Bagger, Reframing und Popkultur

Fast schon wäre es mir zur Mühsal geworden, die letzten Seiten im Reisebuch vorzeigbar herzurichten – zum Glück hatte ich gestern ein paar „leere“ Stunden zur Verfügung, in denen ich noch ein bisschen Farbe und Schrift verteilen konnte.

Einiges, wie die flüchtigen Skizzen der letzten, kurzen Wanderetappe von Bisingen nach Balingen bleibt unfertig und ungescannt zwischen den Buchdeckeln. Dafür leistete ich am Morgen beim Frühstück, schön im Warmen hinter einer großen Scheibe, meinen Beitrag zu einem derzeitigen running gag der Urban Sketcher: ich zeichnete einen Bagger. (Und hatte, da keine Wanderetappe anstand, Zeit für die Kolorierung.) Das kleine Bagger-Glück war ein schönes Beispiel für das, was Psychologen auf neudeutsch Reframing nennen: Dinge neu zu bewerten, in dem man sie in einem anderen Rahmen betrachtet – eine Baustelle vor dem Hotel gehört sonst ja eher nicht zu den Reisefreuden.

Im Regio von Tübingen nach Stuttgart konnte ich noch das Rätsel lösen, was es mit den jungen „Trachten“-Träger*innen auf sich hatte, die uns hier in der Gegend immer mal wieder aufgefallen waren. Eine junge Frau in einem rosa Dirndl saß in meinem Sichtfeld; sie war so sehr mit sich, ihrer Verkleidung, ihrer Bierbüchse und dem Gespräch mit ihrem Gegenüber beschäftigt, dass ich sie ungestört zeichnen konnte.

In Bad Cannstadt stieg sie aus, und mit ihr noch zahlreiche andere bedirndlte und belederhoste Gleichaltrige, die dem „Wasen“ zustrebten, einem Stuttgarter Volksfest. Dass es dort seit einigen Jahren Usus geworden ist, sich in etwas zu kleiden, was man eher ein popkulturelles Zitat als eine Tracht im eigentlichen Sinn bezeichnen kann, war sogar der Lokalpresse einen Artikel wert. (Und erinnerte mich daran, im vergangenen Herbst im tiefsten Mecklenburg Zaungast eines „Oktoberfestes“ gewesen zu sein, zu dem die Menschen ähnlich faschingsmäßig kostümiert antraten.)


Über Berg und Tal

Weiter geht es mit den Erinnerungen an die Frühlingswanderung.

In Tübingen bekam ich, zum fast ersten Mal auf dem Pilgerweg, Gesellschaft: Meine Tochter würde mich vier Tage lang begleiten.

Da es der 1.Mai war und nachgerade sommerliches Wetter (das sollte sich noch radikal ändern), war der Weg zur Wurmlinger Kapelle fast so voll wie auf einer Maidemonstration. Der allgegenwärtige Hölderlin ist ihn natürlich auch gewandert – besungen wurde der Ort aber dann vom Romantiker Uhland.

Trotz der vielen Menschen und der prallen Sonne schaffte ich zwei schnelle Skizzen, die ich zu Hause mit Farbe und Collage ergänzte.

Die Wurmlinger Kapelle von Süden.
Während ich zeichne, liest meine Tochter unter einem Apfelbaum.

Tübingen

Natürlich gehe ich zuerst zu Hölderlin. Das Turmzimmer am Neckar, daneben die Trauerweide, und wenige Schritte davon das evangelische Stift, in dem immer noch Theologiestudenten wohnen, wenn auch nicht mehr zu zehnt wie einst Hölderlin und Hegel in der „Geniestube“. *

Als ich zu Hölderlin gehe, ist es schon dunkel, ein feiner Niesel fällt und an Zeichnen ist nicht zu denken; erst am nächsten Mittag – Tübingen beschert mir einen Ruhetag – ist es so weit. Er liegt auch am Weg, der Turm, der fast so etwas wie Tübingens Wahrzeichen geworden ist – und das schon vor hundert Jahren war, als das originale Haus abbrannte und man es mit Turm wieder aufbaute. Auch ich helfe der Wahrheit, der sogenannten, noch ein bisschen auf die Sprünge, indem ich den grauen Tag mit Farben anreichere.

Neckarfront mit Hölderlinturm in Tübingen.

Später am Markt kann ich präziser arbeiten, wenn auch nicht zu präzise, sonst werde ich nicht fertig. Auf jeden Fall bin ich froh, dass ich in dem kühlgrauen Wetter einen Fensterplatz im Café ergattere.

Als ich, wie sich das so gehört für eine Pilgerin – auch wenn sie gar nicht nach Santiago geht -, die Jakobuskirche besuche, beginnt sich verhalten die Sonne zu zeigen. Ich setze mich in das blasshelle Licht, das durch die kitschigen Rosenfenster ins Innere fällt, und lasse den Ort auf mich wirken: eine Ausstrahlung von Schlichtheit, von Alltag, von selbstverständlichem Gemeindeleben, etwas von einer anderen, fremden, lange vergangenen Zeit …

Erst im Gehen bemerke ich die Reliefs, das kleine, das wohl einen Pilger zeigt mit Tasche und Stab, und das große – es ist etwa mannshoch – mit seiner geheimnisvollen Sonnenfigur. Als ich sie fertig gezeichnet habe, frage ich eine Frau aus der Gemeinde nach dem Pilgerstempel: den gäbe es beim Schuster gegenüber. Beim Schuster? Und wirklich, da ist ein Schusterladen, kein mister minit, sondern ein richtiger Schusterladen mit einem kleinen Mann mit Schürze und riesigem Schnauzbart, und als ich mich mit meinem frisch gestempelten Buch noch mal umdrehe, sehe ich den Aufsteller vor der Kirchentür: „Heute Handauflegen“ …

*Zu Hause nehme ich, immer noch auf Hölderlins Spur, Thomas Knubbens „Hölderlin. Eine Winterreise“ zur Hand – und erinnere mich, dass dieses Buch, in dem der Autor Hölderlind Fußreise nach Bordeaux nachwandert, eines der Samenkörner war, aus dem diese meine eigene große Wanderung gewachsen ist.


Bebenhausen oder: 34.000 Eier für einen Turm

Kloster Bebenhausen hat etwas von einem Sagenort. Umgeben vom „Schönbuch“, einem alten Reichswald, schmiegt es sich in eine Talsenke. Es wurde im Ring einer vorbestehenden Burg erbaut und ist noch heute umgeben von Wassergraben, Mauerkranz und Türmen, auch die Wirtschaftsgebäude aus Fachwerk sind noch da; in einem hatte ich mein Nachtquartier.

Zum Glück hatte ich am nächsten Tag ausreichend Zeit. (Naja, für Zeichner reicht die Zeit natürlich nie.) Erst einmal versuchte ich mit einem Bilderbogen die Fülle an Motiven zu erkunden: den Kreuzgang mit seinen filigranen Maßwerkfenstern (keins gleicht dem anderen!), die zahlreichen romanischen und gotischen Säle, die Kirche von außen und innen …

Ein Bilderbogen aus dem Bebenhausener Kloster. Die Figur mit dem „Salat“ in den Händen ist auf einem Wappen an der Kanzeltreppe zu finden.

Der filigrane Dachreiter (geradezu eine Essenz von Gotik) ist so etwas wie das Markenzeichen des Ortes. Er wurde der zisterziensischen Schlichtheit erst im Spätmittelalter zugefügt, als die strengen Ordensregeln schon etwas gemildert waren. Der Dachreiter ist auch alltagsgeschichtlich interessant, hat sich doch die komplette Baukostenabrechnung erhalten. So wissen wir, dass die Bauarbeiter – einschließlich der Arbeiter im Steinbruch – in den gut zwei Jahren Bauzeit neben vielem anderen 30 Zentner Wildschwein und 34.145 Eier aßen und solche Mengen an Wein tranken, dass dieser den größten Posten auf der Rechnung ausmachte.

Ein Grüner Mann an der Kanzel.

Den Grünen Mann finden wir auf einem Treppenpfosten der Kanzel. (Ich liebe Grüne Männer.) Innerhalb des zisterziensischen Graus (Farben und Schmuck durften nur sehr zurückhaltend verwendet werden) hat diese Kanzel aus der Reformationszeit eine irritierende Wirkung. Sie quillt über von Dekor und Farbe, Säulen und Säulchen würden einem Hundertwasser-Haus gut zu Gesicht stehen; und inmitten von üppigem Renaissancedekor tummeln sich pralle und ziemlich nackte Putten und Engel beiderlei Geschlechts – kurz nach der Reformation war der Protestantismus anscheinend nicht überall puritanisch.

Nach Bilderbogen und Grünem Mann habe ich mir im Kapitelsaal noch eine richtig gründliche perspektivische Studie gegönnt. Der Kapitelsaal ist einer der ältesten Räume im Kloster, architektonisch an der Schwelle von der Romanik zur Gotik; er diente als täglicher Versammlungsort.

Studie aus dem Kapitelsaal des Klosters. Die Farbe kam erst zu Hause.

Neckartailfingen

Fast wäre ich an der Kirche vorbei gegangen. Nachdem ich am früheren Morgen bei kühlem, aber freundlichen Wetter am Ulrichstein in Hölderlins Gesellschaft gefrühstückt hatte, dann im auffrischenden Wind über ein Stück Hochebene mit Spargelfeldern und einer Alpakafarm (es sollte nicht die letzte auf der Tour bleiben!) gewandert war, zog es sich zu und begann wieder zu regnen: Zeit für eine Rast im Bäckerimbiss (wohl dem Ort, der einen hat!).

Und dann, im endlichen Weitergehen, war die Kirche da, wo sie hingehört in einem Flußtal: am halben Hang zwischen Wind und Überschwemmung, im ältesten Siedlungskern. Also noch mal bergan, einen schnellen Blick werfen und vergeblich auf die Klinke drücken … doch die Tür ging auf und drinnen verschlug es mir den Atem: Der Raumeindruck ist so ungewöhnlich wie überwältigend: ein hohes, sehr schmales Schiff mit zwei ebenso schmalen Seitenschiffen, Rundbögen, reine Romanik trotz der hoch aufragenden Maße, und eine reiche ornamentale und figürliche Ausmalung in Apsis und Chor.

Die romanische Kirche von Neckartailfingen.

Natürlich ist es mit diesem romanischen Kleinod wie mit vielen anderen seiner Art: was uns so wunderbar archaisch erscheint, ist Ergebnis wiederkehrender Um- und Anbauten, Freilegungen und Übertünchungen, sich wandelnder Moden in Glaube und Anschauung … Die herrlich proportionierten Säulen waren über Jahrhunderte von Emporen verdeckt, die Malereien überstrichen – erst seit etwa hundert Jahren hat die Kirche ihre heutige Gestalt.


Esslingen II

Inzwischen bin ich wieder zu Hause, mit einer Menge an Eindrücken, Gedanken, Erinnerungen … und natürlich Zeichnungen, ganz- , halb- und viertelfertigen, und wie jedes Mal stellt sich die Frage, wie nun mit denen verfahren. Im Ist-Zustand dokumentieren? Weiter ausführen? Schon unterwegs war mir klar, dass ich mich für Letzteres entscheiden, die Nachfreude von der Reise möglichst lange auskosten würde.

In Winnenden fing die Wanderung an und führte um Stuttgart herum nach Esslingen, der viel zu wenig bekannten Fachwerkstadt, in der ich einen ganzen Tag blieb. Die vor Ort fertig gewordenen Bilder hatte ich schon gezeigt. Die Stadtkirche St.Dionys mit ihrer zugleich wuchtigen und aufragenden Kraft hat mich sehr beschäftigt, und meine ersten beiden Esslinger Zeichnungen galten ihr.

Bevor ich anfing, hatte ich noch die Idee, mir zwei dunkelgraue Farbstifte – einen wasserfesten und einen wasserlöslichen – zu kaufen, um für schnelle Zeichnungen eine Alternative zu Füller und Bleistift zu haben, wollte ich doch unbedingt die von der Zeichnerin Antje Gilland empfohlene „Sketchwalk“-Methode ausprobieren – mehrere Miniskizzen zum Finden eines interessanten Themas.

Einige markante Details in der Esslinger Stadtkirche, vor Ort mit einem Polychromos-Stift gezeichnet und zu Hause um Farbe und etwas Schatten ergänzt.

Am nächsten Tag habe ich mich an das Fachwerk gewagt – das bekannteste Gebäude, das Alte Rathaus, lag im schönsten Mittagslicht, ich fand einen Restauranttisch im Schatten – nichts wie los! Leider drehte die Sonne schneller als erhofft und Farbe und Schatten wurden gestern Abend zu Hause noch kräftig vertieft.

Das Alte Rathaus in Esslingen

Danach setzte ich mich noch einmal in die Kirche, um den Lettner zu zeichnen, der mir bei meiner Motivsuche besonders entgegen gekommen war. Das Wort „Lettner“ kommt von lat. lettere – lesen – es bezeichnet eine durchbrochene Abtrennung, von der aus, ähnlich wie später von der Kanzel, gepredigt und dem großenteils analphabetischen Volk aus Bibel und Heiligenlegenden vorgelesen wurde.


Bilderbogen II

Wie jedes Jahr auf dem Pilgerweg komme ich zwar zum Gehen und Zeichnen, bin dann abends aber zum Schreiben meist zu müde. Heute ist Ruhetag in Tübingen und ich kann nun einige der in den letzten Tagen entstandenen Bilder zeigen. Einige sind wieder im „Bilderbogen-Stil“ gehalten.

In den letzten drei Jahren bin ich immer mit zweigleisigem Zeichenmaterial gereist: auf der einen Seite das gebundene Buch, auf der anderen ein Block Postkarten. Da habe ich mir auf die Dauer selbst auf die Füße getreten, welches Motiv wohin; auf den Postkarten war ich natürlich viel lockerer und wenn im Buch die Seiten knapp werden, fällt die Motivauswahl doppelt schwer. Also habe ich dieses Jahr noch ein zweites Buch im Gepäck, wenn das erste voll ist, geht es mit dem zweiten weiter und immer schön chronologisch und nicht nach vermeintlichem Wert sortiert …

Hinter Esslingen kam der Regen und es wurde kalt. Trotzdem habe ich mich in Denkendorf für die kalte Klosterkirche und nicht für die warme Gasthausstube entschieden. Kloster Denkendorf ist, wie viele Klöster in Württemberg, nach der Reformation in eine evangelische Internatsschule umgewandelt worden und dadurch in seiner Grundstruktur erhalten geblieben.

Maßwerkfenster in der Denkendorfer Klosterkirche – es regnete und ich hatte Zeit.

Am nächsten Tag war es freundlicher, wenn auch noch deutlich kühl. Das mittelalterliche Sühnekreuz – man sieht sie hier öfter – leuchtete im gelben Morgensonneschein, der die Berge der Schwäbischen Alb dahinter um so blauer erscheinen ließ. Der andere Stein ist mit einer Sage verbunden – der Württembergische Herzog Ulrich hat sich hier während eines Bürgerkriegs versteckt gehalten, was später lokalgeschichtlich überhöht wurde. Diese Überhöhung wiederum hat Hölderlin zu dem späten und ziemlich verrätselten Gedicht „Der Winkel von Hardt“ angeregt. (Überhaupt ist hier alles Hölderlin, so wie anderswo alles Goethe ist.)

Weiter ging es am folgenden Tag – vorgestern – eine lange Strecke durch frühlingshaft freundliches, frisch gewaschenes Land, über Streuobstwiesen und durch den „Schönbuch“, Tübingens Hauswald, nach Bebenhausen zu. Gleich früh sah ich auf einer Weide eine kleine Herde Rinder: zwei Mutterkühe, zwei Färsen und eine Milchkalb. Es waren wunderschöne Tiere, deren Abstammung und Verwandschaft mir der Bauer, der bald darauf kam, ausführlich erläuterte. Eine wirklich herzerwärmende Begegnung.

Die Zeichnung dieser schönen Tiere habe ich vor Ort mit einem wasserfesten Farbstift begonnen und bei den nächsten Regenrasten im Gasthof noch mit etwas Stift und Aquarellfarbe überarbeitet.