Nach Ostern

Dieses Jahr hatte ich Lust, ganz für mich ein paar Eier zu färben. Die Färberei waren früher stets eine große Familienaktion gewesen, mit Zwiebelschalen- und Walnussblätter-Orgien und Wettbewerben um Eier im Stein- und Holz-Look. Als Landärztin war ich mit Eiern stets sehr reich gesegnet gewesen. Auch dieses Jahr hatte ich auf Geschenke zurückgegriffen – vor allem der weißen und grünlichen Schalen wegen. Da die Zeit knapp war, beschränkte ich mich auf konventionelle Farben aus der Tüte. Nacheinander tunkte ich die Eier in verschiedene Farbbäder und freute mich daran, den knalligen Industriefarben eine individuelle Note zu verleihen …

Am Abend des Ostermontag sind die ersten Eier schon aufgegessen und der Farbkreis ist nicht mehr vollständig. Ohnehin tanzten die beiden gelben mit ihrer Leuchtkraft ein bisschen aus der Reihe.


Cupcake

Mit diesem Cupcake, ich gebe es zu, habe ich mich ganz schön geplagt. Zuerst gab es einen Versuch mit einer kolorierten Federzeichnung, eigentlich einem vertrauten Metier – doch das Ganze wurde schief und krumm und entbehrte jeder Leichtigkeit. Als klassisches Aquarell überforderte mich das Motiv restlos – besonders die komplizierten Schattenwürfe in der Cremehaube haben es in sich. Erst mit Aquarellfarben und etwas Deckweiß auf getöntem Papier war ich halbwegs zufrieden.

Ein Cupcake von der Schweriner Konditorei „Miss Törtchen“, mit Aquarellfarbe auf Stillman&Birn Nova Grey gemalt.

Zum guten Schluss konnte das liebevoll verzierte Törtchen dann auch noch gegessen werden – was sehr viel schneller ging als die bildliche Darstellung.


Stinte

In der Welt meiner Kindheit gehörten selbst geangelte Fische zum Alltag, Opa und Onkel brachten welche vorbei und als Heranwachsende zog ich selbst mit meinen Freunden zum Angeln los. Meist waren es die buchstäblichen kleinen Fische, die wir nach Hause brachten – Plötzen, Barsche, Ukelei … Von Stinten allerdings, die noch ein bisschen kleiner sind, hatten wir noch nie etwas gehört. Es sind Fische der Küstengewässer, die zum Laichen die Flussmündungen hochwandern, besonders die von Elbe und Weser. Und die lagen bekanntlich in einem anderen und den märkischen Seen sehr fernen Land.

Küchenfertig vorbereitete Stinte, mit Gouache auf grauem PaintOn-Papier gemalt. A4.

So lernte ich die Stinte erst viel später kennen. Saison ist von Februar bis April; auch in dieser Zeit bekommt man sie außerhalb Hamburgs nur sporadisch. Heute hatte ich auf dem Freitagsmarkt Gelegenheit, mich in die Schlange am Fischauto einzureihen und welche zu ergattern. Es sind etwas durchsichtige Fischchen von der Länge einer Handspanne, die merkwürdigerweise nach frischen Gurken riechen. Man kauft sie ausgenommen und ohne Kopf. So werden sie gesalzen und in Mehl gewälzt, bevor man sie kurz in heißem Öl brät. Ein echtes Fast- und Fingerfood! (Der Gurkengeruch allerdings wandelt sich in klassischen Bratfischgeruch, der zuverlässig bis zum nächsten Tag in der Wohnung hängt.)


Auf dem Fensterbrett …

… meines Wohnzimmers wird immer mal umgeräumt, es ist eine kleine Bühne mit saisonalen Akteuren. Jetzt, Anfang März, träumt sie von einer Osterdekoration in Pastelltönen. Höchste Zeit für ein Bild von dem, was dort in den letzten Wochen stand. („Nagori“ heißt es in Japan – „Die Sehnsucht nach der von uns gegangenen Jahreszeit“.) In diesem Winter waren das weiße Blumen in dunklen Gefäßen, eingerahmt von ein paar schwarz-grünen Bollhagen-Kleinigkeiten. Den großen Auftritt haben sie nicht bekommen, der ging an das warme Lampenlicht, das an diesem grauen Abend schon früh die Oberhand gewann. (Die Vase, obwohl sie so aussieht mit ihren Streifen und dem unnachahmlichen Winkelmaß der Mitte des letzten Jahrhunderts, ist nicht von Bollhagen.)

Gezeichnet habe ich auf etwas vorgrundiertem Stillman&Birn Beta im Ringbuch – und dabei in meinem neuen Grün geschwelgt, dem Green Apatite Genuine von Daniel Smith.


Süßigkeiten

Gestern war mal wieder Gelegenheit, über den Freitagsmarkt zu schlendern und in die angrenzenden Geschäfte zu schauen. Lange war ich nicht mehr in der Rösterei Fuchs gewesen; natürlich nahm ich neben dem Kaffee noch die eine oder andere Kleinigkeit mit. Und dann der neue Asia-Laden! Da heißt es, sich mit Augenmaß durchzuknuspern. Mochi zum Grüntee, die gab es schone ein ganze Zeit nicht mehr. Und da es draußen zwar sonnig, aber eisig kalt war, zeichnete ich mit gutem Gewissen eine Auswahl der netten Kleinigkeiten.

Eine kleine Auswahl origineller Süßigkeiten zum Tee.

Nach meinen Ausflügen ins Gouache-Land bin ich wieder zum gewohnten „Ink&Wash“ zurückgekehrt. Die Tinte ist neu, Platinum Carbon Ink. Ich sah sie in einem Versand als Patronen; für unterwegs natürlich ideal. Sie scheint mir nicht so dunkelschwarz wie die von deAtramentis, mal sehn, wie der Füller auf die Dauer mit ihr klarkommt.


Am Wasser

In diesem Winter habe ich die Wasservögel entdeckt. Zuerst, im Januar, als alles noch grau in grau war, stand ich eines Morgenspaziergangs am Schweriner Stadthafen vor einer schier paradiesischen Vielfalt an fliegendem, schwimmenden und watschelndem Getier. Waren die in den anderen Jahren nicht da gewesen? Oder hatte ich sie schlicht nicht gesehen? Vermutlich beides: viele Wintergäste kommen früher, bleiben länger oder fangen gleich ganz bei uns zu brüten an, was sie früher nie getan haben. Und wenn man erst einmal anfängt hinzusehen, findet man mehr und mehr – das ist bei den Vögeln nicht anders als bei den Pilzen.

Faszinierender Weise spielt sich das Wunder in Schwerin mitten in der Stadt ab, deren Zentrum direkt an den See grenzt. Im Bereich des Stadthafens scheint es besonders viele Fische zu geben, denn vor allem die Räuber waren reichlich vertreten: Möwen, Kormorane, Gänsesäger (Wer ist das denn? Sie kommen später ins Bild.), Reiher … Ja: als ich noch staunend vor der Versammlung stand und mich zu orientieren begann, erhob sich mit eins ein schneeweißer Silberreiher in den grauen Winterhimmel …

Seitdem bin ich jede Woche die verschiedenen Uferstellen abgegangen, habe (schlechte Handy)-Fotos gemacht und auch ein paar Skizzen. Letzteres ist gar nicht so einfach; am Seeufer ist es meist doppelt so kalt wie anderswo und außer den Enten halten die meisten Vögel einen gewissen Abstand zum Ufer.

Silberreiher – Ardea alba – Gouache auf grauem PaintOn-Papier von Clairefontaine, A4.

Seit einer Woche hat sich das Bild durch den Frost noch einmal gewandelt; die offenen Wasserstellen sind weit draußen auf dem See; nur am Pfaffenteich (einer Art kleiner Binnenalster) gibt es einen warmen Zufluss, an dem ein unglaubliches Getümmel herrscht.

Eigentlich wollte ich mehrere Vogelarten auf einem Bild vereinen und noch ein bisschen Landschaft zeigen – ich merkte bald, dass ich mich damit heillos übernommen hätte. So beschloss ich, bei einem Vogel zu bleiben und dabei ein bisschen Gouache zu üben. So ist dieser Silberreiher nach einer Fotovorlage von Pixabay entstanden.


Keine Kartoffel

Diese Kartoffel ist keine Kartoffel. Jedenfalls nicht im engen Sinn von Solanum tuberosum. Die Sorte „Mayan Gold“ wurde in Schottland aus einer anderen, nah verwandten Pflanzenart, Solanum phureja, gezüchtet. Sie ist von angenehmem, leicht süßlichem Geschmack und ungewöhnlicher, cremig-trockener Textur.

Vor ein paar Jahren hatte ich sie schon mal in einer Sortentüte, die ich für ein aufwändiges Zeichenprojekt gekauft und deren Inhalt ich dann auf dem Balkon ausgepflanzt hatte. Bei der Verkostung fand ich seinerzeit in der Schale weich gekochten Kartoffelbrei – die Kochzeit ist kürzer als bei herkömmlichen Kartoffeln. Dieses mal hat es besser geklappt und vielleicht pflanze ich mir diesen Sommer wieder welche auf die Terrasse.

Kartoffeln der Sorte „Mayan Gold“, mal wieder auf Stillman&Birn beta im Ringbuch.


Morgens kurz nach acht …

… ist eine Zeit, in der ich auch im Winter an freien Tagen eine Runde drehe; später kann ich mich oft nicht mehr aufraffen. Einer meiner Lieblingswege führt durch ein Stück altmodischer Vorstadt, in dem sich letzte Fachwerkhäuser (von der einfachsten Sorte) mit sozialem Wohnungsbau in Art déco und Backsteinexpressionismus treffen; das Seeufer ist mit kleinen Bootswerften und dergleichen bebaut. Natürlich dürfen auch Rotdorn und Linde nicht fehlen.

Das Licht des Bäckerladens – obschon längst zu einer Kette gehörig – scheint aus einer anderen Zeit zu uns herüber zu leuchten. Nur der Abstand der Wartenden markiert das Jahr.

Seit einigen Morgenrunden schon hatte ich mir vorgenommen, diese Ecke zu zeichnen. Natürlich klappte das nur bedingt: ein eisiger Ostwind kam über den See und vertrieb mich an meinen warmen Zeichentisch, wo ich das Bild fertig gestellt habe.


Friedrich der Gebissene (Leporello II)

So ein Leporello ist eigentlicher ein Papierstreifen – mit einer Vorder- und einer Rückseite. Die Vorderseite hatte sich auf einer Grundierung mit leuchtenden Herbstfarben über einige Tage gefüllt; blieb noch ein letzter Urlaubstag für die Rückseite. Das Wetter war grau und ein bisschen regnerisch, ich passte die Farbstellung daran an und fuhr nach Meißen, wo die Albrechtsburg notfalls Innenräume für ganze Zeichenwochen geboten hätte.

Erst einmal war das Wetter ganz erträglich und ich zeichnete den Blick vom Terrassengarten eines der Cafés auf der Burg.

Dann entschloss ich mich hineinzugehen. Die Meißner Albrechtsburg gilt als der erste Schlossbau Mitteleuropas; keine nachträglich wohnlich ausgestattete Verteidigungsanlage, sondern ein Neubau zu Wohn- und Repräsentationszwecken. Architektonisch handelt es sich um reine Gotik, in einer späten, überreifen Form. Berühmt sind die „Zellengewölbe“, manieristisch auf die Spitze getriebene Gewölbekonstruktionen, und die modern wirkenden „Vorhangfenster“.

Die Burg teilte das Schicksal ähnlicher Bauprojekte: als sie fertig war, wurde sie nicht mehr gebraucht, weil die politischen Verhältnisse sich geändert hatten. August der Starke ließ seine Porzellanmanufaktur dort einziehen und erst das 19.Jahrhundert mit seiner Mittelaltersehnsucht verhalf ihr zu nostalgisch-neuem Glanz.

Für Zeichner ist die Burg ein Paradies! Die zahlreichen Räume auf drei Etagen wirken entweder durch ihre Dekoration oder sie beherbergen sparsam platzierte kultur- und architekturgeschichtliche Ausstellungen, man kann sich überall hinsetzen und den Raumeindruck genießen.

„Der alten Herzogin Gemach“ ist einer der typischen Räume im Mittelgeschoss, die einmal als Wohnräume konzipiert waren. Das „Vorhangfenster“ erlaubt einen weiten Blick ins Land.

Die Repräsentationsräume im ersten Stock sind, ähnlich wie in der Eisenacher Wartburg mit überbordenden Wandmalereien und neogotischen Dekorationen geschmückt. Hier hatten es mir die mindestens lebensgroßen, bunt bemalten Herrscherfiguren angetan, die in einer Zeit entstanden sind, als breitbeinig zur Schau getragene und mit diversen phallischen Symbolen dekorierte Männlichkeit ein noch unbezweifeltes Ideal war. Den ganz rechten Herrn habe ich von einem Wandbild abgezeichnet: „Friedrich der Gebissene, Sohn Albrechts des Entarteten“ – der musste einfach mit! (Die Beinamen sind authentisch.)

Johann Georg II. von Sachsen, Heinrich der Vogeler und Friedrich der Gebissene.

Zum Schluss gab es noch einmal einen Caféterrassenblick – dieses Mal schon am Fuß der Burg.

Blick von der Konditorei Zieger auf die Burgstraße; es dämmert schon.

Leporello I

In Mozarts Oper „Don Giovanni“ gibt es eine Szene, in der Leporello, der Diener des Titelhelden, ein Register von dessen Liebschaften anfertigt – bühnenwirksam auf einem sehr langen, im Zickzack gefalteten Papierstreifen. So kam das Ziehharmonika-Büchlein zu seinem Namen.

Mein erstes Leporello habe ich vor zwei Wochen in Dresden bei Gerstäcker gekauft, von Hahnemühle, handschmeichelnd klein und quadratisch. Es schien mir das Richtige für ein paar Tage, die ich vorwiegend in Gesellschaft verbringen würde und wo Zeichenzeit eher nebenbei anfallen würde. Schon im Harz hatte ich damit begonnen, meine Zeichengründe mit Aquarellfarbe zu grundieren – so färbte ich auch gleich den ganzen Leporello in Herbstfarben ein.

Auch eine bunte Paprika, die auf dem Küchentisch meiner Ferienwohnung lag, beteiligte sich an der Farbwahl.
Bei einem Spaziergang an der Elbe begeisterte mich der Blick auf das (hell)blaue Wunder vor dunklen Wolken.
Natürlich gab es hinterher auch etwas zu essen und zu trinken.

Am nächsten Tag gab es einen Ausflug in der Tharandter Wald. Hier, in einem ausgedehnten Waldgebiet am Rand des Erzgebirges, hat im 19.Jahrhundert die moderne Forstwirtschaft ihren Anfang genommen. Steigt man in Tharandt aus dem Zug, blickt man zu einer Burgruine hoch, die einem seltsam bekannt vorkommt: viele Maler des 19. Jahrhnderts haben sie gemalt. Oben angekommen, blickt man in ein Tal wie aus der Modelleisenbahn – und auf ein höchst seltsames Gebäude in einem bizarren, pseudo-orientalischen Stil. Es ist das „Neue Schloss“, dessen Türmchen neben der Burg dünn und seltsam flach in die Höhe ragt.

Noch ein Stück bergauf hinter der Burg beginnt der Forstbotanische Garten voller seltener Gehölze, einige sind schon über hundert Jahre alt. Mittendrin steht ein putziges Häuschen im Chalet-Stil, ein bisschen Museum, ein bisschen Laden, ein bisschen Café.

In Tharandt.

Die letzten Abschnitte dieser Seite des Leporellos füllte ich mit Eindrücken von einem Familienausflug in die Sächsische Schweiz.

Felsen im Uttewalder Grund.
Und wie das so ist bei gemeinsamen Unternehmungen – Gelegenheit zum Zeichnen ist meist bei der Einkehr.