Die Puppe mit den Schlafaugen

Heute habe ich eine meiner alten Puppen verschenkt. Das kleine Mädchen hatte sich zum Geburtstag eine „Puppe mit Schlafaugen“ gewünscht und ich mich erinnert, dass noch zwei aus meiner Kindheit tief unten im Schrank lagen. Die Puppe war erstaunlich gut erhalten – bei dieser Gelegenheit erst sah ich, dass die Schenkerin seinerzeit – Anfang der 60er Jahre – eine teure Marke gewählt hatte. So hatte ich jetzt auch kein Problem, von eben dieser Marke ein perfekt sitzendes modernes „Outfit“ zu erwerben, denn die Kleidung war doch schon ein bisschen in die Jahre gekommen.

Vor dem Umzug habe ich sie noch einmal in ihrer alten Kleidung gezeichnet. Der gestreifte und schon ziemlich ausgeleierte Pullover war möglicherweise später dazu gekommen – erinnerte er mich doch an eben diese Mode Ende der 70er, für immer verewigt in Niedeckens „Ruut-wieß-blau querjestriefte Frau“. Bei der Hose fiel mir dann auch noch Reinhard Meys „Kinderhosenballade“ ein. (Überhaupt diese Mischung aus Kindergesicht, Latzhose und toupierter Frisur!)

Am Ende sind zwei Seiten in zwei unterschiedlichen Büchern daraus geworden. Zuerst machte ich mehrere freihändige Skizzen auf dem feinen glatten Zeta-Papier von Stillman&Birn und hatte dann Lust, ein bisschen mit Farbe und Collage zu spielen.

Danach griff ich zu dem selbstgebundenen Buch, das ich vor der Amsterdam-Reise zusammengestellt hatte. Darin warten noch viele Seiten getöntes Bockingford-Aquarellpapier aus meinem unerschöpflichen geerbten Vorrat darauf, dass ich ausprobiere, was sich mit ihnen am besten anstellen lässt. In diesem Fall ist es ein Aquarell mit einem Hang zur Gouache geworden. Immerhin habe ich mich beherrscht und keine Stifte verwendet.


Fertig werden

Wer kennt das nicht: Eigentlich – schon das Wort, „eigentlich“ … eigentlich sollte es verboten werden – also eigentlich ist das Projekt fertig. Bis auf, nun ja, diese Kleinigkeit: zwei letzte Kisten müssen noch ausgepackt werden, die in der Mappe nach hinten gepackten Schriftstücke abgezeichnet und diese kaputte Glühbirne ausgewechselt … Und, es ist wie verhext, obwohl diese kleinen, unerledigten Dinge gar nicht wichtig sind, nichts von ihnen abhängt, so kleben sie uns an den Fersen und machen die nächsten Schritte schwer.

So ging es mir mit den allerletzten Amsterdamer Bildern. Sie waren fertig, mussten nur noch gescannt werden. Eigentlich, bis auf die Schrift. Wie blöd, der blaue Füller ist grad leer. Mach ich morgen. Und die Schatten noch mal vertiefen neben dem Bagel. Muss erst trocknen, bevor ich die Schrift … und der Füller, wo war der noch mal abgeblieben … ?

Heute, an einem dieser wunderbar duftenden Augustmorgen, war es endlich so weit: Farbe in den Füller, Schatten vertieft, Schrift ergänzt … Ging ganz schnell und hat gar nicht wehgetan.

Stehen geblieben war ich am Freitag, dem 26.Juli, als ich im Buntstiftfarbenrausch eine Dachlinie nach der anderen zeichnete. Für den Samstag hatte ich einen Kurs bei Norberto Dorantes gebucht: „Line Flow: Discover How a Simple Line Can Be a Launch Point and Join Spaces“ Rein formal ging es hier um schnelles lineares Zeichnen und um intuitive Komposition – dahinter leuchtete immer wieder das Wort „Vertrauen“ auf, keine Angst zu haben vor den manchmal unerwartet riesigen weißen Flächen, die sich in unseren Skizzenbüchern auftun.

Den Schwung habe ich in den Nachmittag und die nächsten Tage mitgenommen, auch zu Hause hat er mich noch ein wenig begleitet.

Abends schwirrte mir der Kopf derart vom Trubel, dass ich die Abschlussveranstaltung schwänzte und mich ganz allein auf den Kai vor dem Nemo setzte. Das Ergebnis war ein schnelles Aquarell, ganz ohne Linien und noch einmal anders als die verschiedenen Stile, die ich an den Vortagen ausprobiert hatte.

Aquarell auf blau getöntem Bockingford-Papier in meinem selbst gebundenen Skizzenbuch.

Mittwochsmarkt

Ich wollte immer schon mal auf dem Schweriner Mittwochsmarkt zeichnen, doch es ist nie etwas daraus geworden. Heute hatte ich es mir fest vorgenommen und saß mit gespitztem Bleistift und neuem „Schmierheft“ (dem hübschen Rausreißbuch von Leuchtturm1917 aus dem Amsterdamer Gabenbeutel) auf einem der begehrten Außenplätze vom „Fuchs“. Ich wollte den Schwung vom letzten Wochenende nutzen und Menschen zeichnen.

Das tat ich auch – erst einmal. Doch der Kaffee war noch nicht ausgetrunken, als mich die Dächerlinie und der dramatische Himmel magisch anzogen, ich mein Aquarellbuch rausholte und ein bisschen was im Stil von Pat Southern-Pearce probierte – nur eben mit Aquarell und auf weißem Blatt. Ich begann mit der Dächerlinie, kolorierte dann den Himmel und widmete den Gebäuden möglichst wenig Aufmerksamkeit.

Und was wurde aus den „gesture drawings“? Die zwei ausdrucksstärksten habe ich zu Hause ausgeschnitten und in die „Sense-of-Place“-Kästchen geklebt, die ich schon vorbereitet hatte. Das Ergebnis ist eine Symbiose aus zwei sehr unterschiedlichen Seminarerfahrungen, ein bisschen unruhig und „wild“, und ich bin gespannt, wie es weitergeht.

Auf dem Schweriner Mittwochsmarkt.

A Sense of Place and a Story Told …

…, das war der Titel des zweiten Workshops, den ich in Amsterdam besucht habe. Gehalten wurde er von Pat Southern-Pearce, der großen alten Dame des Urban Sketching. Wie erfasse ich den Geist eines Ortes? Pat hat uns ihren Weg dazu gewiesen, oder besser: einen ihrer Wege, denn auch wenn sie einen charakteristischen Stil hat, so ist sie doch eine sehr vielfältige Künstlerin.

Technisch unterscheidet sich das Gelernte wesentlich vom Gewohnten, was für mich einen Teil des Reizes ausmachte: getönte Papiere, Farbstifte, Kalligraphie, das Arbeiten von dunkel nach hell … doch wie die Überschrift ahnen lässt, waren die Methoden Mittel zum Zweck, um zur Ausstrahlung eines Ortes vorzudringen. Und was da strahlt, ist zumindest draußen erst einmal der Himmel, daher bekommt er, gebändigt von der Dachlinie, den ersten großen Auftritt. Dazu kommen kleine „Bilder im Bild“ und sorgfältig placierte Schrift.

Das erste Übungsbild aus dem Workshop demonstriert dieses Vorgehen. In zweien der „Kästchen“ haben wir mit unseren Farbmaterialien experimentiert, den Rest frei gewählt.

Am Nachmittag des selben Tages habe ich das Gelernte auf ein anderes Motiv angewendet – den Begijnhof. Das zweite Bild von diesem Ort entstand an einem ruhigen Sonntagmorgen – ich habe es bereits gezeigt. Das erste allerdings – dieses hier – anzufertigen, glich ein wenig einem Hindernislauf. Vor den vielen Menschen zog ich mich in die Kirche der English Reformed Church zurück, die leider bald darauf schloss – ich schaffte es noch, die Umrisslinien der komplexen Balkenkonstruktuion zu zeichnen. Als ich gerade das Gleiche beim Eingang der katholischen Kapelle und den Zeichnern davor geschafft hatte, schloss auch der Hof – sicher sehr zur Freude der Anwohner, deren Geduld durch die vielen Menschen auf eine harte Probe gestellt wird.

Heute bin ich endlich dazu gekommen, das Bild fertigzustellen. Jenseits der technischen Details habe ich viel dabei gelernt. Das Vorgehen ist von meinem sonstigen ziemlich weit entfernt – fülle ich doch gern schwungvoll ganze Blätter mit einem Motiv. Diese andere Arbeitsweise könnte – adaptiert an meine üblichen Materialien – eine schöne Methode sein, mit der relativen Materialknappheit auf dem Pilgerweg umzugehen.


Nicht nur Häuser

Urban Sketching, von seiner ursprünglichen Idee her, ist gezeichnete Reportage, ist viel mehr als das Abbilden von Häusern und Straßen, ist nicht vollständig ohne die Menschen, die sich in ihnen bewegen. Und dass die sich bewegen, macht die Sache so schwierig – jedenfalls für Laien ohne künstlerische Ausbildung.

Ich selbst bin mit den Jahren mutiger geworden, versuche mich im Bekanntenkreis und im öffentlichen Raum an der Abbildung von Menschen, gehe schon etwas sicherer auf dem schmalen Grat zwischen Neugier und Indiskretion. Und so hatte ich in Amsterdam für den ersten Tag einen Workshop mit dem schönen Titel „Face To Face! – Urban Portraits That Tell Stories“ gebucht.

Bevor der losging, galt es noch den, na ja, nicht ganz so heißen Morgen zu nutzen. Ich lief ein paar Kilometer durch die Stadt, um nicht ganz zufällig in einem hippen Frühstückscafé namens „Toki“ zu landen – was irgendwas mit „Tokio“ zu tun hat. Es gab minimalistisches Design, Buchweizenpfannkuchen und Soja-Cappuccino – und still vor ihren Macbooks und Handys sitzende junge Menschen verschiedenster Nationalitäten.

Dann kam der Schreck – wie im schlechten Traum fiel mir ein, dass mein Workshop bald losgehen sollte – ich hatte mich um eine Stunde vertan! Anders als im Traum fand ich dank Tante Google den schnellsten Weg per Straßenbahn – und war noch pünktlich bei Marina Grechanik . Sie ermutigte uns, mit den verschiedensten Zeichenmaterialien zu experimentieren, schnell und und mutig das zu zeichnen (und zu zeigen), was Herz und Bauch gesehen hatten.

Anna und Imre

Und am Abend? Am Abend saß ich, in einer fast magischen Stimmung mit einigen anderen Zeichner*innen, die dem lauten Drink&Draw aus dem Weg gegangen waren, am Amstelufer und zeichnete – Häuser.

Die Häuser an der Amstel sind auch bei realistischerer Betrachtung ziemlich schief.

Es geht los

Am Mittwoch, heute vor einer Woche, geht es richtig los. Jedenfalls mit der Hitze, über 35 Grad sind angesagt. Das Symposium beginnt erst am Nachmittag, genug Zeit für einen ausgedehnten Morgenspaziergang.

Als ich nach einer kleinen Mittaggsruhe im Hof der Zuiderkerk, einer zum Vernastaltungszentrum umgebauten Kirche, ankomme, summt und brummt der Hof schon von den Zeichnern aus aller Welt, die sich dort versammelt haben.

Frisch eingecheckt stürme ich erst einmal zum da-Vinci-Stand, einer von Künstlerbedarfshändlern, die ihren Platz auf der Empore haben. Und wirklich, bei den Pinseln ist die längste Schlange, und als ich die absolviert habe, bin ich um drei neue Reisepinsel reicher.


Belliner Bilderbogen

Vergangenes Wochenende hatte ich, wie schon im vergangenen Jahr, das Vergnügen, im „Haus der Stille“ im mecklenburgischen Bellin einen kleinen Zeichenkurs zu geben. Passend zur Ausrichtung des Hauses ging es dabei weniger um technisches Können als darum, die Wahrnehmung zu schulen und im Hier und Jetzt genau hinzusehen.

So fingen wir auch nach dem Abendessen genau damit an: mit dem Hier und Jetzt und dem, was auf dem Tisch vor uns stand. In meinem Fall war das ein Glas voller Honig von den Bienen der evangelischen Schule in Parchim.

Am nächsten Morgen ging es weiter mit einem „Bilderbogen“ – kleinen schnellen Skizzen zur Motivfindung. Auf meinem habe ich gezeichnet, was ich sehe, wenn ich aus der Tür des Hauses trete – nachdem ich die Kästchen vorbereitet hatte, habe ich dafür kaum mehr als zwanzig Minuten benötigt.

Im weiteren Verlauf des Wochenendes habe ich es einigen Teilnehmer*innen gleich getan und mich mit neuen Materialen vertraut gemacht – in meinem Fall waren das getönte Papiere und deckende Farben.

Hier ein schnelles Porträt mit Gouachefarbe auf dem schönen Paint-On-Papier von Clairefontaine, entstanden beim abendlichen Gespräch im Garten.

Da ich eine Frühaufsteherin bin, konnte ich vor dem Frühstück noch eine Nachtkerze zeichnen – dieses Mal auf die graue Variante dieses Papiers. Die knalligen weißen Linien habe ich zu Hause mit einem Gelroller ergänzt. Ich weiß noch nicht so richtig, ob ich das Ergebnis mag.