseite. Das Wetter war grau und ein bisschen regnerisch, ich passte die Farbstellung daran an und fuhr nach Meißen, wo die Albrechtsburg notfalls Innenräume für ganze Zeichenwochen geboten hätte.

Erst einmal war das Wetter ganz erträglich und ich zeichnete den Blick vom Terrassengarten eines der Cafés auf der Burg.

Dann entschloss ich mich hineinzugehen. Die Meißner Albrechtsburg gilt als der erste Schlossbau Mitteleuropas; keine nachträglich wohnlich ausgestattete Verteidigungsanlage, sondern ein Neubau zu Wohn- und Repräsentationszwecken. Architektonisch handelt es sich um reine Gotik, in einer späten, überreifen Form. Berühmt sind die „Zellengewölbe“, manieristisch auf die Spitze getriebene Gewölbekonstruktionen, und die modern wirkenden „Vorhangfenster“.

Die Burg teilte das Schicksal ähnlicher Bauprojekte: als sie fertig war, wurde sie nicht mehr gebraucht, weil die politischen Verhältnisse sich geändert hatten. August der Starke ließ seine Porzellanmanufaktur dort einziehen und erst das 19.Jahrhundert mit seiner Mittelaltersehnsucht verhalf ihr zu nostalgisch-neuem Glanz.

Für Zeichner ist die Burg ein Paradies! Die zahlreichen Räume auf drei Etagen wirken entweder durch ihre Dekoration oder sie beherbergen sparsam platzierte kultur- und architekturgeschichtliche Ausstellungen, man kann sich überall hinsetzen und den Raumeindruck genießen.

„Der alten Herzogin Gemach“ ist einer der typischen Räume im Mittelgeschoss, die einmal als Wohnräume konzipiert waren. Das „Vorhangfenster“ erlaubt einen weiten Blick ins Land.

Die Repräsentationsräume im ersten Stock sind, ähnlich wie in der Eisenacher Wartburg mit überbordenden Wandmalereien und neogotischen Dekorationen geschmückt. Hier hatten es mir die mindestens lebensgroßen, bunt bemalten Herrscherfiguren angetan, die in einer Zeit entstanden sind, als breitbeinig zur Schau getragene und mit diversen phallischen Symbolen dekorierte Männlichkeit ein noch unbezweifeltes Ideal war. Den ganz rechten Herrn habe ich von einem Wandbild abgezeichnet: „Friedrich der Gebissene, Sohn Albrechts des Entarteten“ – der musste einfach mit! (Die Beinamen sind authentisch.)

Johann Georg II. von Sachsen, Heinrich der Vogeler und Friedrich der Gebissene.

Zum Schluss gab es noch einmal einen Caféterrassenblick – dieses Mal schon am Fuß der Burg.

Blick von der Konditorei Zieger auf die Burgstraße; es dämmert schon.

Leporello I

In Mozarts Oper „Don Giovanni“ gibt es eine Szene, in der Leporello, der Diener des Titelhelden, ein Register von dessen Liebschaften anfertigt – bühnenwirksam auf einem sehr langen, im Zickzack gefalteten Papierstreifen. So kam das Ziehharmonika-Büchlein zu seinem Namen.

Mein erstes Leporello habe ich vor zwei Wochen in Dresden bei Gerstäcker gekauft, von Hahnemühle, handschmeichelnd klein und quadratisch. Es schien mir das Richtige für ein paar Tage, die ich vorwiegend in Gesellschaft verbringen würde und wo Zeichenzeit eher nebenbei anfallen würde. Schon im Harz hatte ich damit begonnen, meine Zeichengründe mit Aquarellfarbe zu grundieren – so färbte ich auch gleich den ganzen Leporello in Herbstfarben ein.

Auch eine bunte Paprika, die auf dem Küchentisch meiner Ferienwohnung lag, beteiligte sich an der Farbwahl.
Bei einem Spaziergang an der Elbe begeisterte mich der Blick auf das (hell)blaue Wunder vor dunklen Wolken.
Natürlich gab es hinterher auch etwas zu essen und zu trinken.

Am nächsten Tag gab es einen Ausflug in der Tharandter Wald. Hier, in einem ausgedehnten Waldgebiet am Rand des Erzgebirges, hat im 19.Jahrhundert die moderne Forstwirtschaft ihren Anfang genommen. Steigt man in Tharandt aus dem Zug, blickt man zu einer Burgruine hoch, die einem seltsam bekannt vorkommt: viele Maler des 19. Jahrhnderts haben sie gemalt. Oben angekommen, blickt man in ein Tal wie aus der Modelleisenbahn – und auf ein höchst seltsames Gebäude in einem bizarren, pseudo-orientalischen Stil. Es ist das „Neue Schloss“, dessen Türmchen neben der Burg dünn und seltsam flach in die Höhe ragt.

Noch ein Stück bergauf hinter der Burg beginnt der Forstbotanische Garten voller seltener Gehölze, einige sind schon über hundert Jahre alt. Mittendrin steht ein putziges Häuschen im Chalet-Stil, ein bisschen Museum, ein bisschen Laden, ein bisschen Café.

In Tharandt.

Die letzten Abschnitte dieser Seite des Leporellos füllte ich mit Eindrücken von einem Familienausflug in die Sächsische Schweiz.

Felsen im Uttewalder Grund.
Und wie das so ist bei gemeinsamen Unternehmungen – Gelegenheit zum Zeichnen ist meist bei der Einkehr.

Auf dem Klosterweg

Dieses Jahr gab es für mich keinen Pilgerweg. Ich hätte es noch „schaffen“ können, aber ich entschied mich für eine Woche Wanderurlaub im Harz. Bei der Planung stieß ich auf den „Harzer Klosterwanderweg“ – einen Pilgerweg im Kleinen. In seiner ganzen Länge führt er von Goslar nach Quedlinburg und ist auf eine Gehwoche ausgelegt – ich bin davon drei Etappen gegangen.

Am nördlichen Harzrand ist jeder Stein von Geschichte getränkt; in allen Orten findet man Burgen, Klöster, Kirchen – und manchmal nur deren Ruinen. Besonders die Klöster waren vor fünfhundert Jahren schwer von Reformation und Bauernkrieg betroffen, wurden geplündert und niedergebrannt und kamen danach in unterschiedlichste weltliche Nutzung.

So begann mein Unterfangen auch mit einer Ruine, der des Klosters Himmelpforte, einige Kilometer von Wernigerode im Wald gelegen. Nur eine Mauer erinnert noch daran, dass hier einmal ein Augustiner-Kloster stand, in dem auch Luther zu Gast war.

An dieser alten Klostermauer gibt es den hübschesten Stempel.

Der Weg führte weiter über Drübeck (das ich rechts liegen ließ, weil ich es vor zwei Jahren schon einmal ausführlich besucht hatte) nach Ilsenburg. Während Drübeck als adliges Damenstift über die Jahrhunderte gekommen war, überstand das Ilsenburger Kloster die Reformation als Klosterschule, später wurde es Witwensitz, Verwaltungsgebäude, Schloss und Erholungsheim, um nur einige Nutzungen zu nennen. Heute gehört es einer Stiftung und wird aufwändig saniert, u.a. mit Mitteln der Deutschen Stiftung Denkmalsschutz, die in ihrem Magazin ausführlich darüber berichtet.

Als ich im Kloster ankam, neigte sich der Tag bereits, denn ich war spät aufgebrochen. Die Öffnungszeit reichte gerade dafür, mir einen Überblick über die schöne Anlage und die wunderbaren Räume mit ihren romanischen Säulen zu verschaffen. Immerhin schaffte ich noch ein Aquarell von außen.

Auch hier ist natürlich vielfach umgebaut worden, z.B. hatte die Kirche einmal zwei Türme.

Ein paar Tage später wanderte ich von Wernigerode zum Kloster Michaelstein bei Blankenburg. Hier befindet sich – nach ähnlich wechselvoller Geschichte wie in Ilsenburg – seit den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts eine Musikakademie, es gibt eine Instrumentensammlung, Konzerte etc. Am Ende eines langen Wandertages über die Trockenhänge der Teufelsmauer hatte ich dafür leider nur wenig Sinn; ich rastete ein wenig im Klostergarten und setzte mich zum Zeichnen vor das Tor des weitläufigen Komplexes.

Kloster Michaelstein: Tor mit Turm

Am nächsten Tag fuhr ich mit dem Bus nach Blankenburg, um von dort zum Kloster Wendhusen zu wandern. Nach einem attraktiven Wegabschnitt über ein weiteres Stück Teufelsmauer ging es auf Asphalt und durch Industrievororte von Thale weniger hübsch weiter. Endlich angekommen, sah ich mich erst einmal enttäuscht um: das Museum hatte geschlossen, und von dem auf der Webseite angekündigten Café war weit und breit keine Spur. Das Ganze machte den Eindruck eines leicht heruntergekommenen landwirtschaftlichen Gutes, was es auch seit langer Zeit gewesen war. Erst auf den zweiten Blick sah ich, dass das massive hohe Gebäude kein Getreidespeicher, sondern das ehemalige „Westwerk“ der Klosterkirche war.

Das Kloster Wendhusen lässt sich bis in die karolingische Zeit zurückverfolgen, es ist eines der ältesten Gebäude in der Region. Es war, wie viele ähnliche Anlagen, ein Frauenkloster. Diese Frauenklöster waren, was uns heutige vielleicht verwundert, Machtzentren; sie wurden von Herrscherwitwen oder -schwestern geführt und waren dem Adel vorbehalten.

Ich hatte das Blatt für die Zeichnung schon mit kräftigem Magenta präpariert und fand meinen Spaß daran, den eigentlich eher farblosen Ort darauf abzubilden. Überhaupt besserte sich meine Stimmung bald wieder: es wurde abendstill, nur ein paar Kinder spielten auf dem geräumigen Hof und die Pappeln an der nahen Bode raschelten, niemand wollte abschließen oder nötigte mich zur Eile …


An trockenen Hängen

Auch wenn ich oft und gern Gebäude zeichne, historische und manchmal auch moderne Orte: am liebsten würde ich den halben Wandertag an einem Rastplatz sitzen und die umgebende Pflanzenwelt zeichnen.
Dieses Jahr war ich zwei Tage lang auf der sogenannten Teufelsmauer unterwegs, einem schmalen, den eigentlichen Harzbergen vorgelagerten Höhenrücken. Hier finden sich ganz unterschiedliche Biotope: Streuobstwiesen benachbart mit schmalen, von Gestrüpp und Niederwald überwucherten Graten, durch jahrhundertelange Überweidung entstandene Trockenhänge und in Kieferhainen versteckte Felsformationen.

Vegetation von verschiedenen Stellen der Teufelsmauer

Bevor ich zu diesen Touren aufbrach, war ich einen Nachmittag lang durch die Wälder um Wernigerode herum gewandert. In früheren Jahren schon hatten mich die lichten Eichenwälder auf trockenem, karstigen Grund beeindruckt; an diesem frühen Abend, im schrägen Licht, stand eine halb verfallene Bank an genau der richtigen Stelle.

Diese Eichenwälder, so habe ich gelernt, können viel älter sein, als sie aussehen: sie wachsen der Trockenheit wegen extrem langsam, so dass sie noch nach hundert und mehr Jahren wirken wie ein Jungwald.


Wernigerode

Die erste Woche meines Herbsturlaubs habe ich dieses Jahr im Harz verbracht. Von Wernigerode aus bin ich in verschiedene Richtungen gewandert und auch mal ein Stück mit Zug und Bus gefahren. Dabei sind reichlich Bilder entstanden. Wie oft nach solchen ausgefüllten Tagen ist abends wenig Gelegenheit (und noch viel weniger vernünftige Beleuchtung), um halbfertiges zu Ende zu bringen und zu fotografieren, geschweige denn, einen Text dazu zu schreiben.
Heute, schon eine Station weiter, in Dresden, bietet sich ein ein ruhiger und etwas grauer Vormittag für Fotos und Text an.

Ich beginne mit Wernigerode. Die Fachwerkstadt, malerisch am Harzrand gelegen und von einem Bilderbuchschloss überragt, bietet eine Unzahl von Motiven.

Das Schloss im Mittagslicht, vom Agnesberg aus gesehen.
Malerisch schiefe Häuser im alten Stadtzentrum.
Die Johanniskirche in der mittelalterlichen „Neustadt“ ist der älteste Bau der Stadt; mit dem wuchtigen romanischen Turm sieht sie aus wie eine Wehrkirche.

Stralsund im Regen, Teil 3 und Schluss

Am Morgen regnete es nicht. Im Gegenteil: es schien sogar etwas Sonne. Ich hatte mir ein Frühstückscafé am Hafen ausgesucht; es erwies sich als beste Wahl mit gutem Essen und einem Logenblick auf die Warteschlange vor dem Ozeaneum.

Während ich noch mein Wunschziel ansteuerte, zog sich der Himmel bereits wieder zu. Bis es wieder zu tröpfeln begann, schaffte ich immerhin eine vernünftige lineare Zeichnung, die Farbe kam zu Hause. Ich habe nur wenig übertrieben: die pittoresken Häuschen der Hofanlage sind in kräftigen Farben gestrichen.

Die Klosterkirche ist seit dem letzten Krieg Ruine, die gotischen Bauten beherbergten das Stadtarchiv und befinden sich seit Jahren in einem Renovierungsdornröschenschlaf. Der Zauber der Anlage geht von den kleinen Häusern aus, die sich, von der Stadt durch Mauer und Tore getrennt, um zwei Höfe gruppieren. Solche Wohnanlagen – angelegt für Alte, Bedürftige und Kranke – gab es in vielen Städten, in Greifswald, Wismar und Lübeck sind sie erhalten. Mitten in der Stadt ist es dort still und die ummauerten Höfe geben ein Gefühl von Zuflucht und Sicherheit.

Im Frühwinter 1979 habe ich als noch junge Studentin das Stralsunder Johanniskloster zum ersten Mal besucht. In der zeitigen Dämmerung streiften wir durch die Stadt, wir sahen das Tor und drückten auf eine Klinke, sie ging auf und wir stiegen zum Räucherboden hoch, einem großen, schwarzgerußten Speicher, in den puppenstubenkleine Wohnungen hineingebaut waren. Eine alte Frau bat uns hinein und wir sahen uns die Wohnung an, ich erinnere mich an die Winzigkeit, an die Fenster, die auf den düsteren Dachboden hinausgingen, an Nippes und Spitzendeckchen; ich erinnere mich an die zeitlose Unwirklichkeit dieses Ortes mit seinen gotischen Spitzbögen, an den Geruch nach dem Rauch von Jahrhunderten, an das diffuse, langsam dunkelnde Licht über den staubgrauen Dielen …