In der Stille

Nach dem beflügelnden Freitag begann der Samstag in Bremen etwas mühsam. Ich hatte das Stichwort „Backsteinexpressionismus“ gelesen und mich für ein gemeinsames Zeichnen in der Böttcherstraße angemeldet, ohne noch genau zu wissen, was mich erwarten würde. Diese „Straße“ – „Gasse“ würde besser passen – ist ein Gesamtkunstwerk aus Backstein, vor etwa hundert Jahren erbaut und aus verschiedenen Gründen nicht unumstritten. Leider gehört diese enge Gasse zu Bremens Hauptattraktionen, die Menschen schoben sich hindurch, es war laut, voll und zudem noch regnerisch und kühl.

Auch im Dom war oberirdisch noch ziemlich viel Betrieb (Sonnabend Mittag), doch dann folgte ich dem Schild „STILLE“ zur Krypta hinunter und fand mich in einer anderen Welt wieder.

In dem gedämpften Licht zeichnete ich mit Bleistift zwei der Säulen mit den typischen romanischen Würfelkapitellen, dann wagte ich mich wieder nach oben. Im Gehen konnte ich noch einen Blick auf das Werk eines befreundeten Zeichners werfen, der ebenfalls hier unten gesessen hatte und den Raum in einer für ihn typischen Fast-Monochromie aufs Papier gebracht hatte.

Oben fand ich die Schweriner Freunde wieder, lange saßen wir im „Bibelgarten“ des Doms und ich lasierte die Bleistiftzeichnung mit wenigen stumpfen Erdtönen. Als die getrocknet waren, griff ich zu verschiedenen Graphitstiften, klassischem „Blei“Stift ebenso wie ölbasierten; heute, zu Hause, wiederholte ich die Prozedur noch einmal mit weißer Graphitkreide. (Der dunkel granulierende Ton im Hintergrund ist kein Graphit, sondern Hämatitschwarz.)

Am Ende hatte ich, was selten gelingt, meine Intention wenigstens in Teilen umsetzen können, etwas von der schwebenden, gedämpften Stimmung dieses wunderbar harmonischen Raums bewahren zu können.


Urban Sketching

Vor fast zwanzig Jahren, 2007, hatte der in Seattle lebende spanische Graphiker Gabriel Campanario eine Idee. Campanario war bei der „Seattle Times“ als „Visual Journalist“ angestellt, als zeichnender Journalist, und er lud Gleichgesinnte ein, gezeichnete Reportagen ihrer Lebenswelten auf einer gemeinsamen Plattform zu veröffentlichen. 

Die Grundidee des Urban Sketching war geboren. 

Bald öffnete sich der handverlesene Kreis geladener Gäste, Tausende Menschen nahmen den Gedanken auf, schlossen sich zu lockeren Gruppen zusammen und veröffentlichten ihre Werke im sich explosionsartig vergrößernden interaktiven Internet.

Neben der Authentizität ist das gemeinsame Zeichnen zu einem Markenkern der Bewegung geworden. Es gibt kleine informelle Veranstaltungen ebenso wie regelmäßige große Treffen, auf Landesebene und sogar weltweit, dabei ist das Ganze eine vorwiegend von Ehrenamtlichen getragene Graswurzelbewegung geblieben.

In diesem Jahr war Bremen die Gastgeberstadt des alljährlichen Deutschlandtreffens. Ich war einen Tag vor der offiziellen Eröffnung angereist und ließ mich durch die Stadt treiben, in der schon hier und da die ersten Zeichnenden auf ihren Hockern zu sehen waren. Ich fror ein bisschen und blieb erst einmal drinnen in der Liebfrauenkirche vor einem der modernen Glasfenster.

Später nahm der Tag Fahrt auf, die Schweriner Freunde trudelten ein und nach der beseligenden Auftaktveranstaltung fanden wir uns auf dem Marktplatz wieder. Hier blieb mir einfach nichts anderes übrig, als den Bremer Klassiker ins Buch zu bringen – Dialog von Mittelalter und Moderne, Kirche und Welt, Dom und Bürgerschaft.

Ausnahmsweise breitete ich das Bild über zwei Buchseiten aus, wobei die Ringbuchspirale die beiden unterschiedlichen Welten sowohl trennt als auch verbindet. (Kurze Erklärung: die Bremer Bürgerschaft ist der „Landtag“ des Stadtstaates, das Gebäude in der Formensprache der Moderne behagte in den 60er Jahren nicht jedem.)


Magdeburg

Der Weg nach Thüringen – dieses Mal mit dem Auto – führte mich über Magdeburg. Auch wenn ich nie in der Stadt gewohnt habe, ist sie mir doch durch familiäre Verbindungen nahe. In den 1950er Jahren hatte meine Mutter einige Jahre dort gelebt, und ich stelle mir die Bühne dieses Lebens vor wie die ins Ostdeutsche gewendete Version eines frühen Romans von Böll: eine schwer beschädigte Domstadt am Fluss, notdürftig beräumte Ruinen, Kälte, Mangel, Kohlenrauch in der Luft …

(Die Zerstörung durch die Fliegerbomben des Zweiten Weltkriegs war etwas wie eine Retraumatisierung gewesen: 1631 war die reiche Handelsstadt Magdeburg auf dem Höhepunkt des Dreißigjährigen Krieges mit furchtbarer Brutalität geplündert und niedergebrannt worden, etwa 20.000 Menschen waren dabei ums Leben gekommen. Dieser Vorgang war selbst vor dem Hintergrund dieses an Gräueltaten nicht armen Krieges beispiellos.)

Ab den 1960er Jahren wurde Magdeburg zu einem Zentrum der Schwerindustrie ausgebaut, die Innenstadt in Nachkriegsmanier mit Plattenbauriegeln und autogerechten Magistralen notdürftig wieder hergerichtet. So habe ich sie von meinen wenigen Besuchen während der DDR in Erinnerung. Mit der politischen Wende kam die Deindustrialisierung; die Luft wurde sauberer, die Fassaden heller und die Leere zwischen den erhaltenen mittelalterlichen Kirchen noch deutlicher spürbarer als zuvor. Bis die Grüne Zitadelle gebaut wurde.

Die „Grüne Zitadelle“ wird als Hundertwassers letzter Bau bezeichnet, dabei ist sie weder grün noch von Hundertwasser (allein) gebaut. Die Grundidee stammte noch von ihm und wurde nach seinem Tod von einem bewährten Architektenteam ausgeführt. Das Grün kommt von den zahlreichen Bepflanzungen und „Baummietern“, ansonsten ist die vorherrschende Farbe ein kräftig leuchtendes Rosa. Man hat Hundertwasser zu Recht vorgeworfen, dass seine Bauten nur oberflächliche Talmi-Lösungen für städtebauliche Probleme bieten, dass sie nicht nachhaltig seien und den Innenräumen kaum Aufmerksamkeit geschenkt worden sei, und dennoch: das märchenhafte Gebäude entfaltet im Zentrum der so schwer gezeichneten Stadt eine wundersame, heilende Wirkung.

Neben der Grünen Zitadelle galt mein Besuch dem Magdeburger Dom und dem angeschlossenen neuen Dommuseum. Die akribisch dokumentierten Ausgrabungen konnten mich an diesem Nachmittag nicht ausreichend in ihren Bann ziehen – doch bei den Wasserspeiern fand ich glücklich ein ungewöhnliches Zeichenmotiv. Wir alle kennen Bilder von solchen Wasserspeiern, die meisten sind so hoch angebracht, dass sie sich dem Gezeichnet-Werden entziehen. Diese beiden – „Löwe“ und Widder – hingen im Museum zwar auch noch unter der Decke, waren aber gut zu erkennen.

Nachdem ich im Hotel der Grünen Zitadelle übernachtet hatte, fuhr ich am nächsten Vormittag dem – musealen – Höhepunkt dieser Reise entgegen, von dem im nächsten Beitrag die Rede sein wird.


Buchstaben. Und Wasser.

Am Samstag waren die Schweriner Urban Sketchers auf „Typo-Safari“, auf der Jagd nach Beschriftungen, Graffiti, Logos und was man sonst noch aus Buchstaben im öffentlichen Raum machen kann.

Der Ausgangspunkt war ein vertrauter Ort, ein stadtbekanntes Schweriner Café, dessen drei Filialen erst einmal zur Verwirrung über den Treffpunkt sorgten. Es war ein makelloser Moment, an einem Sommervormittag, noch bevor es schwül wurde, dort an einem Tischchen im Schatten sitzen zu dürfen. Ich machte es mir bequem, zeichnete erst nach der einen Seite das Schild einer Buchhandlung, dann nach der anderen das des Cafés – bis mein Blick auf die Mineralwasserflasche vor mir auf dem Tisch fiel. Die Schrift auf der blauen Flasche sprach mich sehr an, wurde beim Abzeichnen Buchstabe für Buchstabe immer schöner. (Leider habe ich die Feinheiten von Proportion und Gestalt bei der Wiedergabe eher verhunzt.) Wirklich: als ich zu Hause nachlas, stellte ich fest, dass es für die Gestaltung der Flasche einen renommierten Designpreis gegeben hatte.

(Und, nein, eine solche blaue Edelwasserflasche zählt nicht zu den Grundbedürfnissen; sie per Verbrennungsmotor aus Italien über die Alpen nach Schwerin zu transportieren, ist eher sittenwidrig als notwendig – auch darüber zu meditieren, war Zeit und Gelegenheit, während ich mich dem edlen Schriftzug widmete …)

Die zweite Etappe führte mich in den Dom. Hier gibt es Schriftzüge in Hülle und Fülle und aus den verschiedensten Jahrhunderten; ich entschied mich für das Schriftband auf dem bronzenen Taufbecken.

Die etwa fünf Zentimeter hohen Buchstaben sind in einem rauen Bronzeguss gefertigt. Es handelt sich um ein Zitat aus dem Alten Testament, dem 47.Kapitel des Prophetenbuchs Ezechiel (Hesekiel), in dem ein heilsamer Wasserstrom beschrieben wird. Die Christen bezogen diese Stelle aus der hebräischen Bibel später auf die Taufe. Ich war froh, den Text nachlesen zu können, denn die Umsetzung des lateinischen Textes in Bronze war unbeholfen – ohne Worttrennung (bzw. mit Trennungen an den falschen Stellen), dafür mit seltsamen Verbindungen zwischen einzelnen Buchstaben – beim Zeichnen kam mir der Gedanke, dass die Bronzegießer vielleicht Analphabeten waren und etwas umgesetzt hatten, was sie nicht verstanden.


Roskilde im Regen (und danach)

Roskilde ist vielen durch sein Rockfestival bekannt. Mein Ziel war der Dom, Grablege aller dänischen Könige und Königinnen seit dem Mittelalter. Schon auf dem Weg dorthin hatte es zu regnen begonnen, der erste Regen der Tour, zeitweilig goss es in Strömen – das ideale Wetter, um mir Zeit zu nehmen.

Und die konnte ich gut gebrauchen. Ich habe selten einen Ort erlebt, an dem der Geist verschiedene Epochen sich auf solche Weise vereint. Ich saß lange einfach da und nahm die Atmosphäre einer langen Geschichte in mich auf, bevor ich anfing herumzugehen und mir die Altäre, Sarkophage und Grabkapellen anzusehen.

Zum Zeichnen entschied ich mich für das Grab der Königin Margarethe I., einer starken und machtbewussten Frau. Während ihrer Lebenszeit – und noch lange darauf – war im dänischen Königtum keine weibliche Erbfolge vorgesehen; regierende Königin war sie nach dem Tod ihres Mannes nur in Norwegen und Schweden. Das hinderte sie nicht daran, als Vormund ihres minderjährigen Sohnes und auch nach dessen frühem Tod die Macht in ihren Händen zu behalten.

Nachdem sie 56-jährig an der Pest gestorben war, wurde sie zunächst, ihrem Wunsch entsprechend, in einem Kloster begraben. Bald darauf überführte man den Leichnam auf das Betreiben des dortigen Bischofs nach Roskilde; dessen Kalkül ging auf, der Dom gewann an Bedeutung und wurde zur regulären Grablege des dänischen Königshauses und weiterer bedeutender Familien.

Der Sarkophag ist ein spätgotisches Kunstwerk von hohem Rang, aus schwarzem Marmor und Alabaster gefertigt; die Statue zeigt die Königin in einer seltsamen Mischung aus Stehen und Liegen, mit geschlossenen Augen unter der für diese Zeit typischen Mauerkrone.

Am nächsten Morgen hatte sich der Regen verzogen. Unter zunehmend lichter werdendem Himmel widmete ich mich lebendiger mittelalterlicher Geschichte. Um das Jahr 1000 herum hatte man im flachen Roskilde-Fjord mit Steinen beschwerte Schiffe versenkt und damit eine Barriere gegen den Angriff feindlicher Flotten geschaffen. Der Fund dieser Schiffswracks führte ab 1960 zum Bau des Wikingerschiffsmuseums.

Heute kann man hier nicht nur die restaurierten Schiffsfunde bewundern, sondern auch diverse Workshops in historischen Handwerkstechniken besuchen, ein echtes Mitmachmuseum, in dem nicht nur Kinder leuchtende Augen bekommen.


Am Weg

An den ersten Reisetagen war ich fleißig gewesen – hatte meine Zeichnungen nicht nur angefangen, sondern auch fertiggestellt und hier gezeigt. Bald ließ, wie jedes Jahr, der Eifer nach; die Augen fallen mir schon beim Abendbrot zu, der Akku muss noch ans Ladegerät und das T-Shirt gewaschen werden. Dazu kam der stetige Ostwind, der in den letzten Tagen schon mal Stärke 6 erreichte.

Einige kleine Bilder sind am Weg entstanden, und heute, am Ruhetag, war Gelegenheit, etwas davon fertigzustellen. Der schönste Abschnitt der ersten Woche war der Weg von den Holsteinischen Seen bis Oldenburg; die Landschaft kleinteilig, von Hecken gegliedert, die wenigen Dörfer wie frisch geschrubbt zwischen Flieder und Rhododendron.

In einem dieser Dörfer – Schönwalde am Bungsberg – machte ich eine längere Kirchenrast und fand dabei diesen Taufengel:

Das Schönste allerdings ließ sich nicht in einer schnellen Zeichnung einfangen: Die Kirche ist von einer neu gestalteten Parkanlage umgeben, die aus dem ehemaligen Pfarrgarten entwickelt wurde und das Kircheninnere nach außen erweitert mit Kreuzweg, Taufstein und Pflanzen in liturgischen Farben. Ich fand das Ensemble sehr gelungen.

Meine erste Station in Dänemark war das Städtchen Maribo auf der Insel Lolland. Dort gab es im Mittelalter ein Kloster des Birgittenordens; die ehemalige Klosterkirche ist heute eine Bischofskirche. Neben der Kirche entstand im Rahmen der Pilgerrenaissance der letzten Jahre eine „hyggelige“ kleine Herberge. Aus deren Dachfenster zeichnete ich den Blick auf den Kirchturm bei Sonnenuntergang.

Das Hinterland der Insel Lolland ist zum Teil weniger „hyggelig“: Wenig Menschen, viel Agrarsteppe und einiges an Leerstand und Verfall. In einer kleinen Parkanlage in Sakskøbing fiel mir ein Denkmal auf, das mich an ein Arbeiterstandbild aus den 60er Jahren denken ließ. Es stammt aber schon von 1940 und ist den polnischen Erntehelferinnen gewidmet, die vom Ende des 19.Jahrhunderts an im Zuckerrübenanbau der Region gearbeitet hatten.

Die so unerwartete Begegnung mit dem Denkmal beschäftigte mich noch lange – denken wir doch sonst selten darüber nach, welchen Anteil osteuropäische Arbeiterinnen und Arbeiter an der Entstehung unseres Wohlstandes hatten und haben.


Ratzeburg

Die Entfernung von Gadebusch nach Ratzeburg beträgt wenig mehr als zwanzig Kilometer, doch der Radweg machte fast das Doppelte daraus. Mal waren sich Wegweiser und App nicht einig, mal mäanderte der Radfernweg um die Bundesstraße herum. Dazu kam eine Wegführung über kurvige Schotterwege entlang der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze.

Die Raumordnung der Region ist bereits seit dem Mittelalter hochkomplex und kleinteilig mit ihren unterschiedlichen Zuständigkeiten zwischen Klerus und säkularer Macht, mit kleinen Herzogtümern und getauschten Gebieten. Der Weg erinnerte mich an die Vorjahresreise entlang der Werra; auch an die ersten Jahre kurz nach der Wende, in denen wir  in dieser Grenzregion auf Erkundung unterwegs gewesen waren. (Ist das Gefühl von Fremdheit noch da?) 

Die Zeichnung der Ratzeburger Dominsel entstand am nächsten Tag, an dem ich auf dem Weg nach Lübeck weniger Kilometer zu schaffen hatte. (Am Abend hatte mir meine App zum Tagesabschlussnnoch einen schwarzschlammigen Weg zu meinem Nachtquartier, einem Hotel in einer alten Wassermühle, gewiesen … )


Verden an der Aller

Bald nachdem ich angefangen hatte meine Tour zu planen, wusste ich, dass sie in Verden enden sollte. Mit etwas Nachdruck hätte ich es bis Bremen schaffen können, doch wer will nach drei Wochen unter freiem Himmel schon in eine Großstadt?

Nähert man sich der Stadt von der Flussseite, hat man den Eindruck, ins frühe 19.Jahrhundert zu reisen: keine Vorstadt verstellt den Blick auf die alte Stadtsilhouette mit ihren Türmen und Kirchen, aus denen wuchtig und mächtig der Dom hervorragt.

Ich hatte mir noch einen Abschiedstag in Verden gegönnt, so konnte ich es langsam angehen lassen. Es war kalt und windig geworden, zwischendurch regnete es immer mal kräftig, so dass ich mich lange im Dom aufhielt. Der Verdener Dom, der von außen massig aussieht, ist innen hell und licht und weit. Im 19.Jahrhundert wurde er neugotisch umgestaltet; in den 1960er Jahren kam bei der letzten Renovierung eine ungewöhnliche Farbfassung dazu – cremefarbene Wände und eine dunkelrote Decke. Moderne Glasfenster in warmen Farben sorgen für eine heitere, erhebende Lichtstimmung.

Doch was zeichnet man an einem solchen Ort? Ein gotischer Raumeindruck überfordert schnell die Möglichkeiten eines kleinen Skizzenbuches, im Kreuzgang war es kalt und windig … und der Chorraum mit Taufstein und Altar von einer Kordel abgesperrt. Am Ende hoffte ich auf den Zeichnerbonus und umging die Absperrung (nicht ohne mich an einer Dame zu stören, die es mir bald darauf gleichtat und allem heiligen Gerät mit ihrem Handy zu Leibe rückte.)

Dann aber wurde es still und ich konnte in aller Ruhe den schön verzierten alten Stein zeichnen.

Am Abend – noch immer segelten hochgetürmte Wolken über den Himmel – radelte ich noch einmal vor die Stadt, um die wunderbar altmodische Stadtansicht in der Abendsonne zu zeichnen. Am nächsten Tag würde ich mich durch das Vorfeiertagsgedränge in Richtung Schwerin aufmachen:

Man sah es den Wegen im Abendlicht an, dass es Heimwege waren.

Robert Walser

Rückblick – Brandenburg an der Havel

In Jerichow bog ich nach Osten ab. Der Weg führte über Dörfer mit so hübschen Namen wie Altenklitsche und Zabakuck, vorbei an kleinen Versionen der Jerichower Kirche – die Bautrupps waren nach Fertigstellung anscheinend noch ein paar Jahre in der Gegend geblieben – , über wenig befahrene Landstraßen ins Land Brandenburg hinein. Die Strecke war länger als gedacht, nicht alle geplanten Wege befahrbar und als ich endlich in Milow an der Havel ankam, wurde es schon dunkel.

Von hier ab folgte ich am nächsten Tag dem Havelradweg. Der ließ, anders als der Elbeweg, außerhalb der Orte nur gelegentliche Blicke auf den immer noch in Altarmen sich schlängelnden und von breiten Schilfgürteln umgebenen Fluss zu. Zum Zeichnen war, wie so oft, die Zeit zu knapp bemessen, auch dort, wo es schön wurde, wo es über Fähren und Brücken ging, den Spuren Fontanes zu folgen gewesen wäre oder es alte Industriearchitektur zu bestaunen galt. Ich quälte mich durch den Freitagsnachmittagsverkehr in der Brandenburger Innenstadt, um endlich glücklich auf der Dominsel anzukommen.

Es waren Tage von herbstlicher Taglänge und sommerlicher Wärme. Ich hatte es gerade noch geschafft, vor Schließung des Doms einen Rundgang zu machen, auch die kostbaren Handschriften im Dommuseum zu bewundern, dann setzte ich mich zum Zeichnen vor ein Restaurant. Rasch begann es zu dämmern, das Gemäuer leuchtete im sinkenden Licht, doch als die Straßenlampen angingen, musste ich mit dem Zeichnen pausieren.

Heute habe ich das Bild nun fertig gestellt (es war schon recht weit gediehen, benötigte nur noch eine letzte Schicht Farbe) und mich an den Zauber dieses Moments erinnert, an die besondere Stimmung in dem umschlossenen Domhof, an die Ausstrahlung des vielfach umgebauten und erweiterten Doms, der immer ein politischer, kein spiritueller Ort gewesen war, ein Machtzentrum an der Schnittstelle zwischen Staat und Kirche. Am nächsten Morgen war noch Gelegenheit, den Dom einmal zu umrunden, einen Abschiedsblick hineinzuwerfen, dann stieg ich, schmerzlich viel Ungesehenes, Ungezeichnetes, Ungewürdigtes hinter mir lassend, aufs Rad Richtung Kloster Lehnin.


Intermezzo: Stendal

Auf dem Weg nach Tangermünde hatte ich ein paar Stunden in Stendal eingeplant. Es war Montag (also schon wieder ein paar Tage her), grau, kühl und windig. (Bald würde ich mich über Sonne von vorn beklagen …) Am Markt rüttelte ich vergeblich an der Tür der Marienkirche. Als ich mich schon zum Gehen wenden wollte, kam eine Küsterin und es gelang mir, mit hineinzuschlüpfen.

Sofort fiel mir das mittelalterliche Taufbecken auf. Es ist mit wunderbar ausgeführten Heiligenfiguren geschmückt – „die weiblichen Heiligen größer dargestellt als die Männer!“ erklärte mir die Küsterin strahlend. Als erstes fielen mir die Füße des Gefäßes auf. Sie symbolisieren die vier Evangelisten in den seit der Antike üblichen Symbolen: Mensch, Stier, Löwe und Adler. Meist werden sie, einer biblischen Vision folgend, als geflügelte Wesen dargestellt. Hier aber waren die drei Tiere als Menschen mit Tierköpfen dargestellt, was ausgesprochen seltsam anmutete, für uns heutige vielleicht wie eine Kinderbuchillustration. Gezeichnet habe ich den „Stier“.

Danach setzte ich mich auf den Marktplatz und zeichnete mit zügigen und nach einwöchiger Reise langsam sicher gewordenen Strichen die Kirche.

Auch den Stendaler Dom sah ich mir noch an und saß lange im Chor, der mit vollständig erhaltenen mittelalterlichen Buntglasfenstern versehen ist. Man sieht das heute nur noch selten, oft sind nur Fragmente oder einzelne Fenster verglast, was die Wirkung mindert. Hier war der Raumeindruck ein überwältigender – Edelsteinlicht, zeichnerisch nicht zu erfassen.