Magdeburg

Der Weg nach Thüringen – dieses Mal mit dem Auto – führte mich über Magdeburg. Auch wenn ich nie in der Stadt gewohnt habe, ist sie mir doch durch frühere familiäre Verbindungen nahe. In den 1950er Jahren hatte meine Mutter einige Jahre dort gelebt, und ich stelle mir die Bühne dieses Lebens vor wie die ins Ostdeutsche gewendete Version eines frühen Romans von Böll: eine schwer beschädigte Domstadt am Fluss, notdürftig beräumte Ruinen, Kälte, Mangel, Kohlenrauch in der Luft …

(Die Zerstörung durch die Fliegerbomben des Zweiten Weltkriegs war etwas wie eine Retraumatisierung gewesen: 1631 war die reiche Handelsstadt Magdeburg auf dem Höhepunkt des Dreißigjährigen Krieges mit furchtbarer Brutalität geplündert und niedergebrannt worden, etwa 20.000 Menschen waren dabei ums Leben gekommen. Dieser Vorgang war selbst vor dem Hintergrund dieses an Gräueltaten nicht armen Krieges beispiellos.)

Ab den 1960er Jahren wurde Magdeburg zu einem Zentrum der Schwerindustrie ausgebaut, die Innenstadt in Nachkriegsmanier mit Plattenbauriegeln und autogerechten Magistralen notdürftig wieder hergerichtet. So habe ich sie von meinen wenigen Besuchen während der DDR in Erinnerung. Mit der politischen Wende kam die Deindustrialisierung; die Luft wurde sauberer, die Fassaden heller und die Leere zwischen den erhaltenen mittelalterlichen Kirchen noch deutlicher spürbarer als zuvor. Bis die Grüne Zitadelle gebaut wurde.

Die „Grüne Zitadelle“ wird als Hundertwassers letzter Bau bezeichnet, dabei ist sie weder grün noch von Hundertwasser (allein) gebaut. Die Grundidee stammte noch von ihm und wurde nach seinem Tod von einem bewährten Architektenteam ausgeführt. Das Grün kommt von den zahlreichen Bepflanzungen und „Baummietern“, ansonsten ist die vorherrschende Farbe ein kräftig leuchtendes Rosa. Man hat Hundertwasser zu Recht vorgeworfen, dass seine Bauten nur oberflächliche Talmi-Lösungen für städtebauliche Probleme bieten, dass sie nicht nachhaltig seien und den Innenräumen kaum Aufmerksamkeit geschenkt worden sei, und dennoch: das märchenhafte Gebäude entfaltet im Zentrum der so schwer gezeichneten Stadt eine wundersame, heilende Wirkung.

Neben der Grünen Zitadelle galt mein Besuch dem Magdeburger Dom und dem angeschlossenen neuen Dommuseum. Die akribisch dokumentierten Ausgrabungen konnten mich an diesem Nachmittag nicht ausreichend in ihren Bann ziehen – doch bei den Wasserspeiern fand ich glücklich ein ungewöhnliches Zeichenmotiv. Wir alle kennen Bilder von solchen Wasserspeiern, die meisten sind so hoch angebracht, dass sie sich dem Gezeichnet-Werden entziehen. Diese beiden – „Löwe“ und Widder – hingen im Museum zwar auch noch unter der Decke, waren aber gut zu erkennen.

Nachdem ich im Hotel der Grünen Zitadelle übernachtet hatte, fuhr ich am nächsten Vormittag dem – musealen – Höhepunkt dieser Reise entgegen, von dem im nächsten Beitrag die Rede sein wird.