Kleines Glück im Eis

Als ich am 11.Mai nach Wismar fuhr, hatten über Nacht die Eisheiligen begonnen. Ein eisiger Wind fegte den Himmel blau und bog die Bäume, an Zeichnen im Freien war kaum zu denken. Ich hatte mir dieses Mal St.Nikolai mit ihren zahlreichen Seitenkapellen, Altären und anderen Ausstattungsstücken vorgenommen. Am Ende entschied ich mich für ein Detail des riesigen Triumphkreuzes, das nach seiner Sicherung aus der einsturzgefährdeten Wismarer Georgenkirche hierher gekommen war.

Das Medaillon, etwa einen halben Meter hoch, bildet den unteren Abschluss des Kreuzes und symbolisiert den Evanglisten Matthäus. Beim Nachlesen habe ich erfahren, dass dies kein Engel, sondern ein „geflügelter Mensch“ ist – in Analogie zu den geflügelten Tieren der anderen drei Evangelisten (der bekannteste dürfte der geflügelte Markuslöwe sein, der später zum Wahrzeichen von Venedig wurde.)

Nachdem ich noch zwei Runden im Wind um die Kirche gedreht hatte, verabschiedete ich mich endgültig von der Idee, draußen zu zeichnen. Schon auf dem Hinweg hatte ich das „Café Glücklich“ ins Auge gefasst, und glücklich fand ich dort einen Platz am Fenster, einen heißen Kaffee und ein Stück luftig-leichter Torte.

Die erste Torte auswärts nach sechs Wochen Pause.

Der Blick aus dem Fenster fiel auf das „Schabbellhaus“, das Wismarer Stadtmuseum, und ich versuchte mein bestes, mich bei der üppigen Renaissance-Fassade nicht mit Details aufzuhalten.

Schabellhaus, Stadtmuseum Wismar, vom „Café Glücklich“ aus gesehen.

Am Abend war ich dann so gut „eingezeichnet“, dass ich am Rande einer Plauderei bei Freunden noch den Fleiderstrauß auf dem Tisch einfangen konnte.


Vorher, nachher

Vor dem Besuch im Albertinum hatte ich noch etwas Zeit, und in dem kleinen Museum im Untergeschoss der Frauenkirche sprach mich dieser hözerne Engel an. (Ehrlich gesagt: mehr als der Puderpastellbarock oben.) Der Engel wurde von dem britischen Künstler Robert H. Lee geschaffen, der als englischer Kriegsgefangener die Zerstörung der Stadt erlebt hatte.

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„Der weinende Engel“, eine Holzplastik des britischen Künstlers Robert H. Lee in der Dresdener Frauenkirche.

Danach, zum Gespräch über die vielen Eindrücke, zum Ausruhen, Lesen, noch-mehr-Zeichnen, fand sich ein guter Platz bei „v-cake“, einem veganen Café in der Neustadt. Es war still dort, entspannt, entschleunigt … und neben dem wirklich schmackhaften Kuchen gab es reichlich Flohmarktgeschirr zu zeichnen.

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Im Café „v-cake“, trotz Leuchtturm nicht an der Küste, sondern in der Dresdener Neustadt.

 

 


September

Nein, mit dem Zeichnen Tag für für Tag ist es dann wieder nichts geworden, doch stelle ich erstaunt fest, dass ich in den letzten anderthalb Monaten immerhin ein kleines Hahnemühle-Büchlein mit 30 Seiten (fast) gefüllt habe.

Stillleben gehen immer am besten.

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Kaktusfeigen.

 

Auch im Café zu zeichnen, ist eine unendliche Geschichte und wird mir nicht über.

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Ein Freund ist zu Besuch und wir gehen ins Bio-Café Müllers, wo es den besten Kuchen von Schwerin gibt.

Ach ja, vor zwei Jahren war hier noch eine Suppenstube, und wir haben beim allersten Schweriner Zeichnertreffen in dem schönen Hof mit Domblick gesessen.

Das nun folgende Bild fällt aus dem Rahmen – ich habe es nach einem Foto gezeichnet, das meine Tochter von ihrer Katze gemacht hat. Mich hatte darauf das tiefe Schwarz beeindruckt, das ich dann mit dem legendären schwarzen Kalligraphiestift von Pentel umgesetzt habe.

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Die Katze Krümel auf dem Fensterbrett.

 

Bei einem Zeichnertreffen im Berliner Gleisdreieckpark hatte ich die Gelegenheit, mich mit dem kanadischen Zeichner Bob Altwein zu unterhalten – und ihn zu zeichnen.

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A Portait of Bob.

 

Natürlich war ich auch mal wieder japanisch essen – und konnte dabei ganz ungestört den jungen asiatisch aussehenden Mann zeichnen, der hingebungsvoll und sichtlich hungrig mit seiner Nudelsuppe beschäftigt war. Der Kaktus stammt noch von den Vormietern des Lokals.

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Nudelsuppe mit Stäbchen.

 


Madeira im Februar – Teil 2 und Schluss

Hier noch einige letzte Nachträge aus meinem Madeira-Tagebuch.

Zuerst eine Skizze von der Aussichtskanzel des Cap Girao. Einige Tage, bevor ich es aus der Ferne gezeichnet hatte, war ich entlang einer Levada hingewandert – eine schöne Tour, die allerdings leider ohne bildliche Ausbeute blieb. Erst am Ziel genoss ich das Vergnügen, menschliches Verhalten auf einer Glasplatte in 500m Höhe zu studieren. Die Selfie-KnipserInnen waren für meinen Stift allerdings zu schnell.

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Weniger spektakulär, dafür fast kontemplativ ist die Aussicht aus dem ersten Stock des Tea House „Alfazema e Cholcolate“.

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Etwas höher gelegen, schon am Rande der Altstadt, in einem Viertel von eher morbidem Charme, gibt es noch ein drittes Tea House, dessen Besuch sich lohnt. Es befindet sich im „Museum der Erinnerungen“ und hat einen schönen Garten mit einem Springbrunnen in der Mitte.

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Immer wieder beeindruckt hat mich, wie sehr eine einfache, bodenständige Glaubenspraxis im Alltag verankert ist. Auch an Wochentagen sind die Kirchen abends zum Rosenkranzgebet voller Menschen. Eher zufällig hineingeraten, bleib ich hier in der Igreja do Carmo einfach sitzen und habe diskret weiter gezeichnet – die  Farben dann allerdings zu Hause eingefügt. Die Kirche ist wirklich so bonbonbunt, was durch eine für unsere Augen unvorteilhafte Neonbeleuchtung noch verstärkt wird.

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Am letzten Tag habe ich dann natürlich noch Obst für zu Hause eingekauft. In einem kleinen, schon von Verfall geprägten Haus zwischen Stadtautobahn und Neubauten hatte ein alter Mann eine Art Laden in einem winzigen fensterlosen Raum. Hier gab es das beste Angebot auch an Obst, das man nur selten zu kaufen bekommt, weil es sich schlecht lagern lässt, wie den saftig frischen Wollmispelfrüchten.

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Und ganz zum Schluss – natürlich – habe ich mir noch ein eher seltsames Stück Cremetorte geleistet, dass zwar sehr schön aussah, aber doch recht amerikanisch-künstlich schmeckte.

Confeitaria