Nach Art der Madame Maigret

Wir erinnern uns: Eine Wahrsagerin ist ermordet worden und wird von der Inhaberin eine Anglerpension gefunden, die ihr ein paar Schleie gebracht hatte. In dieser Pension wird der Kommissar später den Bösewichtern auf die Schliche kommen (wer nachlesen möchte, der Roman heißt „Maigret contra Picpus“), doch die Spur der Fische verliert sich im Ungewissen.

Nehmen wir einmal an, der Kommissar hätte die Fische mit nach Hause genommen. Wie hätte Madam Maigret sie zubereitet?

Dank Internet und Übersetzungsprogrammen war es gar nicht so schwierig, nach französischen Rezepten zu suchen. Ich entschied mich für „Tanche á la Lorraine“, „Schleien auf lothringische Art“. Dazu kocht man einen halben Liter Weißwein mit Kräutern und gibt die Fische (oder den Fisch, meiner war recht groß und passte nur zerteilt in den Topf) in den heißen Sud, bis sie gar, aber noch fest sind. Anschließend nimmt man Fische und Kräuter heraus und lässt die Flüssigkeit stark einkochen. Während das geschieht, häutet und entgrätet man die Fische. An den eingekochten Fond kommen Sahne und reichlich Butter, das ergibt eine wunderbare aromatische Sauce von feiner, glatter Konsistenz. (Und weil ist es des Guten noch nicht genug war, empfahl mein Rezept, das Ganze im Ofen mit Semmelbröseln zu überbacken.)

Da ich den Fisch schon einmal gezeichnet hatte, kam ich auf die Idee, mich an die Kräuter zu halten. Madame Maigret kocht natürlich mit einem „Bouquet garni“, dem klassischen französischen Kräutersträußchen: Thymian, Estragon, Petersilie, Lorbeerblatt.

Thymian ist in meinem Garten nur wenig vorhanden, vielleicht ist es ihm zu feucht. (Ganz anders als in der Provence, in die unsere erste Frankreich-Reise 1990 geführt hatte und wo eigentlich aller unbebauter Boden mit Thymian bewachsen war.)

Umso besser geht es dem Estragon und jeder, der welchen im Garten hat, weiß dass es immer zu viel ist – denn er möchte bescheiden am Essen verwendet werden. Frischer Estragon, zwischen den Fingern zerrieben, duftet nur ganz leicht nach Anis. Im Essen entfaltet er eine ganze Fülle von Aromen und zwar recht kräftig. Ein Zweiglein war in meinem Kräuterstrauß genug.

Die dritte im Bunde (das Lorbeerblatt blieb ungezeichnet) war die Petersilie. Sie gedeiht am besten im Topf auf meinem Balkon und findet sich eben so gern gehackt auf Kartoffeln und Gemüse wie in Madame Maigrets Kräuterstrauß. (Sie steht dort ganz harmlos als das bürgerlichste alle Küchenkräuter und verrät nicht, dass sie in früheren Jahrhunderten – und in weit höheren Dosen als am Mittagessen – als Abtreibungsmittel diente. Wo man in einer alten Stadt eine Petersilienstraße findet, kann man davon ausgehen, dass dies in lange vergangener Zeit die Hurengasse war.)

Die Bilder sind ein Kompromiss aus leidlich exakter Zeichnung und lockere Farbgebung. Gerne hätte ich mich in die Maserung jedes einzelnen Blättchens vertieft, hätte Farbreihen angelegt und mit jeder Pigmentschicht die Schönheit der Schöpfung gepriesen … Doch nicht nur, dass ich das gar nicht kann, jedenfalls nicht so gut wie die klassischen botanischen Illustratoren, – das Leben geht weiter, lockt mit immer wieder neuen Zeichenmotiven; es will nicht nur gezeichnet, sondern auch gelebt sein …


Fisch mit Nacken

Kommissar Maigret ermittelt: Hörbuch für Hörbuch lasse ich mich auf der warmen Stimme des Sprechers in ein eskapistisches Paris tragen, das es so nie gab. Eine Wahrsagerin wurde ermordet, ein Messerstich traf sie in den Rücken und nun liegt sie vorüber geneigt auf dem hübschen blankpolierten Tisch in ihrem Wohnzimmer. „Da Isidore so schöne Schleie gefangen hatte und ich sowieso nach Paris musste, dachte ich …“ sagt die Inhaberin einer Anglerpension, die die Frau gefunden hat. Die Pension wird in der Geschichte noch eine Rolle spielen, die Schleie hingegen? „… befanden sich in einem Korb, in Kräuter gewickelt, die ihre Frische noch nicht verloren hatten.“ Danach ist von den Fischen nicht mehr die Rede, und wir wollen hoffen, dass sich eine Hausfrau ihrer annahm. (Männer können bei Simenon nicht kochen.)

Schleie. Ich hatte den Namen schon mal gehört, mehr aber nicht. Weder in meiner Oranienburger Kindheit noch in den keineswegs fischarmen Schweriner Jahren waren sie mir bisher begegnet – bis ich an meinem neuen Arbeitsweg auf den Verkaufswagen der „Schweriner Seenfischerei“ stieß.

Überraschend genau beschreibt Maria Schellhammer in ihrem 1690 erstmal erschienenen „Brandenburgischen Kochbuch“ den Fisch aus der Sicht einer gebildeten Köchin:

Die Schleyen sind an vielen Orten Teutschlands gantz unbekannt, an etlichen bekannt, aber wenig geachtet, so daß, weil sie wegen ihrer Ringschätzigkeit für den gemeinen Mann kommen, sie den Namen der Schuster-Karpen davon erhalten. Und ist zwar nicht zu leugnen, dass ein zeher, harter und schleimichter Fisch ist: nicht desto weniger ist es ein wohlschmeckender Fisch, wenn er wohl zugerichtet, und ist man in Paris einer von der unsrigen ganz unterschiedlichen Meynung, daher er daselbst auch nicht der wohlfeilsten.

Das hatte ich noch nicht gelesen, als ich den ersten Schlei (oder die erste Schleie, beides ist richtig) auf meinem Küchentisch liegen hatte. Ich guckte in ein altes Fischkochbuch, dort stand etwas sybillinisch:

Die Nackenstücke werden sauer gekocht, der Rest gebraten.

Helga Rudolph, Schüsselhecht und nackter Barsch

Soviel Aufwand für einen Fisch? Und wo hat der eigentlich seinen Nacken? Es war spät geworden, ich machte es mir einfach, es gab „Schleie Müllerin“, in Mehl gewälzt und im ganzen gebraten. Das Ergebnis hätte ich bei Frau Schellhammer nachlesen können: ein zeher, harter und schleimichter Fisch. Mit Unmengen von fiesen kleinen Ypsilon-Gräten unterhalb der Rückenflosse. Das also war mit „Nacken“ gemeint gewesen.

Die zweite Schleie, erst aquarelliert und dann in Dillsauce gekocht.

Für die zweite Schleie (sie sind nicht jede Woche zu bekommen) befragte ich noch einmal meine Kochbücher und entschied mich für „Schleie in Dillsauce“. Ich kochte den grob zerteilten Fisch in Wurzelsud und aß ihn mit einer schönen süßsäuerlichen Dillsauce; keine Spur mehr von „Zehigkeit“ und Härte. Mit den Gräten, damit war zu rechnen gewesen, hatte ich noch zu kämpfen, aber immerhin war ich vorgewarnt. Bein nächsten Mal, so lautet der Vorsatz, werde ich zwei Fische kaufen und aus dem „Nacken“ eine schöne Sülze kochen. Den übrigen Teil werde ich à la Lorraine zubereiten, wie es Madame Maigret vielleicht gemacht hätte: in Weißwein dünsten und mit einer Sahnesauce gratinieren, auf französische Art „wohl zugerichtet“ …


Keine Kartoffel

Diese Kartoffel ist keine Kartoffel. Jedenfalls nicht im engen Sinn von Solanum tuberosum. Die Sorte „Mayan Gold“ wurde in Schottland aus einer anderen, nah verwandten Pflanzenart, Solanum phureja, gezüchtet. Sie ist von angenehmem, leicht süßlichem Geschmack und ungewöhnlicher, cremig-trockener Textur.

Vor ein paar Jahren hatte ich sie schon mal in einer Sortentüte, die ich für ein aufwändiges Zeichenprojekt gekauft und deren Inhalt ich dann auf dem Balkon ausgepflanzt hatte. Bei der Verkostung fand ich seinerzeit in der Schale weich gekochten Kartoffelbrei – die Kochzeit ist kürzer als bei herkömmlichen Kartoffeln. Dieses mal hat es besser geklappt und vielleicht pflanze ich mir diesen Sommer wieder welche auf die Terrasse.

Kartoffeln der Sorte „Mayan Gold“, mal wieder auf Stillman&Birn beta im Ringbuch.


Lemon Curd

Am Wochenende vor Weihnachten habe ich es dann doch noch geschafft, ein paar Plätzchen zu backen, und neben denen mit Nüssen und Mandelkern haben sich auch solche mit Lemon Curd in den Kreis der Familienrezepte geschlichen. Lemon Curd ist eine weiche Creme aus Butter, Eiern, Zucker und Zitronen; mein Rezept für diese very britische aromatherapeutische Süßigkeit stammt noch aus der DDR-Zeitschrift „Magazin“, in der Ursula Winnington, „die Biolek des Ostens“, ihr Küchenkolumne betrieb.

Bevor es mit dem Kochen losging, habe ich mir noch drei Zitronen auf den Frühstückstisch gelegt und schnell mit Kugelschreiber skizziert – Text und Farbe kamen erst heute dazu.


Die Zeichnung der drei Zitronen habe ich mit Kugelschreiber angefertigt – für mich ein ungewohntes Medium – und dann zügig und locker mit Aquarellfarbe koloriert. Nach den A6-Heften darf es jetzt wieder etwas größer sein: mein derzeitiges Zeichenbuch ist ein 18×23 cm ZETA-Ringbuch von Stillman&Birn, ein Format, das ich sehr schätze.