Ziemlich große Fliege

Am Wochenende war ich in Dresden, zwei angefüllte Tage zwischen verschiedenen Museen, dem Botanischen Garten und langen Gesprächen. Fast überraschend war auch noch Raum zum Zeichnen, und ein besonders geeigneter Ort dafür ist das Hygienemuseum . Neben der Sonderausstellung über Haustiere – „Tierisch beste Freunde“, daher die Anregung für den Titel – bietet die ständige Schau eine unübersehbare Menge an Modellen, Präparaten und Mitmachobjekten – weshalb auch ein Mensch mit kleinem Farbkasten überhaupt nicht auffällt und ich alles schön vor Ort fertig kolorieren konnte.

Dieses Modell der Lieblingsfliege aller Genetiker ist etwa zwei Meter groß; erst wollte ich noch einen Besucher daneben stellen, so als ganz korrekten Urban Sketch, aber die Fliege war gezeichnet so raumgreifend, dass ich es bei der Beschriftung belassen habe.

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Etwa zwei Meter hohes Modell einer Fruchtfliege im Hygienemuseum Dresden. Das Papier hatte ich etwas vorgrundiert, daher hat die Fliege nun rote Punkte an ungewöhnlicher Stelle. Gezeichnet mit brauner Tinte von deAtramentis, etwas grauem und weißem Marker und Wasserfarbe von Schmincke.

 


Westwerk

Kirchen sind in den meisten Fällen in Ost-West-Richtung gebaut, unser Ausdruck „Orientierung“ stammt daher, sie sind nach Osten, Richtung Orient, ausgerichtet. Zum Lichten, Hellen, zum Sonnenaufgang hin stand in mittelalterlichen Kirchen der Hauptaltar; nach Westen, von wo die Nacht mit ihren Dämonen heraufzog, baute man Bollwerke, Türme, manchmal symbolisch, manchmal durchaus von realem Verteidigungswert. „Westwerk“ nennen Kunsthistoriker diese westlichen Querriegel.

In Drübeck habe ich mich am letzten Abend vor die Westseite der Kirche gesetzt und im sinkenden Licht erst einmal eine schnelle Vorzeichnung in einer Linie gemacht, immer wieder hilfreich, um herauszufinden, was mich an einem Motiv am meisten interessiert. Dann ging es los mit Perspektive, schön ordentlich mit Abmessen und Hilfslinien. Den Moment, auf einen etwas kräftigeren Stift umzusteigen, habe ich verpasst, und irgendwann wurde es auch am schönsten Frühlingsabend dunkel.

Zu Hause, heute, habe ich der Zeichnung erst ordentlich Farbe verpasst – und dann doch noch ein paar kräftige Linien eingefügt, weil das Ganze mir ansonsten zu vage war.

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Erst Farbe, dann kräftigere Linien mit Füller – die Westfassade der Drübecker Kirche im Abendlicht.


QiGong im Kloster

Natürlich ist es schon lange kein Kloster mehr; seit Reformation und Bauernkrieg leben im Harzer Kloster Drübeck keine Nonnen, und auch die adeligen Stiftsdamen sind schon vor über hundert Jahren ausgezogen. Doch es gibt eine romanische Kirche, ummauerte Gärten, Hotelzimmer mit ehrwürdigen Möbeln und im Hof eine fast 300jährige Linde.

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Die Drübecker Klosterkirche im letzten Abendlicht.

In diesem fast schmerzlich schönen Ambiente habe ich ein pfingstlich beseeltes QiGong-Seminar besucht und jede Minute genossen – Ost traf auf West, Lao-tse auf Luther …

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QiGong-Übungen in einem der ummauerten Gärten.

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„Selbst an den Gesten der Schöpfung teilnehmen“ – der Qi-Gong-Lehrer Manfred Geissler zitiert den Frankochinesen François Cheng.


Wandertag

Gestern war mein erster Wandertag. Ich hatte mir eine leichte Tour oberhalb von Funchal ausgesucht, entlang einer schon lange stillgelegten Levada war der erste Teil ein bequemer Wanderweg – wenn auch durch eher weniger spektakulären Eukalyptuswald. Als der Wald endete, endete leider auch die Levada, dafür hatte ein unangenehmer kalter Sprühregen begonnen – auf 900 m Höhe kann es auch in afrikanischen Breiten ganz schön ungemütlich werden.

Zum Rasten fand sich dann eine Bushaltestelle – wenn auch kein Bus; stattdessen ein ebenfalls auf Levadasuche befindlicher Wandergefährte. So gingen wir zu zweit das Stück Straße, das irgendwann mal eine Levada gewesen war, und verpassten trotz mehrmaligen Fragens den Wiedereinstieg für das letzte Wegstück. *

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Im Nirgendwo auf Madeira.

In Funchal hingegen strahlte die Sonne, und im schwindenden Licht begann ich mein Abendessen vorzubereiten – nicht ohne noch eine kleine Skizze zu machen (koloriert habe ich beide heute, dafür war es dann schon zu dunkel geworden.) Der Stil ist eine kleine Hommage an den Kölner Zeichner Peter Hoffmann, dessen Bilder ich sehr schätze.

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In Ferienwohnungen gibt es nie ordentlich scharfe Messer.

* Für Leute, die Madeira kennen oder es kennenlernen wollen: es handelt sich hier um den Weg von Santo da Serra nach Camacha auf der Levada da Serra.


Januar

Mein schönes Dezemberbüchlein ist, ungedenk aller guten Vorsätze, doch nicht ganz voll geworden und hat noch für mehr als den halben Januar gereicht. Kaum hat sich der Vorsatz des Täglichzeichnens verdünnt, steigt auch der Aufwand für das einzelne Blatt: alle drei hier gezeigten sind zu Hause oder im Zug koloriert, wenn auch in sehr unterschiedlichem Umfang.

Zuerst ein Porträt eines Schweriner Pastors i.R., schnell mit brauner Feder gezeichnet bei einem anregenden Sonntagsnachmittagsgespräch und später nach Foto noch ausgiebig koloriert.

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Porträt P.V., Pfarrer im (Un)Ruhestand.

Im Theater zu zeichnen hat immer mehrere Tücken: meist ist es dunkel im Saal, und wenn man zu sehr raschelt und kratzt, fühlt sich die Nachbarschaft belästigt. Also auch hier nur ein paar Striche mit Bleistift, quasi Blindzeichnen. Umso schöner, wenn die Betrachtung bei Licht authentischer geworden ist als erwartet und die nachträglich aufgetragene Farbe die Stimmung bewahrt. Hier der aktuelle Schweriner Otello: Desdemona im magentafarbenen Kleid und Otello als überangepasster Mohr in deutscher Offiziersuniform.

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Verdis Oper Otello in der aktuellen Schweriner Aufführung.

 

Den unbestreitbaren Farbenhöhepunkt bildete die aktuelle Ausstellung des Schweriner Staatlichen Museums, das große Teile der Sammlung Frank Brabant zeigt, mit dem Schwerpunkt auf Expressionismus und Neuer Sachlichkeit. Nicht nur, dass die Bilder selbst z.T. sehr farbkräftig waren, man hat sie, angelehnt an die Hängung in der Brabantschen Wohnung, auch vor kräftig farbige Wände gehängt. Im Vergleich zu meiner sonstigen Neigung zu eher verhaltenen Tönen ist mein Skizzenblatt geradezu eine Primärfarbenorgie geworden.

Auf der linken Seite habe ich das Bild „Der Pope“ von Josef Scharl abgebildet, einem jener Künstler, deren künstlerische Laufbahn durch Krieg und Emigration gebrochen war. Das Bild hat mich durch die starke Präsenz des Abgebildeten tief beeindruckt. Wieder einmal habe ich festgestellt, wie sehr viel mehr ich mich einem Kunstwerk nähere, wenn ich es zeichne als wenn ich es nur betrachte. Rechts hinter den beiden Besucherinnen angedeutet ist ein in Rot, Orange und verschiedenen Blautönen geradezu explodierendes Porträt des Sammlers Brabant zu angedeutet.

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Eindrücke aus der Ausstellung der Sammlung Brabant in Schwerin. Mehr Gouache als Aquarell.

 


Reportage

In der letzten Zeit habe ich mich ein bisschen intensiver damit beschäftigt, wie es mit dem derzeitig ziemlich populären „urban sketching“ eigentlich angefangen hat. Visueller Journalismus durch Zeichnen, das war das Motto der ersten Gruppe um den spanisch-amerikanischen Zeichner Gabriel Campanario.

So eine gezeichnete Reportage ist nicht einfach: Menschen bewegen sich, die Szene wechselt, das Wetter auch, ein Logenplatz zum Sitzen ist eher die Ausnahme und nachträgliches Überarbeiten ist nicht jedermanns Sache. Heute habe ich es mal mit einem Ereignis versucht, das in in gewisser Weise ebenso spontan, authentisch und unperfekt war – und ebenso meint unter einer englischen Überschrift daherkommen zu müssen: der Symphonic Mob auf dem Schweriner Marktplatz, einem Mitmach- und Mitsingkonzert.

Ich habe das Bild komplett vor Ort gezeichnet, einschließlich Farbe, Schrift und ungeplantem lila Farbklecks. Überragt werden die Musiker von Peter Lenks garstig-schönem Löwendenkmal. 

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Beim Symphonic Mob auf dem Schweriner Markt; Graphit und Wasserfarbe in einem Hahnemühle Aquarellbuch.


Hundertfaches Glück

Zeichnen macht glücklich, das weiß jeder, der es gelegentlich praktiziert. Wie glücklich es macht, mit hundert anderen gemeinsam zu zeichnen, durfte ich am letzten Wochenende beim Deutschlandtreffen der Urban Sketchers im holsteinischen Städtchen Eutin erfahren.

Was machen 100 Zeichnerinnen und Zeichner, die sich besser kennenlernen wollen? Natürlich, sie zeichnen sich erst einmal gegenseitig. Daher gab es am Freitagabend eine Porträtparty mit lustigen Mini-Skizzen auf Bierdeckeln. Ich habe die Idee später noch einmal aufgegriffen und als Lockerungsübung die Nieten aus der Tombola zu Hauptgewinnen verarbeitet.

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Die Nieten aus der Tombola (jeweils gut 4×4 cm groß) habe ich in mein Skizzenbuch geklebt und für eine kleine Lockerungsübung genutzt.

Die Workshops wurden ausgelost, und so fand ich mich Samstag Vormittag auf einem Parkplatz wieder – „Autos in der Stadtlandschaft“ war das Thema. Dave Robb, ein prominenter Motoraddesigner, lehrte uns vor allem eins: bei Form und Farbe genau hinzusehen und unsere Bilder im Kopf zugunsten der Wirklichkeit loszulassen. Zen oder die Kunst, ein Auto zu zeichnen.

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Ein blauer Mini hat viele Farben.

Sehr bereichernd auch der Nachmittagsworkshop mit Nicola Maier-Reimer, bei dem es darum ging, die Aussagekraft des eigenen Bildes durch geeignete Komposition zu unterstreichen, und, vorher noch, für mich selbst herauszufinden, „welche Geschichte mein Bild erzählen will“. Autos? Menschen? Historie? Was steht im Mittelpunkt? Für mich wurde es ein Konvolut von Schildern und Schatten.

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Schilderwald und Schattenwurf.

Sonntag dann offenes Zeichnen (mit vielen zusätzlichen Gästen; das Treffen der beiden ersten Tage war leider auf 100 Teilnehmer begrenzt) und nachmittags eine – wie das ganze Wochenende von Ehrenamtlichen hervorragend organisierte! – Ausstellung der Resultate. Am Vormittag flanierte die „Societé du Baroque“ durch das herrliche Spätsommerwetter in Schloss und Park.