Zweimal Denkmal

Zum Tag des offenen Denkmals hatte ich in Schwerin die Auswahl zwischen dem Logenhaus der Schweriner Freimaurer – ich hatte es vor Jahren einmal von außen gezeichnet – und zwei von den drei Kirchen, die ich im Frühjahr erradelt hatte. Bei den Freimaurern würde es, so fürchtete ich, voll werden und ich vielleicht nicht zum Zeichnen kommen; ich entschied mich für die Kirchen.

Als ich an der Kirche von Kirch Stück ankam, sah ich es deutlich vor meinem inneren Auge, das Datum: 11.09.22. Es war allerdings erst der 4. Umkehren? Ich erinnerte mich, dass die zweite Kirche, nur wenige Kilometer entfernt, im März ganz ohne Denkmalanlass offen gewesen war; so auch an diesem Tag. Die Trebbower Kirche ist der gleiche Bautyp wie die im stillen, (gott)verlassenen Prestin – ein schlichter Hallenbau ohne Turm, mit Spitzdach, gerundetem Chorraum, einem kleinen Sakristeianbau an der Südwand und einem frei stehenden Glockenstuhl.

Still war es auch hier, eine belebte und bewohnte Stille. Am Friedhofstor schon begrüßte mich das „Offene-Kirche“-Schild, es passte zur einladenden und freundlichen Atmosphäre des Ortes.

Dorfkirche Groß Trebbow bei Schwerin, aquarelliert in meinem etwas „wilden“ Leporello.

Bevor ich hineinging, ließ ich mich im Moos unter alten Bäumen nieder und stellte dieses Bild fast fertig; zuhause vertiefte ich nur die Schatten ein wenig.

Im Innern erwartet die Besucherin freundlich-naives Barock an Kanzel und Altar; Voluten, Knorpelwerk und pausbäckige Engel. Als Kanzelträger, im dunklen Untergrund, erst auf den zweiten oder dritten Blick sichtbar, fungiert eine düstere Maske mit gelben Augen.

Am folgenden Sonntag war dann wirklich der Tag des Offenen Denkmals und ich radelte noch einmal ins nahe gelegene Kirch Stück, um die vielfach im Vorbeifahren gesehene Kirche endlich einmal von innen kennenzulernen. Für eine Dorfkirche ist sie bereits im Mittelalter wertvoll ausgestattet worden, u.a. beherbergt sie eine der ältesten Glasmalereien Mecklenburgs.

Meine Blicke wurden sofort von dem grob in Granit gehauenen Taufstein angezogen. Man weiß nichts zuverlässiges über diese Steine; sie künden von Vorfahren, die außer ihnen nichts Steinernes und auch nichts Schriftliches hinterlassen haben und denen man später das Etikett „Heiden“ aufdrückte. Ich habe solche Taufsteine schon mehrfach gezeichnet, in Mecklenburg und sogar in Franken.

An der Stirnseite der Kirche steht ein fröhlich-bunter gotischer Altar mit der üblichen Aufreihung von Heiligen in den Seitenflügeln. Der Mittelteil ist von erzählenden Szenen rund um Jesu Hinrichtung ausgefüllt; dazu kommt der heilige Georg, dem die Kirche geweiht war. In schönster Märchenmanier erlegt er den Drachen, während die Prinzessin für den guten Ausgang der Geschichte betet.

St.Georg erlegt den Drachen – Mittelteil des Altaraufsatzes der Kirche in Kirch Stück bei Schwerin. Diese Seite des Leporellos hatte ich mich einem Papier grundiert, in dem Blattstücke verarbeitet sind.

Rückblick 1: Worpswede

In der letzten Zeit bin ich wieder zum regelmäßigen Zeichnen an den Wochenenden gekommen und oft entsteht der Text dazu gleichzeitig in meinem Kopf. Die Schnittstelle zur Textverarbeitung fehlt (ob das zu begrüßen oder zu bedauern ist, soll hier nicht verhandelt werden) und so hat sich ein bisschen was angesammelt, das hier gezeigt werden will.

Vor zwei Wochen bin ich über ein verlängertes Wochenende in Worpswede gewesen, mit einer Freundin, die nicht zeichnet, doch sich gern in Begleittexte, Broschüren und Biografien versenkt und auch mal eine Extrarunde ins Nachbarmuseum dreht, so dass es gut gepasst hat. Worpswede warb mit dem Heinrich-Vogeler-Jahr; das war unser Anlass.

Der Barkenhoff, Heinrich Vogelers Lebens- und Arbeitsstätte, gezeichnet mit Füller und wasserlöslichen Farbstiften im guten alten Stillman&Birn Nova Trio Square, dass ich 2019 in Amsterdam von Pat Southern-Pearce bekam und immer noch nicht vollständig gefüllt habe.

Den Barkenhoff kennen viele aus Vogelers berühmtem Gemälde „Sommerabend“, einer Ikone von Jugendstil und Symbolismus; auf vielen anderen, lockereren und, wie ich finde, schöneren Bildern bietet er den idyllischen Hintergrund. Im Inneren sind die Lebensstationen Vogelers anhand von Originaleinrichtung, Gemälden und Zeitzeugnissen erfahrbar – vom Jugendstil-Romatiker zum glühenden Kommunisten, der in seiner Idylle ein Kinderheim der Roten Hilfe einrichtete und später in der Sowjetunion Propagandakunst schuf, um 1942 70jährig als unliebsamer Ausländer nach Kasachstan „evakuiert“, ums Leben zu kommen. (Jedoch nicht in einem Lager, wie ich lange gedacht hatte.)

Kugelschreiberzeichnung des „Haus im Schluh“, Martha Vogelers Wirkungsstätte

Vogelers Frau Martha ließ sich nach der Trennung der beiden das „Haus im Schluh“ bauen und eröffnete dort eine Galerie mit Werken Vogelers. Sie, die der Romantiker auf seinen Bildern schwärmerisch zur ätherischen Prinzessin verklärt hatte, erwies sich als tatkräftig und lebensklug. Sie gründete eine Handweberei und eine Pension und konnte die wachsende Familie damit – und mit dem angeschlossenen großen Garten – auch in schlechtesten Zeiten über die Runden bringen; das Ensemble befindet sich noch immer in Familienbesitz.

Eine Waschkommode nach Vogelers Entwurf – Teil eines Schlafzimmer-Ensembles. Da es das Wochenende der wechselnden Medien war, ist dies mit Aquarellfarbe in ein vorgrundiertes Hahnemühle-Aquarellbuch gezeichnet.

Das „Haus um Schluh“ konzentriert sich auf Gebrauchskunst wie Weberei und Möbel. Die farbkräftig gestrichenen Möbel mit ihren stilisierten Blumen (meist Tulpen) sahen für mich ein bisschen aus wie möbelgewordene Kreationen der schwedischen Modedesignerin Gudrun Sjøden. (Deren Kleidung ich liebe, bei Möbeln ziehe ich holzfarbene Schlichtheit vor.)

Am Ende der drei Tage waren wir angefüllt mit Bildern, Geschichten und Erlebtem wie dem morgendlichen Schwimmen in der moorig-braunen Hamme und einem hervorragenden Abendessen im „Vogeler-Bahnhof“ (der nicht nur so heißt, sondern wirklich von Vogeler entworfen worden war); wir hatten nicht die Hälfte von dem gesehen, was möglich gewesen wäre – wir kommen wieder.


Nach Art der Madame Maigret

Wir erinnern uns: Eine Wahrsagerin ist ermordet worden und wird von der Inhaberin eine Anglerpension gefunden, die ihr ein paar Schleie gebracht hatte. In dieser Pension wird der Kommissar später den Bösewichtern auf die Schliche kommen (wer nachlesen möchte, der Roman heißt „Maigret contra Picpus“), doch die Spur der Fische verliert sich im Ungewissen.

Nehmen wir einmal an, der Kommissar hätte die Fische mit nach Hause genommen. Wie hätte Madam Maigret sie zubereitet?

Dank Internet und Übersetzungsprogrammen war es gar nicht so schwierig, nach französischen Rezepten zu suchen. Ich entschied mich für „Tanche á la Lorraine“, „Schleien auf lothringische Art“. Dazu kocht man einen halben Liter Weißwein mit Kräutern und gibt die Fische (oder den Fisch, meiner war recht groß und passte nur zerteilt in den Topf) in den heißen Sud, bis sie gar, aber noch fest sind. Anschließend nimmt man Fische und Kräuter heraus und lässt die Flüssigkeit stark einkochen. Während das geschieht, häutet und entgrätet man die Fische. An den eingekochten Fond kommen Sahne und reichlich Butter, das ergibt eine wunderbare aromatische Sauce von feiner, glatter Konsistenz. (Und weil ist es des Guten noch nicht genug war, empfahl mein Rezept, das Ganze im Ofen mit Semmelbröseln zu überbacken.)

Da ich den Fisch schon einmal gezeichnet hatte, kam ich auf die Idee, mich an die Kräuter zu halten. Madame Maigret kocht natürlich mit einem „Bouquet garni“, dem klassischen französischen Kräutersträußchen: Thymian, Estragon, Petersilie, Lorbeerblatt.

Thymian ist in meinem Garten nur wenig vorhanden, vielleicht ist es ihm zu feucht. (Ganz anders als in der Provence, in die unsere erste Frankreich-Reise 1990 geführt hatte und wo eigentlich aller unbebauter Boden mit Thymian bewachsen war.)

Umso besser geht es dem Estragon und jeder, der welchen im Garten hat, weiß dass es immer zu viel ist – denn er möchte bescheiden am Essen verwendet werden. Frischer Estragon, zwischen den Fingern zerrieben, duftet nur ganz leicht nach Anis. Im Essen entfaltet er eine ganze Fülle von Aromen und zwar recht kräftig. Ein Zweiglein war in meinem Kräuterstrauß genug.

Die dritte im Bunde (das Lorbeerblatt blieb ungezeichnet) war die Petersilie. Sie gedeiht am besten im Topf auf meinem Balkon und findet sich eben so gern gehackt auf Kartoffeln und Gemüse wie in Madame Maigrets Kräuterstrauß. (Sie steht dort ganz harmlos als das bürgerlichste alle Küchenkräuter und verrät nicht, dass sie in früheren Jahrhunderten – und in weit höheren Dosen als am Mittagessen – als Abtreibungsmittel diente. Wo man in einer alten Stadt eine Petersilienstraße findet, kann man davon ausgehen, dass dies in lange vergangener Zeit die Hurengasse war.)

Die Bilder sind ein Kompromiss aus leidlich exakter Zeichnung und lockere Farbgebung. Gerne hätte ich mich in die Maserung jedes einzelnen Blättchens vertieft, hätte Farbreihen angelegt und mit jeder Pigmentschicht die Schönheit der Schöpfung gepriesen … Doch nicht nur, dass ich das gar nicht kann, jedenfalls nicht so gut wie die klassischen botanischen Illustratoren, – das Leben geht weiter, lockt mit immer wieder neuen Zeichenmotiven; es will nicht nur gezeichnet, sondern auch gelebt sein …


Tagebuch

Hinter mir liegt ein interessantes Jahr und vor mir acht Wochen Sabbatzeit. Bloß nicht zu viel vornehmen! Und interessant, ja, interessant brauche ich es im Moment eigentlich auch nicht, eher im Gegenteil. Zum Zeichnen bleibt stets genug Stoff, ich muss nur beginnen.

Immerhin, drei Tage lang hat es schon funktioniert.

Das erste Bild ist ein Klassiker, abends um neun tief in der Wohlfühlzone gemalt: eine Blume vom Fensterbrett.

Danach kam Silvester. Alle Gäste waren abgefahren, Zeit für das, was man gegen alle Erfahrung gern mal dem Weihnachtsfest zuschreibt: Besinnlichkeit. Nachdem ich die offenen Rechnungen beim Büro für gute Vorsätze beglichen hatte – ich sage nur: Auto waschen! – ging ich nach langer Zeit endlich wieder einmal zum Gottesdienst. In der schönen gesammelten Stimmung klangen die Lieder von Paul Gerhardt über eine Brücke von fast vierhundert Jahren zu mir herüber: „Gib mir und allen denen/ die sich von Herzen sehnen/ nach dir und deiner Hulde/ ein Herz, das sich gedulde.“

Zu Hause suchte ich erst nach dem Lied – es gibt auch eine Mitsingversion – und las dann über dessen Dichter, über eine Existenz zwischen den Gräueln des Dreißigjährigen Krieges, der Pest und dem ganz gewöhnlichen Unglück in einer Zeit, in der Kinder und deren Mütter oft genug vor den Vätern starben. Anders als viele seiner Epoche beschwor er in seinen Texten einen gütigen, segnenden Gott – und war gleichzeitig ein intoleranter Streiter für das, was er für den rechten Glauben hielt.

Auch wenn ich in diesem Jahr keine Fischsoljanka zu kochen hatte – nur echt mit Süßwasserfisch! – war ich beim Fischhändler meines Vertrauens gewesen. Geräucherter regionaler Karpfen war leider ausverkauft. So hatte ich mich mit einer Makrele begnügt und mich daran erinnert, wie groß in meiner Kindheit die Freude über solch einen Beutezug gewesen war – im Gegensatz zum grätenreichen Bückling, den gab es alle Tage.

Alle drei Bilder habe ich in dem kleinen quadratischen „Toned Watercolour Book“ von Hahnemühle gemalt, mit Aquarellfarben, Füller, Markern und Buntstiften.


Blick zurück nach vorn

Die Fotografie, nach der dieses Bild entstand, wurde vermutlich im Frühsommer 1962 aufgenommen, im Garten eines Hauses an der Havel in Oranienburg. Es zeigt meinen Urgroßvater Friedrich Glaser, geboren 1888, vielleicht an seinem 74sten Geburtstag, mit dem kleinen Mädchen, das ich war, und einem namenlosen Huhn. Das Mädchen ist zwei Jahre alt und wird sich später noch entfernt an die Hühner erinnern, die bald darauf nur noch als Geruch in dem alten Gartenschuppen wohnten.

Trat man vor die Tür des Hauses meiner Urgroßeltern, stand man am von Linden beschatteten Havelufer, hinter der Straßenbrücke sah man das Oranienburger Schloss. Das Haus, ein billiger Ziegelbau, war Teil des „Fischerviertels“, dessen Häuschen selbst mir als Kind winzig erschienen. Sie umschlossen Höfe mit Gärten, in denen es feucht nach dem Fluss roch. Das alles ist bereits in den 80ern abgerissen worden, nur die Linden sind stehen geblieben.

Vor zwei Jahren hatte ich, ebenfalls nach einem Foto, ein Porträt meiner Urgroßmutter gezeichnet. Trotz guter Vorsätze führte ich die Serie nicht fort. Nun, auf der Suche nach einem Weihnachtsgeschenk für meine Kinder, war es so weit. Fertig geworden ist es erst zum Jahreswechsel und weitet den Blick über das vergangene Jahr hinaus, zurück bis ins 19.Jahrhundert.


Super extra Kardamom

An einen hellen Abend im Hochsommer, es war schon ziemlich spät, wollte ich auf einem Spaziergang noch etwas Kaffee für den nächsten Tag kaufen. Am Weg lag ein kleiner syrischer Laden; ich stieg die paar Stufen zu dem engen und bis unter die Decke vollgestellten Raum im Souterrain hinab. Es brauchte ein bisschen, bis ich mich verständlich machen konnte: ich wollte den Kaffee keineswegs gleich vor Ort trinken, sondern zu Hause kochen. Schließlich verließ ich das Geschäft mit einem goldfarbenen Päckchen.

Erst zu Hause sah ich das Kleingedruckte: „Super extra Kardamom“ – das würde eher keinen Frühstückskaffee in der großen Tasse abgeben. Ich las nach, wie man arabischen Kaffee zubereitet und freute mich, endlich das kupferne bulgarische Stielkännchen bestimmungsgemäß verwenden zu können: Kaffee ins Kännchen, heißes Wasser aufgießen und auf dem Herd mehrmals aufwallen lassen. Und ich lernte dazu: in Bulgarien hatte man den Kaffee seinerzeit auf türkische Art mit Zucker zusammen aufgekocht, dieser hier bleibt ungesüßt. (Ich lernte auch, dass dieser Vorgang Aufmerksamkeit braucht, sonst ist der Kaffee ganz schnell auf der Herdplatte.)

Ich war begeistert! Mit ein paar Datteln oder etwas süßem Gebäck dazu wurde es eine perfekte Nachmittagsfreude, ein kleines, nicht zu oft zelebriertes Ritual mit Kupfertablett und Mokkatasse. (Ja, Mokka und nicht Espresso, aus einem praktisch nie genutzten kleinen Bollhagen-Service, das meiner Sammelleidenschaft gedankt ist.)

Aquarell mit etwas weißer Gouache im Toned Watercolour Book von Hahnemühle.

Gestern war es mal wieder soweit, zu Feier eines freien Freitags gab es den Kaffee, und nach dem endgültigen Zuklappen der Schweizer Reisebücher konnte ich endlich ein neues Zeichenbüchlein beginnen. Ich hatte es noch vom letzten Jahr her liegen; die graue Variante hatte mich seinerzeit wenig überzeugt, und im Frühjahr behagte mir das herbstliche Braun nicht. Nun geht es schon auf den Winter zu, und ich freue mich auf den warmen Farbton.


Rückblick V und Schluss – durch das Prättigau

Nach dem Ruhetag in Malans und Chur wanderte ich das Tal der Landquart, das Prättigau, hinauf. Von Chur aus hätte mich eine eine attraktive Wegführung als „Graubündner Jakobsweg“ meinem Ziel näher gebracht – ich würde später auf ihn stoßen – , doch war ich realistisch genug, auf allzu alpine Streckenführungen zu verzichten. Je weiter sich der Weg vom Talausgang entfernte, desto hübscher wurden die Dörfer; in einem der schönsten, Jenaz, hatte ich das erste Nachtquartier. (Für die Hochdeutschen unter der den Lesern und Leserinnen: all diese Ortsnamen auf „-az“ und „-ans“ werden auf der zweiten Silbe betont – und klingen so immer ein bisschen nach „Rabatz“).

Der alte Ortskern von Jenaz zieht sich etwas erhöht den Hang hinauf und besteht aus Holzhäusern, die mit z.T. sehr aufwändigen Inschriften geschmückt sind.

Typisches „Walserhaus“ in Jenaz. Der „fromme Spruch“ ist in den Balken über der unteren Fensterreihe gekerbt.

Ich hatte an diesem Tag – hach, endlich! – viel Zeichenzeit, da die Gehstrecke kurz war. Ich beließ es dennoch bei der linearen Verzeichnung und widmete mich erst einmal eine Stunde den Kühen auf der Weide.

Der nächste Ort, Fideris, etwas höher auf einer Sonnenterrasse über dem Tal gelegen, war eine Überraschung: noch einmal schöne Häuser, doch sahen sie ganz anders aus, typische mit Steinfassaden verkleidete Engandinerhäuser, wie ich sie in der letzten Gehwoche im Unterengadin noch sehr viel sehen würde.

Diese Zeichnung habe ich mit Farbflächen begonnen und die Linien zu Hause ergänzt. Die Schrift steht so ähnlich – in weit komplexerer Kalligraphie – an der Seitenwand.

Das Dorf Fideris war im Dreißigjährigen Krieg – in den sogenannten „Bündner Wirren“ – unzerstört geblieben, so dass diese Häuser im Kern knapp tausend Jahre alt sind. Vorn rechts angedeutet habe ich den „Volg“, den Dorfkonsum, ein beneidenswertes Stück Schweizer Infrastruktur, das mir die Reise immer mal wieder erleichtert hat. (Und in dem es, wie man sieht, sogar Konsummarken gibt.)

Am letzten Prättigauer Gehtag war die Strecke wieder länger, so dass ich mich auf diese Skizze eines Meisterwerks der Ingenieurskunst beschränkt habe. Es war ein schönes Wandern, der Weg an der Landquart entlang sanft ansteigend bis zum alten Skiort Klosters. Dort stieg ich in die Rhätische Bahn, die mich durch den Tunnel ins Unterengadin brachte. Die Bilder aus dem Unterengadin und dem Val Müstair habe ich schon gezeigt – so dass meine kleine „Rückblick“-Serie hier endet.


Rückblick III – Sargans

„Kirche vor Berg“ ist einer der Topoi des Alpenbildes – kaum ein Autohauskalender kommt ohne ihn aus. Die Wanderin stellt vor Ort fest, dass das Original zum Bild einfach schön aussieht. Zumal wenn der Himmel knallblau, der Berg felsig und schroff und die Kirche, auf einem Hügel gelegen, aus der Untersicht gesehen ist.

So ging es mir in Sargans. Ich war mit dem Zug gekommen, um im Nachbarort Mels die Alpabfahrt zu besuchen und spazierte durch das „Städtli“, die unterhalb der Burg gelegene kleine Altstadt, die wie ausgestorben wirkte – kein Wunder, alle Bewohner standen längst in Mels an der Strecke. Ich suchte mir einen Schattenplatz nahe der Kirche und legte die Vorzeichnung in großen Farbflächen an – um danach aufzubrechen. Gestern habe ich das Bild wieder hervorgeholt und – Kitsch hin, Kalender her – mit blauem Himmel und schroffen Felsen fertiggestellt.

Die Kirche von Sargans.

Am nächsten Tag hatte sich das Blatt gewendet und es regnete in Strömen. Ich stieg zur Burg neben der Kirche hinauf und suchte Unterschlupf im Museum, wo ich in den Fastnachtsmasken ein willkommenes Motiv fand. (Ich hatte sie schon einmal gezeigt, aber nun sind sie ordentlich gescannt und schön farbkräftig.)

Fastnachtsmasken im Sarganser Heimatmuseum.

Rückblick II

Von St. Gallen aus lief ich durch das Appenzellerland Richtung Rheintal. Eines meiner liebsten Bilder dieser Reise entstand auf diesem Weg: im kühlen Schatten eines Wirtschaftsgebäudes lud auf einer Stufe ein Sitzplatz zum Verweilen ein – so lange, bis das Bild auch wirklich fertig war.

Ein typisches Appenzellerhaus.

Am nächsten Tag wanderte ich über Berg und Tal und versuchte, endlich angekommen, noch die Skizze eines modernen Kirchleins gegen den Abendhimmel – sie misslang. Am nächsten Tag beschloss ich, dem Zeichnen seinen gebührenden Raum zu schaffen – und fuhr einen Teil der Strecke mit dem Bus. Der Lohn war u.a. das Bild einer alten Esche an einem Hang, über den Versuch des Vorabends gelegt. In der Zwischenzeit hatte sich noch ein Stempel der kleinen Wallfahrtskirche auf dem Blatt eingefunden – und zu Hause klebte ich das Bild einer hilfreichen Madonna dazu, deren Kirchlein komplett ungezeichnet geblieben war.

Ein Stück Reisetagebuch, wie ich es mir wünsche.
Das „Schlössli“ in Sax.

Die Schweiz ist bekanntlich kein preiswertes Reiseland – so habe ich meist in Privatzimmern übernachtet und mich aus dem Supermarkt verpflegt. An diesem Abend machte ich eine Ausnahme: ich speiste und schlief fürstlich hinter den dicken Mauern des „Schlössli“, eines echten Renaissance-Schlosses. Es ist ein wunderbarer Ort, dessen Bild man nicht ansieht, dass es leicht erhöht am Rand der Rheintalebene steht – man genießt einen wunderbaren weiten Blick. An dem verhangenen Morgen, an dem ich es mit ein paar Bleistiftstrichen skizzierte – alles andere kam später – sah man nicht, dass weit über ihm am Hang die Reste der Burg Hohensax zu sehen sind. Als ich ein wenig über das verzweigte Geschlecht derer von „Sax“ oder Hohensax“ nachlas, stellte ich erstaunt fest, dass sie in meinem Bücherschrank bereits eine Spur hinterlassen hatten. Im Freiburger „Wetzstein“ kaufte ich einst ein handsigniertes Exemplar von Adolf Muschgs Roman „Sax“ – den ich nie zu Ende gelesen habe, von dem ich nun aber immerhin weiß, wo der titelgebende Held seinen Stammsitz hatte.


Rückblick I

Einige Stunden des gestrigen, vorletzten Urlaubstages habe ich damit zugebracht, die Reisetagebücher zu sichten, unterwegs eingesammelte Erinnerungen einzukleben (oder wahlweise wegzuwerfen) und noch an das eine oder andere halbfertige Bild Hand anzulegen. Es war für mich selbst interessant zu sehen, wie weit weg die Erinnerungen der ersten beiden Wegwochen schon gerückt waren – anscheinend hat mein Gehirn nur einen bedingten Speicher für neue Eindrücke.

Einen Überblick über die gesamte Wegführung gibt es hier. Insgesamt bin ich rund 280 Kilometer gelaufen, gar nicht so viel auf die Länge der Zeit, aber für mich war es genug.

Begonnen habe ich in der Bodenseeregion, in der Fachwerkstadt Pfullendorf, wo ich vor zwei Jahren aufgehört hatte. Drei Tage bin ich weitgehend über Asphalt durch die Agrarsteppe des deutschen Bodenseevorlandes gelaufen, weiter über Überlingen nach Konstanz und zur Reichenau, bis es im Schweizer Kanton Thurgau drei Tage lang durch Apfelplantagen und Streuobstwiesen ging.

Einige Bilder habe ich neu gescannt – ich bin immer etwas unzufrieden mit der Qualität der Aufnahmen unterwegs – und zeige sie hier noch einmal.

In einem Waldstück ein berührendes Denkmal für die Opfer des Flugzeugabsturzes 2002 …

… und einige Tage später begegne ich dem Satz in einer 1000 Jahre alten Handschrift wieder, die in der St.Galler Stiftsbibliothekausgestellt wird.

Es ist sonnig am Bodensee, und ich bin froh über meine Antoniusmütze.
Uralte Kirchen auf der Insel Reichenau.
„Nur“ normales Mittelalter in Konstanz.
Gar nicht alt: der Laube-Brunnen von Peter Lenk.