Pink Poinsettia

Weihnachtsstern, Poinsettia, Euphorbia pulcherrima – immer wenn die Pflanzen im Spätherbst in den Gärtnereien auftauchen, versuche ich möglichst viele verschiedene Exemplare zu ergattern, und in meiner Wohnung über den Winter zu bringen. Letzteres ist gar nicht so einfach; meine Altbauwohnung ist ihnen zu dunkel und zu kühl und sie brauchen jedes Jahr viel gutes Zureden, den hellsten und wärmsten Platz und genau abgemessene Mengen an vorgewärmtem Gießwasser. Sie danach auch noch auf dem Balkon zu übersommern habe ich aufgegeben, das endete noch jedes Mal mit Fäulnis und Läusen.

Also wollen sie im Winter gemalt werden, so lange es ihnen noch gut geht. Dieses Bild habe ich am Silvesternachmittag begonnen und erst gestern Abend fertig gestellt. Es ist ein erneuter Versuch mit mehr oder minder deckender Farbe auf grau.


Nach Weihnachten

Es war wohl Karl Valentin, der den Spruch prägte, dass es wieder ruhiger würde, wenn die stille Zeit vorüber sei. Was auch etwas darüber sagt, dass vorweihnachtliche Hektik keine Erfindung des 21.Jahrhunderts ist. Wie auch? Die Kartoffelsalat-und-Würstchen-Tradition entstammt schließlich Haushalten, in denen am Tag vor dem Heiligen Abends noch gearbeitet wurde und die Hausfrauen ihre liebe Not damit hatten, alles vorzubereiten.

Um alles unter einen Hut zu bekommen – auch gänzlich unweihnachtliche, aber nicht minder notwendige Termine – hatte ich mir eine Zeichenpause gegönnt. Ja, so sehr ich das Zeichnen liebe, manchmal setzt mich der Gedanke daran unter Druck. Um so schöner ist es, wieder anzufangen, am liebsten mit einem „Auf-dem-Tisch-unter-der-Lampe“-Bild: Da steht um diese Jahreszeit die Weihnachtspyramide und dreht mehr oder weniger gemächlich ihre Flügel. (Zum Gezeichnet-Werden darf sie dann auch mal stillstehen.)

Es ist keine besondere Pyramide, kein kostbares Erbstück; ich habe sie vor einigen Jahren an einem Verkaufsstand in der Fußgängerzone erworben. Immerhin stammt sie aus dem Erzgebirge, wo ich geboren bin. (Die Pyramide, die so alt war wie ich, war allmählich zu Bröseln zerfallen und bekam letzte Weihnachten ihr Abschiedsbild.)

Gemalt habe ich sie mit Gouache-Farben in das graue S&B-Buch, das mich nun schon seit dem Inktober begleitet. Ich bin mit diesen Farben nicht geübt und hatte zum Schluss meine liebe Not, das kleinteilige Motiv mit den eher für großflächigeres Arbeiten gemachten Materialien aufs Papier zu bringen. Am Ende musste dann doch noch der weiße Stift mithelfen, etwas Struktur hineinzubringen. Zwei Abende und einen Morgen brachte ich mit dem Bild zu, Zeit und Gelegenheit auch, den einen oder anderen Gedanken an die Geschichte zu wenden, die hier in hellen und dunklen Holztönen erzählt wird.


Porzellan

Vor einiger Zeit sah ich ein wunderbares Aquarell einer Meissner Porzellantasse, und da ich schon wusste, dass ich nach Dresden fahren würde, nahm ich mir vor, einen Abstecher in die Meissner Manufaktur zu machen. Als Achtjährige war ich dort schon einmal gewesen, auch damals konnte man den Porzellanmalerinnen schon auf die Finger sehen und ich erinnere mich daran, wie erstaunt ich darüber war, dass das ungebrannte Kobaltblau fast schwarz ist.

Mittlerweile ist alles neu und schick, es gibt vorher einen Film und einen recht zügigen Rundgang mit Audioguide. Beim Zeichnen musste ich wirklich fix sein und mehr als ein paar Umrisslinien waren nicht drin. Die Farbe habe ich zu Hause ergänzt, wobei ich mit diversen Markern anfing, um dann mit Pinsel und Farbe weiterzumachen.


Albertinum

Als ich vor einem Jahr in der großen DDR-Schau des Dresdner Albertinums war, hatte ich mir vorgenommen, mich bei meinem nächsten Besuch den Skulpturen der ständigen Ausstellung zu widmen. Viele sind es, sehr viele, durch alle Zeiten und Größen, von Antike bis Postmoderne, von handlich bis monumental.

Meine erste Wahl fiel auf den 1911 entstandenen „Siegerknaben“ von Sascha Schneider. Die Jugendstilästhetik mit ihrem Materialmix hatte es mir angetan.

Von ganz anderer Art ist Christian Volls „Frau, sich den BH öffnend“. Die 60 cm kleine Statue aus rotem Ton trennen nur elf Jahre von dem ätherischen Knaben – und mit ihnen ein ganzes Zeitalter. Der in Karslruhe wirkende Christian Voll schuf ein Kunstwerk von ganz anderer Erotik: erdverbunden, wahrhaftig und sehr menschlich. Ganz glücklich saß ich vor der Figur, die sich ihren Platz im Schaudepot mit vielen anderen teilen musste – und wegen dieses Ortes auch einen Inventarzettel trägt.

Beide Bilder sind im grauen Stillman&Birn Nova Buch entstanden, und zwar vor Ort mit einem sepiabraunen Polychromos-Buntstift. Farbe kam dann später: für den Knaben habe ich verschiedene Marker kombiniert und die Frau ist mit Aquarell und Deckweiß koloriert.


Zum Wetzstein

Es war um 2011 herum, als ich das erste Mal vom „Wetzstein“ hörte; ich weiß nicht mehr, wo und wie, doch stand ich (dienstlich in der Region unterwegs) nicht zufällig vor dem Buchgeschäft in der Freiburger Salzstraße. So hatte ich mir einen Buchladen immer vorgestellt, mit ganzen Sortimenten in den Regalen, mit Schränken voller Insel und Manesse, mit Lyrik- und Philosophieregalen, mit gerahmten Schriftstellerbriefen an den Wänden und Lederausgaben im Hinterzimmer.

Seitdem bin ich zwei drei Mal dort gewesen, immer, wenn der weite Weg von Schwerin mich dort vorbei geführt hatte. Nun, kurz vor meiner Abreise Richtung Schwäbische Alb, kam die Nachricht von der Schließung dieses so traditionsreichen wie einzigartigen Geschäfts – so beschloss ich einen letzten Abstecher dorthin.

Von Pfullendorf nach Freiburg sind es gute einhundert Kilometer Luftlinie – und als Nordlicht hatte ich mir die Karte noch nie genau genug angesehen, um zu wissen, wo mich die fünf Stunden Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln überall hinführen würden. Erstmal: Mit dem Bus bis zum Zug ab Sigmaringen, von dort im dramatischen Morgenlicht an Felsen und Burgen und Felsen und Burgen vorbei, um Kurven und durch Tunnel. Die Busfahrt von Donaueschingen nach Titisee bot Gelegenheit, die Mitreisenden zu zeichnen, bis die Reise mit der Höllentalbahn ein spektakuläres Finale fand. Auf nur 25 km überwindet sie 600 Höhenmeter, fährt über alte Viadukte, durch enge Schluchten und noch engere alte Tunnel …

In Freiburg ging ich gleich zum „Wetzstein“. Auf den ersten Blick sah die Buchhandlung aus wie ich sie in Erinnerung hatte; beim näheren Hinsehen waren da doch schon Lücken in den Regalen und viel mehr eingeschweißte Bücher als vordem. Ich stapelte ein Buch aufs andere und bekam einen Leseplatz im Allerheiligsten neben der Goethebüste und den Erstausgaben angewiesen, las, blätterte, sortierte und bat am Ende darum, mir die gekauften Exemplare zuzuschicken, so viele waren es geworden.

Das Geschäft wirkte dieses Mal ein bisschen einschüchternd auf mich; die Buchhändler(innen) schauten streng durch ihre dunkel gerandeten Brillen (wirklich, man sah einander sehr ähnlich!) unter grauem Haar – mehr als eine kleine, unbeholfene Skizze bekam ich drinnen nicht zu Stande. Die Zeichnung holte ich von draußen nach, in eine Decke gewickelt und mit einem heißen Tee.


Pfullendorf …

… ist, anders als der Name vermuten lässt, kein Dorf, sondern eine Kleinstadt in Bodenseenähe. Mein letzter Wandertag hatte von Wald noch einmal durch den Wald geführt, der hier schon hügeliger wurde und nicht mehr so sumpfig war wie am Vortag. Als er sich sich nach einigen Kilometern unvermittelt öffnete, hatte es auch die Sonne durch den Nebel geschafft und die Stadt lag mit schöner Silhouette am gegenüberliegenden Hang.

Wie immer, wenn ich schon denke, ich sei angekommen, zog sich der Weg – erst durch Gewerbegebiete, dann durch eine endlos scheinendende Neubausiedlung zur Wallfahtskirche „Maria Schray“ am oberen Stadtrand.

Als ich nach einer Rast aus der Kirche trat, hatte es sich bereits wieder zugezogen; am „Oberen Tor“ begann es zu tröpfeln, so dass ich sie nur in ihren Umrissen erfassen konnte. Das bunt bemalte Relief in seiner für das späte Mittelalter so typischen Mischung aus Volksfrömmigkeit und Bürgerstolz habe ich zu Hause nach Foto ergänzt.

Hinter derm Oberen Tor folgte ich der steil zum Markt abfallenden Hauptstraße. Prachtvolle Fachwerkhäuser prägen das Bild der Stadt – und sind doch hier, wie an vielen ähnlichen Orten, oft nur noch Fassade. Gewohnt wird im Eigenheim am Hang; der Trend zurück in die Innenstadt ist an den Kleinstädten bisher vorüber gegangen. Auch die Gaststätten haben sich dem angepasst – hinter „Adler“ und „Lamm“ findet man allzuoft nur noch einen Döner, während die moderne Erlebnisgastronomie an der Ausfallstraße stattfindet.

Und dann entdeckte ich das „Café Moccafloor“. Der große Raum, dessen hässliche Deckenverkleidung an ein vormaliges Schuhgeschäft erinnerte, quoll über von einem Sammelsurium an Sperrmüllmöbeln, Pflanzen, Kronleuchtern, Kuchenvitrinen, einem Klavier … umrahmt von türkis gestrichenen Wänden voller Spiegel und Bilderrahmen. Ein Ort, der geradewegs aus der gentrifizierten Mitte einer Großstadt hier her versetzt zu sein schien, mit dem Unterschied, dass an den Tischen nicht die üblichen Verdächtigen beim Matcha-Latte saßen, sondern Familien neben Frauen mit Markttaschen und einem Trachtenhut beim Bier.

Auch ich reihte mich dort ein mit Kaffee und Torte, blieb, bis das Bild fertig war, die Dämmerung einfiel und die Jakobus-Kirche geschlossen wurde, ich freute mich an diesem Nippes gewordenen Gegenentwurf zu AOK und Sparkasse hinter Fachwerkmauern, an dieser lebensfrohen Zuflucht für graue Kleinstadtnachmittage.


Wo waren wir stehen geblieben

Wie von jeder Reise, bin ich auch von dieser mit zahlreichen „unvollendeten“ Zeichnungen zurück gekommen. Und wie jedes Jahr stürzt erst einmal ein Wasserfall an Unerledigtem über mich herein, und wenn ich aus dem so halbwegs aufgetaucht bin, schaue ich ratlos in mein Reiseskizzenbuch: Wo war ich stehengeblieben mit meinem Bericht? Sollte ich mich zuerst um die halbferigen Sachen der letzten Tage kümmern – immerhin sind sie noch frisch im Gedächtnis – oder die Bilder schön chronologisch „abarbeiten“, um den Preis, dass dann alles aus einem Abstand heraus fertig gestellt wird?

Dieses Mal sind wegen der Inktober-Aktion auch noch unterschiedliche Skizzenbücher im Spiel, was den Überblick nicht erleichtert. So habe ich mich für die chronologische Variante entschieden. Zeit der Handlung: vor fast drei Wochen. Ort: der nördliche Harzrand. Hier haben wir eine Woche Familienurlaub gemacht, mit Ausflügen, Wanderungen und was alles so dazu gehört. Die erste Partie Bilder von dieser Reise hatte ich schon von unterwegs aus gezeigt, hier nun die zweite Abteilung, dem Inktober geschuldet auch dieses Mal monochrom.