E-Werk

Das Schweriner Städtische Elektrizitätswerk, kurz E-Werk, sieht ein bisschen aus wie eine Miniaturausgabe des Schweriner Schlosses. Es wurde 1904 erbaut und steht als attraktiver Solitärbau auf einer Landzunge zwischen zwei der zahlreichen Schweriner Seen. Diese Lage hatte mich auch verführt anzunehmen, dass der Strom dort mit Wasserkraft produziert worden sei (zumal in der Nähe einst eine Wassermühle betrieben worden war) – aber nein, es waren Gas- und später Dieselturbinen.

Nach Einstellung des Kraftwerksbetriebs diente das Gebäude noch bis 1999 als Schaltanlage und wurde danach viele Jahre als originelle Nebenbühne des Schweriner Theaters betrieben; aufgrund von Brandschutzauflagen ist das seit einiger Zeit nicht mehr möglich und es steht leer.

Die Schweriner Urban Sketchers trafen sich am Sonnabend bei schönsten Zeiechnwetter am E-Werk. Als ich davor saß, fragte ich mich, was mich geritten hatte, den Vorschlag zu machen. Die Zeichenhand hatte wohl zwei Wochen lang geruht und wollte vor den zahlreichen Details fast verzagen.

Ich versuchte, mir einen Überblick über die Gesamtform zu verschaffen – vergeblich. Schließlich entschied ich mich für eine Detailstudie des Turms. Ich fing oben an, was den Vorteil hatte, dass die Turmspitze auch wirklich drauf ist. Nach unten hörte ich einfach am Blattrand auf. So ersparte ich mir auch die Sich mit den Autos.

Angefangen habe ich mit einer dünnen Schicht Himmelsblau und etwas Rotbraun, dann ging es vor Ort mit Kugelschreiber weiter. Zu Hause habe ich die Schatten mit Faserstiften vertieft und zum Schluss noch einmal ein, zwei Schichten Farbe drübergelegt.


An der Grenze

Dass die Werra bis 1990 Grenzfluss war, hatte ich bei der Planung in Erinnerung gehabt, ohne darüber je näheres gewusst zu haben. Erst vor Ort wurde die Dimension dieses Umstandes fühlbar, ebenso die Folgen der Nachwende-Deindustrialisierung des Ostens.

In Vacha (gesprochen mit hartem „f“ wie „Fach“) ist beides mit Händen zu greifen. Während am rechten Werra-Ufer Hessen beginnt, führt der Weg über die Brücke in den thüringischen Ort. Anders als in den hübsch sanierten Dörfern und Städtchen, durch die wir bisher gekommen waren, regieren hier Verfall und Leerstand, der Lehm fällt aus den Gefachen der einst hübschen Häuser am Markt, Schaufenster sind mit Folie verklebt.

An der klassizistischen Stadtkirche finde ich überrascht dieses romanische Portal aus Bundsandstein aus der Gründungszeit des Ortes (der schon immer an Gebietsgrenzen lag.)

Am nächsten Tag fahre ich – von nun an allein unterwegs – nach Hessen hinein. Ich raste mit Blick auf das Kaliwerk Hattorf und habe beim Zeichnen genug Zeit, mich an die Nachwendejahre und den Abbau der ostdeutschen Industriestandorte zu erinnern.

Der Radweg mäandert mehrfach zwischen (ehemals) Ost und West und folgt damit den Grenzveräufen aus der Zeit der deutschen Kleinstaaterei. Die deutsche Teilung war das in dieser dicht besiedelten und vernetzten Region besonders schmerzhaft zu spüren gewesen.