Belliner Bilderbogen

Vergangenes Wochenende hatte ich, wie schon im vergangenen Jahr, das Vergnügen, im „Haus der Stille“ im mecklenburgischen Bellin einen kleinen Zeichenkurs zu geben. Passend zur Ausrichtung des Hauses ging es dabei weniger um technisches Können als darum, die Wahrnehmung zu schulen und im Hier und Jetzt genau hinzusehen.

So fingen wir auch nach dem Abendessen genau damit an: mit dem Hier und Jetzt und dem, was auf dem Tisch vor uns stand. In meinem Fall war das ein Glas voller Honig von den Bienen der evangelischen Schule in Parchim.

Am nächsten Morgen ging es weiter mit einem „Bilderbogen“ – kleinen schnellen Skizzen zur Motivfindung. Auf meinem habe ich gezeichnet, was ich sehe, wenn ich aus der Tür des Hauses trete – nachdem ich die Kästchen vorbereitet hatte, habe ich dafür kaum mehr als zwanzig Minuten benötigt.

Im weiteren Verlauf des Wochenendes habe ich es einigen Teilnehmer*innen gleich getan und mich mit neuen Materialen vertraut gemacht – in meinem Fall waren das getönte Papiere und deckende Farben.

Hier ein schnelles Porträt mit Gouachefarbe auf dem schönen Paint-On-Papier von Clairefontaine, entstanden beim abendlichen Gespräch im Garten.

Da ich eine Frühaufsteherin bin, konnte ich vor dem Frühstück noch eine Nachtkerze zeichnen – dieses Mal auf die graue Variante dieses Papiers. Die knalligen weißen Linien habe ich zu Hause mit einem Gelroller ergänzt. Ich weiß noch nicht so richtig, ob ich das Ergebnis mag.


Über Berg und Tal II

Weiter geht es mit meinem Reisebericht, der mittlerweile ein Rückblick geworden ist. In Rottenburg (von dem ich nicht eine einzige Zeichnung mitgebracht habe) verlassen wir das Neckartal und biegen nach Süden ab. Von jetzt ab gibt es, im Vorland der Schwäbischen Alb, wieder ausgedehnte Waldgebiete – wenn sich auch die Zersiedelung in den kleineren Tälern weiter ins Land frisst. Am nächsten Wandertag bekommen wir davon jedoch wenig mit.

Pflanzenstudien am Wegrand.

An den Wegrändern begleiten uns einige Pflanzen, die wir von unserem Zuhause im Nordosten Deutschlands nicht kennen; schließlich lege ich mir sogar eine Bestimmungs-App zu, die zuverlässig auch offline funktioniert.

Auf halbem Weg eine Rast am Bach.
Vor der letzten Etappe ziehen Regenwolken auf …
… und verhelfen der Burg Hohenzollern zu einer grandiosen Kulisse.

Die Burg Hohenzollern bestimmt von nun an die Landschaft. Doch bis wir dort ankommen, haben wir noch eine Tagesetappe zurückzulegen. Sie führt an Schloss Lindich vorbei, einem wenig harmonischen Konglomerat aus Schloss (privat, mit hohem Zaun), einer Reitanlage und verfallenden Nazi-Baracken (mit Stacheldrahtzaun und in Zwangsversteigerung, wie ich lese.) Dazwischen ein edles Restaurant, in dessen Garten wir rasten, während es aus einem zugezogenen Himmel immer mal tröpfelt.

Die Skizze der skurill beschnittenen Linden verleitet mich zu Hause zu Farb- und Stempelexperimenten.

Bärlauchintermezzo

Just an dem Tag, an dem ich aus dem Urlaub kam, steckte etwas besonders Schönes in meinem Briefkasten: ein Hahnemühle Grey Book, das von einer Hamburger Zeichnerin aus per Post seine Runde macht. Das Grey Book, ist wie der Name schon sagt, ein Buch mit grauen Seiten, ein neues Produkt aus dem Hause Hahnemühle, und vordergründiges Ziel der Reise ist das Ausprobieren verschiedener Materialien.

Da das Buch schon eine Weile unterwegs ist, wusste ich, dass sein relativ dünnes und saugfähiges Papier mit Wasser nicht besonders gut zurecht kommt. Materialien zum weitgehend trockenen Arbeiten auf getöntem Untergrund hatte ich mir kürzlich besorgt und machte mich damit ans Werk: wasserlösliche Wachskreiden und die bekannten Albrecht-Dürer-Stifte von Faber Castell, dazu noch etwas weißer PITT-Pen.

Und Urlaubserinnerungen konnte ich am Ende auch noch pflegen, hatte ich mir doch als Zeichenobjekt etwas Bärlauch aus meinem Garten gewählt – ein schwacher Abglanz der endlosen Bärlauchwälder, durch die ich vor zwei Wochen rund um Tübingen gewandert war. (Dieser Bärlauch, in Mecklenburg eher nicht heimisch, ist das Geschenk eines Freundes aus Süddeutschland; im Odenwald ausgegraben und kundig verpackt kamen die Knöllchen eines schönen Frühlingstages vor einigen Jahren per Post bei mir an und haben sich unter den Rosen prächtig vermehrt.)


Neuland

Mit diesen gelben Tulpen habe ich Neuland betreten. Genauer gesagt: mit dem Bild, denn gelbe Tulpen gehören seit Jahren zum Spätwinter in meiner Wohnung. Mindestens so lange zeichne ich Bilder von meinem Alltag, von Blumen, Teetassen, Früchten – und fast immer tue ich das mit Füller oder Fineliner und Aquarellfarbe auf weißem Papier.

Dafür gibt es gleich mehrere Gründe: zum einen ist weißes Papier in unserer Zeit und Kultur das natürliche Schreib- und Zeichenmaterial. Zum anderen habe ich mich, bald nachdem ich mit dem regelmäßigen Zeichnen begann, ganz bewusst zur Beschränkung entschieden. Meine Zeichenzeit ist begrenzt und in dieser Begrenzung scheint es mir nicht sinnvoll, mit immer anderen Materialien zu experimentieren.

Doch nun habe ich mich zu einem Kurs bei der kongenialen Zeichnerin Pat Southern-Pearce angemeldet, deren stark graphische, vom Jugenstil inspirierte Arbeiten ich schon lange bewundere. Sie arbeitet mit Füller, Markern und verschiedenen Kreiden und Buntstiften, und zwar fast immer auf getöntem Papier. In meinem Schrank fand ich noch einen Block naturbraunes Multimediapapier der Marke PaintOn von Clairefontaine und war beim ersten Versuch so begeistert, dass ich mir auch noch die graue Variante besorgt habe. Zusammen mit einem kleinen Satz wasserlöslicher Wachskreiden kam das Päckchen am Freitag an.

Gelbe Tulpen am Fenster. Füller, wasserlösliche Wachskreiden und Albrecht-Dürer-Aquarellstifte mit etwas weißem PITT-Pen auf grauem PaintOn-Papier von Clairefontaine.



Durch die Weinberge

Gestern bin ich bei schönem sanftem Herbstwetter durch das Obst- und Weinbaugebiet bei Meißen gewandert. Zwischen Johannisbeer- und Apfelplantagen entdeckte ich ein großes Feld mit Aronia, die ich bisher nur als schmackhaften und gesunden Saft kannte. Ich steckte mir ein Zweiglein ein, um es bei der nächsten Rast zu zeichnen. Der Feuerdorn, den ich im Gegegensatz zur Aronia nicht ohne Hilfe erkannte, kam ein Stück weiter an einem Weingarten dazu. (Beide gehören zur Familie der Rosengewächse, und ich war wieder einmal fasziniert, wie viele Sorten an Früchten sie zu bieten haben.)

Als Ort zum Zeichnen bot sich die „Boselspitze“ an, eine Ausflugsgaststätte auf dem Berg gleichen Namens, Teil eines Höhenzugs, der den stolzen Namen Spaargebirge trägt. Die tiefstehende Sonne setzte meine Zweige ins beste Licht, während sich meine Wandergefährtin wieder einmal gedulden musste, bis ich wenigstens mit dem ersten Farbauftrag fertig war.

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Aronia und Feuerdorn – gezeichnet und ein bisschen koloriert vor Ort auf der Boselspitze, fertiggestellt zu Hause.


Borretsch

Freitag Abend im Garten – sommerliche Wärme und magische Stille mitten in der Stadt; ich rücke mir, nachdem der Tee ausgetrunken ist, den Terrassenstuhl neben das Beet und beginne, ganz ohne Vorzeichnung, mit dem feinen schwarzen Füller den späten Borretsch zu zeichnen. Nicht einfach mit den vielen Runzeln und Stachelhaaren.

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Borretschpflanze auf der Terrasse, vor Ort gezeichnet.

Als es dunkel wird, arbeite ich drinnen nach Foto weiter. Der Versuch, Schatten und Struktur reinzubringen, erweist sich als schwierig, so dass ich mich dann doch auf die Suche nach der passenden Farbe mache.

Das Borretschblütenblau finde ich im Ultramarin; mit dem eleganten Graugrün der Blätter tue ich mich schwerer – inzwischen ist es schon recht spät am Abend. Und ich stelle fest, dass der relativen Strenge der Zeichnung ein lockerer Farbauftrag gut bekommt.

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Mit Aquarellfarben von Schmincke lavierte Federzeichnung.

 


Im Gewitter der Rosen

Weil es so schön war, gleich noch mal: nach lockerer Vorzeichnung mit Bleistift Konturzeichnung mit wasserfester Tinte (dieses Mal in rot und schwarz, beide von deAtramentis), Schatten mit der gleichen schwarzen Tinte (verdünnt) und dann darüber lasiert. Auch die Rose ist eine alte Bekannte, Marie Curie, die gerade voll in der zweiten Blüte steht.

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Wohin wir uns wenden im Gewitter der Rosen,
ist die Nacht von Dornen erhellt, und der Donner
des Laubs, das so leise war in den Büschen,
folgt uns jetzt auf dem Fuß.