Die Schamanin
Veröffentlicht: 10. Mai 2026 Abgelegt unter: Allgemein, Reiseskizzen | Tags: Museum, Sachsen-Anhalt Ein KommentarAnfang Mai 1934 waren einige Arbeiter mit eiligen Ausschachtarbeiten für einen Springbrunnen im Park des anhaltischen Dürrenberg (das „Bad“ sollte erst im folgenden Jahr dazukommen) beschäftigt, als sie auf Menschenknochen und Rötel stießen. Sie informierten das Heimatmuseum, von dort schickte man zu den Archäologen in Halle, doch als die eintrafen, hatten die Arbeiter bereits alles, was ihnen von Interesse schien, ausgegraben und weitergemacht. Man schaffte die Fundstücke ins Museum für Vorgeschichte, erklärte den Schädel zum Relikt eines männlichen Ariers, datierte ihn vier- bis fünftausend Jahre zu jung, ignorierte den Rest – und vergaß das Ganze.
In den letzten dreißig Jahren begann man sich dem Fund wieder zuzuwenden, moderne wissenschaftliche Methoden öffneten Fenster zu völlig neuen Erkenntnissen, es gab eine Nachgrabung, bei der mehrere Jahre lang unter Laborbedingungen gerettet werden konnte, was zu retten war. Und das war viel. Dank dieser Bemühungen, z.T. unter internationaler Beteiligung, wissen wir heute, dass das Grab nicht nur die Gebeine einer vor acht- bis neuntausend Jahren gestorbenen Frau enthielt, sondern auch die von drei Kindern und dass diese menschlichen Überreste mit außerordentlich reichen Beigaben versehen waren. Vom Wildschweinhauer über Schildkrötenpanzer bis zum Schulterblatt eines Igels waren zahlreiche Tiere der damaligen Fauna vertreten, neueste Untersuchungen konnten auch Federn und Haare nachweisen. In einer „Dose“ aus Kranichknochen waren Pfeilspitzen aufbewahrt, Pfrieme und Ahlen aus Knochen wiesen auf handwerkliche Tätigkeiten hin, die sorgfältige Auskleidung des Grabes mit einem Flechtwerk aus Haselruten auf Bautätigkeit, die eine beginnende Sesshaftigkeit anzeigt.
Vor allem aber legen diese Beigaben eine gesellschaftliche Rolle nahe, die als „Schamanin“ bezeichnet werden kann. Dies ist keine willkürliche Zuschreibung, sondern beruht auf jahrzehntelangen Forschungen um das Thema Schamanismus und seine Repräsentation in archäologischen Funden.
Das Hallesche Landesmuseum für Vorgeschichte widmet der Schamanin derzeit eine große Sonderausstellung, die ich auf dem Weg von Magdeburg Richtung Süden besuchte. Die Ausstellung gefiel mir auf den ersten Blick. Von gut lesbaren Texten begleitet, dürfen die Objekte ohne Multimedia-Schnickschnack für sich sprechen. In einem ersten Raum werden frühe religiöse Konzepte von Animismus bis zu den ersten Göttern erläutert, darauf folgen vier um eine Trommel gruppierte sibirische Schamanengewänder. Der folgende Raum ist der Bestattung von Bad Dürrenberg gewidmet.

In einer großen flachen Vitrine sind alle Fundstücke aus dem Grab sorgfältig auf einer rötelfarbenen Fläche ausgebreitet. Das Ganze lässt an einen Aufbahrung denken und strahlt eine große Würde aus. Ich saß eine ganze Weile auf einer Sitzbank und beobachtete die Menschen, die sich behutsam, fast ehrfürchtig und mit leuchtenden Augen darüber beugten. Wenn dieses Frau einmal „Macht“ gehabt hat — und daran zweifle ich nicht — dann muss es eine heitere, gelassene und zeitlose Macht gewesen sein.
Ich blieb lange dort sitzen, bevor ich den Schädel zeichnete und mich noch ein wenig in den angrenzenden Räumen umsah. Hier ging es vor allem um die wenigen vergleichbaren Funde, die es weltweit gibt. Einen Besuch der Etagen der Dauerausstellung verschob ich trotz Mammut, Himmelsscheibe von Nebra und Römerfunden auf ein nächstes Mal, setzte mich mit einen Kaffee auf die Terrasse vor dem Museum und fuhr am Abend beseelt Richtung Thüringen.
Magdeburg
Veröffentlicht: 8. Mai 2026 Abgelegt unter: Allgemein, Reiseskizzen | Tags: Gotik, Dom, Postmoderne, Urban Sketching, Sachsen-Anhalt Hinterlasse einen KommentarDer Weg nach Thüringen – dieses Mal mit dem Auto – führte mich über Magdeburg. Auch wenn ich nie in der Stadt gewohnt habe, ist sie mir doch durch familiäre Verbindungen nahe. In den 1950er Jahren hatte meine Mutter einige Jahre dort gelebt, und ich stelle mir die Bühne dieses Lebens vor wie die ins Ostdeutsche gewendete Version eines frühen Romans von Böll: eine schwer beschädigte Domstadt am Fluss, notdürftig beräumte Ruinen, Kälte, Mangel, Kohlenrauch in der Luft …
(Die Zerstörung durch die Fliegerbomben des Zweiten Weltkriegs war etwas wie eine Retraumatisierung gewesen: 1631 war die reiche Handelsstadt Magdeburg auf dem Höhepunkt des Dreißigjährigen Krieges mit furchtbarer Brutalität geplündert und niedergebrannt worden, etwa 20.000 Menschen waren dabei ums Leben gekommen. Dieser Vorgang war selbst vor dem Hintergrund dieses an Gräueltaten nicht armen Krieges beispiellos.)
Ab den 1960er Jahren wurde Magdeburg zu einem Zentrum der Schwerindustrie ausgebaut, die Innenstadt in Nachkriegsmanier mit Plattenbauriegeln und autogerechten Magistralen notdürftig wieder hergerichtet. So habe ich sie von meinen wenigen Besuchen während der DDR in Erinnerung. Mit der politischen Wende kam die Deindustrialisierung; die Luft wurde sauberer, die Fassaden heller und die Leere zwischen den erhaltenen mittelalterlichen Kirchen noch deutlicher spürbarer als zuvor. Bis die Grüne Zitadelle gebaut wurde.

Die „Grüne Zitadelle“ wird als Hundertwassers letzter Bau bezeichnet, dabei ist sie weder grün noch von Hundertwasser (allein) gebaut. Die Grundidee stammte noch von ihm und wurde nach seinem Tod von einem bewährten Architektenteam ausgeführt. Das Grün kommt von den zahlreichen Bepflanzungen und „Baummietern“, ansonsten ist die vorherrschende Farbe ein kräftig leuchtendes Rosa. Man hat Hundertwasser zu Recht vorgeworfen, dass seine Bauten nur oberflächliche Talmi-Lösungen für städtebauliche Probleme bieten, dass sie nicht nachhaltig seien und den Innenräumen kaum Aufmerksamkeit geschenkt worden sei, und dennoch: das märchenhafte Gebäude entfaltet im Zentrum der so schwer gezeichneten Stadt eine wundersame, heilende Wirkung.

Neben der Grünen Zitadelle galt mein Besuch dem Magdeburger Dom und dem angeschlossenen neuen Dommuseum. Die akribisch dokumentierten Ausgrabungen konnten mich an diesem Nachmittag nicht ausreichend in ihren Bann ziehen – doch bei den Wasserspeiern fand ich glücklich ein ungewöhnliches Zeichenmotiv. Wir alle kennen Bilder von solchen Wasserspeiern, die meisten sind so hoch angebracht, dass sie sich dem Gezeichnet-Werden entziehen. Diese beiden – „Löwe“ und Widder – hingen im Museum zwar auch noch unter der Decke, waren aber gut zu erkennen.
Nachdem ich im Hotel der Grünen Zitadelle übernachtet hatte, fuhr ich am nächsten Vormittag dem – musealen – Höhepunkt dieser Reise entgegen, von dem im nächsten Beitrag die Rede sein wird.
