Die Rosen der anderen

Der Schrebergarten von Freunden hat vor zwei Jahren die Besitzer gewechselt. An Wellplaste und Betonformsteinen lässt sich die Laube auf die 1960er bis 70er Jahre datieren; die Pflanzen dürften ab dieser Zeit eingezogen sein.

Es finden sich dort, anders als in meinem Hofbeet, kaum pastellfarbene Romantikrosen mit schwer hängenden Blütenköpfen, sondern eine sauber ausgerichtete Reihe von kräftig gefärbeten Edelrosen mit langen gerade Stielen und aufrechten Köpfen. Am schönsten sind natürlich die zweifarbigen. Sie erinnern mich an Kalenderfotos und Postkarten meiner Kindheit, auf denen solche Rosen – meist unter dem Namen „Teerose“ – eine wichtige Rolle spielten.

Als ich anfing, eine davon zu zeichnen, stellte ich fest, dass sie mit ihrer rosenarchetypischen Form ganz und gar der Ästhetik der 50er und frühen 60er entsprach, einer Ästhetik voller Winkel, Trapeze und Asymmetrien. Natürlich galt es auch, ihren Namen herauszufinden; bei der auffälligen Färbung in knalligstem Pink mit silbrigweißer Rückseite kamen nicht so viele in Frage. Wahrscheinlich ist es „Acapella“, eine preisgekrönte Züchtung aus dem Jahr 1994, also gar nicht so alt, wie ich gedacht hatte. Ich stellte mir vor, wie die gartenliebenden Vorbesitzer nach der Wende die Kataloge gewälzt und sich für diese Schönheit im Stil einer Zeit entschieden hatten, die mehr ihre gewesen war als es die kommende jemals sein würde. Und jener Zeit, die als „Moderne“ 1994 bereits eine Weile unmodern war, habe ich auch dann auch im Stil meines Rosenporträts ein bisschen die Referenz erwiesen.

(Graphit, Derwent Procolour Pink und diverse Aquarellfarben in meinem botanischen Skizzenbuch Stillman&Birn Zeta A4)


Günsel und Gottesmutter

Zwischen Wismar, Rostock und Nirgendwo, am nördlichen Rand des Sternberger Seenlandes, liegt Neukloster, das nach Doberan zweitälteste Kloster Mecklenburgs. (Der Name Neu-Kloster stammt noch aus dem Mittelalter und verweist darauf, dass das Kloster kurz nach der Gründung einmal umgezogen ist.) Die Kirche ist mehrfach umgebaut und nach der Reformation leider teilweise abgerissen worden, doch in ihren erhaltenen Bauformen romanisch. Ihr berühmtester Schmuck sind einige sehr alte Glasmalereien.

Die Klosteranlage hat im Hinterland zwischen Wismar und Rostock ein stilleres Leben geführt als Doberan, vieles war verfallen und beschädigt und wird nun Stück für Stück wieder aufgebaut: ich fand bei meinem Besuch die Kirche eingerüstet und zum Zeichnen wenig einladend. So ging ich, zumal das Wetter sich wieder gebessert hatte, erst einmal am Ufer des Neuklostersees spazieren.

An einem Waldrand leuchtete mir ein blauer Pflanzenteppich entgegen. Ich setzte mich auf einen Baumstumpf und fing an zu zeichnen, etwas verwirrt darüber, was ich da gefunden hatte – ich war mir ziemlich sicher, die Pflanze, obschon in vielen Formen vertraut, noch nie bewusst gesehen zu haben. Erst zu Hause, wo ich neben der Bestimmungs-App auch die Bücher zur Verfügung hatte, fand ich es heraus: Es ist der Heide-Günsel, ein naher und ungleich seltenerer Verwandter des Kriechenden Günsels, der in vielen Gärten ein geduldetes Leben zwischen Bodendecker und Unkraut führt.

Dann wandte ich mich wieder dem Kloster zu. In der Kirche findet sich gleich beim Eingang, eingezwängt zwischen Wand und Gestühl, ein schöner spätgotischer Marienaltar – anscheinend gerade noch so geduldet von den protestantischen Hausherren früherer Zeiten. Auch die Krone war der Maria im Laufe der Jahrhunderte abhanden gekommen, so dass die über ihrem Kopf flatternden Engel ins Leere greifen. Das allerdings sah ich erst zu Hause, als ich meine im Dämmerlicht entstandene Skizze mit den Fotos verglich.

Doch gab es immer noch genug, für uns Heutige durchaus Erstaunliches, zu sehen. Maria steht, mit dem Kind auf dem Arm, in einer Strahlengloriole auf einer Mondsichel – ein weit verbreitetes spätmittelaterliches Motiv. Umgeben ist sie von einem Kranz aus Rosen, dem „Rosenkranz“ eben. Das Wort „Rosenkranz“ bezeichnet auch heute noch sowohl die spezielle Perlenkette, die als Zählhilfe dient, wie auch die dabei gesprochene Folge von Gebeten, in denen sich Anrufungen der Maria mit Betrachtungen über das Leben und Sterben Jesu abwechseln.

So erklären sich jene befremdlichen Hände und Füße, die in den Kranz aus Rosen eingebettet sind: sie symbolisieren die Wundmale des Gekreuzigten, derer man im „schmerzensreichen Rosenkranz“ gedenkt. Dass die Gottesmutter eine goldene Perle in der Hand trägt, verweist vermutlich auch auf die Gebetsschnur. Es wäre diesem schönen Altar zu wünschen, dass er nach der momentan laufenden „Notsicherung“ eine sachkundige Restaurierung und einen würdigen Platz bekäme.


Kleines Glück im Eis

Als ich am 11.Mai nach Wismar fuhr, hatten über Nacht die Eisheiligen begonnen. Ein eisiger Wind fegte den Himmel blau und bog die Bäume, an Zeichnen im Freien war kaum zu denken. Ich hatte mir dieses Mal St.Nikolai mit ihren zahlreichen Seitenkapellen, Altären und anderen Ausstattungsstücken vorgenommen. Am Ende entschied ich mich für ein Detail des riesigen Triumphkreuzes, das nach seiner Sicherung aus der einsturzgefährdeten Wismarer Georgenkirche hierher gekommen war.

Das Medaillon, etwa einen halben Meter hoch, bildet den unteren Abschluss des Kreuzes und symbolisiert den Evanglisten Matthäus. Beim Nachlesen habe ich erfahren, dass dies kein Engel, sondern ein „geflügelter Mensch“ ist – in Analogie zu den geflügelten Tieren der anderen drei Evangelisten (der bekannteste dürfte der geflügelte Markuslöwe sein, der später zum Wahrzeichen von Venedig wurde.)

Nachdem ich noch zwei Runden im Wind um die Kirche gedreht hatte, verabschiedete ich mich endgültig von der Idee, draußen zu zeichnen. Schon auf dem Hinweg hatte ich das „Café Glücklich“ ins Auge gefasst, und glücklich fand ich dort einen Platz am Fenster, einen heißen Kaffee und ein Stück luftig-leichter Torte.

Die erste Torte auswärts nach sechs Wochen Pause.

Der Blick aus dem Fenster fiel auf das „Schabbellhaus“, das Wismarer Stadtmuseum, und ich versuchte mein bestes, mich bei der üppigen Renaissance-Fassade nicht mit Details aufzuhalten.

Schabellhaus, Stadtmuseum Wismar, vom „Café Glücklich“ aus gesehen.

Am Abend war ich dann so gut „eingezeichnet“, dass ich am Rande einer Plauderei bei Freunden noch den Fleiderstrauß auf dem Tisch einfangen konnte.


Über Land II

Letzten Freitag folgte die nächste Landpartie: von Schwerin Richtung Nordwesten bis zur Lübecker Bucht. Meine erste Station war die Kirche von Mühlen Eichsen, die von einem steilen Hügel herab auf eine viel befahrene Kreuzung blickt. Seit vielen Jahren war ich immer mal wieder daran vorbei gefahren.

Der Hügel ist so steil, dass man beim Zeichnen entweder mit dem Hocker hintenüber fällt oder eine extreme Untersicht wählen muss – ich entschied mich für Letzteres. Gerade als ich mit der ersten Schicht Farbe fertig war – die zweite folgte zu Hause – kam ein alter Herr mit dem Kirchenschlüssel und einem Schild „Offene Kirche“, das aussah, als wäre es so alt wie er selbst. Bevor er aufschloss, erzählte er mir noch ausführlich die Geschichte seines kaputten Staubsaugers, wegen dessen Reparatur er jetzt in die Stadt fahren müsse und daher keine Zeit hätte …

Kirche von Mühle Eichsen bei Schwerin. Gezeichnet vor Ort, gekleckst zu Hause.

Über Grevesmühlen und am noch geschlossenen Kloster Rehna vorbei fuhr ich weiter Richtung Klütz. Das Landstädtchen hat als „Jerichow“ in Uwe Johnsons „Jahrestagen“ Weltruhm erlangt. Da das Literaturhaus leider auch noch im Quarantäneschlaf lag, bot sich wiederum die Kirche an – leider ohne „Offen“-Schild, dafür mit diversen Lärmquellen in der Umgebung. Etwas gereizt tobte ich mich in wilden Tintenschraffuren aus, zu denen die beiden Kaffeflecken vom nächsten Tag hervorragend passten. Bei der Kolorierung bin ich in dem Farbspektrum geblieben.

Bei Gut Brook, schon kurz vor Travemünde, erreichte ich die Ostsee. Das naturbelassene Steilufer im ehemaligen Grenzgebiet ist mein Lieblingsstrand in dieser Gegend. Hier saß ich eine ganze Weile einfach so da, bis ich vor der Heimfahrt doch noch zu Stift und Farbe griff.

Steilufer an der Lübecker Bucht bei Gut Brook.

Über Land

Eigentlich hatte ich, wie viele um diese Zeit, woanders sein wollen, pilgernd in Süddeutschland, den Bodensee umrundend … Es kam, wie wir wissen, anders. Ein paar freie Tage habe ich trotzdem genommen und bin über Land gefahren, von einer Backsteinkirche zur nächsten und natürlich auch an den Strand.

Vorher allerdings habe ich, endlich endlich, alle meine Füller gereinigt. Bevor ich aufbrach, hatte ich noch ein paar Probeläufe an einem Tulpenstrauß absolviert. Hier ein Versuch in breit. (Der Lamy Joy, mit dem ich das gezeichnet habe, hielt dann leider doch nicht durch.)

Dann ging es los, erst einmal ein Nachmittag über Haupt- und Nebenstraßen, über holprige Feldwege und an verschlafenen Dörfern vorbei nach Sternberg. Das liegt mit seiner wuchtigen Kirche malerisch auf einem Hügel und hatte mich schon früher mal zum Zeichnen gelockt. Die Kirche war wie immer verschlossen und die Nachmittagsstille so tief, wie ich sie in Erinnerung hatte.

Schwungvoll mit dem Füller gezeichnet, endlich läuft er wieder. Noodlers Lexington Grey mit etwas Wasserfarbe in einem Hahnemühle Watercolour Book.


Was vom Hechte übrigblieb …

… gab eine schmackhafte Sülze ab. Während die Maräne im als Bratfisch den Abend nicht überlebte, musste ich mit dem Hecht noch ein bisschen was anstellen, um ihn essbar zu machen. Hechte sind feine Speisefische mit schmackhaftem festen Fleisch, doch leider ist das mit fiesen gegabelten Gräten durchsetzt, denen weder im rohen noch im gegarten Zustand gut beizukommen ist. (Was auch dazu führt, dass ein ganzer Hecht, noch dazu beim Fischer gekauft, ein erschwingliches Vergnügen ist.)

Daher wird Hecht meist püriert und als Klößchen gegessen oder so lange sauer eingelegt, bis die Gräten weich sind. Man kann ihn aber auch filetieren, wenn man ein scharfes Messer und die richtige Anleitung hat. Das Messer musste sowieso mal wieder geschärft werden, und Anleitungen zum Fische zerlegen findet man im Internet zuhauf – Angler sind da unermüdlich.

Die Filets sind auch was geworden, und die Reste einschließlich Kopf kamen in den Topf, um zu einem Fischfond zu werden. Der hatte dann noch so viel Substanz, dass mit Dill, Mohrrüben, Zwiebeln, Essig und drei Blatt Gelatine eine kleine Terrine voll Sülze daraus wurde. Zu Bratkartoffeln war sie ein Festessen, doch der schönste Moment war das Kochen: Der Duft, der aus dem Topf aufstieg, ließ mich an meine Urgroßmutter und ihre Kochkünste denken, an das lange abgerissene Haus am Havelufer in Oranienburg, wo mein Urgroßvater „den Wurm wässerte“ und eben manchmal auch einen Fisch mit nach Hause brachte.


Kleine große Maräne

Statt Freitag ist bei mir oft am Mittwoch Fischtag. Da habe ich manchmal etwas eher Feierabend, kann auf den Wochenmarkt gehen oder gleich beim Fischer in Muess vorbeifahren. In erster Linie habe ich es auf regionalen Fisch abgesehen und zu meiner Freude konnte ich diese Woche eine ganz besondere Beute machen: eine große Maräne. Zwei Exemplare lagen dort zum Verkauf – ich entschied mich für das kleinere, ca. 40 cm lange.

Mit den Maränen – ich habe schon öfter welche gezeichnet und darüber geschrieben – ist das so eine Sache: Sie wissen manchmal selbst nicht genau, wie sie heißen: Maränen, Felchen, Renken, Schnäpel …. Die kleinen, ja, die kriegen das wenigstens mit dem wissenschaftlichen Namen noch hin: Coregonus albula. Die großen heißen Coregonus lavaretus – vielleicht, denn die seien eigentlich endemisch in einigen Westschweizer Seen. Die Schaalseemaräne, Coregonus holsatus, die es sogar in das Wappen der Stadt Zarrentin geschafft hat, konnte sich in genetisch reiner Form nur in einen kleinen See der mecklenburgischen Seenplatte retten, von wo aus sie nun wieder vermehrt wird.

Alles maränige dazwischen hat sich vermutlich mittlerweile fröhlich vermischt, ist durch Besatzmaßnahmen von der reinen Lehre abgekommen, so dass mittlerweile nur noch Gentiker die richtigen Namen kennen.

Meiner Maräne war das vermutlich in ihrem Schweriner Seenleben ziemlich egal gewesen; und nun lag sie ohnehin ausgenommen, doch zu meiner Freude ansonsten noch einschließlich Schuppen vollständig erst auf Eis und später auf meinem Küchentisch. Ich machte erst eine Skizze, dann ein Foto und anschließend einen schönen Bratfisch. Vervollständigt habe ich die Zeichnung heute, wobei ich mich reichlich der Sorte glitzernder Gelstifte bediente, mit denen normaler Weise kleine Mädchen ihre Prinzessinen malen.


Farbe

Wenn wir von Farbe sprechen, können wir zweierlei meinen: die

durch Lichtstrahlen bestimmter Wellenlänge hervorgerufene Erscheinung vor dem Auge,

wie es das das größte deutschsprachige Online-Wörterbuch formuliert, oder die stofflichen Mittel, die dazu dienen, solche Effekte hervorzurufen. Zwischen beiden klafft kein kleinerer als der Abgrund, der Geist und Materie trennt.

Auch wenn ich mich meist Zeichnerin nenne, so liebe ich doch die Farbe – als Erscheinung und als Mittel. Am Bildschirm scheint alles möglich; in der stofflichen Welt ist der Umgang mit Farbe ein Tanz mit strengen Regeln, der nach stetiger Übung verlangt.

Solcher Übung habe ich mich an den letzten Abenden unterzogen. Vom Besuch auf dem Amsterdamer Sktechertreffen war noch ein Kästchen voller Farbproben übrig. Dieses Farben habe ich mir genauer angesehen und dabei eine Menge mitbekommen über Pigmente und Bindemittel, über rares und gängiges und die feinen Unterschiede in Ausstrahlung und Intention, die die verschiedenen Hersteller kennzeichnen.

Das erste Blatt zeigt die Tubenfarben und einige Marker. Wozu braucht man einen aus drei Pigmenten gemischten Lavendelton?

Bei der Beschäftigung mit diesen Farben habe ich u.a. gelernt, dass der internationale Farbindex keineswegs so eindeutig ist, wie das Nummernsystem vermuten lässt. So hat das knallige Türkis auf diesem Blatt z.B. die gleiche Nummer wie „normales“ Kobaltblau.

Bei den Farbnäpfchen war die Auswahl noch größer, und man konnte auch schon einen gewisse „Handschrift“ der jeweiligen Firmen ahnen. So hat der us-amerikanische Hersteller Daniel Smith seinem beeindruckenden Portfolio von 238 Aquarellfarbtönen im letzten Jahr noch einmal acht hinzugefügt – u.a. mehrere Grautöne, Mischungen für spezielle Ansprüche (wie hier auf dem Blatt die Nummer (7) ) und ein graues Monopigment auf Titanbasis. Die russische Firma „White Nights“, schon lange kein Geheimtipp mehr, hat nicht nur das beste Preis-Leistungs-Verhältnis (vermutlich weltweit), sondern auch echte Raritäten auf der Palette: so wird das Grün unter Nummer (3), Nitrosogrün mit der Farbnummer PR 8, wegen nicht ganz optimaler Lichtechtheit kaum noch angeboten. Der Tagebuchzeichnerin, die ohnehin fast ausschließlich in Büchern arbeitet, ist das herzlich egal, und sie bewundert den warmen Monopigmentton.

Mein ganz großer Favorit ist das van-Dyck-Braun des kleinen polnischen Herstellers Roman Szmal geworden: eine echte Naturfarbe, „gemahlene Braunkohle“ , die so kaum noch angeboten wird. Keine der nachgestellten Farben, die vermutlich stabiler und lichtechter sind, reicht an die Ausstrahlung dieses satten Erdtons heran, bei dem man den Duft feuchter winterlicher Erde zu riechen meint. Ein Blick auf die mitgelieferte Farbkarte des Herstellers zeigt: hier ist ein Liebhaber traditioneller Erdpigmente am Werk, ganze 34 unterschiedliche Erdfarbbtöne sind darauf gelistet! Der Hersteller hat keinen eigenen Webshop, einen Überblick über die Farben (insgesamt 117 Monopigmente) und die Vertriebswege findet sich auf der Seite von Jane Blundell.

(Die Nennung von Markennamen ist unbezahlt, freiwillig und nur zu meinem eigenen Vergnügen.)


Das Kleid der Marschallin

Im Oktober sah ich am Schweriner Theater den „Rosenkavalier“. Ich kannte vorher weder Handlung noch Melodie und war angerührt von der heiter-melancholischen Geschichte zwischen Romanze und Klamauk, an deren Ende die Hauptperson, die Marschallin, eine „reife Frau“, ihren jungen Geliebten an eine andere verliert und dennoch alle Fäden in der Hand behält.

Ich hatte in der Vorstellung ein paar Striche aufs Papier gebracht und später nach Fotos zu einem Blatt ergänzt.

Gestern nun gab es für uns Schweriner Zeichnerinnen die Möglichkeit, in der Schneiderwerkstatt des Theaters zu zeichnen. Mit großer Freude sah ich dort das Kleid der Marschallin wieder und machte mich daran, es zu zeichnen.

Das Kleid gibt der Trägerin Schutz, betont Würde und gesellschaftliche Position, ohne ihre weibliche Reife auszusparen. Und es hat einen komplizierten Schnitt, der der Zeichnerin einiges abverlangt.


Testbild und Neubeginn

Auf den großen Zeichenfestivals gibt es immer Warenproben der verschiedensten Art – Farben, Stifte, Skizzenbücher … Das war auch in Amsterdam nicht anders, einen üppig gefüllten Gabenbeutel brachte ich mit nach Schwerin. Manches wurde gleich ausprobiert, ein kleines Skizzenheft schon vor Ort vollgezeichnet; zu Hause angekommen, ordnete ich die Papiere ins Regal, der Rest lag lange in einem Kistchen, wurde kondensiert und in eine kleinere Schachtel gelegt – um dort wieder eine geraume Zeit zuzubringen.

Auf der Suche nach einem neuen Projekt fielen mir die guten Gaben wieder ein – für die nächsten Bilder würde ich die neuen Materialien verwenden. Damit hatte ich mir auch gleich die Erlaubnis für Wohlfühlmotive gegeben. Angefangen habe ich mit den Stiften – beim Rattenbild vom Montag habe ich mit zwei unterschiedlichen schwarzen Stiften von Cretacolor experimentiert.

Richtig überzeugt hat mich bei den ersten Probestrichen ein Procolour-Farbstift von Derwent – als Muster in der Farbe Indigo. Im Vergleich mit dem Polychromos-Stift der gleichen Farbe hatte er die Nase vorn – ein satter, weicher und präziser Farbauftrag. Kombiniert habe ich ihn auf dem vertrauten grauen Papier mit einem weißen Pastellstift – CarbOthello von Schwan Stabilo, schon lange in meinem Bestand – und einem bisschen weißem Gelmarker.

Als Motiv habe ich ein Foto meiner Urgroßmutter Helene Glaser gewählt. Das Bild ist vermutlich 1959 aus Anlass ihres 70.Geburtstags aufgenommen, im Hof ihres Hauses an der Havel in Oranienburg. Sie war eine gütige, warmherzige und tatkräftige Frau, die ich, 1960 geboren, noch gut gekannt habe. So wurde diese Zeichnung für mich zu einer beglückenden Reise in die Kindheit – und hoffentlich zum Beginn einer neuen Bilderserie, denn in den alten Fotoalben ist noch viel zu entdecken.