Kormorane

Obwohl ich in Greifswald studiert habe und seit über zehn Jahren in Schwerin lebe, sah ich die ersten Kormorane nicht in Norddeutschland, sondern in den Rheinauen bei Karlsruhe. Es muss im zeitigen Frühjahr 2010 gewesen sein, mithin im „Jahr des Kormorans“, was ich damals allerdings noch nicht wusste. An den Schweriner Seen sind sie mir in diesem Winter zum ersten Mal aufgefallen. Ein Blick in den „Kormoranbericht Mecklenburg-Vorpommern“ bestätigt den Eindruck: die Zahl der Wintergäste hat wegen der milden Witterung stark zugenommen.

Wirkliche Vor-Ort-Studien waren bei dem bis vor kurzem noch kalten Wetter nicht möglich; so habe ich aus einem bisschen eigenem Gekritzel und Fotos aus dem Netz versucht, einige typische Silhouetten in Gouache zu skizzieren.

Mit ihren krummen Schnäbeln und ihrem schwarzen Gefieder sehen die Vögel ein bisschen unheimlich aus. Gern sitzen sie auf Ästen oder Buhnen über dem Wasser, manchmal in einer seltsamen und charakteristischen Haltung mit ausgebreiteten Flügeln und seitlich verdrehtem Kopf. Damit sie besser tauchen können, saugen sich ihre Federn schnell voll Wasser – und werden dann quasi zum Trocknen aufgehängt.

Die zahlreichen Wintergäste wurden vom Kälteeinbruch Mitte Februar eiskalt erwischt; einige Tage lang herrschte an einem kleinen Wasserloch am Schweriner Pfaffenteich ein unglaubliches Gewimmel. Hier konnte ich auch einen Kormoran gravitätisch über das Eis watscheln sehen – ein wirklich erheiternder Anblick! Und anscheinend eher selten, ein Referenzfoto habe ich nicht gefunden, so dass ich mich an mein eigenes und ein flüchtige Skizze gehalten habe. Auch schwimmend bieten die Vögel ein ungewohntes Bild: der Hinterleib samt Schwanz befindet sich unter der Wasseroberfläche; sie sehen aus wie überladene Schiffe.


Rot

Immer mal wieder kaufe ich Gemüse, das ich zum Essen eigentlich nicht brauche, um es zu zeichnen. Regelmäßig treibt es mich zur Eile, auf dass es, gezeichnet oder ungezeichnet, gegessen werde, bevor es verdirbt.

Heute habe ich mich der speziellen Variante „Halbgezeichnet“ gewidmet, all dem, was seit ein zwei drei Wochen in verschiedenen unvollendeten Stadien herumliegt und neue Anfänge blockiert. Ein Kürbis in Gouache fand wenig Gnade in meinen Augen, wurde aber wenigstens soweit fertig, dass er in die Suppe und das Skizzenbuch in den Schrank darf. Die Paprikaschoten kamen zu einem erfreulicheren Ende und zeigen nun eindrücklich, was so an Rot in meinem kleinen Aquarellkasten steckt. (Und wieder einmal konnte ich feststellen, dass viele Rottöne erst zu leuchten beginnen, wenn man sie dick und am besten in mehreren Schichten aufträgt.)

Zwei Paprikaschoten. Aquarell auf Stillman&Birn Zeta A4.


Vierundzwanzig Farben II

Nachdem ich meinen Farbkasten gezeichnet hatte, bekam ich Lust, mich den Farben im Einzelnen zu widmen. Oder eher in der Form von Gruppenporträts, wobei manche mehrmals auftauchen. Die Farben sind, wenn nicht anders erwähnt, von Schmincke Horadam und heißen dort auch so, wie ich sie hier nenne. Zum Nachschlagen eignet sich die Farbbroschüre des Herstellers. Die Pigmentnummern lassen sich hier nachschlagen.

Zuerst einmal die Primärfarben, wie wir sie von jedem Farbdrucker kennen – CMY. Cyan (Schmincke Heliocoelin), Magenta, Yellow (Kadmiumgelb hell). Wäre ich einer, würde ich damit alle Farben hinbekommen. Jedenfalls theoretisch. Denn auch so ein Drucker – der ebenfalls ein Aquarellist ist und mit der Helligkeit des Papiers arbeitet – braucht etwas Dunkles für die Schatten. Die „dunkle Ecke“ des kleinen Kastens enthält bei mir zur Zeit fünf Farben – vier davon sind im rechten Kästchen zu sehen. Oben Sepia und Indigo – beides moderne Nachstellungen traditioneller Farben. (Gerne würde ich mal mit echtem „Sepia“ vom Tintenfisch malen und erfahren, wie sich diese Farbe anfühlt.) Zusammen ergeben die beiden „mein“ Paynesgrau und dick aufgetragen ein lebendiges Schwarz. (Der englische Landschaftsmaler William Payne kam als erster auf die Idee, ein lebendiges Grau aus verschiedenen „farbigen“ Tönen zu mischen.)

Neben diesen beiden Universalisten sieht man unten noch zwei dunkle Spezialfarben. Hämatitschwarz, das kein Schwarz ist, sondern ein dunkles , sehr neutrales Grau (mit der internationalen Pigmentnummer PG 17), opak und granulierend, eignet sich für Steine aller Arten, ob verbaut oder in der Natur. Das Van-Dyck-Braun ist von dem polnischen Hersteller Roman Szmal, einem Spezialisten für Naturfarben, und besteht aus reiner Braunkohle. Es ist ein tiefer, warmer, ebenfalls stark granulierender Ton, bei dem ich an ein umgepflügtes Feld denken muss.

Gleich neben den Schwarzäquivalenten kommen die Blautöne. Indigo ist schon der erste von ihnen, Heliocoelin haben wir als „Cyan“ kennengelernt, dazu noch Ultramarin. Auch Ultramarin ist ein Universalist, passt sich überall an, bringt Schatten zum Leuchten und Himmel zum Strahlen. Nach einem Versuch mit dem stark granulierenden „Französisch Ultramarin“ bin ich wieder zu „Feinst“ zurückgekehrt.

Daneben stehen vier Möglichkeiten, ein Grau zu ermischen – neben einer zarteren Variante von Paynesgrau noch einige weniger vertraute „Buntgraue“.

Unter den Gelbtönen ist ein Neuling. Neben Kadmiumgelb hell, stark deckend und als „Yellow“ eine der drei Grundfarben, und dem lasierenden und strahlenden Indischgelb ist eine Farbe namens „Grüngold“ von der koreanischen Firma „Mijello“ (PY 150, Nickel-Azo-Gelb) dazugekommen. Die Charakteristik dieser Farbe lässt sich am Bildschirm kaum zeigen, sie leuchtet selbst stark verdünnt noch in einem fluoreszierenden, fast giftigen Ton. Es gibt sie auch von anderen Herstellern; ich hatte sie gerade von Mijello zur Hand.

Rechts die vier Grüntöne. Ganz unten Perylengrün, das von den Herstellern bei den Schwarztönen einsortiert wird und eine „schwarze“ Pigmentnummer (PBk 31) trägt; es war Liebe auf den ersten Blick. In dicken Schichten ein dunkles Fastschwarz, wird es verdünnt erstaunlich transparent und grüner, als die Farbprobe neben den leuchtenden Nachbarn ahnen lässt. Phtalogrün ist ein seltsamer Geselle: obwohl ich es so selten brauche, dass ich das Näpfchen noch aus der Erstbestückung habe, darf es bleiben – könnte doch irgendwann der Moment kommen, in dem unersetzlich ist (und ermischbar ist es kaum). Wirklich gebraucht habe ich es bisher nur einmal für eine leuchtende Brandung. Über dem stumpfen Chromoxidgrün dann das schon in Teil 1 erwähnte Green Apatite Genuine von Daniel Smith – es hat als „historische“ Mineralfarbe keine Pigmentnummer. Ein Grün, das das Zeug zum einen einzigen Grün hätte – wie das eine Buch für die einsame Insel.

Unter den „Ziegelfarben“ finden sich drei meiner Lieblingstöne: Goldbraun, Krappbraun und Lasurorange, drei warm leuchtende, strahlende Farben aus modernen Pigmenten. Umbra und Sienna natur sind ihre treuen Begleiter, stets für eine Mischung bereit, wenn es mal nicht ganz so grell zugehen soll.

Bliebe noch das Rot. In einem Kasten, mit dem unterwegs gearbeitet wird, habe ich eine Menge Rottöne dabei. Neben Ziegelmauern – die es hierzuland reichlich gibt – wollen auch Blüten bedacht werden, Früchte, menschliche Gesichter und Sonnenaufgänge. Rottöne lassen sich erstaunlich schlecht mischen und werden in Verdünnung manchmal fade – dagegen hilft z.B. das Opernrosa mit seinen Fluoreszenzanteilen, grell wie eine Operndiva. Hat es daher seinen Namen? Ich weiß es nicht.

Auf jeden Fall bin ich gespannt, welcher der Neulinge sich halten wird und wer beim nächsten Umräumen den Platz räumt.


Vierundzwanzig Farben

Der Begriff „Farbe“ bezeichnet in der deutschen Umgangssprache zweierlei: ein subjektive Sinneswahrnehmung, hervorgerufen durch Licht verschiedener Wellenlänge, und die Stoffe, mit denen diese Wahrnehmungen verändert werden können – Farbstoffe – löslich – und Pigmente – unlöslich. Als Autodidaktin weiß ich noch gar nicht so lange, dass die Farben in den Näpfchen meines Aquarellkastens „Pigmente“ heißen, unlösliche, in ein wasserliebendes Bindemittel eingebettete Stoffe. Nur weil sie fast unendlich fein vermahlen sind, erwecken sie den uns bekannten „aufgelösten“ Eindruck.

Ich liebe diese „Farbmittel“, wie der offizielle Ausdruck lautet, wie ich alles Stoffliche liebe, alles, was meine Sinne mit der Erde verbindet. Sie verlangen uns etwas ab, Kenntnis, Beobachtung, Erfahrung; sie begrenzen und disziplinieren uns und eröffnen uns gerade dadurch Räume der Freiheit. Manche Künstler führen diese Begrenzung ins Äußerste, haben nur noch drei oder vier Grundfarben auf der Palette und den Ehrgeiz, sich alles andere zu ermischen. Ich erprobe das manchmal zu Hause, wenn ich Zeit habe; unterwegs und im Alltag darf die Auswahl größer sein. (Nicht zu vergessen: die meisten Farben in den Näpfchen bestehen nur aus einem jeweils einzelnen Pigment, auch wenn sie in der Theorie des Farbkreises „Mischfarben“ sind.)

Ein neues Grün zieht in den kleinen Kasten ein und das große Umräumen beginnt.

In den letzten zwei Wochen habe ich wieder einmal meinen kleinen Farbkasten umgeräumt, meine aus vierundzwanzig Näpfen bestehende, somit ganz schön lange Shortlist. Gekauft habe ich das Kästchen von der Firma Schmincke mit zwölf Farben, später auf vierzehn erweitert, und erst als ich die Grundplatte herausgenommen hatte, passten vierundzwanzig hinein. (So dicht gedrängt laufen die Farben manchmal unterwegs ineinander, das ist der einzige Nachteil.) Es gibt unter diesen vierundzwanzig welche, die von Anfang an dabei sind, und Plätze, die alle Jahre neu vergeben werden; es gibt Stars und ihre stillen Begleiter, Herzensfreunde und Geduldete.

Anlass für die Umräumaktion war ein neues Grün, Green Apatite Genuine von Daniel Smith, ein warmes, granulierendes Mittelgrün, ein Star aus gemahlenen Mineralstein. Ich schob alles mehrmals hin uns her, notierte mir die Pigmentnummern und beschloss, das ganz erst einmal als Farbkreis darzustellen.


Schwarz und grün

Ziemlich genau zwei Jahre ist es her, dass ich die schwarze Teekanne zuletzt gezeichnet habe. Erfreulicher Weise ist sie immer noch heil, und immer noch hole ich ihr zu Ehren die anderen seltener genutzten Bollhagen-Teile aus dem Schrank. Stövchen und Zuckerdose hat mir vor fast vierzig Jahren ein Freund geschenkt, Kerzenständer und Schälchen habe ich vermutlich selbst gebraucht erworben. Bollhagen* schwarz-grün hat nie die Verbreitung gefunden wie blau-weiß, es war früher schwierig zu erhalten und ist heute neu unbezahlbar. So bekommt der damit gedeckte Tisch etwas Meditatives, etwas von Teezeremonie, die Teile werden sorgsam komponiert und arrangiert.

Gezeichnet habe ich dieses Mal auf mit Buntstiften auf schwarzes Papier. Ganz zufrieden bin ich nicht, das Ganze ist insgesamt etwas dunkel geraten und mehr Helligkeit war mit den Stiften nicht rauszuholen. Beeindruckend finde ich die Plastizität, die sich schon nach wenigen Strichen einstellte die Möglichkeiten des Arbeitens auf schwarzem Grund ahnen lässt.

Schwarz-grünes Bollhagen-Geschirr, mit Buntstiften auf eine schwarze Seite des Stillman&Birn Nova Trio square (19x19cm) gezeichnet.

*Bollhagen-Geschirr ist ein Stück ostdeutscher Kultur, ein Stück gelebter Moderne, das heute unter der zugkräftigen Marke „Bauhaus“ vermarktet wird. Nach wie vor ist es im Osten Deutschlands weit bekannter als im Westen. Hedwig Bollhagen war eine Ausnahmekünstlerin, sie war auch eine Opportunistin, die sich mit zwei deutschen Diktaturen zu arrangieren wusste – und am Ende sogar mit dem neuzeitlichen Kapitalismus. Wie und wo diese Geschichte sich mit meiner eigenen trifft, würde ich gern einmal ausführlicher erzählen und dazu noch die ein oder andere Tasse zeichnen.


Pilze!

Im Harzurlaub hatte ich die Pilzbücher vergeblich mit, es war zu trocken gewesen, in den mecklenburgischen Wäldern hingegen war genug Regen gefallen und ich konnte aus der Fülle schöpfen. Jedenfalls zum Zeichnen.

Meine bisherigen Pilzkenntnisse entstammen den sandigen Kiefernwäldern der Griesen Gegend, in denen Marone, Butter- und Steinpilz eine sichere Basis für viele Pilzgerichte geben und auch die Anfängerin nicht überfordern. Später kamen Champignons hinzu, Schirm- und Perlpilze und natürlich die Kenntnis ihrer giftigen Doppelgänger, Krause Glucke, Reizker und noch so manches andere …

Dieses Jahr erst habe ich angefangen, Pilze zu zeichnen und unabhängig von ihrer Essbarkeit zu bestimmen. Ich bekam dabei eine Ahnung von einer unbekannten und mir bisher verborgenen Welt, die sich noch einmal ins unermessliche erweiterte, als ich in den auf sumpfigen Kalkböden wachsenden Wäldern in Schweriner Seenähe unterwegs war.

Die Auswahl, die ich traf, war subjektiv und willkürlich, wobei ich mit der Zeit auffällige und mir bisher unbekannte Pilze bevorzugte. Einige davon will ich hier zeigen.

Buchen-Klumpfuß – Cortinarius anoenolens

Gleich der erste interessante Pilz entstammte einer buntgemischten Familie, die mir bisher völlig unbekannt gewesen war – der der Schleierlinge. Ein zarter Schleier zieht sich vom Hut zum Stiel und reißt später ab, dort einen dünnen Ring zurücklassend. Viele Schleierlinge sind giftig oder ungenießbar.

Der Pinsel-Schüppling war ein Glücksfund, denn er gilt als selten.

Auch den Schwefelritterling hatte ich bisher noch nie gesehen – er hat seinen Namen von der schwefelgelben Farbe. Er könnte ihn auch von seinem höllischen Gestank haben, der an, nun ja, tranige menschliche Ausdünstungen denken lässt.

Löwen- oder zitronengelber Raukopf – Cortinarius limonius

Noch ein Schleierling und ein – zumindest hierzulande – seltener dazu. Über seine Giftigkeit sind sich die Autoren nicht einig – vermutlich ist noch niemand auf die Idee gekommen, diesen auffällig gelben Pilz ohne essbaren Doppelgänger (dafür aber mit zahlreichen giftigen Verwandten) zu probieren.


Am Ende des Mittelalters

Das Wernigeröder Rathaus ist so gotisch, dass es einem Disney-Film entsprungen sein könnte. Übertrieben spitze Türmchen, vorkragende Erker und riesige Wasserspeier verleihen ihm ein märchenhaftes Aussehen. Gebaut wurde es ursprünglich nicht als Rat- sondern als „Spielhaus“, eine Art frühes Theater für Fastnachtsspiele und ähnliche Aufführungen; natürlich wurde der große Saal im Innern auch für andere Zwecke genutzt – eine echte städtische Mehrzweckhalle. Später hat man es mehrfach umgebaut und nach einem Brand des alten zum neuen Rathaus umgewidmet.

Ich saß in meinem Urlaub mehrfach in einem Café an der Ostseite des Marktes und zeichnete die berühmte Fassade von der Seite. Dieses Bild ist – in zwei Sitzungen – vorwiegend vor Ort entstanden, zu Hause habe ich nur noch ein bisschen nachkoloriert.


Friedrich der Gebissene (Leporello II)

So ein Leporello ist eigentlicher ein Papierstreifen – mit einer Vorder- und einer Rückseite. Die Vorderseite hatte sich auf einer Grundierung mit leuchtenden Herbstfarben über einige Tage gefüllt; blieb noch ein letzter Urlaubstag für die Rückseite. Das Wetter war grau und ein bisschen regnerisch, ich passte die Farbstellung daran an und fuhr nach Meißen, wo die Albrechtsburg notfalls Innenräume für ganze Zeichenwochen geboten hätte.

Erst einmal war das Wetter ganz erträglich und ich zeichnete den Blick vom Terrassengarten eines der Cafés auf der Burg.

Dann entschloss ich mich hineinzugehen. Die Meißner Albrechtsburg gilt als der erste Schlossbau Mitteleuropas; keine nachträglich wohnlich ausgestattete Verteidigungsanlage, sondern ein Neubau zu Wohn- und Repräsentationszwecken. Architektonisch handelt es sich um reine Gotik, in einer späten, überreifen Form. Berühmt sind die „Zellengewölbe“, manieristisch auf die Spitze getriebene Gewölbekonstruktionen, und die modern wirkenden „Vorhangfenster“.

Die Burg teilte das Schicksal ähnlicher Bauprojekte: als sie fertig war, wurde sie nicht mehr gebraucht, weil die politischen Verhältnisse sich geändert hatten. August der Starke ließ seine Porzellanmanufaktur dort einziehen und erst das 19.Jahrhundert mit seiner Mittelaltersehnsucht verhalf ihr zu nostalgisch-neuem Glanz.

Für Zeichner ist die Burg ein Paradies! Die zahlreichen Räume auf drei Etagen wirken entweder durch ihre Dekoration oder sie beherbergen sparsam platzierte kultur- und architekturgeschichtliche Ausstellungen, man kann sich überall hinsetzen und den Raumeindruck genießen.

„Der alten Herzogin Gemach“ ist einer der typischen Räume im Mittelgeschoss, die einmal als Wohnräume konzipiert waren. Das „Vorhangfenster“ erlaubt einen weiten Blick ins Land.

Die Repräsentationsräume im ersten Stock sind, ähnlich wie in der Eisenacher Wartburg mit überbordenden Wandmalereien und neogotischen Dekorationen geschmückt. Hier hatten es mir die mindestens lebensgroßen, bunt bemalten Herrscherfiguren angetan, die in einer Zeit entstanden sind, als breitbeinig zur Schau getragene und mit diversen phallischen Symbolen dekorierte Männlichkeit ein noch unbezweifeltes Ideal war. Den ganz rechten Herrn habe ich von einem Wandbild abgezeichnet: „Friedrich der Gebissene, Sohn Albrechts des Entarteten“ – der musste einfach mit! (Die Beinamen sind authentisch.)

Johann Georg II. von Sachsen, Heinrich der Vogeler und Friedrich der Gebissene.

Zum Schluss gab es noch einmal einen Caféterrassenblick – dieses Mal schon am Fuß der Burg.

Blick von der Konditorei Zieger auf die Burgstraße; es dämmert schon.

Leporello I

In Mozarts Oper „Don Giovanni“ gibt es eine Szene, in der Leporello, der Diener des Titelhelden, ein Register von dessen Liebschaften anfertigt – bühnenwirksam auf einem sehr langen, im Zickzack gefalteten Papierstreifen. So kam das Ziehharmonika-Büchlein zu seinem Namen.

Mein erstes Leporello habe ich vor zwei Wochen in Dresden bei Gerstäcker gekauft, von Hahnemühle, handschmeichelnd klein und quadratisch. Es schien mir das Richtige für ein paar Tage, die ich vorwiegend in Gesellschaft verbringen würde und wo Zeichenzeit eher nebenbei anfallen würde. Schon im Harz hatte ich damit begonnen, meine Zeichengründe mit Aquarellfarbe zu grundieren – so färbte ich auch gleich den ganzen Leporello in Herbstfarben ein.

Auch eine bunte Paprika, die auf dem Küchentisch meiner Ferienwohnung lag, beteiligte sich an der Farbwahl.
Bei einem Spaziergang an der Elbe begeisterte mich der Blick auf das (hell)blaue Wunder vor dunklen Wolken.
Natürlich gab es hinterher auch etwas zu essen und zu trinken.

Am nächsten Tag gab es einen Ausflug in der Tharandter Wald. Hier, in einem ausgedehnten Waldgebiet am Rand des Erzgebirges, hat im 19.Jahrhundert die moderne Forstwirtschaft ihren Anfang genommen. Steigt man in Tharandt aus dem Zug, blickt man zu einer Burgruine hoch, die einem seltsam bekannt vorkommt: viele Maler des 19. Jahrhnderts haben sie gemalt. Oben angekommen, blickt man in ein Tal wie aus der Modelleisenbahn – und auf ein höchst seltsames Gebäude in einem bizarren, pseudo-orientalischen Stil. Es ist das „Neue Schloss“, dessen Türmchen neben der Burg dünn und seltsam flach in die Höhe ragt.

Noch ein Stück bergauf hinter der Burg beginnt der Forstbotanische Garten voller seltener Gehölze, einige sind schon über hundert Jahre alt. Mittendrin steht ein putziges Häuschen im Chalet-Stil, ein bisschen Museum, ein bisschen Laden, ein bisschen Café.

In Tharandt.

Die letzten Abschnitte dieser Seite des Leporellos füllte ich mit Eindrücken von einem Familienausflug in die Sächsische Schweiz.

Felsen im Uttewalder Grund.
Und wie das so ist bei gemeinsamen Unternehmungen – Gelegenheit zum Zeichnen ist meist bei der Einkehr.

Auf dem Klosterweg

Dieses Jahr gab es für mich keinen Pilgerweg. Ich hätte es noch „schaffen“ können, aber ich entschied mich für eine Woche Wanderurlaub im Harz. Bei der Planung stieß ich auf den „Harzer Klosterwanderweg“ – einen Pilgerweg im Kleinen. In seiner ganzen Länge führt er von Goslar nach Quedlinburg und ist auf eine Gehwoche ausgelegt – ich bin davon drei Etappen gegangen.

Am nördlichen Harzrand ist jeder Stein von Geschichte getränkt; in allen Orten findet man Burgen, Klöster, Kirchen – und manchmal nur deren Ruinen. Besonders die Klöster waren vor fünfhundert Jahren schwer von Reformation und Bauernkrieg betroffen, wurden geplündert und niedergebrannt und kamen danach in unterschiedlichste weltliche Nutzung.

So begann mein Unterfangen auch mit einer Ruine, der des Klosters Himmelpforte, einige Kilometer von Wernigerode im Wald gelegen. Nur eine Mauer erinnert noch daran, dass hier einmal ein Augustiner-Kloster stand, in dem auch Luther zu Gast war.

An dieser alten Klostermauer gibt es den hübschesten Stempel.

Der Weg führte weiter über Drübeck (das ich rechts liegen ließ, weil ich es vor zwei Jahren schon einmal ausführlich besucht hatte) nach Ilsenburg. Während Drübeck als adliges Damenstift über die Jahrhunderte gekommen war, überstand das Ilsenburger Kloster die Reformation als Klosterschule, später wurde es Witwensitz, Verwaltungsgebäude, Schloss und Erholungsheim, um nur einige Nutzungen zu nennen. Heute gehört es einer Stiftung und wird aufwändig saniert, u.a. mit Mitteln der Deutschen Stiftung Denkmalsschutz, die in ihrem Magazin ausführlich darüber berichtet.

Als ich im Kloster ankam, neigte sich der Tag bereits, denn ich war spät aufgebrochen. Die Öffnungszeit reichte gerade dafür, mir einen Überblick über die schöne Anlage und die wunderbaren Räume mit ihren romanischen Säulen zu verschaffen. Immerhin schaffte ich noch ein Aquarell von außen.

Auch hier ist natürlich vielfach umgebaut worden, z.B. hatte die Kirche einmal zwei Türme.

Ein paar Tage später wanderte ich von Wernigerode zum Kloster Michaelstein bei Blankenburg. Hier befindet sich – nach ähnlich wechselvoller Geschichte wie in Ilsenburg – seit den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts eine Musikakademie, es gibt eine Instrumentensammlung, Konzerte etc. Am Ende eines langen Wandertages über die Trockenhänge der Teufelsmauer hatte ich dafür leider nur wenig Sinn; ich rastete ein wenig im Klostergarten und setzte mich zum Zeichnen vor das Tor des weitläufigen Komplexes.

Kloster Michaelstein: Tor mit Turm

Am nächsten Tag fuhr ich mit dem Bus nach Blankenburg, um von dort zum Kloster Wendhusen zu wandern. Nach einem attraktiven Wegabschnitt über ein weiteres Stück Teufelsmauer ging es auf Asphalt und durch Industrievororte von Thale weniger hübsch weiter. Endlich angekommen, sah ich mich erst einmal enttäuscht um: das Museum hatte geschlossen, und von dem auf der Webseite angekündigten Café war weit und breit keine Spur. Das Ganze machte den Eindruck eines leicht heruntergekommenen landwirtschaftlichen Gutes, was es auch seit langer Zeit gewesen war. Erst auf den zweiten Blick sah ich, dass das massive hohe Gebäude kein Getreidespeicher, sondern das ehemalige „Westwerk“ der Klosterkirche war.

Das Kloster Wendhusen lässt sich bis in die karolingische Zeit zurückverfolgen, es ist eines der ältesten Gebäude in der Region. Es war, wie viele ähnliche Anlagen, ein Frauenkloster. Diese Frauenklöster waren, was uns heutige vielleicht verwundert, Machtzentren; sie wurden von Herrscherwitwen oder -schwestern geführt und waren dem Adel vorbehalten.

Ich hatte das Blatt für die Zeichnung schon mit kräftigem Magenta präpariert und fand meinen Spaß daran, den eigentlich eher farblosen Ort darauf abzubilden. Überhaupt besserte sich meine Stimmung bald wieder: es wurde abendstill, nur ein paar Kinder spielten auf dem geräumigen Hof und die Pappeln an der nahen Bode raschelten, niemand wollte abschließen oder nötigte mich zur Eile …