Leporello, mal wieder

Vor einigen Wochen sah ich mal wieder einen der hinreißenden Leporellos der Landschaftsarchitektin Martina Offenberg. Sie ist eine großartige Zeichnerin, die ihre Urban Sketches gern auf selbst gestaltete Leporellos zeichnet. Sie bereitet diese Papierstreifen als Collage aus unterschiedlichen Papieren und Stempeln vor, die unterwegs noch weiter ergänzt wird.

So etwas wollte ich auch machen! In vier Wochen habe ich Urlaub, und da wäre es schön, einen selbst gestalteten Leporello as Reisetagebuch mitzunehmen. (An fertig konfektionierten hatte ich schon zwei mal meine Freude gehabt – hier und hier) Ich beschloss einen Probelauf und sichtete meine sich als reichlich erweisenden Papiervorräte. Ich liebe die Resultate solcher Aktionen – wenn andere Leute sie angefertigt haben. Selbst bin ich darin ungeschickt; ich habe Freude an der Haptik der verschiedenen Aquarell- und Bastelpapiere, doch beim Schneiden und Kleben gab es erst einmal eine Menge Ausschuss.

Irgendwann war das Produkt fertig, zusammengeklappt hat es A6-Format. Ich hatte wild darauf los geschnippelt und geklebt, unterschiedlich Papiersorten gemischt, mit Aquarellgrundierung versehen und zusätzlich noch diverse Collage-Elemente vorbereitet.

Als erstes schnitt ich eine kleine Skizze vom Mittagessen bei „Nordsee“ aus einem anderen Skizzenbuch aus und klebte sie ein – sie ist hier nicht zu sehen, nur der Leuchtturm kündet auf dieser Seite davon. Zu sehen sind drei besondere Löffel – am liebsten hätte ich „Eine kleine Geschichte von mir in sieben Löffeln“ erzählt und mich unendlich in den Assoziationen verloren, die die Dinge an unserer Seite auftun. Aber ich beschränkte mich erst einmal auf drei – mit Fortsetzungsoption.

Eine kleine Löffelsammlung.

Den „Göffel“ hat eine Freundin liegengelassen. Es ist ein superleichtes superhartes Objekt aus Titan, die Minimalistinnen-Variante des Besteckkastens für den Rucksack. Seltsamer Weise trägt er die Inschrift „Light my Fire“.

Der Suppenlöffel mit dem „Konsum“-Signet entstammt den unendlichen Tiefen der Besteckkiste auf meiner Arbeitsstelle (und ist inzwischen dorthin zurückgekehrt). Ein rauchender Schornstein und eine Sichel ergeben in typisch ostmoderner Ästhetik zusammen ein „K“ wie „Konsum“ (gesprochen Kónsumm) – dem Inbegriff des Lebensmittelgeschäfts in der DDR. (Das interessante Wurzeln in Lebensreform und Sozialdemokratie hat und in einem gemeinwohlorientierten Land wie der Schweiz z.B. als „volg“ überleben konnte.)

Der geschnitzte „Folklore“-Löffel kam durch einen der zahlreichen Osteuropa-Kontakte meiner Mutter in unseren Haushalt und hing viele Jahre als Dekoration in der Küche – mit einer dazu passenden Gabel als Salatbesteck. Ich hätte es gern benutzt, doch es ist klein und unhandlich, so wanderte es in eine Schublade, die „Mein Museum“ heißt und voll ist mit kleinen Dingen, über die ich – irgendwann einmal – schreiben möchte.

Drei Äpfel über eine Stadtsilhouette gezeichnet.

Am nächsten Tag saß ich am Schweriner Marienplatz und versuchte mich – gleich mit Füller – an einer kleinen Stadtansicht. Über die Dachsilhouette und ein paar Oberleitungen der Straßenbahn kam ich nicht hinweg, so dass ich das Ganze abends mit drei Äpfeln übermalte.

Das hätte ich vermutlich in einem konventionellen Skizzenbuch nicht getan, doch die Anmutung von Collage, die dem ganzen Projekt eigen ist, machte es möglich. Wie immer nimmt die locker aufgebrachte Grundierung die Angst vor dem leeren Blatt, macht munter und mutig. Es liegt darin auch die Gefahr, Lockerheit mit Schlampigkeit zu verwechseln und die Struktur zu verlieren. So hat mich dieses Probe-Projekt bis heute schon gelehrt, es nicht zu übertreiben mit „Mixed media“, nicht zu viele unterschiedliche Papiersorten und Collageelemente zu verwenden – zumal die einem auf Reisen sowieso in reicher Zahl in Form von Eintrittskarten, Prospekten, Zuckertüten & Co. zufallen.

Am Tag nach den Äpfeln bin ich zu mal wieder zu einer Dorfkirche über Land gefahren: Fortsetzung folgt.


Ich weiß, dass ich schmecke, sagte der Fisch

Maränen habe ich schon ab und zu gezeichnet. Es sind heringsgroße Fische, die tiefe, kalte und saubere Süßwasserseen brauchen, besonders für das Wachstum der Jungfische. Ausgewachsene Exemplare sind nicht so empfindlich und schwärmen schon mal in die Ostsee aus. Fangsaison ist im Sommer, wenn es nicht zu warm wird. Und da die Feuerzungen der Große Hitze bisher nur kurz herübergelodert haben, gibt es noch welche. Sie sind sozusagen der Inbegriff von Regionalität. (Und sie scheinen sehr variable Gene zu haben, denn jeder große See, der auf sich hält, hat seine eigene Art. Anderswo heißen sie Felchen oder Renken, wobei der lokale Name nur locker mit dem wissenschaftlichen verknüpft ist. Diese hier haben „Coregonus albula“ in der Geburtsurkunde stehen.)

Am Verkaufswagen der Schweriner Seenfischerei konnte ich letzte Woche drei geräucherte Exemplare erwerben, und Freitag Abend machte ich mich daran, sie zu malen. Ich nahm das schöne dunkelgraue Papier von PaintOn, Tinte, Aquarellfarbe (nein, es ist keine Gouache), die farbkräftigen Inktense-Stifte von Derwent, die ich mir Ende Januar in Karlsruhe gekauft hatte und zum Schluss noch einen weißen Gelmarker. Immer schön Schicht auf Schicht.

Dann kamen sie wieder in den Kühlschrank und ich hatte anderweitig zu tun und zu speisen. Heute gaben sie ein gutes Sonntagsfrühstück. Sie lassen sich gut essen, denn sie haben festes, saftiges Fleisch, das an Forellen erinnert, und kaum fiese Gräten.

Es war Sonntag, ich hatte Zeit, sie mir in Ruhe schmecken zu lassen und gleich noch einmal die Stifte herauszuholen. Dieses Mal zeichnete ich in das kleine quadratische Büchlein von Royal Talens, das ich ebenfalls bei Gerstäcker Karlsruhe erworben habe und sehr liebe. Es hat griffiges, etwas gelbliches Papier, das fast kein Wasser verträgt. Ich zeichnete mit Kugelschreiber und etwas Buntstift, den ich nur mit ein paar Tropfen Wasser anlöste.

Die Gedanken schweiften derweil zur Lektüre der letzten Tage (ja, auch das Lesen hat kam dem Zeichnen etwas in die Quere): „Der Butt“ von Günter Grass, zu dem ich über diverse Assoziationsketten kam. In diesem Buch sagt der namensgebende sprechende Plattfisch bei der ersten Begegnung zum Ich-Erzähler „Mir ist bekannt, dass ich schmecke.“ (Er bleibt, wie man aus dem Märchen weiß, am Leben.) Ich stellte mir die drei Maränen vor, wie es dem Fischer mit ihnen – noch quicklebendig – ergangen wäre, was sie mit feinen Stimmchen versprochen hätten, um ungeräuchert wieder ins Wasser zu dürfen – um am Ende auf die Frage zu kommen, das allein das „die“ vor der Maräne einen prinzessinnenhaften Gegenentwurf zum männlich-väterlichen Butt evozierte – ein kleiner Beitrag zum unerschöpflichen Thema Genus und Sexus …


Im Kunstwasserwerk

Letztes Wochenende haben die Schweriner Urban Sketches im Kunstwasserwerk die Saison eröffnet. Es sah freundlich aus draußen und fühlte sich auch ein klitzekleines bisschen frühlingshaft an, doch war es leider immer noch lausig kalt – drinnen wie draußen. Daher sind beide Zeichnungen erst zu Hause fertig geworden.

Lineare Zeichnung vor Ort, Schraffur zu Hause.

Nachdem ich vom Zeichnen der Druckpresse fast einen Knoten im Hirn bekommen hatte, stand mir der Sinn dringend nach etwas Lockerheit. So wählte ich für die Außenansicht statt allerfeinster Stiftchen den Fude Pen mit der breiten Spitze. Zu Hause habe ich noch ein paar Farbakzente mit den Inktense-Stiften gesetzt (nur der Himmel ist mit Gouache gemalt).

Das Bild ist auch ein Abschied vom naturfarbenen „Toned Watercolour Book“ der Firma Hahnemühle. Es war mir ordentlich ans Herz gewachsen, und ich mochte die bräunlichen Seiten deutlich mehr als die der grauen Variante, die ich im vergangenen Sommer ausprobiert hatte. Und manchmal gehen Wünsche in Erfüllung: seit gerade eben gibt es von Hahnemühle auch ein quadratisches Aquarellbuch in weiß. Das werde ich jetzt als Nächstes ausprobieren.


Fläschchen

Neben der handfesten Hausarztmedizin habe ich viele Jahre die Pflanzen- und Naturheilkunde als fachliches Hobby gepflegt. Mit der Übergabe meiner Praxis in jüngere Hände war, neben vielem anderen, auch ein großer Vorrat an pflanzlichen und homöopathischen Mitteln zu sortieren. Ein Teil blieb am alten Ort, wo ich noch in kleinem Umfang damit weiterarbeite. Vieles habe ich mit nach Hause genommen, gesichtet und neu geordnet.

Dabei kam mir die Idee zu diesem Bild. Es zeigt einen kleinen Ausschnitt aus der Fülle, die mich über viele Jahre erfreut hat. Die Auswahl habe ich vorwiegend unter ästhetischen Gesichtspunkten getroffen. Ein bisschen „Trauerarbeit“ ist natürlich auch dabei, Erinnerungen daran, wie ich mir diese Kenntnisse vor nunmehr zwanzig Jahren erarbeitet habe, Nachdenken darüber, wie sich die geistige Landschaft in dieser Zeit verändert hat.* (Was sich u.a. darin spiegelt, dass die Firma „Staufen“, von der auf meinem Bild gleich zwei Fläschchen auftauchen, eines Tages sang- und klanglos mitsamt ihrem Schatz an Substanzen und Erfahrungswissen von der Bildfläche verschwunden war.)

Eine kleine Auswahl an Naturheilmitteln. Gezeichnet im quadratischen Hahnemühle Tones Watercolour Book mit Tinte, Derwent Inktense, Wasserfarbe und weißem Gelmarker.

* Um dieser Veränderung Rechnung zu tragen, hier eine Schlussbemerkung, sozusagen ein Disclaimer: Ich bin – selbstverständlich, würde ich gern sagen – gegen das Coronavirus geimpft und habe diese Impfung natürlich auch in meiner Praxis angeboten.


Zeichne …

… mit einem ungewohnten Werkzeug.

… etwas, das du gerade gegessen hast oder noch essen willst.

… ein personifiziertes Objekt.

Zum ersten Mal hangele ich mich an einer Themenliste entlang. Es gibt in der Kunstwelt diverse „Challenges“, zeitlich begrenzte Aktionen, bei denen Techniken und Themen vorgeschlagen werden: #EverydayinMay #Inktober oder #OneWeekHundredPeople , um nur einige zu nennen. Bisher hatte ich stets so wenig Zeit, dass ich froh war, nach meinen eigenen Wünschen zeichnen zu können. Nun bin ich ein paar Wochen zu Hause und habe mich für einen „Täglich-Zeichnen“-Kurs angemeldet. Zu dem gehört, neben Anleitungen und Videos, auch eine 30-Tage-Liste. Da der Kurs sich an Illustratoren wendet, wird vieles, für mich ungewohnt, aus der Imagination oder von Fotovorlagen gezeichnet. Ich habe beschlossen, mich darauf einzulassen und zumindest einen Teil der Aufgaben „abzuarbeiten“. (Nein, ich werde nicht alle dreißig hier zeigen.)

„Zeichne etwas Menschengemachtes.“ Das sollte einer Bewohnerin des Anthropozäns nicht schwer fallen, es steht genug davon rum. So hätte es sein können, dass die Auswahl schwer fallen würde. Doch da war sie auch schon, die perfekte Lösung für ein Problem, von dem man bis eben nicht wusste, dass man es hat: Eine in Brasilien handgefertigte, mechanisch betriebene Espresso-Maschine.

Mit Kugelschreiber vor dem Objekt gezeichnet und zu Hause nach Foto koloriert.

„Zeichne dein Lieblingstier.“ Mmmh, niedliche Miezekatze? Treuer Hund? Kluger Vogel? Ich habe mich für die ordensgeschmückte schlaue Minensuchratte Magawa entschieden, die gerade im hohen Rattenalter von acht Jahren verstorben ist. Da diese Meldung gerade durch die Medien ging, war das Netz voller Fotos.

„Zeichne die Skelettstruktur deines Lieblingstiers.“ Hier waren die Bilder schon deutlich knapper. Zumal es sich bei Magawa nicht um eine Haus- oder Wanderratte gehandelt hatte, sondern um eine Riesenhamsterratte. Von einem ganzen Skelett fand ich nur zwei Bilder in schlechter Auflösung; die machten mir wenig Lust, zeichnend Knöchelchen an Knöchelchen zu reihen. (45 cm Schwanz!) Beim Schädel sah es besser aus; ja, es gibt eine Seite namens „skullsunlimited.com“, auf der auch Magawas Verwandte in schönster Auflösung und gut ausgeleuchtet abgebildet waren.

Diese schöne Ausleuchtung machte es nicht ganz leicht, die dreidimensionale Struktur zu erfassen. Ich freute mich, dass meine Zeichnung am Ende räumlicher wirkte als das Foto und ich weitgehend verstanden hatte, was ich sah.


Nagori

Nagori – wörtlich „der Abdruck der Wellen“ – bedeutet auf Japanisch so etwas wie „die Sehnsucht nach der von uns gegangenen Jahreszeit“. Nagori ist das Gegenteil von Lebkuchen im September, von Erdbeeren im Winter, es blickt zurück auf eine bewusst gelebte Saison, die nun in die nächste übergeht – „Wie häufig wird es jetzt November“ dichtete einst Eva Strittmatter.

Letzten Sonnabend, am Vortag des Ersten Advent, habe ich in Kürbissen geschwelgt. Auf dem Markt hatte ich noch einen und noch einen Kürbis in meinen Einkaufstrolley gepackt – „Nehmse doch den großen, der Preis geht nach Stück!“ und die nette Gemüsefrau mit der Eröffnung verblüfft, dass ich so viele Kürbisse eigentlich gar nicht brauche. Aber wer kann schon bei dem wunderschönen weißschaligen „Flat White Boer“ widerstehen? Oder bei einem blauen Hokkaido?

Da liegen sie nun, dekorativ angeordnet und ergänzt um die farblich und saisonal passende Physalis, die meine Zeichenfreundin zu diesem gemütlichen Nachmittag mitgebracht hatte. (Die Schrift und das Datum kamen ein paar Tage später, als ich noch ein paar letzte Schatten und Lichter angebracht habe.)

Während ich noch den Blick auf die Kürbisse gerichtet hielt, ging still und leise der 1.Advent vorbei – und ich musste mich sputen, um mit Kranz, Kerzen und Engelchen nicht zu spät zu kommen. Deren Saison hat gerade angefangen, und mit ihr die von Pfeffernuss und Mandelkern, an denen ich nun guten Gewissens knabbere, während ich an diesem Text schreibe.


Gelb

Gelb ist die Farbe des Spätsommers, und so ist es auch die Farbe meiner letzten Fingerübungen geworden.

Am vorigen Wochenende war ich wieder einmal in Bellin, auf den Tag genau sechs Jahre nach meinem ersten Besuch dort und wieder und immer noch verzaubert vom Geist des Ortes. Hüfthoch steht die Wiese an einigen Stellen, und natürlich ist der Rainfarn mit seinem tiefaromatischen Duft immer dabei.

Eine kleine Rainfarnstudie.

Zu Hause angekommen, begann ich mit den Vorbereitungen für den nächsten Pilgerweg. Zu den schönsten Leiden im Vorfeld einer solchen Tour gehört der Entscheidungsschmerz, welches Malzeug mitgenommen werden soll. (Der Rücken und – wichtiger noch – die Füße – müssen es tragen, tagein, tagaus.) Beim Aufräumen fiel mir der kleine A5-Block des naturfarbenen PaintOn-Papiers in die Hände, den ich beim Sketchertreffen 2017 in Eutin bekommen hatte. (Ein erfolgreiches Werbegeschenk, ich bin seitdem ein Fan dieser Papiersorte.) Eine rucksacktaugliche Größe und eine Einladung zu kleinen weißgehöhten Studien.

Der Probelauf mit einer Sonnenblumenblüte war vielversprechend; also wird er mit auf die Reise gehen.

Skizze einer Sonnenblume. Schwarze deAtramentis-Tinte im Fude-Pen, Aquarellfarbe, weißer Gel-Pen auf naturfarbenem PaintOn-Papier von Clairefontaine.

Einmal Mühlrad und zurück

Am Wochenende trafen sich die Schweriner Urban Sketchers wieder unter fast „normalen“ Bedingungen: ohne drei Schichten Kleidung oder Feuerschale und mit der Aussicht auf einen „Kaffee danach“ in netter Gesellschaft. Das Zielobjekt, die „Schleifmühle“, lag ganz in der Nähe des „Franzosenwegs“, auf dem ich vergangenes Wochenende nach Adebors Näs gewandert war, und so hatte ich schon einmal Ausschau gehalten: das Mühlrad sollte es sein. Eine bequeme Bank mit unverstelltem Blick erleichterte die Entscheidung.

Es wurde, erwartungsgemäß, eine längere Übung: vorsichtiges Antasten mit Bleistift, Hilfslinien, Perspektive … am Ende, nach zwei Stunden, hatte ich eine ganz passable lineare Zeichnung fertig. (Und ausreichend in der Sonne gebraten. So ist das mit dem schönen Wetter.)

Und nun – Kolorieren oder nicht? Linear sah das Ganze zwar wie eine schicke Konstruktionszeichnung aus, aber auch irgendwie körperlos. Wenigstens Schatten mussten her. Zum Schraffieren war ich zu faul und vor Aquarell war mir ob der vielen Feinheiten etwas bang – also griff ich zu den Markern von Faber Castell. Den ziegelroten Hintergrund habe ich nur angedeutet, um mich nicht in noch mehr Details zu verlieren. 

Am späteren Nachmittag saß ich – schließlich ist einiges nachzuholen – noch einmal im Café und wartete auf eine Freundin. Dabei hatte ich das Schloss vor Augen und blieb dieses Mal bei einer absichtlich reduzierten linearen Skizze.


Im Garten

Die Schweriner Schelfstadt bewahrt hinter den Mauern ihrer Gründerzeit- und Barockhäuser viele schöne Gärten. In einem davon haben wir heute gezeichnet. Ab Mittag kam die Sonne über die Dächer; vorher begnügten wir uns mit einer Feuerschale, die uns leidlich gewärmt und gründlich geräuchert hat.

Zuerst zeichnete ich, ausführlich und in Ruhe, einen der schönen Hochstamm-Apfelbäume mit Bleistift. Leider sah die Zeichnung am Ende ziemlich winterlich aus, so dass ich dann doch noch mit etwas Farbe für den nötigen Frühlingseindruck gesorgt habe.

Bei den leuchtenden Tulpen war die Farbe natürlich eingeplant. Ich grundierte die Blütenköpfe mit einem weißen PITT-Pen. Die Partien nehmen danach allerdings Wasserfarben nur sehr bedingt an und es brauchte einige Schichten mit Wachsstiften und -kreiden, bis ich eine Lasur aufbringen konnte. Ansonsten habe ich mit allen möglichen Stiften und Markern durcheinander gezeichnet.


Die Saison beginnt

Letztes Wochenende habe ich nach einem Winter voller Stillleben die Sketching-Saison eröffnet. Zuerst, am Samstag, im Staatlichen Museum Schwerin. Mit einem vorab vereinbarten Termin (und natürlich mit Maske) darf man rein – und trifft, wie zu erwarten in einem Kunstmuseum in der Provinz, sehr wenige Menschen. (Man könnte dort glatt in Quarantäne gehen.)

Wie immer suchte ich mir ein Bild zum Abzeichnen. Die Wahl fiel auf „Althagen im Schnee“ von Friedrich Wachenhusen. Da ich nicht in Mecklenburg aufgewachsen bin, habe ich immer noch tiefe Wissenslücken, was die regionale Malerei angeht – so kannte ich auch diesen Schweriner Maler, einen der Begründer der Ahrenshooper Künstlerkolonie, bisher nicht.

Das Bild – im Original natürlich farbig – zeigt einen Winternachmittag mit hoch aufgetürmten, den Horizont eindüsterndernden Schneewolken und ein paar Bauernhäusern im Vordergrund. Stille und Kälte sind mit Händen zu greifen. Beim Abzeichnen sah ich bald, dass das Bild perfekt komponiert ist, maß-voll nach dem Goldenen Schnitt aufgebaut in allen Dimensionen. Dass ich es beim Abzeichnen erst einmal verhauen habe, steht auf einem anderen Blatt. Ich entschloss mich zu Hause zur Korrektur, habe sie aber so ausgeführt, dass meine ursprüngliche Zeichnung sichtbar blieb.

Friedrich Wachenhusen, Althagen in Schnee. Abzeichnung mit Tinte und wasserlöslichen Markern.

Am nächsten Tag wurde es ernst: wir waren zum gemeinsamen Zeichnen draußen verabredet. Es war kalt und dank der Zeitumstellung auch noch sehr morgens, als wir uns am Schweriner Bahnhof trafen. Wir blieben erst einmal dort, wo wir den Windschatten des Bahnhofsgebäudes vermuteten und zeichneten ein paar alte Bahngebäude. Mein erster Versuch endete mit heißem Tee auf dem Skizzenbuch; den zweiten führte ich mit den am Vortag schon bewährten Aquarellstiften aus. Die Farbe kam heute zu Hause.

Der Gott des Urban Sketching nahm unser Opfer an: nach dem Kaltstart fanden wir eine wirklich windgeschützte Stelle in der Schelfstadt. Das schiefe Haus wollte ich schon immer mal zeichnen.

Schiefes Haus in Schwerin. Aquarellstifte von Faber Castell (und ein bisschen wasserlösliche Kreide) im Stillman&Birn Nova Trio.