Kunstbetrachtung

Ich zeichne gern in Museen und Ausstellungen. Nichtzeichnende Menschen haben es an meiner Seite nicht immer leicht – entweder ich stürme für den ersten Überblick durch alle Räume, oder ich sitze zeichnend vor dem einen oder andern Objekt – und das kann dauern. Ein Kunstwerk abzuzeichnen – mehr oder weniger genau, als flüchtige Skizze oder als vertiefte Studie – verändert meinen Blick auf das, was ich sehe, es wird schöner vor meinen Augen, tiefer, mehrdimensionaler …

Meist habe ich Farbstifte dabei – Wasserfarbe ist aus naheliegenden Gründen nicht so gern gesehen – , doch oft bleiben die in der Tasche; ich führe die farbliche Gestaltung dann zu Hause aus. So auch bei den beiden Bildern, die ich letztes Wochenende im Dresdener Albertinum gezeichnet habe. Es gab eine große Schau mit DDR-Kunst aus den eigenen Beständen des Museums. Die Auswahl fiel mir schwer, vieles erkannte ich wieder, manches vertraut, manches ganz neu gesehen, manches befremdend.

Da war zuerst Baldur Schönfelders „Nike“. Ich erinnerte mich genau an die DDR-Kunstausstellung, erinnerte mich, wie ich im kalten Februar 1983 gemeinsam mit einem Freund durch die Ausstellungsräume ging, wo die Skulpturen ausgestellt waren, und wie wir erschüttert vor der bandagierten, zu Tode verletzten Siegesgöttin standen.

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Baldur Schönfelder, „Nike I“, Bronze, ausgestellt im Dresdener Albertinum

Und dann sah ich „Peter im Tierpark“. Ich behaupte mal, dass es niemanden, wirklich niemanden gibt, der in der DDR der 60er und 70er aufgewachsen ist und dieses Bild nicht kannte. Das Bild war der Star einer Kunstausstellung der 60er gewesen; vielfach reproduziert schmückte es Schulbücher und Schallplatten, erschien als Briefmarke und Kunstdruck. (Immer wieder erinnere ich daran, wie bilderarm diese Zeit im Vergleich zur heutigen war, ohne Hochglanzmagazine, für viele noch ohne Fernsehen, ohne Werbetafeln …)

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„Peter im Tierpark“, Zeichnung in A6 nach einem Gemälde von Harald Hakenbeck

Nun sah ich das Bild zum ersten Mal im Original, und ich war überrascht, ja zutiefst erstaunt über seine malerische Qualität. (Die meine winzige Aquarellkopie natürlich nicht wiedergeben kann.) Die scheinbare Schlichtheit des Motivs täuscht: das Ganze ist wunderbar delikat gemalt, die blaue Jacke leuchtet und strahlt, der dekorative Hintergrund entfaltet sich wie ein Wandteppich, vor dem individuell und archetypisch zugleich das Kindergesicht strahlt …

 


Deutschland, einig Vaterland

Das mecklenburgische Dorf Mestlin wurde in den 50er Jahrne zum „sozialistischen Musterdorf“ ausgerufen und erhielt einen großen leeren Platz mit Schule, Landambulatorium, Geschäften und vor allem einem überdimensionierten Kulturhaus im Stalinstil. Es steht mittlerweile unter Denkmalschutz, wird von einem Verein betreut und nach langem Leerstand gelegentlich wieder genutzt.

Als ich am Sonntagabend dort zum Zeichnen Halt machte, hing eine blauweiße Rautenflagge draußen und kündigte ein „Oktoberfest“ an. Kaum hatte ich mich in der Bushaltestelle niedergelassen, kam ein offensichtlich genervter Halbwüchsiger vorbei und schmiss ein paar Knaller dagegen – ob sie mir galten, habe ich lieber nicht ermittelt. Die faschingsmäßig „bayerisch“ kostümierten Dorfbewohner, die nach und nach eintrafen, nahmen von mir zum Glück keine Notiz.

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Der sozialistische Dorfplatz in Mestlin.


Sommerbilder II

Täglich zeichnen – was im Urlaub zu den Grundbedürfnissen gehört, will mit dem Alltag immer wieder neu ausdiskutiert werden, streitet sich mit Meditations- , Bewegungs- und Lesezeit um freie Plätze und Prioritäten ……..

Im Restaurant, im kleinen Freitagsnachmittagsurlaub, geht es leicht von der Hand und muss sich nur mit dem Hunger unterhalten. Und dann sind die Sushi – oh Schreck! –  doch schon fast aufgegessen, als mir einfällt, dass ich kein Foto gemacht habe. Weshalb der Tee die Hauptrolle bekommt.

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Endlich ein gutes Sushi-Restaurant in Schwerin. 

Abends bei Freunden, während die Kinder ins Bett gebracht werden, ist auch eine gute Zeit.

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Auch der Sonntag bietet eine Gelegenheit, zu der das Zeichnen dazugehört: einen Museumsbesuch. „Hinter dem Horizont“ ist eine kleine und feine Schau von DDR-Kunst aus der Sammlung des Schweriner Museums, klug präsentiert und kommentiert. Zum Skizzieren entscheide ich mich für ein Bild von Clemens Gröszer, „Bildnis Andrea P. II“. Wie immer, wenn ich ein Bild abzeichne, bin ich mit jedem Blick, mit jedem Strich faszinierter davon. Hier kommt zur Kunstfertigkeit des Malers (allein der raffinierte Ausschnitt mit den ganz leicht angeschnittenen Füßen!) noch ein Wiederkennen dazu: die Abgebildete muss Ende der Achtziger etwa so alt gewesen sein wie ich damals, und sie trug die gleiche Kleidung (von den weißen Lederhandschuhen abgesehen), den gleichen graugrünen Pullover mit überschnittenen Schultern und sich beulenden Nähten, die gleichen Till-Eulenspiegel-Schuhe; der Frisur jener Jahre bin ich bis heute treu geblieben.

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Museumsbesuch in Schwerin

Das Montagsbild lasse ich aus, und das von gestern – habe ich heute morgen gemalt. (Was nur funktioniert hat, weil ich den Vorsatz schon gestern Abend gefasst hatte.) Obst aus dem Garten, vom frisch geschüttelten Baum aufgelesen und auf den Frühstückstisch gelegt. Die dekorativen blauen Schatten verdankt es dem Lampenlicht, was um diese Morgenstunde zum Frühstück schon wieder nötig ist.

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Morgenobst. Dieses Mal bin ich konzentriert genug, die Lichter freizulassen und muss sie nicht nachträglich mit Marker einfügen.