Über Berg und Tal II

Weiter geht es mit meinem Reisebericht, der mittlerweile ein Rückblick geworden ist. In Rottenburg (von dem ich nicht eine einzige Zeichnung mitgebracht habe) verlassen wir das Neckartal und biegen nach Süden ab. Von jetzt ab gibt es, im Vorland der Schwäbischen Alb, wieder ausgedehnte Waldgebiete – wenn sich auch die Zersiedelung in den kleineren Tälern weiter ins Land frisst. Am nächsten Wandertag bekommen wir davon jedoch wenig mit.

Pflanzenstudien am Wegrand.

An den Wegrändern begleiten uns einige Pflanzen, die wir von unserem Zuhause im Nordosten Deutschlands nicht kennen; schließlich lege ich mir sogar eine Bestimmungs-App zu, die zuverlässig auch offline funktioniert.

Auf halbem Weg eine Rast am Bach.
Vor der letzten Etappe ziehen Regenwolken auf …
… und verhelfen der Burg Hohenzollern zu einer grandiosen Kulisse.

Die Burg Hohenzollern bestimmt von nun an die Landschaft. Doch bis wir dort ankommen, haben wir noch eine Tagesetappe zurückzulegen. Sie führt an Schloss Lindich vorbei, einem wenig harmonischen Konglomerat aus Schloss (privat, mit hohem Zaun), einer Reitanlage und verfallenden Nazi-Baracken (mit Stacheldrahtzaun und in Zwangsversteigerung, wie ich lese.) Dazwischen ein edles Restaurant, in dessen Garten wir rasten, während es aus einem zugezogenen Himmel immer mal tröpfelt.

Die Skizze der skurill beschnittenen Linden verleitet mich zu Hause zu Farb- und Stempelexperimenten.

Über Berg und Tal

Weiter geht es mit den Erinnerungen an die Frühlingswanderung.

In Tübingen bekam ich, zum fast ersten Mal auf dem Pilgerweg, Gesellschaft: Meine Tochter würde mich vier Tage lang begleiten.

Da es der 1.Mai war und nachgerade sommerliches Wetter (das sollte sich noch radikal ändern), war der Weg zur Wurmlinger Kapelle fast so voll wie auf einer Maidemonstration. Der allgegenwärtige Hölderlin ist ihn natürlich auch gewandert – besungen wurde der Ort aber dann vom Romantiker Uhland.

Trotz der vielen Menschen und der prallen Sonne schaffte ich zwei schnelle Skizzen, die ich zu Hause mit Farbe und Collage ergänzte.

Die Wurmlinger Kapelle von Süden.
Während ich zeichne, liest meine Tochter unter einem Apfelbaum.

Urban Sketching

Zeichnen ist seiner Natur gemäß eine etwas einsame Angelegenheit: die Hände sind mit Stift und Papier beschäftigt und der Geist wendet sich möglichst ungeteilt dem Motiv zu. Um so lustiger wird es, wenn sich eine Handvoll Leute treffen, um genau das gemeinsam zu tun: Urban Sketching.

Heute gab es einen Zeichentag in Schwerin, und vom Schweriner Stadtrand bis nach Hamburg, Lübeck, Eutin und Kiel waren Gäste gekommen.

Der Schweriner Dom vom Café Rothe in der Puschkinstraße aus.
Zeichenpause.
Nach der wuseligen Innenstadt tat es gut, unter den Linden an der Schelfkirche zu sitzen.

Bebenhausen oder: 34.000 Eier für einen Turm

Kloster Bebenhausen hat etwas von einem Sagenort. Umgeben vom „Schönbuch“, einem alten Reichswald, schmiegt es sich in eine Talsenke. Es wurde im Ring einer vorbestehenden Burg erbaut und ist noch heute umgeben von Wassergraben, Mauerkranz und Türmen, auch die Wirtschaftsgebäude aus Fachwerk sind noch da; in einem hatte ich mein Nachtquartier.

Zum Glück hatte ich am nächsten Tag ausreichend Zeit. (Naja, für Zeichner reicht die Zeit natürlich nie.) Erst einmal versuchte ich mit einem Bilderbogen die Fülle an Motiven zu erkunden: den Kreuzgang mit seinen filigranen Maßwerkfenstern (keins gleicht dem anderen!), die zahlreichen romanischen und gotischen Säle, die Kirche von außen und innen …

Ein Bilderbogen aus dem Bebenhausener Kloster. Die Figur mit dem „Salat“ in den Händen ist auf einem Wappen an der Kanzeltreppe zu finden.

Der filigrane Dachreiter (geradezu eine Essenz von Gotik) ist so etwas wie das Markenzeichen des Ortes. Er wurde der zisterziensischen Schlichtheit erst im Spätmittelalter zugefügt, als die strengen Ordensregeln schon etwas gemildert waren. Der Dachreiter ist auch alltagsgeschichtlich interessant, hat sich doch die komplette Baukostenabrechnung erhalten. So wissen wir, dass die Bauarbeiter – einschließlich der Arbeiter im Steinbruch – in den gut zwei Jahren Bauzeit neben vielem anderen 30 Zentner Wildschwein und 34.145 Eier aßen und solche Mengen an Wein tranken, dass dieser den größten Posten auf der Rechnung ausmachte.

Ein Grüner Mann an der Kanzel.

Den Grünen Mann finden wir auf einem Treppenpfosten der Kanzel. (Ich liebe Grüne Männer.) Innerhalb des zisterziensischen Graus (Farben und Schmuck durften nur sehr zurückhaltend verwendet werden) hat diese Kanzel aus der Reformationszeit eine irritierende Wirkung. Sie quillt über von Dekor und Farbe, Säulen und Säulchen würden einem Hundertwasser-Haus gut zu Gesicht stehen; und inmitten von üppigem Renaissancedekor tummeln sich pralle und ziemlich nackte Putten und Engel beiderlei Geschlechts – kurz nach der Reformation war der Protestantismus anscheinend nicht überall puritanisch.

Nach Bilderbogen und Grünem Mann habe ich mir im Kapitelsaal noch eine richtig gründliche perspektivische Studie gegönnt. Der Kapitelsaal ist einer der ältesten Räume im Kloster, architektonisch an der Schwelle von der Romanik zur Gotik; er diente als täglicher Versammlungsort.

Studie aus dem Kapitelsaal des Klosters. Die Farbe kam erst zu Hause.

Bilderbogen II

Wie jedes Jahr auf dem Pilgerweg komme ich zwar zum Gehen und Zeichnen, bin dann abends aber zum Schreiben meist zu müde. Heute ist Ruhetag in Tübingen und ich kann nun einige der in den letzten Tagen entstandenen Bilder zeigen. Einige sind wieder im „Bilderbogen-Stil“ gehalten.

In den letzten drei Jahren bin ich immer mit zweigleisigem Zeichenmaterial gereist: auf der einen Seite das gebundene Buch, auf der anderen ein Block Postkarten. Da habe ich mir auf die Dauer selbst auf die Füße getreten, welches Motiv wohin; auf den Postkarten war ich natürlich viel lockerer und wenn im Buch die Seiten knapp werden, fällt die Motivauswahl doppelt schwer. Also habe ich dieses Jahr noch ein zweites Buch im Gepäck, wenn das erste voll ist, geht es mit dem zweiten weiter und immer schön chronologisch und nicht nach vermeintlichem Wert sortiert …

Hinter Esslingen kam der Regen und es wurde kalt. Trotzdem habe ich mich in Denkendorf für die kalte Klosterkirche und nicht für die warme Gasthausstube entschieden. Kloster Denkendorf ist, wie viele Klöster in Württemberg, nach der Reformation in eine evangelische Internatsschule umgewandelt worden und dadurch in seiner Grundstruktur erhalten geblieben.

Maßwerkfenster in der Denkendorfer Klosterkirche – es regnete und ich hatte Zeit.

Am nächsten Tag war es freundlicher, wenn auch noch deutlich kühl. Das mittelalterliche Sühnekreuz – man sieht sie hier öfter – leuchtete im gelben Morgensonneschein, der die Berge der Schwäbischen Alb dahinter um so blauer erscheinen ließ. Der andere Stein ist mit einer Sage verbunden – der Württembergische Herzog Ulrich hat sich hier während eines Bürgerkriegs versteckt gehalten, was später lokalgeschichtlich überhöht wurde. Diese Überhöhung wiederum hat Hölderlin zu dem späten und ziemlich verrätselten Gedicht „Der Winkel von Hardt“ angeregt. (Überhaupt ist hier alles Hölderlin, so wie anderswo alles Goethe ist.)

Weiter ging es am folgenden Tag – vorgestern – eine lange Strecke durch frühlingshaft freundliches, frisch gewaschenes Land, über Streuobstwiesen und durch den „Schönbuch“, Tübingens Hauswald, nach Bebenhausen zu. Gleich früh sah ich auf einer Weide eine kleine Herde Rinder: zwei Mutterkühe, zwei Färsen und eine Milchkalb. Es waren wunderschöne Tiere, deren Abstammung und Verwandschaft mir der Bauer, der bald darauf kam, ausführlich erläuterte. Eine wirklich herzerwärmende Begegnung.

Die Zeichnung dieser schönen Tiere habe ich vor Ort mit einem wasserfesten Farbstift begonnen und bei den nächsten Regenrasten im Gasthof noch mit etwas Stift und Aquarellfarbe überarbeitet.

Orte

In den letzten drei Wochen war ich so von gleich zwei mit diesem Blog nur wenig kompatiblen Projekten beansprucht, dass zum Zeichnen nur ein kleiner Platz blieb. Keine Frühstücksbilder, keine Blumen und leider auch keine Menschen im Café … nur drei Skizzen von Orten, von kleinen Pausen auf der Durchreise und auf dem Morgenweg …

Alte Kachelofenfabrik in Brüel.

Fährt man von Schwerin nach Güstrow, kommt man nach 20 km an Brüel vorbei, einem Ackerbürgerstädtchen von nicht einmal dreitausend Einwohnern. Der kleine Ort zieht sich mit zwei Straßen über einen Höhenzug, der von sumpfigen Wiesen und einem Flusslauf umgeben ist; Neubaugebiete werden so auf Abstand gehalten. Eine altmodisch schmale Allee führt ortsauswärts und zu einer alten Fabrik, lange verlassen und von einer Katzenfamilie bewohnt, die sich in den Fenstern sonnt.

Kaum habe ich meine Zeichnung begonnen, spricht mich eine Dame an; die Mutter des jetzigen Besitzers. Von ihr erfahre ich, dass hier einmal Ofenkacheln gebrannt wurden und noch eine Menge mehr – bis zur Anzahl der Katzen … (die zu füttern sie gerade unterwegs ist.) Ich soll doch wiederkommen, wenn ihr Sohn da ist, er würde mir die Anlage zeigen und ich könnte den ganzen Tag dort zeichnen …

Morgenblick auf das Schweriner Schloss.

Am nächsten Wochenende steckt das kleine A6-Hahnemühle-Buch (zu dem ich nach einem Ausflug in größere Formate zurückgekehrt bin) beim Morgenweg in der Jackentasche. Den Sonnenaufgang habe ich um eine halbe Stunde verpasst, doch das Schloss im Morgenlicht entschädigt mich. Leider ist es zum Sitzen noch zu feucht, so dass die kleine Skizze samt Kolorierung im Stehen fertig – und dann auch noch trocken! – werden muss.

Die Sternberger Kirche von Süden.

Letztes Wochenende, wieder auf dem Weg nach Güstrow, habe ich in Sternberg Rast gemacht. Hier führt die Ortsumgehung direkt an der eindrucksvollen alten Stadtbefestigung entlang, die Kirche mit ihrem dicken Turm ist auf jeder Durchreise eine Einladung zum Zeichnen. Natürlich war auch dieses Mal wieder die Zeit knapp – anderthalb Stunden blieben für Kaffee, Motivsuchspaziergang und schlussendlich das Bild.

Der Ort, den ich zum Zeichnen gefunden hatte, war traumhaft: ein ungestörter Sitzplatz mit Blick auf die im Streiflicht prunkende Südfassade der Kirche, nur: wie bringt man so viel Pracht in zwanzig Minuten unter? Ich entschied mich für „erst-Farbe-dann-Linie“. Allerdings habe ich einen Tag später noch die Schatten vertieft – und gemerkt, dass es manchmal überhaupt nichts macht, wenn die Perspektive nicht stimmt.

Im Übrigen schien in dieser Sonntagsidylle die Eile in der Luft zu liegen. Während ich zeichnete, ging die Feuersirene und kurz darauf brauste ein Auto auf den Hof des Gemeindehauses, auf dessen Treppe ich daß. Natürlich brachte ich beides in meiner Versunkenheit gar nicht miteinander in Verbindung – erst als der freiwillige Feuerwehrmann, sich auch noch freundlich entschuldigend, mit einem Satz über meine Malutensilien sprang, ging mir ein Licht auf.


Kaufmannsladen

An einem der seltenen freien Nachmittage in einem Café zu zeichnen ist ein kleiner Bissen Urlaub. Heute war ich früh genug in der Stadt, um in der sonst immer überlaufenen Rösterei Fuchs noch einen ruhigen Fensterplatz zu ergattern – da saß ich dann sehr zufrieden und schaute von hinten auf den Verkaufstresen. Der „Fuchs“ ist Rösterei, Café, Bistro und Confiserie: in hohen Regalen stapeln sich die pastellfarbenen Schokoladen einer bekannten Edelsorte, und auf dem Tisch neben der schönen analogen Kaffee-Waage stehen Bonbongläser mit kleinen Leckereien aus aller Herren Länder. Je grauer es draußen wurde, desto bunter wurden die süßen Sachen auf meinem Blatt – bonbonrosa eben. Und am Schluss sah es aus wie in einem dieser pädagogisch wertvollen Kaufmannsladen-Spiele …

Am Verkaufstresen der Schweriner „Rösterei Fuchs“.