Günsel und Gottesmutter

Zwischen Wismar, Rostock und Nirgendwo, am nördlichen Rand des Sternberger Seenlandes, liegt Neukloster, das nach Doberan zweitälteste Kloster Mecklenburgs. (Der Name Neu-Kloster stammt noch aus dem Mittelalter und verweist darauf, dass das Kloster kurz nach der Gründung einmal umgezogen ist.) Die Kirche ist mehrfach umgebaut und nach der Reformation leider teilweise abgerissen worden, doch in ihren erhaltenen Bauformen romanisch. Ihr berühmtester Schmuck sind einige sehr alte Glasmalereien.

Die Klosteranlage hat im Hinterland zwischen Wismar und Rostock ein stilleres Leben geführt als Doberan, vieles war verfallen und beschädigt und wird nun Stück für Stück wieder aufgebaut: ich fand bei meinem Besuch die Kirche eingerüstet und zum Zeichnen wenig einladend. So ging ich, zumal das Wetter sich wieder gebessert hatte, erst einmal am Ufer des Neuklostersees spazieren.

An einem Waldrand leuchtete mir ein blauer Pflanzenteppich entgegen. Ich setzte mich auf einen Baumstumpf und fing an zu zeichnen, etwas verwirrt darüber, was ich da gefunden hatte – ich war mir ziemlich sicher, die Pflanze, obschon in vielen Formen vertraut, noch nie bewusst gesehen zu haben. Erst zu Hause, wo ich neben der Bestimmungs-App auch die Bücher zur Verfügung hatte, fand ich es heraus: Es ist der Heide-Günsel, ein naher und ungleich seltenerer Verwandter des Kriechenden Günsels, der in vielen Gärten ein geduldetes Leben zwischen Bodendecker und Unkraut führt.

Dann wandte ich mich wieder dem Kloster zu. In der Kirche findet sich gleich beim Eingang, eingezwängt zwischen Wand und Gestühl, ein schöner spätgotischer Marienaltar – anscheinend gerade noch so geduldet von den protestantischen Hausherren früherer Zeiten. Auch die Krone war der Maria im Laufe der Jahrhunderte abhanden gekommen, so dass die über ihrem Kopf flatternden Engel ins Leere greifen. Das allerdings sah ich erst zu Hause, als ich meine im Dämmerlicht entstandene Skizze mit den Fotos verglich.

Doch gab es immer noch genug, für uns Heutige durchaus Erstaunliches, zu sehen. Maria steht, mit dem Kind auf dem Arm, in einer Strahlengloriole auf einer Mondsichel – ein weit verbreitetes spätmittelaterliches Motiv. Umgeben ist sie von einem Kranz aus Rosen, dem „Rosenkranz“ eben. Das Wort „Rosenkranz“ bezeichnet auch heute noch sowohl die spezielle Perlenkette, die als Zählhilfe dient, wie auch die dabei gesprochene Folge von Gebeten, in denen sich Anrufungen der Maria mit Betrachtungen über das Leben und Sterben Jesu abwechseln.

So erklären sich jene befremdlichen Hände und Füße, die in den Kranz aus Rosen eingebettet sind: sie symbolisieren die Wundmale des Gekreuzigten, derer man im „schmerzensreichen Rosenkranz“ gedenkt. Dass die Gottesmutter eine goldene Perle in der Hand trägt, verweist vermutlich auch auf die Gebetsschnur. Es wäre diesem schönen Altar zu wünschen, dass er nach der momentan laufenden „Notsicherung“ eine sachkundige Restaurierung und einen würdigen Platz bekäme.


Doberan

Nachdem ich die beiden lebendig-toten Herzöge gezeichnet hatte, versuchte ich es mit der Klosterkirche von außen. Ich wählte einen Platz mit schönen Licht-Schatten-Kontrasten, mummelte mich in Wolljacke und Anorak und brachte die Thermoskanne in Positur. Von außen strahlte der Bau jene gesammelte Klarheit aus, die das überladene Innere hatte vermissen lassen. Leider sprang der Funke nur zögerlich vom Gebäude auf die Zeichnung über: ich maß und verwarf und maß wieder, verlor mich in Strebepfeilern und Fensterbögen hörte irgendwann durchgefroren auf.

Erst vorgestern, drei Wochen später, nahm ich die Zeichnung wieder zur Hand und beschloss, ihr mit Schraffur und starken Kontrasten noch eine Chance zu geben.

Die Klosterkirche Doberan an einem windigen kalten Tag im Mai.

Kaum war ich im warmen Auto angekommen, stieg mein Schaffensmut wieder und ich zeichnete den vorderen Teil der Kirche, den Chor, wie ich ihn durch die Windschutzscheibe sah mit seinen schräg angebauten Kapellen, dem komplizierten Über- und Nebeneinander von Verstrebungen und polygonalen Dächern. Auch dies wurde vor Ort nur eine lineare Zeichnung.

Der Himmel hatte sich mittlerweile ganz zugezogen und es herrschte ein diffuses Licht und eine seltsame Farbstimmung zwischen Frühlingsgrün und Backsteinrot. Die habe ich heute versucht, herauszuholen und dabei auf mehrere Lasurschichten noch verschiedene Marker und Buntstifte gelegt.

Der Chor des Doberaner Münsters, vor Ort mit Füller gezeichnet und zu Hause koloriert.

Biddet Gott vor Hartich Baltzer

Am Tag nach Wismar besuchte ich Doberan. (Das Wetter hatte dem Wind noch Wolken hinzugefügt und ich fühlte mich an den Wintereinbruch mit Schnee erinnert, der uns Anfang Mai vergangenen Jahres am Rand der Schwäbischen Alb ereilt hatte.) Das Kloster Doberan war einst groß und mächtig gewesen und man merkt ihm auch heute noch an, dass es eher ein politischer als ein spiritueller Ort ist.

Das Münster ist innen reich mit Altären, Grablegen und gotischem Mobiliar ausgestattet – die eigentlich gebotene zisterziensische Schlichtheit trat hier mit den Jahren immer weiter zurück. Wie oft, wenn die Auswahl groß ist, meint man lange nichts rechtes zum Zeichnen zu finden, das eine hängt zu hoch, das andere ist abgesperrt und das dritte in schlechtes Licht gesetzt … Doch dann sah ich die beiden Ritterfiguren und hatte mein Motiv gefunden! Sie wirkten unkonventionell ihrer lebendigen, einander zugewandten Haltung und ausgesprochen weltlich im Habitus. Doch wer waren sie?

Erinnerungsstatuen der mecklenburgischen Herzöge Balthasar und Erich (um 1510)

Als ich durchgefroren wieder zu Hause ankam (ich hatte dann doch noch draußen gezeichnet) brachte ich den Rest des Nachmittags und Abends damit zu, das herauszufinden. (Weshalb Schrift und Farbe auch erst heute dazu kamen.) Das war gar nicht so einfach, tauchten sie doch weder auf Postkarten noch in den Kurzbeschreibungen auf. Erst der „Schlie“, eine mehrbändige Beschreibung aller Kunstschätze Mecklenburgs um 1900, kannte ihre Namen. Später fand ich sogar eine Monografie über die beiden: Es handelt sich um zwei mecklenburgische Herzöge, die Statuen sind so etwas wie Grabmäler. Nicht nur, dass diese Art der Darstellung für ihre Zeit und an diesem Ort ausgesprochen ungewöhnlich ist – es gibt auch noch ein besonders seltsames Detail. Die beiden so lebendig aussehenden Männer tragen merkwürdige Tücher um ihre Köpfe – es sind „Totenbinden“, eine Art angedeutetes Leichentuch, das darauf verweisen soll, dass die Stauen dem Totengedenken dienen: „Bittet Gott für Herzog Balthasar und für Herzog Erich“ lautet die Schrift, die an den Konsolen zu ihren Füßen angebracht ist.


Über Land II

Letzten Freitag folgte die nächste Landpartie: von Schwerin Richtung Nordwesten bis zur Lübecker Bucht. Meine erste Station war die Kirche von Mühlen Eichsen, die von einem steilen Hügel herab auf eine viel befahrene Kreuzung blickt. Seit vielen Jahren war ich immer mal wieder daran vorbei gefahren.

Der Hügel ist so steil, dass man beim Zeichnen entweder mit dem Hocker hintenüber fällt oder eine extreme Untersicht wählen muss – ich entschied mich für Letzteres. Gerade als ich mit der ersten Schicht Farbe fertig war – die zweite folgte zu Hause – kam ein alter Herr mit dem Kirchenschlüssel und einem Schild „Offene Kirche“, das aussah, als wäre es so alt wie er selbst. Bevor er aufschloss, erzählte er mir noch ausführlich die Geschichte seines kaputten Staubsaugers, wegen dessen Reparatur er jetzt in die Stadt fahren müsse und daher keine Zeit hätte …

Kirche von Mühle Eichsen bei Schwerin. Gezeichnet vor Ort, gekleckst zu Hause.

Über Grevesmühlen und am noch geschlossenen Kloster Rehna vorbei fuhr ich weiter Richtung Klütz. Das Landstädtchen hat als „Jerichow“ in Uwe Johnsons „Jahrestagen“ Weltruhm erlangt. Da das Literaturhaus leider auch noch im Quarantäneschlaf lag, bot sich wiederum die Kirche an – leider ohne „Offen“-Schild, dafür mit diversen Lärmquellen in der Umgebung. Etwas gereizt tobte ich mich in wilden Tintenschraffuren aus, zu denen die beiden Kaffeflecken vom nächsten Tag hervorragend passten. Bei der Kolorierung bin ich in dem Farbspektrum geblieben.

Bei Gut Brook, schon kurz vor Travemünde, erreichte ich die Ostsee. Das naturbelassene Steilufer im ehemaligen Grenzgebiet ist mein Lieblingsstrand in dieser Gegend. Hier saß ich eine ganze Weile einfach so da, bis ich vor der Heimfahrt doch noch zu Stift und Farbe griff.

Steilufer an der Lübecker Bucht bei Gut Brook.

Das allerletzte Blatt

Nach meiner Rückkehr aus Amsterdam hatte ich schon einmal über die allerletzten Blätter nachgedacht, die nur noch koloriert werden müssen, über die eine nicht ausgepackte Kiste vom vorigen Umzug und das halbvolle Irgendwas, das seit Monaten in der Küchenecke steht … Ein solches allerletztes Blatt kam mir heute unter die Finger, und obwohl oder vielleicht gerade weil ich zur Zeit an deutlich gewichtigeren Projekten stemme, musste es heute fertig werden.

Es war mein Abschiedsbild des letzten Pilgerweges, eine Stück hochkomplexer Dachlinie des Freiburger Münsters. Ich hatte die Zeichnung vor Ort begonnen und im Zug nach Foto noch ein bisschen daran rumgefriemelt. Später zu Hause arbeitet ich das Reisebuch chronologisch nach, Farbe, Beschriftung, Scan, Blog … bis, eben, auf das allerletzte Bild. Warum? Ich weiß es nicht mehr, nur, dass ich das Buch immer mal wieder aus der Kiste mit den leeren und und unabgeschlossenen Büchern gezogen habe und wieder reingestellt: mach ich später.

Heute war es soweit. Ein paar Pinsel voll Krappbraun, Umbra und Ultramarin holen mehr Farbe aus dem Motiv als seinerzeit, an einem grauen Oktobermittag, drin waren. Nun werde ich noch einen Aufkleber auf das Buch kleben und kann es endlich zu den „fertigen“ stellen. Es ist auch ein Abschied von einem vielversprechenden Format: Stillman&Birn Beta Square, also quadratisch. Obwohl ich quadratische Bücher liebe, passte es dann am Ende doch nicht: zu unhandlich unterwegs (17x17cm verlangen schon nach einer Unterlage), zu sperrig im Rucksack und aufgeklappt zu groß für den Scanner. Was ich sehr lieb gewonnen habe, ist die robuste Softcover-Ausgabe.


Porzellan

Vor einiger Zeit sah ich ein wunderbares Aquarell einer Meissner Porzellantasse, und da ich schon wusste, dass ich nach Dresden fahren würde, nahm ich mir vor, einen Abstecher in die Meissner Manufaktur zu machen. Als Achtjährige war ich dort schon einmal gewesen, auch damals konnte man den Porzellanmalerinnen schon auf die Finger sehen und ich erinnere mich daran, wie erstaunt ich darüber war, dass das ungebrannte Kobaltblau fast schwarz ist.

Mittlerweile ist alles neu und schick, es gibt vorher einen Film und einen recht zügigen Rundgang mit Audioguide. Beim Zeichnen musste ich wirklich fix sein und mehr als ein paar Umrisslinien waren nicht drin. Die Farbe habe ich zu Hause ergänzt, wobei ich mit diversen Markern anfing, um dann mit Pinsel und Farbe weiterzumachen.


Albertinum

Als ich vor einem Jahr in der großen DDR-Schau des Dresdner Albertinums war, hatte ich mir vorgenommen, mich bei meinem nächsten Besuch den Skulpturen der ständigen Ausstellung zu widmen. Viele sind es, sehr viele, durch alle Zeiten und Größen, von Antike bis Postmoderne, von handlich bis monumental.

Meine erste Wahl fiel auf den 1911 entstandenen „Siegerknaben“ von Sascha Schneider. Die Jugendstilästhetik mit ihrem Materialmix hatte es mir angetan.

Von ganz anderer Art ist Christian Volls „Frau, sich den BH öffnend“. Die 60 cm kleine Statue aus rotem Ton trennen nur elf Jahre von dem ätherischen Knaben – und mit ihnen ein ganzes Zeitalter. Der in Karslruhe wirkende Christian Voll schuf ein Kunstwerk von ganz anderer Erotik: erdverbunden, wahrhaftig und sehr menschlich. Ganz glücklich saß ich vor der Figur, die sich ihren Platz im Schaudepot mit vielen anderen teilen musste – und wegen dieses Ortes auch einen Inventarzettel trägt.

Beide Bilder sind im grauen Stillman&Birn Nova Buch entstanden, und zwar vor Ort mit einem sepiabraunen Polychromos-Buntstift. Farbe kam dann später: für den Knaben habe ich verschiedene Marker kombiniert und die Frau ist mit Aquarell und Deckweiß koloriert.


Zum Wetzstein

Es war um 2011 herum, als ich das erste Mal vom „Wetzstein“ hörte; ich weiß nicht mehr, wo und wie, doch stand ich (dienstlich in der Region unterwegs) nicht zufällig vor dem Buchgeschäft in der Freiburger Salzstraße. So hatte ich mir einen Buchladen immer vorgestellt, mit ganzen Sortimenten in den Regalen, mit Schränken voller Insel und Manesse, mit Lyrik- und Philosophieregalen, mit gerahmten Schriftstellerbriefen an den Wänden und Lederausgaben im Hinterzimmer.

Seitdem bin ich zwei drei Mal dort gewesen, immer, wenn der weite Weg von Schwerin mich dort vorbei geführt hatte. Nun, kurz vor meiner Abreise Richtung Schwäbische Alb, kam die Nachricht von der Schließung dieses so traditionsreichen wie einzigartigen Geschäfts – so beschloss ich einen letzten Abstecher dorthin.

Von Pfullendorf nach Freiburg sind es gute einhundert Kilometer Luftlinie – und als Nordlicht hatte ich mir die Karte noch nie genau genug angesehen, um zu wissen, wo mich die fünf Stunden Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln überall hinführen würden. Erstmal: Mit dem Bus bis zum Zug ab Sigmaringen, von dort im dramatischen Morgenlicht an Felsen und Burgen und Felsen und Burgen vorbei, um Kurven und durch Tunnel. Die Busfahrt von Donaueschingen nach Titisee bot Gelegenheit, die Mitreisenden zu zeichnen, bis die Reise mit der Höllentalbahn ein spektakuläres Finale fand. Auf nur 25 km überwindet sie 600 Höhenmeter, fährt über alte Viadukte, durch enge Schluchten und noch engere alte Tunnel …

In Freiburg ging ich gleich zum „Wetzstein“. Auf den ersten Blick sah die Buchhandlung aus wie ich sie in Erinnerung hatte; beim näheren Hinsehen waren da doch schon Lücken in den Regalen und viel mehr eingeschweißte Bücher als vordem. Ich stapelte ein Buch aufs andere und bekam einen Leseplatz im Allerheiligsten neben der Goethebüste und den Erstausgaben angewiesen, las, blätterte, sortierte und bat am Ende darum, mir die gekauften Exemplare zuzuschicken, so viele waren es geworden.

Das Geschäft wirkte dieses Mal ein bisschen einschüchternd auf mich; die Buchhändler(innen) schauten streng durch ihre dunkel gerandeten Brillen (wirklich, man sah einander sehr ähnlich!) unter grauem Haar – mehr als eine kleine, unbeholfene Skizze bekam ich drinnen nicht zu Stande. Die Zeichnung holte ich von draußen nach, in eine Decke gewickelt und mit einem heißen Tee.


Pfullendorf …

… ist, anders als der Name vermuten lässt, kein Dorf, sondern eine Kleinstadt in Bodenseenähe. Mein letzter Wandertag hatte von Wald noch einmal durch den Wald geführt, der hier schon hügeliger wurde und nicht mehr so sumpfig war wie am Vortag. Als er sich sich nach einigen Kilometern unvermittelt öffnete, hatte es auch die Sonne durch den Nebel geschafft und die Stadt lag mit schöner Silhouette am gegenüberliegenden Hang.

Wie immer, wenn ich schon denke, ich sei angekommen, zog sich der Weg – erst durch Gewerbegebiete, dann durch eine endlos scheinendende Neubausiedlung zur Wallfahtskirche „Maria Schray“ am oberen Stadtrand.

Als ich nach einer Rast aus der Kirche trat, hatte es sich bereits wieder zugezogen; am „Oberen Tor“ begann es zu tröpfeln, so dass ich sie nur in ihren Umrissen erfassen konnte. Das bunt bemalte Relief in seiner für das späte Mittelalter so typischen Mischung aus Volksfrömmigkeit und Bürgerstolz habe ich zu Hause nach Foto ergänzt.

Hinter derm Oberen Tor folgte ich der steil zum Markt abfallenden Hauptstraße. Prachtvolle Fachwerkhäuser prägen das Bild der Stadt – und sind doch hier, wie an vielen ähnlichen Orten, oft nur noch Fassade. Gewohnt wird im Eigenheim am Hang; der Trend zurück in die Innenstadt ist an den Kleinstädten bisher vorüber gegangen. Auch die Gaststätten haben sich dem angepasst – hinter „Adler“ und „Lamm“ findet man allzuoft nur noch einen Döner, während die moderne Erlebnisgastronomie an der Ausfallstraße stattfindet.

Und dann entdeckte ich das „Café Moccafloor“. Der große Raum, dessen hässliche Deckenverkleidung an ein vormaliges Schuhgeschäft erinnerte, quoll über von einem Sammelsurium an Sperrmüllmöbeln, Pflanzen, Kronleuchtern, Kuchenvitrinen, einem Klavier … umrahmt von türkis gestrichenen Wänden voller Spiegel und Bilderrahmen. Ein Ort, der geradewegs aus der gentrifizierten Mitte einer Großstadt hier her versetzt zu sein schien, mit dem Unterschied, dass an den Tischen nicht die üblichen Verdächtigen beim Matcha-Latte saßen, sondern Familien neben Frauen mit Markttaschen und einem Trachtenhut beim Bier.

Auch ich reihte mich dort ein mit Kaffee und Torte, blieb, bis das Bild fertig war, die Dämmerung einfiel und die Jakobus-Kirche geschlossen wurde, ich freute mich an diesem Nippes gewordenen Gegenentwurf zu AOK und Sparkasse hinter Fachwerkmauern, an dieser lebensfrohen Zuflucht für graue Kleinstadtnachmittage.


Von Meßkirch nach Wald

Zuerst fielen mir die Vögel auf den Antennen auf. Wann hatte ich zuletzt Antennen auf einem Dach gesehen? Das Haus darunter bemerkte ich später, als ich meinen Rundgang durch die überschaubare Innenstadt von Meßkirch beendet hatte. Ein Haus, das aussah wie die Abrisshäuser, in denen wir als Greifswalder Studenten gelebt hatten, in einer fernen, sagenhaften Zeit, in der ein Klohäuschen auf dem Hof zwar nichts Tolles, aber auch nichts Spektakuläres war.

Das Haus, dieses Meßkircher Haus, war seit der Plumpsklo- und Antennen-Zeit sichtlich nicht umgebaut worden, doch war es auch nicht gänzlich verfallen. Auf der kleinen Treppe, die zu Tür und Toilettenanbau führte, sah ich einen Oleander im Topf und eine ganze Batterie an Gießkannen – jemand nutzte diesen Ort. Wer, das bekam ich leider nicht heraus, doch ich nahm mir bis zum Dunkelwerden Zeit für Fensterbänke, Fachwerk und bröckelnden Putz. Zu Hause bin ich dann noch einmal mit Farbe darüber gegangen.

Am nächsten Morgen wandte ich mich der erhaltenen Architektur zu. Das Meßkircher Rathaus hatte ich schon den ganzen Morgen aus meinem Zimmerfenster betrachtet, und als die Putzfrau kam und ich ausziehen musste, setzte ich mich auf die Treppe darunter und zeichnete weiter: überquellendes Renaissance-Dekor, Säulen, Hermen, Schnecken, Wappen … Als sich der in der Bodenseeregion allgegenwärtige Nebel hob, war gleich noch einmal so viel davon zu sehen.

Gegen Mittag machte ich mich durch einen langen, herbstlich-heiteren Wald auf den Weg nach Kloster Wald. Das ehemalige Zisterzienserinnen-Kloster beherbergt heute eine Internatsschule, doch die Kirche ist der Öffentlichkeit zugänglich. In der fallenden Dämmerung zeichnete ich, was man in Barockkirchen immer reichlich findet: ein pausbäckiges, bubenhaftes Engelchen.

Alle drei Bilder sind in meinem schönen, aber leider wegen des quadratischen Formats etwas unpraktischen Stillman&Birn Softcover Beta Skizzenbuch auf mit etwas Aquarellfarbe vorgrundierten Seiten entstanden.