Winterliches II

Ein Engel kommt selten allein – oder war die ganze Schar Leuchterengel vergangene Woche noch gar nicht angekommen? Ich war so verzaubert von dem großen Kranzengel, dass ich sie nicht bemerkt hatte; erst, als ich vor einigen Tagen ziemlich spät am Abend an dem Schaufenster vorbeikam, sah ich die Versammlung. Es wurde gerade kalt, der Wind zog scharf um die Ecken und ich beschränkte mich auf eine Bleistiftskizze. An den nächsten beiden Tagen kam dann, immer mal zwischendurch ein paar Pinsel voll, die Aquarellfarbe dazu.


Erzgebirgische Leuchterengel im hell beleuchteten Schaufenster des Schweriner „Formost“-Ladens, gezeichnet im A6 Aquarellbuch von Hahnemühle.

Einige Tage vorher hatte ich endlich die beiden Granatäpfel abgebildet, die beim Warten darauf schon ganz trocken geworden waren. Als ich sie nach getaner Zeichnung endlich aufschnitt, waren sie innen noch erfreulich frisch und saftig.


Zwei Granatäpfel – am Morgen des 2.Advent gezeichnet. Stillman&Birn Beta mit grauer Tinte von Noodlers und Wasserfarbe von White Nights (die Rottöne) und Schmincke (das Gold und das Grün.)



An der Untertrave

Gestern war ich zu einem Zeichentreffen in Lübeck. Ich mag die Stadt; im Laufe der Jahre sind bei Besuchen aus den verschiedensten Anlässen schon einige Bilder zusammen gekommen. Dieses Mal spielte, neben den Dächern und Türmen, das Wetter eine Hauptrolle: wie in einem kalten April wechselten Wolkenberge mit scharfem, gelben Sonnenlicht. Weil Aquarellfarbe unter solchen Bedingungen nur langsam trocknet, habe ich meine sonst Museen und ähnlichen heiklen Habitaten vorbehaltenen Aquarellstifte rausgeholt und damit experimentiert.

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Blick auf St.Marien und St.Petri in Lübeck. Tinte, Wasserfarbe und wasserlösliche Farbstifte auf Stillman&Birn Beta.


Ziemlich große Fliege

Am Wochenende war ich in Dresden, zwei angefüllte Tage zwischen verschiedenen Museen, dem Botanischen Garten und langen Gesprächen. Fast überraschend war auch noch Raum zum Zeichnen, und ein besonders geeigneter Ort dafür ist das Hygienemuseum . Neben der Sonderausstellung über Haustiere – „Tierisch beste Freunde“, daher die Anregung für den Titel – bietet die ständige Schau eine unübersehbare Menge an Modellen, Präparaten und Mitmachobjekten – weshalb auch ein Mensch mit kleinem Farbkasten überhaupt nicht auffällt und ich alles schön vor Ort fertig kolorieren konnte.

Dieses Modell der Lieblingsfliege aller Genetiker ist etwa zwei Meter groß; erst wollte ich noch einen Besucher daneben stellen, so als ganz korrekten Urban Sketch, aber die Fliege war gezeichnet so raumgreifend, dass ich es bei der Beschriftung belassen habe.

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Etwa zwei Meter hohes Modell einer Fruchtfliege im Hygienemuseum Dresden. Das Papier hatte ich etwas vorgrundiert, daher hat die Fliege nun rote Punkte an ungewöhnlicher Stelle. Gezeichnet mit brauner Tinte von deAtramentis, etwas grauem und weißem Marker und Wasserfarbe von Schmincke.

 


Westwerk

Kirchen sind in den meisten Fällen in Ost-West-Richtung gebaut, unser Ausdruck „Orientierung“ stammt daher, sie sind nach Osten, Richtung Orient, ausgerichtet. Zum Lichten, Hellen, zum Sonnenaufgang hin stand in mittelalterlichen Kirchen der Hauptaltar; nach Westen, von wo die Nacht mit ihren Dämonen heraufzog, baute man Bollwerke, Türme, manchmal symbolisch, manchmal durchaus von realem Verteidigungswert. „Westwerk“ nennen Kunsthistoriker diese westlichen Querriegel.

In Drübeck habe ich mich am letzten Abend vor die Westseite der Kirche gesetzt und im sinkenden Licht erst einmal eine schnelle Vorzeichnung in einer Linie gemacht, immer wieder hilfreich, um herauszufinden, was mich an einem Motiv am meisten interessiert. Dann ging es los mit Perspektive, schön ordentlich mit Abmessen und Hilfslinien. Den Moment, auf einen etwas kräftigeren Stift umzusteigen, habe ich verpasst, und irgendwann wurde es auch am schönsten Frühlingsabend dunkel.

Zu Hause, heute, habe ich der Zeichnung erst ordentlich Farbe verpasst – und dann doch noch ein paar kräftige Linien eingefügt, weil das Ganze mir ansonsten zu vage war.

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Erst Farbe, dann kräftigere Linien mit Füller – die Westfassade der Drübecker Kirche im Abendlicht.


QiGong im Kloster

Natürlich ist es schon lange kein Kloster mehr; seit Reformation und Bauernkrieg leben im Harzer Kloster Drübeck keine Nonnen, und auch die adeligen Stiftsdamen sind schon vor über hundert Jahren ausgezogen. Doch es gibt eine romanische Kirche, ummauerte Gärten, Hotelzimmer mit ehrwürdigen Möbeln und im Hof eine fast 300jährige Linde.

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Die Drübecker Klosterkirche im letzten Abendlicht.

In diesem fast schmerzlich schönen Ambiente habe ich ein pfingstlich beseeltes QiGong-Seminar besucht und jede Minute genossen – Ost traf auf West, Lao-tse auf Luther …

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QiGong-Übungen in einem der ummauerten Gärten.

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„Selbst an den Gesten der Schöpfung teilnehmen“ – der Qi-Gong-Lehrer Manfred Geissler zitiert den Frankochinesen François Cheng.


Wandertag

Gestern war mein erster Wandertag. Ich hatte mir eine leichte Tour oberhalb von Funchal ausgesucht, entlang einer schon lange stillgelegten Levada war der erste Teil ein bequemer Wanderweg – wenn auch durch eher weniger spektakulären Eukalyptuswald. Als der Wald endete, endete leider auch die Levada, dafür hatte ein unangenehmer kalter Sprühregen begonnen – auf 900 m Höhe kann es auch in afrikanischen Breiten ganz schön ungemütlich werden.

Zum Rasten fand sich dann eine Bushaltestelle – wenn auch kein Bus; stattdessen ein ebenfalls auf Levadasuche befindlicher Wandergefährte. So gingen wir zu zweit das Stück Straße, das irgendwann mal eine Levada gewesen war, und verpassten trotz mehrmaligen Fragens den Wiedereinstieg für das letzte Wegstück. *

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Im Nirgendwo auf Madeira.

In Funchal hingegen strahlte die Sonne, und im schwindenden Licht begann ich mein Abendessen vorzubereiten – nicht ohne noch eine kleine Skizze zu machen (koloriert habe ich beide heute, dafür war es dann schon zu dunkel geworden.) Der Stil ist eine kleine Hommage an den Kölner Zeichner Peter Hoffmann, dessen Bilder ich sehr schätze.

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In Ferienwohnungen gibt es nie ordentlich scharfe Messer.

* Für Leute, die Madeira kennen oder es kennenlernen wollen: es handelt sich hier um den Weg von Santo da Serra nach Camacha auf der Levada da Serra.


Januar

Mein schönes Dezemberbüchlein ist, ungedenk aller guten Vorsätze, doch nicht ganz voll geworden und hat noch für mehr als den halben Januar gereicht. Kaum hat sich der Vorsatz des Täglichzeichnens verdünnt, steigt auch der Aufwand für das einzelne Blatt: alle drei hier gezeigten sind zu Hause oder im Zug koloriert, wenn auch in sehr unterschiedlichem Umfang.

Zuerst ein Porträt eines Schweriner Pastors i.R., schnell mit brauner Feder gezeichnet bei einem anregenden Sonntagsnachmittagsgespräch und später nach Foto noch ausgiebig koloriert.

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Porträt P.V., Pfarrer im (Un)Ruhestand.

Im Theater zu zeichnen hat immer mehrere Tücken: meist ist es dunkel im Saal, und wenn man zu sehr raschelt und kratzt, fühlt sich die Nachbarschaft belästigt. Also auch hier nur ein paar Striche mit Bleistift, quasi Blindzeichnen. Umso schöner, wenn die Betrachtung bei Licht authentischer geworden ist als erwartet und die nachträglich aufgetragene Farbe die Stimmung bewahrt. Hier der aktuelle Schweriner Otello: Desdemona im magentafarbenen Kleid und Otello als überangepasster Mohr in deutscher Offiziersuniform.

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Verdis Oper Otello in der aktuellen Schweriner Aufführung.

 

Den unbestreitbaren Farbenhöhepunkt bildete die aktuelle Ausstellung des Schweriner Staatlichen Museums, das große Teile der Sammlung Frank Brabant zeigt, mit dem Schwerpunkt auf Expressionismus und Neuer Sachlichkeit. Nicht nur, dass die Bilder selbst z.T. sehr farbkräftig waren, man hat sie, angelehnt an die Hängung in der Brabantschen Wohnung, auch vor kräftig farbige Wände gehängt. Im Vergleich zu meiner sonstigen Neigung zu eher verhaltenen Tönen ist mein Skizzenblatt geradezu eine Primärfarbenorgie geworden.

Auf der linken Seite habe ich das Bild „Der Pope“ von Josef Scharl abgebildet, einem jener Künstler, deren künstlerische Laufbahn durch Krieg und Emigration gebrochen war. Das Bild hat mich durch die starke Präsenz des Abgebildeten tief beeindruckt. Wieder einmal habe ich festgestellt, wie sehr viel mehr ich mich einem Kunstwerk nähere, wenn ich es zeichne als wenn ich es nur betrachte. Rechts hinter den beiden Besucherinnen angedeutet ist ein in Rot, Orange und verschiedenen Blautönen geradezu explodierendes Porträt des Sammlers Brabant zu angedeutet.

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Eindrücke aus der Ausstellung der Sammlung Brabant in Schwerin. Mehr Gouache als Aquarell.