Heringe und Tulpen …

… wer denkt da nicht an Holland? Oder, um genauer zu sein, an die Niederlande? An Frau Antje mit Flügelhaube und Matjes, im Hintergrund ein Tulpenfeld? Tulpenfelder, das sei vorangeschickt, habe ich einige gesehen auf meiner Reise – der Hering, um den es hier geht, hatte hingegen einen mehrfachen Migrationshintergrund.

Gekauft hatte ich ihn in Schwerin, beim Fischhändler meines Vertrauens, gefangen wurde er, soviel steht fest, weder an der deutschen Ostsee- noch an der niederländischen Nordseeküste – beide Regionen sind so überfischt, dass der Heringsfang dort zum Erliegen gekommen ist – , sondern vermutlich irgendwo vor Schottland oder dem nördlichen Dänemark. Geräuchert, und zwar im Ganzen, wurde er vermutlich in Deutschland, wo er einst zu seinem Namen gekommen war: der Bückling war in früheren Jahrhunderten ein Bockling – wegen des bockig strengen Geruchs.

Vor der Fischmahlzeit war noch eine Aquarellskizze entstanden – die dann, halbfertig, mit mir nach Utrecht reiste und im Zug endlich fertig wurde.

Drei Tage später, bevor ich von Utrecht nach Hause fuhr, besuchte ich noch einen für Ostdeutsche nachgerade mythischen Ort: den Keukenhof. Ich habe von Seeleuten der DDR-Handelsmarine gehört, die ihr kostbares West(taschen)geld auf Landgang für einen Besuch des Keukenhof ausgaben. Nach der Wende wurde der legendäre Tulpenpark zu einem der beliebtesten Busreiseziele.

Hervorgegangen ist das Gelände aus dem Küchen(„Keuken“)Garten eines Wasserschlosses, später wurde ein klassischer Landschaftsgarten im englischen Stil daraus, seit den 1950er Jahren gibt es dort eine Tulpenschau. Heute ist es eine perfekt durchorganisierte Anlage, auf der etwa sieben Millionen Tulpenzwiebeln wachsen, die in einer zweimonatigen Saison von knapp anderthalb Millionen Besuchern bewundert werden. Die kommen aus allen Ländern der Erde: schöne Asiatinnen in noch schöneren Kleidern, Sarongs, Saris und viktorianischen Rüschen, herausgeputzte kleine Mädchen, bärtige dunkelhäutige Männer aus südasiatischen Weltgegenden, von denen ich bisher noch nie gehört hatte … Die deutsche Rentnerin ist mittlerweile unterrepräsentiert.

Da es ein kühler Tag mit echtem Aprilwetter war, zeichnete ich durch die Panormascheiben eines Cafés nach draußen, und zwar gegen Abend, als die Menschenmengen sich schon etwas gelichtet hatten. Dass sie auf meinem Bild ganz fehlen, ist allerdings eine unzulässige Vereinfachung.
Bald, nachdem das Bild fertig war, stieg ich in einen der Shuttlebusse nach Amsterdam, um mit einem ziemlich unbequemen Nachtzug nach Hause zu fahren. Von dort würde ich zwei Tage später zum zweiten Teil meiner Urlaubsreise Richtung Thüringen aufbrechen.


Auf Reisen

Man könne den Kuchen entweder haben oder essen, sagt ein Sprichwort, und es gilt auf Reisen mehr noch als zu anderen Zeiten. Auch wenn die Hand-Auge-Koordination sich von Tag zu Tag bessert, die Skizzenbücher sich mit angefangenen und manchmal sogar leidlich fertigen Bildern füllen, knabbert die Zeichnerin bereits am nächsten Kuchenstück. Sie schaut, was das Auge fasst, recherchiert abends im Hotel oder im Gästezimmer von Freunden noch das eine oder andere, macht sich Notizen – und schläft darüber ein, bevor sie noch etwas in den Blog geschrieben hat.

Der erste Teil meiner Reise führte mich zu einem alten Freund ins niederländische Utrecht. Ich hatte mich in einem Hotel in Bahnhofsnähe eingemietet und staunte nicht schlecht über den modernen Großbahnhof, die Hochhäuser, die in der erweiterten Innenstadt fast vollständig fehlenden Autos – und über eine nicht gerade kleine Moschee, deren Minarette an Industrieschornsteine denken ließen – und in deren Erdgeschoss sich ein Restaurant befindet.

Eine schnelle Skizze zum Warmzeichnen.

Utrecht ist eine sehr alte Stadt, Bischofssitz seit dem Jahr 695 – da war Amsterdam noch ein namenloses Fischerdorf. Entsprechend viele alte Kirchen und Klöster gibt es im Stadtgebiet bis heute – auch wenn Wetterereignisse, Feuersbrünste und nicht zuletzt der reformatorische Bildersturm ihnen zugesetzt haben.

Von der großen Marienkirche, Maria Maior, blieb nur der Kreuzgang mit einem schönen Kräutergarten übrig. Heute ist es ein beliebter kleiner Park in der lebhaften Innenstadt.

Im übrigen gab es auch eine kleine Marienkirche, Maria Minor, die sich als in Zeiten religiöser Intoleranz als gewöhnliches Wohnhaus tarnen musste – und heute ein weithin bekanntes belgisches Bierrestaurant beherbergt. Solche Profanierungen sind in den Niederlanden durchaus üblich. Am nächsten Tag sah ich, dass auch ein Café im Dom möglich ist: Durch großzügige Panoramascheiben konnte ich hier bei kühlem windigen Wetter wiederum in den Kreuzgang blicken.

An meinem letzten Utrechter Tag, einem Sonntag, begleitete ich meinen Freund zum Gottesdienst in die Janskerk-Gemeinde. Es war eine bergende, warme und gemeinschaftliche Stimmung, die noch lange in mir nachwirkte. Da das Gebäude der Janskerk (Johanneskirche) momentan renoviert wird, ist die Gemeinde in einer anderen Kirche, der Pieterskerk, zu Gast. So kam ich noch zur Zeichnung eines der schönen romanischen Reliefs in dieser Kirche.

Das Relief illustriert die biblische Geschichte vom leeren Grab: Jesus ist auferstanden, im leeren Grab verkündet ein Engel seine Auferstehung.

Am nächsten Tag würde ich nach Hause aufbrechen, doch vorher noch einen sehr holländischen Ort besuchen …


Und hinter tausend Stäben keine Welt

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Rainer Maria Rilke

Jean-Baptiste Oudry war ein Malerstar des französischen Hochbarock, Hofmaler Ludwigs des Vierzehnten; spezialisiert auf repräsentative Porträts und Bilder von exotischen Tieren. Sein größter Fan war der mecklenburgische Herzog Christian II., er sammelte, was die Staatskasse des armen Landes hergab, am Ende besaß er 46 Gemälde – die größte Oudry-Sammlung weltweit, bis heute. Die Bilder hängen in einem eigenen Saal des Schweriner Staatlichen Museums, an der Stirnseite gekrönt vom drei mal viereinhalb Meter großen Porträt eines Nashorns. „Clara“ war seinerzeit eine Sensation, das erste Nashorn, das nach dem strapaziösen Transport in Europa viele Jahre überlebte.

Mir hatte es einer der beiden Leoparden angetan, der ebenfalls lebensgroß, in gereiztem, aggressiven Habitus an der Betrachterin vorbei aus dem Bild blickt. Die Haltung des Tieres ist überaus dynamisch, meisterhaft gemalt zeichnet sich jeder Muskel unter dem gefleckten Fell ab.

Zeichnung mit PITT-Pens und etwas weißer Kreide im Stillman&Birn Nova Grey Skizzenbuch.

Ich hatte mit der Zeichnung meine liebe Not, versuchte mich in mehreren Anläufen erst an einem Ganzbild, dann nur am Kopf – erst auf der letzten Seite meines Skizzenbuchs bekam ich Haltung und Ausdruck halbwegs in den Griff. Ich fragte mich, wie es dem Künstler gelungen sein mochte, das sich bewegende Tier in dieser Weise abzubilden.

Vermutlich hat er an Hauskatzen geübt, deren Körpersprache ähnlich ist: gebleckte Zähne und weit aufgerissene Augen zeigen ebenso eine angriffslustige Stimmung wie die angelegten Ohren und der – auf meiner Zeichnung nicht sichtbare – dynamisch bewegte Schwanz. Und: er hat das Tier, das auf seinem Bild in einer exotisierten Waldlandschaft steht, vermutlich in einem engen Käfig gesehen. In einem solchen Käfig, wie ihn Rilke noch 1905 kannte und der ihn zu seinem berühmten Gedicht anregte. Bilder davon kann man im Netz finden.

So erwies sich am Ende wieder einmal, dass große Kunst immer über sich selbst hinausweist. Der Maler wollte seinem adligen Publikum eine exotische Bestie zeigen, doch dahinter scheint das Bild einer gequälten Kreatur auf; der Dichter, bekannt für seine Egozentrik, tat sich im Paris von 1905 vermutlich vor allem selbst leid – und vermag mit seinem Gedicht seit Generationen das Mitgefühl der Lesenden zu wecken.


Blumentopf und Femme fatale (Museum zum dritten)

Ende Januar hatte ich in Lübeck zu tun; wieder einmal zog es mich ins St.-Annen-Museum, denn ich wollte zu Mariä Lichtmess eine Madonna zeichnen. Als ich in der Lübecker Altstadt angekommen war, hatte alles hinter einen sanften Schleier aus feinem fallenden Schnee gelegen, eine verzauberte Stimmung. An der Rückseite der Aegidien-Kirche hatte ich ein gemütliches Café mit großen Fenstern gefunden und war auf einen frisch gerösteten Kaffee und selbstgebackenes Brot eingekehrt.

Das Café war voll; ich fand einen Tisch etwas erhöht im Hintergrund. Mein Blick fiel über eine Zimmerpflanze und zwei Tische durch das Fenster auf die Chorseite der Aegidienkirche. Der kleine Platz, die angrenzenden alten Häuser, alles wurde verschönert vom langsam nachlassenden Schneefall. Als ich mein Skizzenbuch herausholte, erinnerte ich mich an eine Regel fürs Caféhauszeichnen: immer mit dem Vordergrund beginnen!

Gesagt, getan begann ich mit der Zimmerpflanze, die ihren eigenen Willen hatte: Als ich mit ihr fertig war, hatte sich, wie durch Zauberhand, das Blatt schon weitgehend gefüllt. Die Menschen vor dem Fenster konnte ich gerade noch andeuten, der Schneeblick reiste in meinem Herzen nach Hause.

Aus der Madonnenzeichnung im Museum wurde trotz Joseph, Engel, Ochs und Esel nichts Verwertbares, erst eine Woche später stieß ich, nun wieder im Schweriner Museum, auf die nächste interessante Frau: Judith. Das Buch Judith zählt zu den sogenannten Spätschriften des Ersten Testaments der Bibel, es ist, obwohl es eine jüdische Heldinnengeschichte erzählt, nicht in der Sakralsprache Hebräisch verfasst (die bereits damals im Alltag nicht mehr gesprochen wurde), sondern in Griechisch.

Die schöne junge Witwe Judith hatte sich, schön herausgeputzt sexuelle Verfügbarkeit vortäuschend, aus ihrer umzingelten Heimatstadt in das Lager des Feindes begeben. Beim Festmahl gelang es ihr, den Heerführer so mit Wein abzufüllen, dass es nicht zum Vollzug kam, stattdessen nahm sie sein Schwert und schlug dem betrunken eingeschlafenen den Kopf ab (die Entourage hatte sich bereits zurückgezogen). Sie steckte den Kopf in einen Sack und verließ damit, geschützt durch eine List, das Heerlager. Als sie ihren eigenen Leuten den Kopf brachte, fassten die wieder neuen Mut und schafften den Ausfall aus der Belagerung.

Judith mit dem Kopf des Holofernes, aus der Werkstatt des Lukas Cranach, 1537

Lukas Cranach hat die Judith vielfach gemalt (bzw. von seiner Werkstatt malen lassen), es war ein angesagtes Motiv im kämpferischen 16.Jahrhundert. Seine Judith ist vornehm und ungemein teuer gekleidet, aus dem geschlitzten Oberteil quillt üppig die darunter liegende Stoffschicht, selbst die hautfarbenen Handschuhe, mit denen sie Schwert und Kopf hält, sind mit Schlitzen versehen. Ihr Gesichtsausdruck (den ich bei meiner 14x14cm großen Skizze wohlweislich weggelassen habe) ist kühl und distanziert. Cranach übersetzt das biblische Judithbild einer schönen und mutigen, dabei „ehrbaren“ Frau in seine Zeit.

Einen anderen Akzent setzt Statius von Düren mit seinem 1554 gefertigten Terrakotta-Ziegel. Solche Ziegel wurden mit Modeln in Serie gefertigt und zu Schmuckfriesen zusammengestellt; dieser zierte das alte Schweriner Schloss.

Der Gesichtsausdruck der Judith war vermutlich nie besonders fein gearbeitet und hat die Zeitläufe nicht überlebt; um so erstaunlicher, was der Körper zeigt. Die Frau ist in eine Art frühneuzeitliches Dessous gekleidet. Ein kurzes Jäckchen mit Puffärmeln hat zwei kreisrunde Ausschnitte, die die Brüste freigeben, durch einen weiteren Ausschnitt ist der Bauch sichtbar. Entsprang dieses Kleidungsstück der Fantasie des Künstlers? Oder kannte er dergleichen aus dem Bordell?

Sicher ist, dass seine Judith das verkörpert, was man gemeinhin als „Femme fatale“ bezeichnet. Und bei dieser Rollenzuweisung, Ausdruck einer zunehmenden männlichen Verunsicherung, sollte es in den nächsten Jahrhunderten und bis in unsere Zeit bleiben.


Museum zum zweiten

In diesem unerwartet kalten Winter ist das Schweriner Museum zu einer festen Größe für die Urban Sketchers geworden. Für jeden und jede ist etwas dabei: alte Kunst und neue Kunst, hinreißende historistische Architektur und natürlich auch Menschen, stillstehend oder in allenfalls gemessener Bewegung. Meist halte ich mich an die Kunst, setze mich vor ein oder zwei Ausstellungsstücke und sehe ihnen dabei zu, wie sie während meines Zeichnens mit jedem Strich schöner und schöner werden.

Bei meinen ersten beiden Besuchen in diesem Jahr widmete ich mich den Stillleben aus der Holländer-Abteilung. Die möglichst akribische Präsentation schöner, wertvoller und mit Bedeutung aufgeladener Gegenstände war eine hoch angesehene Kunstform jener Zeit, voller Doppelbödigkeit wurden prunkvolle Dinge gezeigt und gleichzeitig auf deren Vergänglichkeit hingewiesen.

Eine Unterabteilung dieser Art von Stilllebenmalerei sind die Trompe-l’œil, Augentäuschungen, die auf vielfältige Weise mit unseren Sehgewohnheiten und unserer Konstruktion der Wirklichkeit spielen. Sogenannte „Steckbrettbilder“ gehören dazu. (Heutige Pendants zu Steckbrettern wären Korktafeln und Kühlschranktüren.)

Ein solches Steckbrettbild integriert die Abbildung von bedrucktem und beschriebenem Papier in vielfältiger Weise und zieht damit noch eine weitere Ebene von Anspielungen und Querverbindungen ein. Zeitungen, Briefe, Noten … alles erzählt eine Geschichte, lädt zum lockeren Rätseln ebenso wie zum tiefen Nachdenken ein.

Nach dem feinen Gestrichel schloss ich den Vormittag mit einem schnellen Blick auf einen Mitzeichner ab, der eine der berühmten Breughelschen Winterlandschaften vor sich hat. (Und dabei, wie ich ihn kenne, vermutlich den dicken Mann und die dünne Frau davor gezeichnet hat, die für meinen langsamen Stift wiederum zu schnell waren.)


Römer. Und Rembrandt.

Seit knapp zwei Monaten ist – endlich – das Staatliche Museum in Schwerin wieder geöffnet. Vier Jahre hatte der Umbau gedauert, vier Jahre lang wird es nun freien Eintritt geben. Zahlreiche Schweriner Familien nutzten das Angebot, es war so voll, wie ich es in dem Museum noch nie erlebt hatte.

Allein das Gebäude ist sehenswert und sehr sorgfältig restauriert – worauf schon die Denkmalsschützer ein sorgsames Auge hatten. Alles ist vor sanften Farben auf das Schönste präsentiert und ausgeleuchtet; wo immer es möglich ist, werden die Gemälde durch Plastiken ergänzt. Zu meiner Freude stieß ich gleich in einem der ersten Räume meines Rundgangs auf eine Ansammlung von Abgüssen antiker Köpfe; einer war lapidar mit „Römer“ bezeichnet und stand besonders prägnant im Schlagschatten.

Das Schweriner Museum beherbergt eine der umfangreichsten und geschlossensten Sammlungen niederländischer Malerei in Deutschland – zum großen Kummer aller Beteiligten ist jedoch kein einziges Werk von Rembrandt darunter. (Das „Bildnis eines alten Mannes“ kannte ich schon von einer früheren Sonderausstellung. Es ist lange für einen Rembrandt gehalten worden, was bei der beeindruckenden Ausstrahlung des Dargestellten und der hohen malerischen Kunst nicht verwundert – erst 2008 hat man es eindeutig Rembrandts Atelierkollegen Jan Lievens zugeschrieben.)

Da war meine Freude besonders groß, dass zu Ehren der Eröffnung (und im Tausch gegen ein anderes spektakuläres Bild, das Nashorn von Oudry) momentan drei Rembrandts als Leihgabe zu besichtigen sind. Zwei Bilder neben dem Bild von Lievers hängt Rembrandts „Selbstporträt als Apostel Paulus“, ein Altersbild von nachgerade existentieller Präsenz.

Eine glückliche Stunde habe ich dort vor dem Gemälde zugebracht, mit der Betrachtung einer zum Heulen schönen zerfurchten Stirn, einer ebenso liebevollen wie schonungslosen Meditation über die eigene Endlichkeit …


Vierter Advent

Das Kirchenjahr, die über eintausendfünfhundert Jahre alte Ordnung des Jahreslaufes, beginnt mit dem ersten Advent, mit dem Sonntag drei bis vier Wochen vor dem Weihnachtsfest: erwartungsvoll richten sich die Christen auf die Ankunft (adventus bedeutet Ankunft) von Gottes Sohn in der Welt aus. Diese Ankunft geschieht, so erzählt es die biblische Geschichte, als eine Geburt unter prekären Verhältnissen, im Stall einer überfüllten Herberge. Später wird man dieses Ereignis einer der dunkelsten Nächte des Jahres zuschreiben, nahe der Wintersonnenwende.

Auch viele Menschen, den christliche Überlieferung fremd ist, haben schon einmal von dieser Geschichte gehört, lassen sich von ihr anrühren, von der Erzählung über ein hilfloses schwaches Kind, mit dem ein neues Licht in die Welt kommt.

Weihnachtsbaum und Taufstein im Altarraum von St.Nikolai („Schelfkirche“) in Schwerin

Im Lauf der Jahrhunderte haben sich viele einander überlagernde Traditionen und Bräuche rund um dieses Fest herausgebildet, Traditionen, in denen sich die Sehnsucht nach der Wiederkehr des Lichts in der dunklen Jahreszeit ausdrückt – wie in diesem Weihnachtsbaum mit Strohsternen und Kerzen. Er steht in der Adventszeit in der Schweriner Kirche St.Nikolai. Flankiert wird der Baum von einem Taufstein, der die Geschichte in anderer Weise erzählt, nicht als Geschichte einer Geburt, sondern als die einer Umkehr und Berufung.

Die Schelfkirche, erbaut im seltenen Backsteinbarock, ist durch einen Hausschwammbefall im Dach akut bedroht; noch kann sie dank einer Notsicherung offen gehalten werden, bis die nötigen Gelder für die Sanierung zur Verfügung stehen. Auch diese Zeichnung entstand im Rahmen eines Benefizprojektes.


Zwischen Antike und Mittelalter

Das antike Rom wurde bekanntlich nicht an einem Tag errichtet; auch, dass es mehrere Jahrhunderte benötigte, um zu zerfallen, machen wir uns selten klar. Im Laufe der Zeit wurde etwas Neues daraus, mit neuen Werten, neuen Strukturen, weniger zentralisiert, noch geprägt von den zurückliegenden Wanderungsbewegungen.

Nur an wenigen Orten gelingt es heute noch, diese Übergangswelt sichtbar werden zu lassen. Das Kirchlein St.Prokulus, gelegen am Rand der Südtiroler Gemeinde Naturns, ist ein solcher Ort.

Erbaut wurde es irgendwann zwischen dem 06. und dem 08.Jahrhundert in einem schon weitgehend, aber noch nicht vollständig christianisierten Umfeld – auf dem umgebenden Friedhof fand man auch das Grab eines germanischen Kriegers, dem man sein Kurzschwert (Sax, daher stammt die Bezeichnung „Sachsen“) mit ins Grab gelegt hatte.

Man weihte die Kirche dem heiligem Prokulus, einem außerhalb des Südalpenraums kaum bekannten Heiligen, Schutzpatron der Alpenübergänge und des Viehs. Und man malte die Kirche aus.

Wegen dieser Malereien (bzw. dem, was die Jahrhunderte davon überdauerte) ist St.Prokulus eine der bekanntesten Kirchen der Region, sie hat zahlreiche Wissenschaftler beschäftigt und mittlerweile ein eigenes Museum bekommen.

Den Malereien werden byzantinische, irische und langobardische Einflüsse zugeschrieben, auch das angenommene Alter schwankt beträchtlich. Das bekannteste Bild zeigt einen Mann (an der Gloriole als Heiliger erkennbar), der in einem Korb von einer Stadtmauer abgeseilt wird. (Der Begriff „Schaukler“ ist eine moderne Zuschreibung.) Wen es darstellt, ob Paulus, Prokulus oder jemanden anders, ist wissenschaftlich umstritten.

Es gibt noch eine Rinderherde, eine Menschenmenge und großäugige Heilige im gleichen Stil; daneben Engel mit Schlangenleibern, vermutlich aus einer anderen Werkstatt, sowie Zierfriese.

Letztere haben mich besonders beeindruckt. Sie entstammen so sichtlich (geografisch) unterschiedlichen Stilregionen, spätrömische Määnder finden sich neben keltisch inspirierten Flechtbändern. Waren alle diese Handwerker in der gleichen Bauhütte beschäftigt? Zogen sie durch oder waren sie eher regional ansässig? Welchen der „wandernden Völker“ gehörten sie an?

Als ich das Kirchlein besichtigte, fand in ganz Südtirol der „Tag der Romanik“ statt, viele verborgene Schätze wurden geöffnet und waren kostenlos zugänglich. Ich verbrachte eine lange Mittagszeit in St.Prokulus, lauschte der Führerin, die virtuous zwischen Italienisch und Deutsch wechselte, und nahm mehr Fragen als Antworten mit nach Hause.


Im Kloster 2

Nachdem ich mich von den freundlichen Nonnen verabschiedet hatte, stieg ich in den gelben Schweizer Postbus und fuhr fünfzehn Kilometer talabwärts zum Kloster Marienberg in Südtirol. Das Kloster thront wie eine Burg auf einem Bergsporn über der weitläufigen Talsohle, in der sich seit frühester Zeit die Wege von mehreren Alpenpässen treffen.

Turm der Stiftskirche Marienberg

Die Gebäude wurden nach mehreren Bränden durchgehend barockisiert; in den 2000er Jahren verpasste eine für meinen Geschmack etwas zu ambitionierte Renovierung dem Museums- und Herbergsgebäude einen Stil mit Sichtbeton und schwarzemetallischem Industriedesign. Als Ausgangspunkt für die Touren der kommenden Tage war es praktisch und dazu noch ausgesprochen günstig, so dass ich fast eine Woche blieb.

Eine Tour führte mich in das Städtchen Glurns, dessen riesige Stadtmauer einen Ort von gerade einmal tausend Einwohnern umschließt. Durch die Laubengasse seien vor einigen zehn Jahren noch die Kühe getrieben worden, heute sitzt man hier sehr gut bei Kürbissuppe und regionalen Birnen-Spezialitäten.

St.Benedikt aus dem 8.Jahrhundert, der Kirchturm wurde später angefügt.

Der Hauptort der Talregion ist Mals, etwa doppelt so groß und mit fünf Kirchtürmen gesegnet, davon drei romanischen.

Der zweite romanische Turm gehört zu dem Kirchlein St.Martin, dass sich seit dreihundert Jahren im privaten Besitz der ehemaligen Klosterpächter befindet. Geöffnet wird an Markttagen. Dann stehen Kirchentür und Scheunentor offen und wenn man Glück hat – so wie wir – findet man die Bäuerin am Spinnrad.

(Und wo bleibt der dritte Kirchturm? Von ihm wird noch die Rede sein.)


Im Kloster

In den Jahren 773/74 war der noch nicht dreißigjährige Frankenkönig Karl bereits ein ehrgeiziger und in weiten Teilen erfolgreicher Herrscher, doch bis er zum Kaiser gekrönt werden sollte, vergingen noch 25 Jahre. („Der Große“ wurde er ohnehin erst nach seinem Tod.)

Der Legende nach kam er in dieser Zeit an einem Alpenpass in einen Schneesturm; als er den wie durch ein Wunder überlebt hatte, beschloss er aus Dankbarkeit, im nächsten Tal ein Kloster zu gründen. So entstand das Kloster Müstair, das heute in der Schweiz liegt und von dort aus noch immer nur über einen hochgelegenen Straßenpass zu erreichen ist.

Ob die Geschichte sich genau so abgespielt hat, ist nicht mehr nachweisbar – doch wissen wir aus Jahresringanalysen, dass der Bau um das Jahr 775 begonnen wurde.

Ich liebe diesen Ort und habe ihn Anfang Oktober wieder einmal besucht. Ich blieb vier Nächte in der Klosterherberge und war mit einem Zimmer in der Nonnenklausur gesegnet. In dieses Zimmer gelangte ich über zahlreiche Treppen, durch kopfsteingepflasterte Gänge, vorbei an uralten, noch immer genutzten Wirtschaftsräumen, die nach Äpfeln und getrockneten Kräutern dufteten.

Eine sehr kunstvoll ausgeführte lebensgroße Holzplastik, die den Evangelisten Johannes darstellt, steht in einem der Flure.

(Diese Zeichnung, wie auch die folgenden, ist weitgehend mit Fineliner ausgeführt – meine Referenz an den Inktober.)

Der Schutzpatron des Klosters ist Johannes der Täufer, ein anderer Johannes, ein raubeiniger Bußprediger, der die Menschen zur Umkehr in ein besseres, „tugendhafteres“ Leben aufforderte. Ein rituelles Bad im Jordan, ein Reinigungsritual, sollte diese Umkehr bekräftigen. Auch Jesus ließ sich von ihm taufen, und als er aus dem Wasser stieg, kam der heilige Geist in Gestalt einer Taube auf ihn herab, während eine Stimme sprach: „Du bist mein geliebter Sohn.“

Diese Szene ist auf einem Relief in der Klosterkirche dargestellt. Man sieht hier neben Johannes und Jesus rechts (in meiner Zeichnung nur angeschnitten) einen Engel, der Jesus frische Kleidung reicht.

Der Abschiedstag, der 3.Oktober, war ein makelloser Tag; vor den Bergen und dem blauen Himmel leuchteten die weißen Klostergebäude in unwirklicher Schönheit. Gezeichnet habe ich eine Kapelle, die in der Bauzeit zum Klosterkomplex gehörte, nun aber ein bisschen getrennt davon steht.

Die Anlage hat schon in den 1980er Jahren den Welterbe-Status bekommen, und es fährt auch immer mal der eine oder andere Bus vor – vom Übertourismus ist der Ort glücklicherweise noch immer weit entfernt.

Noch leben acht Benediktinerinnen im Kloster, die jüngste ist 62, die älteste 94 Jahre alt. Ihre Gärten und Handwerke können sie nur noch mit Hilfe von außen betreiben. Wenn man ein paar Tage in der Klosterherberge verbringen darf, kommt man ihnen nah. Sie wissen, dass sie die letzten ihrer Art sind, dass mit ihnen 1250 Jahre Tradition enden …