Nebenbei

Im kleinen Hahnemühle-Buch sammeln sich die Bilder, die eher „nebenbei“ entstehen, im Konzert, im Theater oder im Restaurant; manchmal nur ein paar Tinten- oder Bleistiftstriche … Heute war Zeit, mir drei davon vorzunehmen, Farbe oder  Schrift zu ergänzen und zu hoffen, dass die Atmosphäre erhalten bleibt.

Zuerst ein kleiner Nachtrag der Dresden-Reise, ein geistliches Chorkonzert im Meißener Dom – der Rücksicht auf die anderen Konzertbesucher geschuldet vor Ort nur mit Füller gezeichnet.

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Geistliche Abendmusik im Meissener Dom.

Noch weniger geht im Theater, zumal im Ballett, wo die Tänzer selten still halten, es im Saal dunkel ist und der Nachbar sich womöglich schon räuspert – dennoch war der Bühneneindruck bei dem hinreißenenden Ballett „Andy Superstar“ über Andy Warhol so prägnant, dass ich ihn aus ein paar angedeuteten Linien rekonstruieren konnte.

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Andy Warhol auf einem überdimensionierten Sofa in der „Factory“ – Szene aus dem Ballett „Andy Superstar“ am Schweriner Theater.

Zum Schluss, gestern, beim Mittagessen in einem kleineren Einkaufszentrum, bin ich mit meinem Bild fast fertig geworden; nur die Schrift habe ich zu Hause ergänzt. Von einem Logenplatz aus schaute ich auf einen überdachten Innenhof, in dem – so habe ich später nachgelesen – ein Modeflohmarkt aufgebaut wurde.

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Irgendwas mit Mode – noch wird aufgebaut.


Der Drache

Etwa elf Jahre alt muss ich gewesen sein, als ich im Ostberliner „Deutschen Theater“ mit  Jewgenij Schwarz‘ „Drachen“ so ziemlich das beste sah, was auf einer Theaterbühne möglich ist – und für schlechtes Theater  von nun an verloren war. Die Ostberliner Aufführung wurde von 1965 bis 1981 gespielt, auch auf Tourneen durch ganz Europa. Das Inselbändchen mit den Figurinen und Bühnenbildentwürfen sah ich mir immer wieder an, und auch die Moral von der Geschichte habe ich mit elf schon verstanden: dass die Menschen ihren Drachen in sich tragen.

Lanzelot, ein „berufsmäßiger Held“, kommt in die sprichwörtliche Kleine Stadt, die sich mit ihrem Drachen längst arrangiert hat. Auch die Jungfrau, die er sich dieses Jahr ausgesucht hat, begehrt nicht gegen ihr Schicksal auf, und bald muss der Drachentöter selbst um sein Leben fürchten …

Letztes Wochenende sah ich das Stück im Rahmen der „Klassikertage Wismar“ in der Wismarer Georgenkirche. Wie schon die Aufführungen der vergangenen Jahre („Faust“ und „Jedermann“) war es rundum gelungen; poetisch, ohne sentimental zu sein, werkgetreu, traurig und lustig, von hervorragenden Schauspielern getragen (deren ältere weitgehend noch jener DDR-Theaterkultur entstammen, die die damalige legendäre Inszenierung hervorgebracht hat) und von hohem Schauwert. (Nur einen bühnenfüllenden Theatermaschinendrachen gibt das Budget eines freien Sommerfestivals nicht mehr her.)

Und weil es ein Märchen ist, geht am Schluss natürlich alles doch noch gut aus.