Osternacht

Diese Ostern hatte ich nach vielen Jahren einmal dienstfrei, und wie geplant bin ich in das abgelegene mecklenburgische Dörfchen Bellin gefahren, um in der wunderbar archaischen Kirche des Ortes die Osternacht zu feiern. Aufstehen kurz nach drei, Losfahren kurz nach vier, schon dieses Durchbrechen des Alltags stimmt auf Besonderes ein. Wer hätte gedacht, WIE besonders dieser frühe Morgen werden sollte mit seinem auch Osten hin schnell zunehmenden Schneetreiben, dem Schneebruch hier und da am Straßenrand … Als ich in völliger Finsternis an der alten Kirche ankam, war mir schon ein bisschen seltsam zumute.

Es war ja zum Glück alles gut gegangen, und ich wurde mit einem sehr schönen Ostergottesdienst belohnt. Mit dem Skizzenbuch in der Kirche wie immer etwas ambivalent, habe ich mich auf ein paar Zeichenstriche beschränkt, die ich dann zu Hause mit Hilfe zweier flüchtiger Fotos ergänzen konnte.

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Gottesdienst am Ostermorgen in der Belliner Kirche.

Um so mehr Zeit konnte ich mir dann am Vormittag mit dem Zeichnen der Kirche lassen. Alle Gottesdienstbesucher waren längst fort, ich saß im Haus der Stille allein am Fenster, die Welt wurde immer weißer und weicher und leiser …

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Osterschnee in Bellin


Kehrwieder, o Sulamith

In meinem letzten Greifswalder Studienjahr, im Winter 1983/84, hörte ich von einem altertümlichen Spulentonband zum ersten Mal einen Sänger mit neuen, ungewohnten Liedern: distanziert, etwas altklug und treffsicher bis mitten ins Herz. Letztes Wochenende, 35 Jahre später, hatte ich das Glück, diesen Sänger, dessen Musik mich seitdem begleitet, live in Greifswald hören zu können: Heinz Rudolf Kunze im lange vorher ausverkauften Dom.

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Wäre ich ein Embryo dann wählte ich trotz allem jetzt und auch in Zukunft die Geburt. Heinz Rudolf Kunze im Greifswalder Dom.

Am nächsten Morgen bin ich dann noch einmal in den Dom gegangen. Es war morgenhell und trotz der werkelnden Bandcrew auf eine gewisse Weise still; ich schaute mir die noch weitgehend unrestaurierten barocken Kapellen im Chorumgang an. In einer lud eine schön verzierte Tür zum Zeichnen ein, und erst als ich schon damit angefangen hatte, las ich, was in verschnörkelter Fraktur darauf stand: Kehrwieder, o Sulamith.

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Detail einer barocken Kapellentür im Greifswalder Dom mit der Inschrift „Kehrwieder, o Sulamith“ (Eine altertümliche Übersetzung aus dem Hohen Lied, Kap. 7, 1.)


Japonismus, morgens

Es gibt einen schönen kleinen Film über den Zeichner Danny Gregory, der ihn dabei zeigt, wie er sein Frühstück zeichnet: natürlich werden Tee und Toast kalt, doch das Ergebnis ist hinreißend. Nun ist Gregory ein Profi, den neben vielem anderen auch eins von uns Laien unterscheidet: er ist schnell. Bei mir kommt in der gleichen Zeit allenfalls eine Bleistiftskizze heraus. Daher sind Morgenbilder, obschon ich diese Zeit liebe, bei mir knapp und im Zug nachkoloriert. Was zwar die Striche manchmal etwas wacklig macht, aber doch mehr Spaß als immer nur Rucksäcke und halb angeschnittene Mitreisende abzubilden.

Die Butter, in konventionellem Stil, entstand irgendwann im Winter, wenn das Bedürfnis nach kräftigen Farben bei mir am stärksten ist, der  japanisch inspirierte Milchtopf (passender Weise mit Sojamilch) in den letzten Tagen nach meinem Besuch in der großen Japan-Ausstellung des MKG Hamburg.

 


Fast jeder Tag im Mai, dritter und letzter Teil

Geschafft! 25 Tage lang habe ich täglich eine Skizze abgeschlossen, mal mehr, mal weniger aufwändig, meist am Abend. Hatte ich vorher schon Hochachtung vor den Täglichzeichnern, ist sie in dieser Zeit noch einmal gestiegen.

Gelernt habe ich eine Menge in diesem Monat, zeichentechnisch, klar, doch darüber hinaus etwas über meine Art, die Welt zu sehen und abzubilden. Mehr noch als früher weiß ich nun, wie sehr ich die kleine Form liebe, das Detail, für das ich gern auch etwas länger brauche. Weshalb sich in dieser Serie auch keine Bilder von Menschen finden, für deren Abbildung Tempo nötig ist und etwas Nonchalance. (Zumal wenn sie, wie es so ihre Art ist, sich auch noch bewegen.)


Fast jeder Tag im Mai, zweiter Teil

Ja, ich habe es geschafft – jedenfalls fast, wie die Überschrift verheißt. Einen Tag habe ich ausgelassen, nun reichen die Seiten genau bis zum Monatsende. (Zur Erinnerung – hier geht es zu Teil 1.)


Ein Fest zum Leben

In den ersten Maitagen, die von fast unwirklichem Sommerwetter gesegnet waren, hatte ich dieses Jahr schon zum zweiten Mal die Freude, auf einen runden Geburtstag eingeladen zu sein. Das Geschenk, ein Kartoffelporträt, war gerade noch rechtzeitig fertig geworden, so dass ich ganz entspannt die vielen Gespräche, Wiedersehen mit alten Freunden und nicht zuletzt die ungezählten künstlerischen Darbietungen (sämtlichst auf hohem Niveau) genießen konnte. Sogar zum Zeichnen bin ich noch gekommen. Zwei Bilder – die Steinmühle in Carpin und Martin Herrmanns Kormoran – habe ich schon im ersten Teil des Maitagebuchs gezeigt, heute möchte ich noch ein paar Momentaufnahmen von Gästen und Gastgebern folgen lassen.

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Eine herrlich komische Aufführung nach Karl Valentins „Ritter Unkenstein“. Leider fehlt die Hauptperson des Spektakels auf meiner Abbildung.


Fast jeder Tag im Mai

Nulla dies sine linea – kein Tag ohne (Zeichen)-Strich – ist ein alter Wahlspruch von Malern und Zeichnern. Fortwährende Übung erst lässt  hervortreten, was andere dann vielleicht Talent nennen. Übung in einer Disziplin, die unsere ganze Aufmerksamkeit in die Gegenwart holt, wird mit der Zeit mehr als Übung im Sinne von Vorbereitung, sie bekommt ein Eigenleben, das uns bereichert und beschenkt.

Jeder, der einmal versucht hat, sich eine neue Gewohnheit anzutrainieren, weiß um die Schwierigkeiten und Ausreden, um die vielen kleinen Alltagshürden, die sich immer wieder vor das schieben, was wir „eigentlich“ machen wollen. So sind Hilfen willkommen, wie die Aktion „Every Day in May“, bei der jeden Tag ein Zeichenthema vorgegeben wird und die Ergebnisse in einer gemeinsamen Netzgruppe veröffentlicht. Es gibt sie auf Flickr  und auf Facebook .

Ich hatte schon ein paar Anläufe gemacht, bis ich feststellte, dass mich eine vorgegebene Liste von Zeichenobjekten eher einengte als beflügelte, und ich beschloss, für dieses Jahr meine eigenen Maiaktion zu beginnen. Ich nahm mir ein Skizzenbuch mit allerbestem Papier – Stillman&Birn Beta – , in handlichem quadratischem Format und fing am 4.Mai endlich an.

Seitdem habe ich nur einen Tag ausgelassen und noch mehr Hochachtung vor Leuten, die wirklich jeden Tag eine Zeichnung abschließen, wie Jens Hübner oder Shari Blaukopf. Neben der reinen Zeichenübung habe ich daran schon einiges gelernt, z.B. – wieder einmal – wie sehr gutes Material mich beflügelt und wie wohltuend ein begrenztes Format ist.