Am Weg

Mit dem Veröffentlichen von Zeichnungen ist das unterwegs so eine Sache. Manche Tage sind so voll mit Gehen in die Länge und in die Höhe, dass ich fast gar nicht zeichne; und wenn ich es dann tue, werden die Bilder vielleicht nicht fertig, es fehlt die Farbe oder die Linie oder die zweite Lasur … Dann wieder ist kein richtiges Licht, um das Bild abzufotografieren oder mir sind mal wieder die Augen über dem Schreiben zugefallen am Abend.

Das soll anders werden! Daher hier ein erster Beitrag mit Bildern von Rasten, vom Wegrand; mit unfertigem, einfarbigem und unperfekt fotografiertem.

Ich fange an mit, klar, Kühen. Endlich. Im Prättigau gab es einen kurzen Gehtag, an dem ich mir die Zeit nehmen konnte, mich neben eine Weide zu stellen.

Einen Tag später rastete ich kurz vor Klosters, einem jener bekannten Ski-Orte, in denen schon Thomas Mann mit dem Zug ankam. Wer nicht mit der Bahn nach Davos fährt, sondern mit dem Auto, kommt heute über die Sunnibergbrücke, ein extravagantes Meisterwerk der Ingenieurskunst.

Von Klosters aus habe ich den Zug genommen, bin durch den Tunnel unter den ganz hohen Bergen hindurch und ins Engadin gefahren, um dort ganz ordentlich dem Graubündener Pilgerweg bis ins Val Müstair zu folgen. Davon (hoffentlich) morgen mehr.


Brauchtum

Letzten Samstag wurde in Mels die Alpabfahrt gefeiert. Ich verkürzte meine Wanderstrecke und stellte mich bei strahlendem Wetter mit an den Straßenrand, um die ankommenden Kühe und Ziegen zu bestaunen. (Im Übrigen eine unter Coronabedingungen nicht unumstrittene Aktion, in anderen Orten wurde alles Rahmenprogramm abgesagt.)

Wie läuft so etwas ab? Die Herden kommen wirklich, teils in Etappen, von den Bergen herunter und werden nicht etwa, wie vielleicht anderswo, am Ortsrand vom LKW geladen; teilweise sind die Älpler mit den Tieren 20 km unterwegs. Geschmückt werden sie natürlich erst kurz vorher. Bevor die Herde in den Ort einzieht, kann man sie eventuell auf einer höher gelegenen Straße kommen sehen; auf jeden Fall wird man sie hören. Eine Art dumpfes Dröhen und Trommeln von den Hufen, unerwartet rhythmisch, wird begleitet vom Geklapper der Treicheln (die wir gemeinhin als Kuhglocken bezeichnen.) Einige Kühe bekommen für die Zeit des Einzugs besonders große Treicheln umgehängt – das alles zusammen macht einen infernalischen Lärm.

Dann hieß es für mich: gucken, staunen – und fotografieren. Denn an Zeichnen war in dem Trubel kaum zu denken, das habe ich auf die kleinen Rasten bei Bratwurst und Kaffee beschränkt. (Natürlich gab es an den langen Tischen auch reichlich Bier und Wein.)

Kugelschreiberskizzen am Rande der Melser Alpabfahrt.

Irgendwann wurde es mir zu laut, zu voll und auch zu sonnig; ich spazierte ein bisschen in Richtung auf einen schattigen Berghang zu und fand mich neben einer Ziegenweide wieder. Ziegen zeichnen – darauf hatte ich schon die ganze Reise über gehofft. So lernte ich in den nächsten zwei Stunden, dass Ziegen lange Hälse haben, auf denen sie gern den Kopf schräg drehen – und dass zwei Böcke wirklich ganz schön bockig miteinander umgehen.

Ziegenstudien

Am nächsten Tag goss es in Strömen! Was macht man bei solchem Wetter? Genau, man geht ins Museum. Fastnachtsmasken boten hier ein attraktives Zeichenmotiv, nach der Übung des Vortages gern ohne Vorzeichnung mit Füller zu Papier gebracht.

Den Abend des Regentages brachte ich damit zu, aus meinen Fotos ein Skizzenblatt zusammenzustellen. Ich habe eine Menge gelernt über Tschäppel (das sind die seltsamen Kronen, die die Kühe aufhaben), Glockenriemen, Bauchgurte und Stirnschilder – und weiß nun auch, warum die Bauern so viele Dahlien in ihren Gärten stehen haben.

Am meisten allerdings haben mich die Menschen fasziniert. Mit welch aufrechter Bodenhaftung, stolz und in sich ruhend die Älplerinnen und Älpler dort vor ihren Herden her gingen – davon habe ich ein bisschen versucht in mein Bild zu holen.


Berg und Tal

„Du pilgerst? Ist der Jakobsweg nicht in Spanien?“ So fangen viele Gespräche an, wenn Menschen mich mit meinem Rucksack sehen oder ich von meiner Reise berichte. Meist erkläre ich, dass ich nicht nach Santiago gehe, sondern über die Alpen nach Assisi und Rom – was durchaus zutrifft, aber eben nicht alles umfasst.

„Gibt es da, wo du gehst, einen Pilgerweg?“ Schaut man auf Wanderkarten und ins Netz, stellt man bald fest, dass Mitteleuropa von einem immer dichter werdenden Netz aus „Pilgerwegen“ überzogen ist, jährlich kommen neue dazu; manche werden von Vereinen liebevoll gepflegt, mit Büchern begleitet, an manchen gibt es Herbergen und Privatquartieren; offene Kirchen am Weg, in die freundliche Menschen in warmen Sommern kühle Getränke stellen. So war es in all den Jahren für mich nicht schwierig, mir meinen eigenen Weg anhand solcher Routen zusammenzustellen.

Oft habe ich unterwegs, mit gehenden Füßen und freiem Kopf überlegt, was – neben dem Besuch spiritueller Orte – das Pilgern vom Wandern unterscheidet. Ein Teil der Antwort lautet vielleicht, den ganzen Weg zu gehen und nicht nur attraktive Teilabschnitte. Endlose Forststraßen, Agrarsteppe und hässliche Neubausiedlungen – es ist alles dabei. (Eine Ausnahme machen für mich nur die Randgebiete sehr großer Städte.)

In den letzten vier, fünf Tagen hatte ich Gelegenheit, ganz handfest über diese Dinge nachzudenken. Für den Weg das Rheintal hinauf hatte ich mir den „Rheintaler Höhenweg“ als „Grundlage“ ausgesucht und mich auf weite Blicke und attraktive Landschaften gefreut. Beides bekam ich überreichlich geboten – steile An- und Abstiege und schlammige und steinige Pfade gab es genauso reichlich dazu. Dies war eindeutig ein Wanderweg! Ein Weg, zuvörderst für den Genuss an Weg und Landschaft konzipiert und nicht, auf den Füßen zwar, aber doch voranzukommen. Und womöglich noch am Wegrand zu zeichnen. Ich hatte etwas dazugelernt und beschloss, fürderhin im Tal zu bleiben.

Voll neuer Zeichenvorfreude ging ich auf Schloss Werdenberg zu, das lockend in der Vormittagssonne oberhalb der Stadt Buchs lag. Ich stieg zum Schlosshof hoch und fand einen stillen und einladenden Ort, an dem drei Menschen auf Besucher warteten: Ein Covid-Kontrolleur, eine Museumsdame und die Servicekraft im Bistro. Während ich dort saß, kam eine Gruppe aus diesem Tor heraus und niemand ging hinein. Es gab einen schattigen Sitzplatz, guten Kaffee, glutenfreien Kastanienkuchen und was man sonst auf einer Wanderung so braucht.

Das „Städtli“ darunter ist ein pittoresker Ort mit uraltem Stadtrecht, ein Museumsort aus krummen Holzhäusern, eine perfekte Kulisse. Währen ich dort zeichnend saß, kamen nicht weniger als vier Hochzeitspaare mit ihren Fotografen, lebende Bilder von Schein und Sein, von in Konventionen gegossenen Gefühlen … Gern hätte ich sie mit ins Bild geholt, doch bin ich noch immer nicht geübt genug im Zeichnen von Menschen, um in solch exponierter Situation damit herauszurücken. So blieb es bei der Kulisse. 


Im Appenzellerland

Käse, klar, Käse. Und vielleicht noch die Sache mit dem Frauenwahlrecht, mehr wäre mir nicht eingefallen zum Appenzellerland, bevor ich es zwei Tage lang durchwandert hatte. Um ehrlich zu sein – ich wusste nicht einmal, dass mein Weg dort hindurchführen würde. Das merkte ich erst in einem kleinen Gasthaus mit dem Namen „Kantonsgrenze“. Dort zeichnete ich, was ich vor Augen hatte – einen Traktor -, wobei ich neugierig vom Haushund beäugt wurde.

Der Weg führte mich durch Orte, deren Charakter ich nur schwer ausmachen konnte. Es gibt kein Haupttal, sondern mehrere parallele Höhenzüge, die sich in annähernd west-östlicher Richtung in ca. 800 bis 1000 Metern Höhe ausbreiten. Darauf, so sieht es die Besucherin, hat ein Riese seine Bauklötze ausgeschüttet – scheinbar wahl- und richtungslos stehen die Häuser, etwas konzentrierter um die Straßen herum, doch letztlich in der ganzen Landschaft verteilt. Dazwischen Wiesen mit, klar, Kühen, auch mal ein Mehrfamilienhaus oder ein öffentliches Gebäude, das an eine eher städtische Gegend denken lässt.

Und durch all das hindurch fährt eine Straßenbahn! Über Brücken, ziemlich enge Kurven und steile Gefälle fährt ein roter Straßenbahnzug. Und zwar, als Deutsche kann ich es kaum fassen, im 20-Minuten-Takt.

Und dann stand ich auf dem Dorfplatz von Trogen, der keiner ist und auch nicht so aussieht. Ein großer gepflasterter Platz, von ebenso unregelmäßigem Zuschnitt wie alles hier, ist umgeben von großen, vier- bis fünfgeschossigen Barockhäusern mit monotonen Fensterreihen in schmucklosen Fassaden.

Ich fühlte mich wie vor einem Bild von … vielleicht Escher. Jedes Einzelteil stimmt, und zusammen betrachtet, bereitet es einem leichten Schwindel. Der verschwand erst, als ich ein bisschen nachlas: Die großen Häuser sind die „Zellwegerschen Paläste“, Verwaltungs- und Wohngebäude der im 18.Jahrhundert reichen und mächtigen Handelsfamilie Zellweger. Und der Platz ist der „Landsgmeindeplatz“, der Ort, an dem sich bis 1995 zweijährlich die „Landsgmeinde“, eine Bürgerversammlung, man kann auch sagen, eine Art Thing, traf. In einigen Schweizer Kantonen, so fand ich heraus, gibt es solche Einrichtungen bis heute.

Am nächsten Wandertag gönnte ich mir wenigstens noch die Zeit für eine kleine Skizze dieses Ortes, von der ich hoffe, dass sie mein Erstaunen zumindest ein bisschen widerspiegelt. Als ich aufbrach, war es schon wieder so warm geworden, dass ich die Einladung eines schattigen Platzes an der „Großen Säge“ im Wald gern annahm, dort noch ein ein eher „normales“ Appenzellerhaus zu skizzieren. Danach stieg ich über den Ruppenpass, um mich im Kanton St.Gallen wiederzufinden – denn die „beiden Appenzell“ sind komplett von ihm umschlossen. Vielleicht hatte ich daher über sie bis jetzt so wenig erfahren?


Media vita in morte sumus

Der heutige Tag gehörte der Stiftsbibliothek von St.Gallen, einer der größten Sammlungen mittelalterlicher Handschriften und Artefakte weltweit und der einzigen Klosterbibliothek, deren Bestände seit dem sehr frühen Mittelalter (um 700) in großer Zahl erhalten sind. Zuerst ging ich in den barocken Bibliothekssaal, der mit seinen geschmückten Galerien und seinen honigfarbenen Holzpaneelen als solcher schon sehenswert ist. In diesem Saal gibt es Wechselausstellungen originaler Bücher und Handschriften, in diesem Jahr lautete das Thema „Gebet“.
Ich machte gar nicht erst den Versuch, mir alles anzusehen, auch den Audioguide steckte ich schnell wieder in die Tasche, sondern verweilte nur bei wenigen Vitrinen. Zuerst waren es die berühmten illustrierten Stundenbücher aus dem Spätmittelalter, die mich anzogen – ich war erstaunt, wie winzig manche waren, kleiner als A6, die Malereien schon Miniaturen…Und dann fand ich das Antiphonar, das der Mönch Hartker um 1000 herum, also hunderte Jahre vor den hübschen Luxusprodukten, geschrieben hatte. Es handelt sich um ein dickes Buch, in dem gesungene Stundengebete – sogenannte Antiphone – aufgeschrieben sind. Aufgeschlagen war das Buch auf der Seite mit den berühmten und vielfach vertonten Zeilen „Media vita in morte sumus“ – häufig übersetzt mit „Mitten im Leben sind wir vom Tod umgeben“. Ich war diesem Satz auf dieser Reise schon einmal begegnet, bei dem anrührenden kleinen Denkmal für die Opfer des Flugzeugunglücks von 2002. Hier erfuhr ich nun, dass die St.Galler Mönche die Zeilen täglich gesungen haben.


Die Zeichenbedingungen waren denkbar ungünstig. Zum einen herrscht aus konservatorischen Gründen Dämmerlicht im Raum – man sieht also kaum, was man gezeichnet hat. Fotografieren ist verboten. (An meinem Zeichnen, natürlich nur mit trockenen Medien, hat sich niemand gestört). Die Farbe habe ich später ergänzt. Besonders gefreut habe ich mich, dass ich die Handschrift online gefunden habe (viele alte Handschriften sind bereits digitalisiert und öffentlich zugänglich)und und so einen Versuch wagen konnte, Hartkers karolingische Minuskel nachzuempfinden.


Horizont

Als ich das Projekt begann, einmal längs durch Deutschland zu gehen, war der Bodensee so etwas wie mein Horizont, und die Insel Reichenau mit ihren Klöstern der Leuchtturm darauf. Hier hatte es angefangen nach den dunklen Jahrhunderten der Völkerwanderungszeit, hier gründeten (vermutlich irische) Mönche erste Klöster, in deren Schreibstuben und Gärten bald darauf Kunst und Wissenschaft erblühten.

Gestern habe ich die Insel Reichenau besucht. Sie ist seit (mindestens) römischer Zeit durchgehend besiedelt. Heute ist sie für ihren Gemüseanbau bekannt, vermutlich geht auch der schon auf die Römer zurück. (Nicht umsonst schrieben die Mönche hier gartenkundliche Abhandlungen.) Buchstäblich jeder Quadratzentimeter der Insel ist bepflanzt, und zwar in einer für die heutige Zeit geradezu aberwitzig kleinzelligen Parzellierung, die auf Besitzverhältnisse der Klosterzeit zurückgeht.

Und zwischen all den Gewächshäusern, Beeten, Feldern und kleinen Weinhügeln stehen drei der ältesten Kirchen Mitteleuropas.

Die erste, auf die man trifft, wenn man die Insel betritt, ist St.Georg, und von außen sieht sie erst einmal nicht besonders spektakulär aus. Innen enthält sie jedoch einmalige, ebenfalls auf die Gründungszeit um 800 datierte Wandmalereien.

Die Kirche St.Georg in Oberzell.

Ich war früh aufgebrochen und hatte diesen schönen Blick lange an einem kühlen Morgen für mich allein; später wurde es schwül und drückend und vielleicht lag es daran, dass mir vom viel gewaltigeren Münster kein ordentliches Bild gelang. Vielleicht hatte ich auch einfach das Gefühl, dass ich gern noch einen Tag und noch einen und noch einen gehabt hätte, um dieser gesegneten Insel ein bisschen gerecht zu werden.


Die Konstanzer Goldscheiben

Die sogenannten Konstanzer Goldscheiben sind vier teilweise vergoldete, kreisrunde Kupferplatten. Der Durchmesser der größten und ältesten beträgt fast zwei Meter. Vermutlich ist sie etwa tausend Jahre alt und wurde ursprünglich als Schlussstein einer symbolischen Nachbildung des Heiligen Grabes verwendet. Später brachte man sie außen am Münster an, ergänzt um die anderen drei.

1973 hat man sie im Außenbereich durch Kopien ersetzt und die Originale in der Krypta des Münsters aufgehängt. Hinter einem schlichten Altartisch machen sie dort einen ausgesprochen archaischen Eindruck. Auf der größten Platte ist ein hochmittelalterlich streng thronender Christus abgebildet, flankiert von zwei Engeln. Überraschend tröstlich fällt die Bibelstelle aus, die in seinem mit der linken Hand hochgehaltenen Buch zu lesen ist. Es ist der sogenannte Heilandsruf Matth. 11,28: Kommt her alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.

Die große Konstanzer Goldscheibe, gezeichnet mit wasserlöslichen Aquarellstiften.

Am Bodensee

Zweihundert Höhenmeter und ein paar Welten trennen die landwirtschaftlich geprägten Ausläufer der Schwäbischen Alb von der mediterran anmutenden Uferregion. Noch bevor ich nach Überlingen hinein kam, durchquerte ich einen Golfplatz – wie passend für eine Region, die als eine der teuersten Deutschlands gilt. Leider hielten die Golfer ihre charakteristischen Posen nur kurz, so dass ich mich auf eine Postkartenskizze des Ortes beschränkte.

Für Überlingen hatte ich nur eine Übernachtung eingeplant, was ich bedauerte, weil ich insbesondere im Münster mit seinen zahlreichen Kunstschätzen gern noch länger geblieben wäre. Immerhin schaffte ich es als Frühaufsteherin noch ein bisschen Morgenstimmung am See einzufangen.

Morgenstimmung am Bodensee

Ich überquerte den See mit dem Schiff, und als das am anderen Ufer angekommen war, stand die Sonne schon wieder viel zu hoch am Himmel. Da kam eine Bank an einem luftigen Platz gerade recht; ich ließ mir beim Zeichnen Zeit.

Bodenseepanorama vom Rupertsberg aus.

Heiliger Antonius, bitte für mich

Ich liebe meinen Pilgerhut, und ich brauche ihn. Zu blöd, wenn ich ihn schon am Abend des erste Gehtages verliere! (Nicht zum ersten Mal, es war der dritte in sieben Jahren.) Heute morgen bastelte ich mir ein Provisorium aus einem Halstuch und lief in den sonnig strahlenden Tag hinein. Einen neuen oder wenigstens eine Mütze würde ich spätestens in zwei Tagen besorgen können, auf zwanzig Kilometer im Umkreis gibt es weder Bäcker noch Fleischer, geschweige denn einen Supermarkt.

Die erste Rast legte ich in Großschönach ein, in der dortigen Antoniuskirche. Ein gesichtsloser Bau aus den Fünfzigern des vorigen Jahrhunderts. Und weil es nichts zu zeichnen gibt, schaue ich mal nach, wofür der Heilige Antonius eigentlich so zuständig ist. Ich traue meinen Augen kaum: für verlorene Gegenstände! Da kann eine klitzekleine Bitte in seine Richtung bestimmt nicht schaden.

Und als ich die Kirche verlasse, steht doch vollen Ernstes fünfzig Meter weiter so ein Selbstbedienungsbüdchen, in denen es sonst Marmelade und Äpfel gibt – nur das es hier selbst gemachter Kitschkrimskrams ist, Traumfänger, Kirschkernkissen – und Mützen! Ganz unten im Regal liegen ein paar Schirmmützen mit neckischen Sprüchen drauf wie „Am Arsch vorbei geht auch ein Weg“. Die einzige ohne Spruch ist aus schwarzgrauem Military-Flecktarn, die nehme ich glücklich an mich.

So oder so ähnlich laufe ich zur Zeit durch den sonnigen Spätsommer.


Im Hainbuchenhain

Die alten Zeiten, als Deutschland noch von tiefen, undurchdringlichen Wäldern bedeckt war … sind vermutlich viel länger her, als die meisten Menschen meinen. Spätestens im Hochmittelalter waren alle gut zugänglichen Waldgebiete urbar gemacht: „Bebaut sind alle Felder, gerodet ist der Wald…“ sang um 1200 Walther von der Vogelweide in einem elegischen Altersgedicht. Nur in Sumpfgebieten und unzugänglichen Gebirgen hielten sich die Urwälder bis in die Frühe Neuzeit.

Und was an Wald noch erhalten oder neu angepflanzt war, wurde intensiv ge-, manchmal auch übernutzt und sah anders aus als der Urwald unserer Vorstellung. In lichten, parkartigen „Hudewäldern“ weidete das Vieh und zur Brennholzernte wurden Bäume immer wieder „geköpft“ oder „geschneitelt“: das Ergebnis ist ein „Niederwald“.

Einen solchen Niederwald – es gibt davon nur noch wenige in Deutschland – habe ich vor einigen Tagen besucht. Der Jassewitzer Busch in der Nähe der Lübecker Bucht wurde seit Ende des 18.Jahrhunderts bis ca. 1920 als Niederwald bewirtschaftet, danach wuchsen die Bäume allmählich aus, wurden gefällt oder zerbrachen unter der Last ihrer viel zu großen Kronen. In den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts begann man, den verbliebenen Hainbuchenbestand wieder in alter Weise zu beschneiden. (Hainbuchen mit ihrer Wüchsigkeit eignen sich besonders gut für diese Art von Waldwirtschaft.)

Das Ergebnis ist ein einzigartiges Denkmal einer unter menschlichem Einfluss geformten Landschaft. Die Bäume befinden sich in ganz unterschiedlichen Stadien des Beschnitts: manche haben schon wieder eindrucksvolle Kronen entwickelt, während andere aussehen wie die uns vertrauten Kopfweiden und wieder andere ganz kahle „Köpfe“ zeigen.

In diesem Waldabschnitt sind die Kronen dicht; alles ist frühlingsgrün.
Hier wurden die Stämme erst vor wenigen Tagen beschnitten, der Blick schweifte den Hang hinunter auf die angrenzenden Wiesen.