Zwei alte Männer

Das Staatliche Museum Schwerin beherbergt einen großen Schatz an niederländischen Bildern des Goldenen Zeitalters; denen habe ich mich bei meinem letzten Besuch gewidmet.

Das „Bildnis eines alten Mannes“ kannte ich schon von einer früheren Sonderausstellung. Es ist lange für einen Rembrandt gehalten worden, was bei der beeindruckenden Präsenz des Dargestellten und der hohen malerischen Kunst nicht verwundert – erst 2008 hat man es eindeutig Rembrandts Atelierkollegen Jan Lievens zugeschrieben. Es handelt sich um eine sogenannte „Tronie“, eine Porträtstudie. Tronien hatten eine vergleichbare Entwicklung von der Vorstudie zum eigenständigen Kunstwerk genommen wie unsere heutigen „Skizzen“. (Die vermutlich bekannteste Tronie ist der „Mann mit dem Goldhelm“, der ja ebenfalls nicht, wie lange vermutet, von Rembrandt stammt.)

Ich hatte das Blatt (Stillman&Birn Zeta) mit etwas gelber und grüner Aquarellfarbe grundiert und vor Ort mit Kugelschreiber gezeichnet. Die Farbe (und noch mehr Kugelschreiberschatten) kamen dann zu Hause. Kugelschreiber habe ich lange ignoriert – er ist ein wunderbares und vermutlich unterschätztes Zeichengerät – ähnlich wie Bleistift schmiert er allerdings.

Von ganz anderer Art ist Nicolaes‘ Mooeyaerts „Älterer Mann mit Handschuhen“. (Letztere muss man auf dem stark nachgedunkelten Original eine Weile suchen.) Hier verdient sich niemand mit Modellsitzen ein paar Geldstücke, sondern ein reicher und mächtiger Mann schaut mit der selbstbewussten Jovialität seines Standes aus dem Bild. Das Schwarz seiner Kleidung ist von puritanischem Understatement – auf den zweiten Blick erkennt man Seide und Brokat.

Ich habe mich hier anfangs mit Tinte in verschiedenen Farben versucht; als mich aber der braune Füller im Stich ließ, kamen mir die lange vernachlässigten PITT-Pens zur Hilfe, für die das glatte feste Papier ideal ist. (Beide Bilder sind Beginn eines Versuchs, meinen Stil durch „neue“ Materialien etwas aufzulockern.)


Winterliches II

Ein Engel kommt selten allein – oder war die ganze Schar Leuchterengel vergangene Woche noch gar nicht angekommen? Ich war so verzaubert von dem großen Kranzengel, dass ich sie nicht bemerkt hatte; erst, als ich vor einigen Tagen ziemlich spät am Abend an dem Schaufenster vorbeikam, sah ich die Versammlung. Es wurde gerade kalt, der Wind zog scharf um die Ecken und ich beschränkte mich auf eine Bleistiftskizze. An den nächsten beiden Tagen kam dann, immer mal zwischendurch ein paar Pinsel voll, die Aquarellfarbe dazu.


Erzgebirgische Leuchterengel im hell beleuchteten Schaufenster des Schweriner „Formost“-Ladens, gezeichnet im A6 Aquarellbuch von Hahnemühle.

Einige Tage vorher hatte ich endlich die beiden Granatäpfel abgebildet, die beim Warten darauf schon ganz trocken geworden waren. Als ich sie nach getaner Zeichnung endlich aufschnitt, waren sie innen noch erfreulich frisch und saftig.


Zwei Granatäpfel – am Morgen des 2.Advent gezeichnet. Stillman&Birn Beta mit grauer Tinte von Noodlers und Wasserfarbe von White Nights (die Rottöne) und Schmincke (das Gold und das Grün.)



Winterliches

Statt Plätzchen zu backen, haben meine Tochter und ich dieses Jahr Quittenbrot fabriziert – war auch ordentlich aufwändig und hat mindestens so aromatisch geduftet. Nun liegt die klebrige Masse, mit Zucker bestreut und mit Tüchern abgedeckt, im Küchenregal und trocknet noch ein bisschen nach – einiges verschwindet auch auf nicht ganz so luftige Weise …


Auch Kräutertee am Abend ist bei mir eine ziemlich saisonale Angelegenheit.

Teetassen kann man nie genug zeichnen. Hier mal wieder ein richtiges (kleines) Aquarell. 

Weihnachtsmärkte sind eher nicht mein Ding, doch nach dessen Durchquerung freute ich mich heute Nachmittag besonders auf das Schaufenster von „Formost“ in der Schweriner Puschkinstraße, einem wunderbaren Geschäft mit dem Schwerpunkt „Designklassiker mit ostdeutschen Wurzeln“. Diese Engel sind Unikate oder Kleinstserien aus dem Erzgebirge; jedes Jahr stehe ich mit großen Kinderaugen davor und heute habe ich es endlich geschafft, einen zu zeichnen.


Ein erzgebirgischer Kranzengel im Schaufenster von „Formost“. 

Nebenbei

Im kleinen Hahnemühle-Buch sammeln sich die Bilder, die eher „nebenbei“ entstehen, im Konzert, im Theater oder im Restaurant; manchmal nur ein paar Tinten- oder Bleistiftstriche … Heute war Zeit, mir drei davon vorzunehmen, Farbe oder  Schrift zu ergänzen und zu hoffen, dass die Atmosphäre erhalten bleibt.

Zuerst ein kleiner Nachtrag der Dresden-Reise, ein geistliches Chorkonzert im Meißener Dom – der Rücksicht auf die anderen Konzertbesucher geschuldet vor Ort nur mit Füller gezeichnet.

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Geistliche Abendmusik im Meissener Dom.

Noch weniger geht im Theater, zumal im Ballett, wo die Tänzer selten still halten, es im Saal dunkel ist und der Nachbar sich womöglich schon räuspert – dennoch war der Bühneneindruck bei dem hinreißenenden Ballett „Andy Superstar“ über Andy Warhol so prägnant, dass ich ihn aus ein paar angedeuteten Linien rekonstruieren konnte.

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Andy Warhol auf einem überdimensionierten Sofa in der „Factory“ – Szene aus dem Ballett „Andy Superstar“ am Schweriner Theater.

Zum Schluss, gestern, beim Mittagessen in einem kleineren Einkaufszentrum, bin ich mit meinem Bild fast fertig geworden; nur die Schrift habe ich zu Hause ergänzt. Von einem Logenplatz aus schaute ich auf einen überdachten Innenhof, in dem – so habe ich später nachgelesen – ein Modeflohmarkt aufgebaut wurde.

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Irgendwas mit Mode – noch wird aufgebaut.


September

Nein, mit dem Zeichnen Tag für für Tag ist es dann wieder nichts geworden, doch stelle ich erstaunt fest, dass ich in den letzten anderthalb Monaten immerhin ein kleines Hahnemühle-Büchlein mit 30 Seiten (fast) gefüllt habe.

Stillleben gehen immer am besten.

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Kaktusfeigen.

 

Auch im Café zu zeichnen, ist eine unendliche Geschichte und wird mir nicht über.

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Ein Freund ist zu Besuch und wir gehen ins Bio-Café Müllers, wo es den besten Kuchen von Schwerin gibt.

Ach ja, vor zwei Jahren war hier noch eine Suppenstube, und wir haben beim allersten Schweriner Zeichnertreffen in dem schönen Hof mit Domblick gesessen.

Das nun folgende Bild fällt aus dem Rahmen – ich habe es nach einem Foto gezeichnet, das meine Tochter von ihrer Katze gemacht hat. Mich hatte darauf das tiefe Schwarz beeindruckt, das ich dann mit dem legendären schwarzen Kalligraphiestift von Pentel umgesetzt habe.

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Die Katze Krümel auf dem Fensterbrett.

 

Bei einem Zeichnertreffen im Berliner Gleisdreieckpark hatte ich die Gelegenheit, mich mit dem kanadischen Zeichner Bob Altwein zu unterhalten – und ihn zu zeichnen.

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A Portait of Bob.

 

Natürlich war ich auch mal wieder japanisch essen – und konnte dabei ganz ungestört den jungen asiatisch aussehenden Mann zeichnen, der hingebungsvoll und sichtlich hungrig mit seiner Nudelsuppe beschäftigt war. Der Kaktus stammt noch von den Vormietern des Lokals.

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Nudelsuppe mit Stäbchen.

 


Sommerbilder II

Täglich zeichnen – was im Urlaub zu den Grundbedürfnissen gehört, will mit dem Alltag immer wieder neu ausdiskutiert werden, streitet sich mit Meditations- , Bewegungs- und Lesezeit um freie Plätze und Prioritäten ……..

Im Restaurant, im kleinen Freitagsnachmittagsurlaub, geht es leicht von der Hand und muss sich nur mit dem Hunger unterhalten. Und dann sind die Sushi – oh Schreck! –  doch schon fast aufgegessen, als mir einfällt, dass ich kein Foto gemacht habe. Weshalb der Tee die Hauptrolle bekommt.

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Endlich ein gutes Sushi-Restaurant in Schwerin. 

Abends bei Freunden, während die Kinder ins Bett gebracht werden, ist auch eine gute Zeit.

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Auch der Sonntag bietet eine Gelegenheit, zu der das Zeichnen dazugehört: einen Museumsbesuch. „Hinter dem Horizont“ ist eine kleine und feine Schau von DDR-Kunst aus der Sammlung des Schweriner Museums, klug präsentiert und kommentiert. Zum Skizzieren entscheide ich mich für ein Bild von Clemens Gröszer, „Bildnis Andrea P. II“. Wie immer, wenn ich ein Bild abzeichne, bin ich mit jedem Blick, mit jedem Strich faszinierter davon. Hier kommt zur Kunstfertigkeit des Malers (allein der raffinierte Ausschnitt mit den ganz leicht angeschnittenen Füßen!) noch ein Wiederkennen dazu: die Abgebildete muss Ende der Achtziger etwa so alt gewesen sein wie ich damals, und sie trug die gleiche Kleidung (von den weißen Lederhandschuhen abgesehen), den gleichen graugrünen Pullover mit überschnittenen Schultern und sich beulenden Nähten, die gleichen Till-Eulenspiegel-Schuhe; der Frisur jener Jahre bin ich bis heute treu geblieben.

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Museumsbesuch in Schwerin

Das Montagsbild lasse ich aus, und das von gestern – habe ich heute morgen gemalt. (Was nur funktioniert hat, weil ich den Vorsatz schon gestern Abend gefasst hatte.) Obst aus dem Garten, vom frisch geschüttelten Baum aufgelesen und auf den Frühstückstisch gelegt. Die dekorativen blauen Schatten verdankt es dem Lampenlicht, was um diese Morgenstunde zum Frühstück schon wieder nötig ist.

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Morgenobst. Dieses Mal bin ich konzentriert genug, die Lichter freizulassen und muss sie nicht nachträglich mit Marker einfügen. 

 


Schlossblicke

Als vor einigen Wochen Zeichner aus Berlin und dem Norden in Schwerin zu Gast waren, haben natürlich alle das Schloss gezeichnet. Alle außer mir. Für derart komplexe Ansichten, wie sie das Schweriner Schloss bietet, hatte ich an dem Tag nicht die Geduld, ich habe mich an überschaubare Motive gehalten. Und den Vorsatz gefasst, dieses Jahr endlich mal ein paar gezeichnete Schlossblicke zu wagen.

Am 1.Mai bin ich dann auch vorsatzgemäß früh losgezogen, um ungestört im Burggarten zeichnen zu können – und war nach einer Stunde so durchgefroren, dass ich den ganzen Tag brauchte, um aufzutauen. So habe ich das Bild vor Ort auch nur teilweise koloriert, der goldene Schein auf Kuppel und Turmspitzen fehlte noch, ebenso wie das Neapelgelb der Mauern. Ich habe darauf verzichtet, sie zu ergänzen – so rückt der neogotische Choranbau der Schlosskirche in den Mittelpunkt. Gemalt habe ich ihn mit einer meiner Lieblingsfarben, Hämatitschwarz von Schmincke.

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Nordostecke des Schweriner Schlosses, im Vordergrund der neogotische Choranbau der Schlosskirche.

Heute hingegen war das Wetter traumhaft, die Stadt an einem langen Wochenende voller Menschen; zuerst fand ich einen Platz zwischen Fliederduft und Clematislaube, doch danach habe ich mich noch mitten ins Getümmel gesetzt, auf den Logenplatz des „Café Prag“, und die Skyline der Kuppeln und Türmchen gezeichnet.

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Die Stadtseite des Schweriner Schlosses.