Zug um Zug

Im Winter fahre ich, entgegen allen guten Vorsätzen, selten mit dem Zug zur Arbeit – in der dunklen Zeit macht der sonst so geliebte Bahnhofsweg durch Schwerin und Ludwigslust einfach keinen Spaß. Dabei habe ich es gut: auf unserer Strecke sind die Züge sauber, leer und pünktlich und die halbe Stunde ist lang genug, um die Malsachen auszupacken.

Nun, wo die Tage wieder länger werden, nehme ich den Weg am Pfaffenteich entlang wieder auf und genieße die geschenkte Zeit.

Noch fährt der Regio im Dunkeln
Drei Wochen später erfreut mich schon ein grandioser Sonnenaufgang.


Dreimal schwarze Kanne

Die kleine schwarze Kanne fasst knapp vier Tassen Tee; sie hat als Alltagskanne schon meine Kindheit begleitet und ist, fast ein Wunder in über fünfzig Jahren, unbeschädigt geblieben. Heute benutze ich sie nur noch selten, doch wenn, hole ich dazu noch das andere, eben so vorsichtig verwendete schwarz-grüne oder dunkelrote Bollhagen-Geschirr raus. Dabei ist die Kanne selbst gar nicht von Bollhagen, jedenfalls trägt sie keine Marke, auch wenn sie perfekt den Geist – man kann es auch einfach die Mode nennen – der 50er, 60er Jahre verkörpert.

Zeichnen wollte ich sie schon lange mal; jetzt ist eine kleine Serie daraus geworden, mit unterschiedlichen Zeichenmaterialien.


Die Versionen 2 und 3 sind beide heute entstanden, und zwar auf mit etwas Wasserfarbe vorgrundiertem Papier.


Alpenveilchen

„Wie heißt die Blume dort?“ – – – Meine greise Mutter kann sich Begriffe nicht mehr gut merken, und so fragt sie bei jedem Besuch aufs Neue, sichtlich erfreut von den kräftig purpurn leuchtenden Blüten. Am Silvestertag war für mich endlich die Gelegenheit für eine Skizze gekommen.

Ich habe das Bild ganz ohne Vorzeichnung mit dem Pinsel angelegt und die sparsamen Tintenstriche in rot und grün zu Hause ergänzt, dabei auch die Farbtöne noch einmal etwas vertieft. Mein dezeitiges Skizzenbuch ist ein Stillman&Birn Zeta mit glattem, kräftigem, wunderbar plan liegendem Papier, das sich mit Übergängen und Verläufen schwerer tut als mit feinen Linien.



Lemon Curd

Am Wochenende vor Weihnachten habe ich es dann doch noch geschafft, ein paar Plätzchen zu backen, und neben denen mit Nüssen und Mandelkern haben sich auch solche mit Lemon Curd in den Kreis der Familienrezepte geschlichen. Lemon Curd ist eine weiche Creme aus Butter, Eiern, Zucker und Zitronen; mein Rezept für diese very britische aromatherapeutische Süßigkeit stammt noch aus der DDR-Zeitschrift „Magazin“, in der Ursula Winnington, „die Biolek des Ostens“, ihr Küchenkolumne betrieb.

Bevor es mit dem Kochen losging, habe ich mir noch drei Zitronen auf den Frühstückstisch gelegt und schnell mit Kugelschreiber skizziert – Text und Farbe kamen erst heute dazu.


Die Zeichnung der drei Zitronen habe ich mit Kugelschreiber angefertigt – für mich ein ungewohntes Medium – und dann zügig und locker mit Aquarellfarbe koloriert. Nach den A6-Heften darf es jetzt wieder etwas größer sein: mein derzeitiges Zeichenbuch ist ein 18×23 cm ZETA-Ringbuch von Stillman&Birn, ein Format, das ich sehr schätze.


Laternenkinder

Beim Zeichnen der Erzgebirgsengel erinnerte ich mich an die Weihnachtspyramide meines Jahrgangs – 1960 – die meine Kindheit und noch viele Jahre danach begleitet hatte und vor einiger Zeit anfing zu zerfallen. Die Laternenkinder, die viele Jahre lang um den Tannenbaum gelaufen waren, verloren Arme und Beine, die Farbe blätterte ab und das ganze, einmal so hübsch gewesene Stück löste sich auf eine Weise auf, die auch eine Restaurierung nicht mehr sinnvoll erscheinen ließ. Nachdem die Einzelteile ein paar Jahre in einer Tüte verbracht hatten, war nun die Zeit des Abschieds gekommen.




Winterliches II

Ein Engel kommt selten allein – oder war die ganze Schar Leuchterengel vergangene Woche noch gar nicht angekommen? Ich war so verzaubert von dem großen Kranzengel, dass ich sie nicht bemerkt hatte; erst, als ich vor einigen Tagen ziemlich spät am Abend an dem Schaufenster vorbeikam, sah ich die Versammlung. Es wurde gerade kalt, der Wind zog scharf um die Ecken und ich beschränkte mich auf eine Bleistiftskizze. An den nächsten beiden Tagen kam dann, immer mal zwischendurch ein paar Pinsel voll, die Aquarellfarbe dazu.


Erzgebirgische Leuchterengel im hell beleuchteten Schaufenster des Schweriner „Formost“-Ladens, gezeichnet im A6 Aquarellbuch von Hahnemühle.

Einige Tage vorher hatte ich endlich die beiden Granatäpfel abgebildet, die beim Warten darauf schon ganz trocken geworden waren. Als ich sie nach getaner Zeichnung endlich aufschnitt, waren sie innen noch erfreulich frisch und saftig.


Zwei Granatäpfel – am Morgen des 2.Advent gezeichnet. Stillman&Birn Beta mit grauer Tinte von Noodlers und Wasserfarbe von White Nights (die Rottöne) und Schmincke (das Gold und das Grün.)



Güstrow

Gestern war ich zum Zeichnen in Güstrow, und natürlich ging es zuerst in den Dom. In der überbordenden Fülle der Motive hielten wir uns – ich war mit einer Zeichenfreundin dort – an das bekannteste Motiv: den schwebenden Engel von Barlach. Es war eine schöne halbe Stunde dort in der Seitenkapelle; jemand übte Orgel und der Küster störte uns nicht, obwohl eigentlich schon Mittagspause war. 

„Der Schwebende“ – Plastik von Ernst Barlach im Güstrower Dom.

Erst im Gehen merkten wir, dass wir doch ganz schön durchgefroren waren; und leider wurde uns auch an unserem nächsten Ziel, der Getrudenkapelle, nicht wärmer. Ein wenig außerhalb der alten Stadtbefestigung steht die gotische Kapelle auf dem Gelände eines ehemaligen Friedhofs. Die Kapelle ist einer der beiden Ausstellungsorte von Barlachs Werken in Güstrow – der zweite, sein Atelierhaus, liegt etwas außerhalb der Stadt. 

Zuerst wollte ich wieder eine der Skulpturen zeichnen, doch dann entschied ich mich für den Raumeindruck dieses stillen und gesammelten Ortes, an dem nichts dir Wirkung der Plastiken stört. 

In der Güstrower Gertrudenkapelle.

Leider vertrieb uns die Kälte doch recht bald, und nachdem wir uns in einem Café aufgewärmt hatten, fiel schon die Dämmerung ein. Eine letzte halbe Stunde lang sahen wir uns noch in dem kleinen Museum der Güstrower Stadtinformation um, und ich blieb ganz begeistert an einer Musikbox aus den 50er oder 60er Jahren hängen, einem Gegenstand von aus der zeit gefallener Ästhetik und Mechanik; und doch erinnerte ich mich, als Kind mit großen Augen vor solchen Geräten gestanden zu haben. 

Eine Musikbox in der zeitgeschichtlichen Abteilung des Güstrow-Museums.