Im Garten

Freunde haben kürzlich einen Schrebergarten gepachtet. Heute Nachmittag habe ich sie zum ersten Mal dort besucht.

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Gießkanne und Wassertonne, gezeichnet mit Lexington Grey Ink in ein Aquarellbuch von „Kunst und Papier“


Sehen, angeblickt, habe ich wieder erlernt.

Ich hatte mir vorgenommen, früh am Morgen zeichnen zu gehen, endlich mal in Ruhe zum Schloss. Was ich nicht bedacht hatte: im Gegensatz zu den vergangenen Morgen war es eisig kalt und und vor allem windig; ich verkroch mich in eine von Hecken geschützte Ecke im Burggarten und bekam wirklich eine Zeichnung fertig, sogar mit einem bisschen Farbe (ich zeige sie später). Dann war ich allerdings so durchgefroren, dass ich schnell wieder nach Hause gelaufen bin und mir erst einmal eine Kanne Tee gekocht habe.

Noch etwas steifgefroren und nicht ganz fertig mit dem Frühstück machte ich mich darüber her, die Teetasse zu zeichnen, und natürlich ging das schief: an Stelle von eleganten Ellipsen nur schräge Eier, von gelungener Perspektive ganz zu schweigen. Mit der Farbe kam, wie neulich schon mal im Domhof, die Rettung, das leuchtende Orangerot zog die Aufmerksamkeit weg vom Ungelungenen, tiefes Indigo definierte die Form neu, und die Schrift im Hintergrund verlieh dem Ganzen eine zweite grafische Ebene.

Warum ich das hier so genau beschreibe? Weil die halbe Stunde, die ich mit der Abbildung dieser Tasse zugebracht habe, viel darüber erzählt, was Tagebuchzeichnen für mich ausmacht. Einen Gegenstand genau anzusehen, genau hinzusehen und das Bild, was ich von ihm im Kopf habe, ein Stück weit loszulassen, bringt mich mit ihm in Verbindung; und während ich mich beim Zeichnen eines so banalen Gegenstandes wie einer Tasse selbst vergesse, erschaffe ich etwas von Tiefe und Dauer. (Und weil es ein schönes Beispiel für die „Rettung“ einer scheinbar missglückten Zeichnung ist.)

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Tee an einem kalten Morgen.

Vom 3.-5.August werde ich zusammen mit dem Pfarrer Christian Höser aus Güstrow einen Wochenendkurs zum Thema „Gezeichnetes Tagebuch“ anbieten. Der Kurs findet im Haus der Stille in Bellin bei Güstrow statt. Ich habe hier schon des öfteren Bilder aus Bellin gezeigt, der Ort hat eine eigene Magie mit seiner archaischen Kirche und der Lage im stillen Herzen Mecklenburgs. Anmeldung bitte über den Verein „Haus der Stille Bellin“, im Programm des Hauses ist er unter K21 „Tagebuch-Bilder“ zu finden. Es gibt nur sieben Plätze! Die Kursgebühr umfasst Unterkunft, Verpflegung und ein Skizzenbuch, ich selbst bringe mich dort ehrenamtlich ein – was für mich das reine Vergnügen ist, da ich einfach gern an diesem Ort bin. Fragen an mich gern unter meiner Email annette_hofmann@t-online.de .

Die Titelzeile entstammt dem Gedicht „Prag Jänner 64“ von Ingeborg Bachmann.


Ostereier

Gestern Abend bei Freunden: während der Sohn im Rekordtempo ein Ei nach dem anderen mit Farbe einstreicht, tupft die Mutter geduldig feine Muster aus Wachs auf ihr Ei.

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Beim Eiermalen.


An der Trave

Ab und zu habe ich in Travemünde zu tun, und meist – ich weiß nicht warum – ist das Wetter schlecht und der einst vornehme Ferienort an der Ostsee sieht dann noch mehr nach alter Bundesrepublik als sonst. Da setzt man am besten noch eins drauf und geht ins Café Niederegger Marzipantorte essen.

Ich fand einen schönen Fensterplatz mit Blick auf die Trave, und nach ein paar sehr anstrengenden Tagen verbrachte ich dort eine wunderbare Zeichenstunde. Zuerst wollte ich das so schön altmodische Geschirr mit seinem roten Streifen zeichnen – wo gibt es sowas noch? – doch dann drängelte sich die Lampe mit ihrem Lichtschein in den Vordergrund.  Die Kellnerin bestand darauf, mich schon einmal zeichnend gesehen zu haben – erst als wir beide gingen – ihre Schicht war zu Ende – fiel uns ein, dass das vor einigen Jahren in der Lübecker Innenstadt-Filiale gewesen war …

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Blick aus dem Café Niederegger über die Trave. Die seltsamen Knollen vor dem Fenster sind beschnittene Promenadenbäume. 


Zweimal Markt

„Markt auf Madeira“ ist ein touristischer Topos, an dem niemand vorbeikommt, der sich hier aufhält, gehört doch das Angebot an exotischen Früchten zu dem sehenswertesten, das die Insel zu bieten hat. (Ich schreibe mit Absicht „Früchte“, denn beim Gemüse ist die Auswahl zwar groß, bewegt sich aber in deutlich vertrauteren Bahnen.)

Richtig lohnt sich der Besuch der zentralen Markthalle von Funchal eigentlich nur am Freitag und Samstag, wenn in dem architektonisch schönen Gebäude ein echter Bauernmarkt stattfindet – ansonsten bekommt man das Obst deutlich günstiger und mit mindestens ebenso großer Auswahl in den „Frutaria“ genannten Geschäften – eins ist gleich gegenüber.

So bin ich letzten Samstag, als ich aus den Bergen zurück war, auch gleich früh zum Markt gegangen – und habe mich, im schönsten Getümmel, ins Café VOR die Halle gesetzt, um endlich den Morgensonnenbblick auf die alte Zuckerfabrik einzufangen. (Das ist sozusagen der Blick auf die Stelle, von der aus ich an einem der ersten Tage die Markthalle gezeichnet hatte.) Nachher war ich dann noch kurz in der Fischhalle.

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Blick auf die alte Zuckerfabrik in Funchal am Morgen – und angedeutet ein paar Fische in der Markthalle.

Dann war es schon fast Mittag. Zu meiner großen Freude saß heute auch wieder eine Schau-Stickerin vor einer der Stickereimanufakturen, so dass ich mich trotz Autos und Abgasen daran machte, sie zu zeichnen – Caféhausstühle zum Hinsetzen gibt es dort zum Glück genug. Die echte Madeira-Stickerei fasziniert mich immer wieder; sie ist keine Volkskunst, sondern ein Kunsthandwerk, das im 19.Jahrhundert als effektive Arbeitsbeschaffungsmaßnahme eingeführt wurde.

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Schau-Stickerin vor einer Stickereimanufaktur. (Gestickt wird normalerweise natürlich zu Hause, in der Manufaktur werden die Stücke vor- und nachbereitet.)

Der nächste Tag – gestern, mein vorletzter Tag auf Madeira – war ein Sonntag, und sonntags gibt es einige große Märkte in Kleinstädten; Märkte, die weitgehend von Einheimischen besucht werden. Entsprechend unromantisch geht es dort zu, eine nüchterne Halle, keine vordergründige Exotik. Da es draußen in Strömen groß und der Ort – Estreito de Câmara de Lobos – auf 500m Höhe liegt, war die Atmosphäre eher matschig-grau, alle Männer, die sonst mit ihrem Kaffee und ihrem Schnaps draußen gestanden hätten, drängten sich drin am Geländer.

Zurück in Funchal war es Mittag, und ich bin ins Selbstbedienungsrestaurant bei Pingo doce, einem großen Supermarkt, eingekehrt. Ich mag diesen Ort, erstens bekommt man dort preiswert beste portugiesische Hausmannskost zu essen, und zweitens kann man relativ ungestört Menschen aller Bevölkerungsgruppen zeichnen.

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Männern an Geländern – in einem bergigen Land ein vertrauter Anblick. Auf der rechten Seite zwei Porträts aus dem Selbstbedienungsrestaurant in Funchal. 


Januar

Mein schönes Dezemberbüchlein ist, ungedenk aller guten Vorsätze, doch nicht ganz voll geworden und hat noch für mehr als den halben Januar gereicht. Kaum hat sich der Vorsatz des Täglichzeichnens verdünnt, steigt auch der Aufwand für das einzelne Blatt: alle drei hier gezeigten sind zu Hause oder im Zug koloriert, wenn auch in sehr unterschiedlichem Umfang.

Zuerst ein Porträt eines Schweriner Pastors i.R., schnell mit brauner Feder gezeichnet bei einem anregenden Sonntagsnachmittagsgespräch und später nach Foto noch ausgiebig koloriert.

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Porträt P.V., Pfarrer im (Un)Ruhestand.

Im Theater zu zeichnen hat immer mehrere Tücken: meist ist es dunkel im Saal, und wenn man zu sehr raschelt und kratzt, fühlt sich die Nachbarschaft belästigt. Also auch hier nur ein paar Striche mit Bleistift, quasi Blindzeichnen. Umso schöner, wenn die Betrachtung bei Licht authentischer geworden ist als erwartet und die nachträglich aufgetragene Farbe die Stimmung bewahrt. Hier der aktuelle Schweriner Otello: Desdemona im magentafarbenen Kleid und Otello als überangepasster Mohr in deutscher Offiziersuniform.

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Verdis Oper Otello in der aktuellen Schweriner Aufführung.

 

Den unbestreitbaren Farbenhöhepunkt bildete die aktuelle Ausstellung des Schweriner Staatlichen Museums, das große Teile der Sammlung Frank Brabant zeigt, mit dem Schwerpunkt auf Expressionismus und Neuer Sachlichkeit. Nicht nur, dass die Bilder selbst z.T. sehr farbkräftig waren, man hat sie, angelehnt an die Hängung in der Brabantschen Wohnung, auch vor kräftig farbige Wände gehängt. Im Vergleich zu meiner sonstigen Neigung zu eher verhaltenen Tönen ist mein Skizzenblatt geradezu eine Primärfarbenorgie geworden.

Auf der linken Seite habe ich das Bild „Der Pope“ von Josef Scharl abgebildet, einem jener Künstler, deren künstlerische Laufbahn durch Krieg und Emigration gebrochen war. Das Bild hat mich durch die starke Präsenz des Abgebildeten tief beeindruckt. Wieder einmal habe ich festgestellt, wie sehr viel mehr ich mich einem Kunstwerk nähere, wenn ich es zeichne als wenn ich es nur betrachte. Rechts hinter den beiden Besucherinnen angedeutet ist ein in Rot, Orange und verschiedenen Blautönen geradezu explodierendes Porträt des Sammlers Brabant zu angedeutet.

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Eindrücke aus der Ausstellung der Sammlung Brabant in Schwerin. Mehr Gouache als Aquarell.

 


Dezemberbilder 3

Vorweihnachtszeit- und Weihnachtstage, gefüllt mit Familie. Für eine kleine Skizze findet sich fast immer der Raum, und ein bisschen Collage stellt den Bezug zum Erlebten auf einer weiteren Ebene her.

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Nach dem Einkaufen für meine Mutter raten wir noch ein bisschen Kreuzworträtsel.

Am Heiligen Abend bin ich bei meiner Mutter, deren Welt sehr klein geworden ist.  Der Duft der Räucherkerze ist ein wunderbarer Anker in die Kinderweihnachtszeit. Zum Zeichnen hatte ich einige Seiten mit verschiedenen Papieren vorbereitet, entschieden habe ich mich für eine mit einem Stück handgefertigtem Einwickelpapier.

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Ein Räuchermann aus Freiberg/Sa., wo ich geboren bin.

Den zweiten Weihnachtstag verbringe ich mit meinen erwachsenen Kindern zu Hause. Sohn und Kater liegen einträchtig auf dem neuen grünen Sofa.

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