Aus der Zeit gefallen
Veröffentlicht: 29. September 2026 Abgelegt unter: Allgemein, Reiseskizzen, Urban Sketching | Tags: Urban Sketching, Wirtschaftswunder Hinterlasse einen KommentarDie Mauer fällt, die Schrift bleibt an der Wand.
Heinz Rudolf Kunze, Deutschland (Verlassen von allen guten Geistern), Version ’90
Als ich in Bremen angekommen war, vor anderthalb Wochen, hatte ich schon einige Tage keinen Zeichenstift mehr in der Hand gehabt. Ich brauchte einen kleinen Ruck und ein einfaches Motiv, um über die Schwelle zu steigen, die sich bereits ganz still und leise vor mir aufgebaut hatte. Zuerst kam die Skizze einer Raucherin im Außenbereich des Cafés, dann sah ich die Schrift.

Ein Schriftzug, viel eleganter als meine etwas ungelenke Abzeichnung vermuten lässt, darunter viermal Herrenmode, „casual“ gehoben, hanseatisch lässig. Ein Traditionsgeschäft mit einer Anmutung von Wirtschaftswunder.
Während ich zeichnete, erinnerte ich mich an die lange zurückliegende Lektüre von Bölls „Brot der frühen Jahre“ – ein junger Mann bewegt sich durch das Köln der 50er Jahre und sieht hinter den glatten Gesichtern und den polierten Fassaden den Hunger, die Gier und die Hartherzigkeit der frühen Nachkriegsjahre.
Fertig mit der Zeichnung, lief ich Richtung Markt, ließ mich in der Liebfrauenkirche nieder (das Bild habe ich schon gezeigt), übersah die Stadtmusikanten in ihrer Ecke und stand auf dem Markt.

Was ich hier an einer Hauswand las, hätte mir die Sprache verschlagen, wäre ich nicht schweigend allein unterwegs gewesen:
Gedenke der Brüder, die das Schicksal unserer Trennung tragen.
Ein Satz, angebracht in den frühen 50er Jahren, bezogen auf die deutsche Teilung. In dieser Zeit war die Grenze noch halbdurchlässig, konnte in beide Richtungen gequert werden, die Berliner Mauer lag in ferner Zukunft. Betrachtet man die Schrift aus der Nähe, fällt ihr fast provisorischer Charakter auf; die Buchstaben sind auf einem Metallgitter befestigt, das von der Wand zu nehmen kaum mehr als einen Tag in Anspruch nehmen dürfte.
Niemand hat das bisher getan.
Es war ein eher linker SPD-Bürgermeister, der den Satz anbringen ließ, kein Kalter Krieger; der Schmerz über die deutsche Teilung hielt sich nicht an politische Lager. (Es gab ihn auch in meiner Herkunftsfamilie, die vom Mauerbau in nie wieder zusammenführbare Teile zerspalten worden war.)
Gezeichnet habe ich Haus und Schrift an meinem Abfahrtstag, vor Ort als unfertige lineare Zeichnung, die Farbe kam Tage später. Während ich mit dem Bild beschäftigt war, zogen verschiedene Gedankenbahnen durch meinen Kopf, von den fehlenden Schwestern zu den Brüdern bis zur der Frage, warum sie an der Wand geblieben war, die Schrift.
Eine Antwort habe ich bisher nicht gefunden.
In der Stille
Veröffentlicht: 23. September 2026 Abgelegt unter: Architektur, Reiseskizzen, Urban Sketching | Tags: Dom, Romanik, Urban Sketching Hinterlasse einen KommentarNach dem beflügelnden Freitag begann der Samstag in Bremen etwas mühsam. Ich hatte das Stichwort „Backsteinexpressionismus“ gelesen und mich für ein gemeinsames Zeichnen in der Böttcherstraße angemeldet, ohne noch genau zu wissen, was mich erwarten würde. Diese „Straße“ – „Gasse“ würde besser passen – ist ein Gesamtkunstwerk aus Backstein, vor etwa hundert Jahren erbaut und aus verschiedenen Gründen nicht unumstritten. Leider gehört diese enge Gasse zu Bremens Hauptattraktionen, die Menschen schoben sich hindurch, es war laut, voll und zudem noch regnerisch und kühl.
Auch im Dom war oberirdisch noch ziemlich viel Betrieb (Sonnabend Mittag), doch dann folgte ich dem Schild „STILLE“ zur Krypta hinunter und fand mich in einer anderen Welt wieder.

In dem gedämpften Licht zeichnete ich mit Bleistift zwei der Säulen mit den typischen romanischen Würfelkapitellen, dann wagte ich mich wieder nach oben. Im Gehen konnte ich noch einen Blick auf das Werk eines befreundeten Zeichners werfen, der ebenfalls hier unten gesessen hatte und den Raum in einer für ihn typischen Fast-Monochromie aufs Papier gebracht hatte.
Oben fand ich die Schweriner Freunde wieder, lange saßen wir im „Bibelgarten“ des Doms und ich lasierte die Bleistiftzeichnung mit wenigen stumpfen Erdtönen. Als die getrocknet waren, griff ich zu verschiedenen Graphitstiften, klassischem „Blei“Stift ebenso wie ölbasierten; heute, zu Hause, wiederholte ich die Prozedur noch einmal mit weißer Graphitkreide. (Der dunkel granulierende Ton im Hintergrund ist kein Graphit, sondern Hämatitschwarz.)
Am Ende hatte ich, was selten gelingt, meine Intention wenigstens in Teilen umsetzen können, etwas von der schwebenden, gedämpften Stimmung dieses wunderbar harmonischen Raums bewahren zu können.
Urban Sketching
Veröffentlicht: 22. September 2026 Abgelegt unter: Allgemein, Architektur, Reiseskizzen, Urban Sketching | Tags: 60er Jahre, Architektur, Dom, Gotik, Kirche, Moderne, Romanik, Urban Sketching Hinterlasse einen KommentarVor fast zwanzig Jahren, 2007, hatte der in Seattle lebende spanische Graphiker Gabriel Campanario eine Idee. Campanario war bei der „Seattle Times“ als „Visual Journalist“ angestellt, als zeichnender Journalist, und er lud Gleichgesinnte ein, gezeichnete Reportagen ihrer Lebenswelten auf einer gemeinsamen Plattform zu veröffentlichen.
Die Grundidee des Urban Sketching war geboren.
Bald öffnete sich der handverlesene Kreis geladener Gäste, Tausende Menschen nahmen den Gedanken auf, schlossen sich zu lockeren Gruppen zusammen und veröffentlichten ihre Werke im sich explosionsartig vergrößernden interaktiven Internet.
Neben der Authentizität ist das gemeinsame Zeichnen zu einem Markenkern der Bewegung geworden. Es gibt kleine informelle Veranstaltungen ebenso wie regelmäßige große Treffen, auf Landesebene und sogar weltweit, dabei ist das Ganze eine vorwiegend von Ehrenamtlichen getragene Graswurzelbewegung geblieben.

In diesem Jahr war Bremen die Gastgeberstadt des alljährlichen Deutschlandtreffens. Ich war einen Tag vor der offiziellen Eröffnung angereist und ließ mich durch die Stadt treiben, in der schon hier und da die ersten Zeichnenden auf ihren Hockern zu sehen waren. Ich fror ein bisschen und blieb erst einmal drinnen in der Liebfrauenkirche vor einem der modernen Glasfenster.
Später nahm der Tag Fahrt auf, die Schweriner Freunde trudelten ein und nach der beseligenden Auftaktveranstaltung fanden wir uns auf dem Marktplatz wieder. Hier blieb mir einfach nichts anderes übrig, als den Bremer Klassiker ins Buch zu bringen – Dialog von Mittelalter und Moderne, Kirche und Welt, Dom und Bürgerschaft.

Ausnahmsweise breitete ich das Bild über zwei Buchseiten aus, wobei die Ringbuchspirale die beiden unterschiedlichen Welten sowohl trennt als auch verbindet. (Kurze Erklärung: die Bremer Bürgerschaft ist der „Landtag“ des Stadtstaates, das Gebäude in der Formensprache der Moderne behagte in den 60er Jahren nicht jedem.)
Acht Monate
Veröffentlicht: 22. Juni 2026 Abgelegt unter: Allgemein, Herbstreise 2025, Reiseskizzen | Tags: Aquarell, Madonna, mixed media, Romanik, Südtirol 2 KommentareUnerledigtes hat eine eigene Kraft. Nicht umsonst raten Lebenshilfebücher dazu, es auf Listen zu schreiben und ansonsten aus dem Blickfeld zu verbannen. Im Alltag, bei Terminen, Schreibtischangelegenheiten und dem Aufräumen des Kellers halte ich mich gern daran; beim unvollendeten Reisetagebuch meines letzten „großen“ Urlaubs in der Schweiz und Südtirol hatte ich mich anders entschieden. Das Buch samt der zugehörigen Sammlung an Flyern, Eintrittskarten und Stadtplänen bekam einen Ablageplatz zugewiesen, den es acht Monate lang einnahm.
Das hatte auch damit zu tun, dass ich das Buch und die Region, von der es handelt, besonders ins Herz geschlossen habe. Das Schweizer Münstertal und das Südtiroler Vinschgau kommen von uralten Alpenpässen herunter und wurden von Römerstraßen durchzogen, die auch in den „dunklen“ Jahrhunderten danach ihre Bedeutung behielten. Später verarmte die Region, wurde von den großen Wegen abgeschnitten, so dass vieles erhalten blieb, was anderswo durch Modernisierung verloren ging.

Das Kloster Müstair wurde in karolingischer Zeit erbaut und zählt heute zum Weltkulturerbe. Neben phantastisch erhaltenen Wandmalereien aus der Gründungszeit fand man bei Ausgrabungen auch sehr „keltisch“ anmutende Steinarbeiten, die man einer ganz anderen Stilepoche zuschreiben möchte. Zweihundert Jahre später, in der Hochromanik, galten sie als hoffnungslos veraltet und wurden anderweitig verbaut.

Fünfzehn Kilometer talabwärts, im Örtchen Mals, gibt es die kleine, von außen völlig unbedeutend wirkende Kirche St.Benedikt. Ich habe sie hier auf ein postkartengroßes, einmal für andere Zwecke grundiertes Stück Aquarellpapier gezeichnet. Die Kirche ist nur an einem Tag der Woche wenige Stunde mit Führung geöffnet, Fotografieren eigentlich nicht erlaubt, so dass ich eine sehr schnelle Bleistiftskizze gemacht habe und einen „Schnellschuss“ mit dem Handy.

Meine Zeichnung bewahrt den skizzenhaften Charakter. Die karolingische Inneneinrichtung muss spektakulär gewesen sein, mit hochkomplexen dreidimensionalen Stuck-„Applikationen“, Chorschranken aus feinstem Marmor, die perfekt erhalten sind, obwohl sie später z.B. als Türschwellen verbaut wurden, und einer kompletten Ausmalung in leuchtenden Farben. Die durchbrochenen Chorschranken-Reliefs und die Stuckarbeiten haben ebenfalls eine „keltische“ Anmutung mit Flechtwerk, die Malereien kontrastieren mit einem spätrömischen Realismus. Der von mir farbig hervorgehobene Herr stellt einen fränkischen Adligen dar (manche Autoren halten ihn gar für Karl den Großen selbst), dessen Kleidung, Haar- und Barttracht mit fast dokumentarischer Genauigkeit gemalt sind.
Oberhalb von Mals liegt am Hang das Kloster Marienberg, ein riesiger Barockbau, der das Schicksal der fiktiven Abtei im „Namen der Rose“ geteilt hat, jedoch nach dem Brand wieder aufgebaut wurde.

Wenige hundert Meter neben dem Klosterkomplex findet sich ein Kirchlein, das in seiner Gründung noch auf die Völkerwanderungszeit zurückgeht – St.Stephan. St. Stephan war eine Pilgerkirche, in der sich auch Schlafplätze befanden. Später wurde sie erweitert und gotisch ausgemalt, von früherer Ausstattung findet sich hier nichts mehr. Auch hier habe ich eine sehr schnelle Skizze gemacht (in diesem Fall saß mir der Busfahrplan im Nacken), war allerdings mit dem Foto nicht eingeschränkt. Das Aquarell ist nicht vor Ort entstanden, sondern ganz und gar nach der Fotografie, angepasst an das Postkartenformat der anderen Arbeiten auf Aquarellpapier im Buch.
Ich habe diese kleinen Bilder zu den meist einfarbigen Fineliner-Zeichnungen (es war Inktober-Zeit gewesen) ergänzt, indem ich sie eingeklebt habe, verbunden mit anderm Material ist eine sehr dichte und schöne Buch-Collage entstanden. Das Buch ist in einem ungewöhnlichen „amerikanischen“ Format gehalten, 7×10 Inches, was etwa 18×25 cm entspricht, irgendwo zwischen A4 und A5, neben den kleinen quadratischen Handschmeichlern von Hahnemühle mittlerweile mein Lieblingsbuch.

Zum Abschluss hier noch eine Madonna aus dem Klostermuseum von Marienberg – hemmungslose Mixed Media mit Aquarell, Finelinern und Kreiden. Hier kann man die Untermalung, die einmal etwas ganz anderes werden sollte, noch gut erkennen.
Für diese Vollendungsaktion habe ich noch einmal mehrere Abende gebraucht, nun konnte ich das Buch getrost ins Regal stellen. Die restlichen Bilder der Reise finden sich in diesem Blog im Archiv (auf der rechten Seitenleiste über „aktuelle Beiträge“) unter Oktober 2025.
Die Schamanin
Veröffentlicht: 10. Mai 2026 Abgelegt unter: Allgemein, Reiseskizzen | Tags: Museum, Sachsen-Anhalt Ein KommentarAnfang Mai 1934 waren einige Arbeiter mit eiligen Ausschachtarbeiten für einen Springbrunnen im Park des anhaltischen Dürrenberg (das „Bad“ sollte erst im folgenden Jahr dazukommen) beschäftigt, als sie auf Menschenknochen und Rötel stießen. Sie informierten das Heimatmuseum, von dort schickte man zu den Archäologen in Halle, doch als die eintrafen, hatten die Arbeiter bereits alles, was ihnen von Interesse schien, ausgegraben und weitergemacht. Man schaffte die Fundstücke ins Museum für Vorgeschichte, erklärte den Schädel zum Relikt eines männlichen Ariers, datierte ihn vier- bis fünftausend Jahre zu jung, ignorierte den Rest – und vergaß das Ganze.
In den letzten dreißig Jahren begann man sich dem Fund wieder zuzuwenden, moderne wissenschaftliche Methoden öffneten Fenster zu völlig neuen Erkenntnissen, es gab eine Nachgrabung, bei der mehrere Jahre lang unter Laborbedingungen gerettet werden konnte, was zu retten war. Und das war viel. Dank dieser Bemühungen, z.T. unter internationaler Beteiligung, wissen wir heute, dass das Grab nicht nur die Gebeine einer vor acht- bis neuntausend Jahren gestorbenen Frau enthielt, sondern auch die von drei Kindern und dass diese menschlichen Überreste mit außerordentlich reichen Beigaben versehen waren. Vom Wildschweinhauer über Schildkrötenpanzer bis zum Schulterblatt eines Igels waren zahlreiche Tiere der damaligen Fauna vertreten, neueste Untersuchungen konnten auch Federn und Haare nachweisen. In einer „Dose“ aus Kranichknochen waren Pfeilspitzen aufbewahrt, Pfrieme und Ahlen aus Knochen wiesen auf handwerkliche Tätigkeiten hin, die sorgfältige Auskleidung des Grabes mit einem Flechtwerk aus Haselruten auf Bautätigkeit, die eine beginnende Sesshaftigkeit anzeigt.
Vor allem aber legen diese Beigaben eine gesellschaftliche Rolle nahe, die als „Schamanin“ bezeichnet werden kann. Dies ist keine willkürliche Zuschreibung, sondern beruht auf jahrzehntelangen Forschungen um das Thema Schamanismus und seine Repräsentation in archäologischen Funden.
Das Hallesche Landesmuseum für Vorgeschichte widmet der Schamanin derzeit eine große Sonderausstellung, die ich auf dem Weg von Magdeburg Richtung Süden besuchte. Die Ausstellung gefiel mir auf den ersten Blick. Von gut lesbaren Texten begleitet, dürfen die Objekte ohne Multimedia-Schnickschnack für sich sprechen. In einem ersten Raum werden frühe religiöse Konzepte von Animismus bis zu den ersten Göttern erläutert, darauf folgen vier um eine Trommel gruppierte sibirische Schamanengewänder. Der folgende Raum ist der Bestattung von Bad Dürrenberg gewidmet.

In einer großen flachen Vitrine sind alle Fundstücke aus dem Grab sorgfältig auf einer rötelfarbenen Fläche ausgebreitet. Das Ganze lässt an einen Aufbahrung denken und strahlt eine große Würde aus. Ich saß eine ganze Weile auf einer Sitzbank und beobachtete die Menschen, die sich behutsam, fast ehrfürchtig und mit leuchtenden Augen darüber beugten. Wenn dieses Frau einmal „Macht“ gehabt hat — und daran zweifle ich nicht — dann muss es eine heitere, gelassene und zeitlose Macht gewesen sein.
Ich blieb lange dort sitzen, bevor ich den Schädel zeichnete und mich noch ein wenig in den angrenzenden Räumen umsah. Hier ging es vor allem um die wenigen vergleichbaren Funde, die es weltweit gibt. Einen Besuch der Etagen der Dauerausstellung verschob ich trotz Mammut, Himmelsscheibe von Nebra und Römerfunden auf ein nächstes Mal, setzte mich mit einen Kaffee auf die Terrasse vor dem Museum und fuhr am Abend beseelt Richtung Thüringen.
Magdeburg
Veröffentlicht: 8. Mai 2026 Abgelegt unter: Allgemein, Reiseskizzen | Tags: Dom, Gotik, Postmoderne, Sachsen-Anhalt, Urban Sketching Hinterlasse einen KommentarDer Weg nach Thüringen – dieses Mal mit dem Auto – führte mich über Magdeburg. Auch wenn ich nie in der Stadt gewohnt habe, ist sie mir doch durch familiäre Verbindungen nahe. In den 1950er Jahren hatte meine Mutter einige Jahre dort gelebt, und ich stelle mir die Bühne dieses Lebens vor wie die ins Ostdeutsche gewendete Version eines frühen Romans von Böll: eine schwer beschädigte Domstadt am Fluss, notdürftig beräumte Ruinen, Kälte, Mangel, Kohlenrauch in der Luft …
(Die Zerstörung durch die Fliegerbomben des Zweiten Weltkriegs war etwas wie eine Retraumatisierung gewesen: 1631 war die reiche Handelsstadt Magdeburg auf dem Höhepunkt des Dreißigjährigen Krieges mit furchtbarer Brutalität geplündert und niedergebrannt worden, etwa 20.000 Menschen waren dabei ums Leben gekommen. Dieser Vorgang war selbst vor dem Hintergrund dieses an Gräueltaten nicht armen Krieges beispiellos.)
Ab den 1960er Jahren wurde Magdeburg zu einem Zentrum der Schwerindustrie ausgebaut, die Innenstadt in Nachkriegsmanier mit Plattenbauriegeln und autogerechten Magistralen notdürftig wieder hergerichtet. So habe ich sie von meinen wenigen Besuchen während der DDR in Erinnerung. Mit der politischen Wende kam die Deindustrialisierung; die Luft wurde sauberer, die Fassaden heller und die Leere zwischen den erhaltenen mittelalterlichen Kirchen noch deutlicher spürbarer als zuvor. Bis die Grüne Zitadelle gebaut wurde.

Die „Grüne Zitadelle“ wird als Hundertwassers letzter Bau bezeichnet, dabei ist sie weder grün noch von Hundertwasser (allein) gebaut. Die Grundidee stammte noch von ihm und wurde nach seinem Tod von einem bewährten Architektenteam ausgeführt. Das Grün kommt von den zahlreichen Bepflanzungen und „Baummietern“, ansonsten ist die vorherrschende Farbe ein kräftig leuchtendes Rosa. Man hat Hundertwasser zu Recht vorgeworfen, dass seine Bauten nur oberflächliche Talmi-Lösungen für städtebauliche Probleme bieten, dass sie nicht nachhaltig seien und den Innenräumen kaum Aufmerksamkeit geschenkt worden sei, und dennoch: das märchenhafte Gebäude entfaltet im Zentrum der so schwer gezeichneten Stadt eine wundersame, heilende Wirkung.

Neben der Grünen Zitadelle galt mein Besuch dem Magdeburger Dom und dem angeschlossenen neuen Dommuseum. Die akribisch dokumentierten Ausgrabungen konnten mich an diesem Nachmittag nicht ausreichend in ihren Bann ziehen – doch bei den Wasserspeiern fand ich glücklich ein ungewöhnliches Zeichenmotiv. Wir alle kennen Bilder von solchen Wasserspeiern, die meisten sind so hoch angebracht, dass sie sich dem Gezeichnet-Werden entziehen. Diese beiden – „Löwe“ und Widder – hingen im Museum zwar auch noch unter der Decke, waren aber gut zu erkennen.
Nachdem ich im Hotel der Grünen Zitadelle übernachtet hatte, fuhr ich am nächsten Vormittag dem – musealen – Höhepunkt dieser Reise entgegen, von dem im nächsten Beitrag die Rede sein wird.
Heringe und Tulpen …
Veröffentlicht: 6. Mai 2026 Abgelegt unter: Allgemein, Reiseskizzen, Urban Sketching | Tags: Amsterdam, Blumen, Park, Urban Sketching, visuelles Tagebuch Hinterlasse einen Kommentar… wer denkt da nicht an Holland? Oder, um genauer zu sein, an die Niederlande? An Frau Antje mit Flügelhaube und Matjes, im Hintergrund ein Tulpenfeld? Tulpenfelder, das sei vorangeschickt, habe ich einige gesehen auf meiner Reise – der Hering, um den es hier geht, hatte hingegen einen mehrfachen Migrationshintergrund.
Gekauft hatte ich ihn in Schwerin, beim Fischhändler meines Vertrauens, gefangen wurde er, soviel steht fest, weder an der deutschen Ostsee- noch an der niederländischen Nordseeküste – beide Regionen sind so überfischt, dass der Heringsfang dort zum Erliegen gekommen ist – , sondern vermutlich irgendwo vor Schottland oder dem nördlichen Dänemark. Geräuchert, und zwar im Ganzen, wurde er vermutlich in Deutschland, wo er einst zu seinem Namen gekommen war: der Bückling war in früheren Jahrhunderten ein Bockling – wegen des bockig strengen Geruchs.

Vor der Fischmahlzeit war noch eine Aquarellskizze entstanden – die dann, halbfertig, mit mir nach Utrecht reiste und im Zug endlich fertig wurde.
Drei Tage später, bevor ich von Utrecht nach Hause fuhr, besuchte ich noch einen für Ostdeutsche nachgerade mythischen Ort: den Keukenhof. Ich habe von Seeleuten der DDR-Handelsmarine gehört, die ihr kostbares West(taschen)geld auf Landgang für einen Besuch des Keukenhof ausgaben. Nach der Wende wurde der legendäre Tulpenpark zu einem der beliebtesten Busreiseziele.
Hervorgegangen ist das Gelände aus dem Küchen(„Keuken“)Garten eines Wasserschlosses, später wurde ein klassischer Landschaftsgarten im englischen Stil daraus, seit den 1950er Jahren gibt es dort eine Tulpenschau. Heute ist es eine perfekt durchorganisierte Anlage, auf der etwa sieben Millionen Tulpenzwiebeln wachsen, die in einer zweimonatigen Saison von knapp anderthalb Millionen Besuchern bewundert werden. Die kommen aus allen Ländern der Erde: schöne Asiatinnen in noch schöneren Kleidern, Sarongs, Saris und viktorianischen Rüschen, herausgeputzte kleine Mädchen, bärtige dunkelhäutige Männer aus südasiatischen Weltgegenden, von denen ich bisher noch nie gehört hatte … Die deutsche Rentnerin ist mittlerweile unterrepräsentiert.

Da es ein kühler Tag mit echtem Aprilwetter war, zeichnete ich durch die Panormascheiben eines Cafés nach draußen, und zwar gegen Abend, als die Menschenmengen sich schon etwas gelichtet hatten. Dass sie auf meinem Bild ganz fehlen, ist allerdings eine unzulässige Vereinfachung.
Bald, nachdem das Bild fertig war, stieg ich in einen der Shuttlebusse nach Amsterdam, um mit einem ziemlich unbequemen Nachtzug nach Hause zu fahren. Von dort würde ich zwei Tage später zum zweiten Teil meiner Urlaubsreise Richtung Thüringen aufbrechen.
Auf Reisen
Veröffentlicht: 1. Mai 2026 Abgelegt unter: Allgemein, Reiseskizzen | Tags: Gotik, Kirche, Niederlande, Romanik, Urban Sketching Hinterlasse einen KommentarMan könne den Kuchen entweder haben oder essen, sagt ein Sprichwort, und es gilt auf Reisen mehr noch als zu anderen Zeiten. Auch wenn die Hand-Auge-Koordination sich von Tag zu Tag bessert, die Skizzenbücher sich mit angefangenen und manchmal sogar leidlich fertigen Bildern füllen, knabbert die Zeichnerin bereits am nächsten Kuchenstück. Sie schaut, was das Auge fasst, recherchiert abends im Hotel oder im Gästezimmer von Freunden noch das eine oder andere, macht sich Notizen – und schläft darüber ein, bevor sie noch etwas in den Blog geschrieben hat.
Der erste Teil meiner Reise führte mich zu einem alten Freund ins niederländische Utrecht. Ich hatte mich in einem Hotel in Bahnhofsnähe eingemietet und staunte nicht schlecht über den modernen Großbahnhof, die Hochhäuser, die in der erweiterten Innenstadt fast vollständig fehlenden Autos – und über eine nicht gerade kleine Moschee, deren Minarette an Industrieschornsteine denken ließen – und in deren Erdgeschoss sich ein Restaurant befindet.

Utrecht ist eine sehr alte Stadt, Bischofssitz seit dem Jahr 695 – da war Amsterdam noch ein namenloses Fischerdorf. Entsprechend viele alte Kirchen und Klöster gibt es im Stadtgebiet bis heute – auch wenn Wetterereignisse, Feuersbrünste und nicht zuletzt der reformatorische Bildersturm ihnen zugesetzt haben.

Im übrigen gab es auch eine kleine Marienkirche, Maria Minor, die sich als in Zeiten religiöser Intoleranz als gewöhnliches Wohnhaus tarnen musste – und heute ein weithin bekanntes belgisches Bierrestaurant beherbergt. Solche Profanierungen sind in den Niederlanden durchaus üblich. Am nächsten Tag sah ich, dass auch ein Café im Dom möglich ist: Durch großzügige Panoramascheiben konnte ich hier bei kühlem windigen Wetter wiederum in den Kreuzgang blicken.

An meinem letzten Utrechter Tag, einem Sonntag, begleitete ich meinen Freund zum Gottesdienst in die Janskerk-Gemeinde. Es war eine bergende, warme und gemeinschaftliche Stimmung, die noch lange in mir nachwirkte. Da das Gebäude der Janskerk (Johanneskirche) momentan renoviert wird, ist die Gemeinde in einer anderen Kirche, der Pieterskerk, zu Gast. So kam ich noch zur Zeichnung eines der schönen romanischen Reliefs in dieser Kirche.

Am nächsten Tag würde ich nach Hause aufbrechen, doch vorher noch einen sehr holländischen Ort besuchen …
Innsbruck, ich muss dich lassen
Veröffentlicht: 18. Oktober 2025 Abgelegt unter: Reiseskizzen, visuelles Tagebuch | Tags: Inktober, Kaffee, visuelles Tagebuch Hinterlasse einen KommentarInnsbruck, ich muss dich lassen/ ich fahr dahin mein Straßen/ in fremde Land dahin.
Am Sonntag, vor einer Woche, verbrachte ich den letzten Urlaubstag in Südtirol. Am Montag begann ich den Heimweg und fuhr über den Brenner bis Innsbruck. Dort hatte ich mich für eine Nacht in einem hübschen minimalistisch-modernen Appartement mit viel hellem Holz und Naturmaterialien eingemietet, einem Ort, viel zu schade, um gleich wieder abzufahren.
Ich spazierte Richtung Altstadt und fand mich – Touristen sind nicht immer nur die anderen – in einem Café mit Blick auf das Goldene Dachl wieder. Doch statt mich dem Erbe Kaiser Maximilians zu widmen, wandte ich mich Näherliegendem zu: einem Kastanienherzen. Ein Kastanienherz ist eine Art großer Praline aus mit Schokolade überzogenem Maronipüree, eine regionale und saisonale Süßigkeit.

In dem Appartement gab es eine kleine Küchenzeile und auf dem Ceranfeld stand eine dieser achteckigen italienischen „Espressokannen“, mit denen man zwar keinen Espresso (dafür braucht es einen höheren Druck), aber doch einen guten Kaffee kochen kann. Das tat ich zum Frühstück, nachdem ich nachgelesen hatte, wie man die Kanne bedient, denn ich hatte so ein Ding noch nie benutzt.
Wenn ich mir einen schnellen Kaffee koche, so gebe ich normalerweise einen Löffel frisch gemahlenen Kaffee in eine Tasse und brühe mit heißem Wasser auf – fertig. Menschen aus Ostdeutschland, wie ich, nennen diesen Kaffee immer noch „türkisch“, obwohl sie natürlich längst wissen, dass man in der Türkei ganz anderen Kaffee bereitet. Achteckige Bialetti-Kannen hingegen blieben für mich stets ein etwas zweifelhaftes Emblem diverser – selbstverständlich westdeutscher – Toskana-Fraktionen.

Nachdem ich den Kaffee ausgetrunken und die kleine Küche aufgeräumt hatte, blieben noch zehn Minuten für eine schnelle Bleistiftskizze und ein paar Fotos des eleganten Dialogs von Schwarz und schwärzer. Ursprünglich hatte eine schraffierte Inktober-Zeichnung daraus werden sollen, doch fürchtete ich den Aufwand. So nahm ich dunkelgraue Gouache für das Ceranfeld und diverse Marker für die Kanne, allen voran das berühmte Schwarz aus dem japanischen Pentel-Pinselstift.


