Magdeburg
Veröffentlicht: 8. Mai 2026 Abgelegt unter: Allgemein, Reiseskizzen | Tags: Dom, Gotik, Postmoderne, Sachsen-Anhalt, Urban Sketching Hinterlasse einen KommentarDer Weg nach Thüringen – dieses Mal mit dem Auto – führte mich über Magdeburg. Auch wenn ich nie in der Stadt gewohnt habe, ist sie mir doch durch frühere familiäre Verbindungen nahe. In den 1950er Jahren hatte meine Mutter einige Jahre dort gelebt, und ich stelle mir die Bühne dieses Lebens vor wie die ins Ostdeutsche gewendete Version eines frühen Romans von Böll: eine schwer beschädigte Domstadt am Fluss, notdürftig beräumte Ruinen, Kälte, Mangel, Kohlenrauch in der Luft …
(Die Zerstörung durch die Fliegerbomben des Zweiten Weltkriegs war etwas wie eine Retraumatisierung gewesen: 1631 war die reiche Handelsstadt Magdeburg auf dem Höhepunkt des Dreißigjährigen Krieges mit furchtbarer Brutalität geplündert und niedergebrannt worden, etwa 20.000 Menschen waren dabei ums Leben gekommen. Dieser Vorgang war selbst vor dem Hintergrund dieses an Gräueltaten nicht armen Krieges beispiellos.)
Ab den 1960er Jahren wurde Magdeburg zu einem Zentrum der Schwerindustrie ausgebaut, die Innenstadt in Nachkriegsmanier mit Plattenbauriegeln und autogerechten Magistralen notdürftig wieder hergerichtet. So habe ich sie von meinen wenigen Besuchen während der DDR in Erinnerung. Mit der politischen Wende kam die Deindustrialisierung; die Luft wurde sauberer, die Fassaden heller und die Leere zwischen den erhaltenen mittelalterlichen Kirchen noch deutlicher spürbarer als zuvor. Bis die Grüne Zitadelle gebaut wurde.

Die „Grüne Zitadelle“ wird als Hundertwassers letzter Bau bezeichnet, dabei ist sie weder grün noch von Hundertwasser (allein) gebaut. Die Grundidee stammte noch von ihm und wurde nach seinem Tod von einem bewährten Architektenteam ausgeführt. Das Grün kommt von den zahlreichen Bepflanzungen und „Baummietern“, ansonsten ist die vorherrschende Farbe ein kräftig leuchtendes Rosa. Man hat Hundertwasser zu Recht vorgeworfen, dass seine Bauten nur oberflächliche Talmi-Lösungen für städtebauliche Probleme bieten, dass sie nicht nachhaltig seien und den Innenräumen kaum Aufmerksamkeit geschenkt worden sei, und dennoch: das märchenhafte Gebäude entfaltet im Zentrum der so schwer gezeichneten Stadt eine wundersame, heilende Wirkung.

Neben der Grünen Zitadelle galt mein Besuch dem Magdeburger Dom und dem angeschlossenen neuen Dommuseum. Die akribisch dokumentierten Ausgrabungen konnten mich an diesem Nachmittag nicht ausreichend in ihren Bann ziehen – doch bei den Wasserspeiern fand ich glücklich ein ungewöhnliches Zeichenmotiv. Wir alle kennen Bilder von solchen Wasserspeiern, die meisten sind so hoch angebracht, dass sie sich dem Gezeichnet-Werden entziehen. Diese beiden – „Löwe“ und Widder – hingen im Museum zwar auch noch unter der Decke, waren aber gut zu erkennen.
Nachdem ich im Hotel der Grünen Zitadelle übernachtet hatte, fuhr ich am nächsten Vormittag dem – musealen – Höhepunkt dieser Reise entgegen, von dem im nächsten Beitrag die Rede sein wird.
An der See, drinnen
Veröffentlicht: 27. Februar 2022 Abgelegt unter: Reiseskizzen, visuelles Tagebuch | Tags: Café, Mecklenburg, Museum, Ostsee, Postmoderne, Rostock Hinterlasse einen KommentarLetzte Woche war ich für ein paar Tage an der Ostsee. Bei Regen und Sturm verstand es sich von selbst, dass auch das eine oder andere drinnen stattfand. Bevor ich noch in meinem Hotel ankam, besuchte ich die Ausstellung „Perspektivwechsel“ in der Rostocker Kunsthalle – gezeigt wurde deutsche Nachkriegskunst aus Rostocker und Lübecker Beständen.
Den tiefsten Eindruck hinterließ bei mir ein Bild, das nicht zu der Ausstellung gehörte: das Selbstporträt von Kate Diehn-Bitt von 1933. Die Malerin wird als Vertreterin der Neuen Sachlichkeit gerade wiederentdeckt, und so wurde das Gemälde an prominenter Stelle gezeigt, bevor es als Leihgabe zu zwei großen internationalen Ausstellungen reist.

Die Malerin hat sich selbst als Halbfigur in klassischer Malerpose dargestellt; beim Abzeichnen habe ich mich auf den Kopf beschränkt und dabei ein bisschen Schraffurtechnik geübt. (Das machte sich gut am Abend im Hotel, während draußen der Sturm tobte und die Brandung rauschte.)
Das Hotel war – wie vieles im Osten – ein klassisches Produkt der späten 90er Jahre. Während in den Zimmern Messing und Marmor den Ton angaben, waren es in der Lobby Korbmöbel, Fliesen und grün gestrichene Metallstreben, eine postmoderne Remineszenz an Kaiserbahnhöfe oder dergleichen. Es war ein schöner Ort zum Zeichnen, licht und freundlich und nicht zu voll, und dabei mangels rechter Winkel ziemlich knifflig. So sind auch außer der Rezeptionistin ganz hinten keine Menschen auf dem Bild – die waren immer schon wieder weg, wenn ich mit ihnen anfangen wollte.

Beim Frühstück hatte ich mehr Glück: nicht nur, dass draußen blauer Himmel über blauem Meer auf mich wartete – die Leute hielten auch so lange still, bis ich sie halbwegs auf dem Bild hatte.

Den Abfahrtstag verbrachte ich noch ein paar Stunden in Bad Doberan. Durchgefroren vom Münsterbesuch fand ich in einem ziemlich vollen Café einen guten Platz mit Blick aus dem Fenster und auf zwei Damen im Gegenlicht. Die beiden waren so in ihr Gespräch vertieft, dass sie mein intensives Zeichnen nicht bemerkten. Als ich fast fertig war, sprach mich die Kellnerin an: ob mich denn die Unruhe und die vielen Gespräche nicht in meiner Konzentration störten. Da merkte ich, dass ich eine glückliche Stunde lang ganz und gar in meinem Bild aufgegangen war …

Hamburg
Veröffentlicht: 19. November 2017 Abgelegt unter: Allgemein, Architektur, Ink&Wash, Urban Sketching | Tags: 80er Jahre, Architektur, Hamburg, Postmoderne Hinterlasse einen KommentarGestern war ich bei einem Workshop mit Till Lenecke in Hamburg zeichnen. Auf dem Programm standen Fischmarkt und Holzhafen – also richtige Hamburger Bilderbuchansichten. Der Wind pfiff um die Ecken und es hat immer mal geschauert, dafür wurden wir mit spektakulären Abendhimmeln entschädigt.
Am Fischmarkt habe ich die Aussicht noch ignoriert und statt dessen unseren Treffpunkt, den Minervabrunnen, gezeichnet (einschließlich der frierenden Zeichner unter ihm). Das ganze Ensemble atmet mit seinem kupfergrün gestrichenen Stahlrohrtürmchen und seinen abgerundeten Backsteinformen den heute ein bisschen gestrig anmutenden Charme der 80er Jahre. Auch der Brunnenfigur konnte ich das Jahrzehnt ihrer Entstehung auf eine nicht näher zu definierende Weise ansehen. Beim Nachlesen stellte ich dann fest, dass sie just von dem gleichen Künstler – Hans Kock – stammt wie die Lampen im Greifswalder Dom, die mich vor einigen Wochen so penetrant an die Lampen aus dem Palast der Republik erinnert hatten! (Der Brunnen selbst ist allerdings alt, er stammt aus dem 18.Jahrhundert.)

Minervabrunnen am Hamburger Fischmarkt.
Danach ging es ein paar Straßen weiter zum Holzhafen. Während schon die Dämmerung einfiel, konnte ich aus dem Windschatten eines Hauses heraus den Blick auf die Elbe zeichnen. Auf der Heimfahrt im Zug habe ich noch ein bisschen daran herumgefriemelt – besonders die Geometrie der Hochhausfassade konnte noch ein bisschen Gestrichel vertragen. Die Farbe kam dann heute dazu.

Blick vom Hamburger Holzhafen auf die Elbe. Hinter den alten Kränen der „Kristall-Tower“, ein Luxuswohnhaus.
Greifswald
Veröffentlicht: 22. Oktober 2017 Abgelegt unter: Allgemein, Architektur, Ink&Wash, Reiseskizzen, Urban Sketching, visuelles Tagebuch | Tags: 80er Jahre, Caspar David Friedrich, Dom, Greifswald, Kloster, Moderne, Postmoderne, Romantik Hinterlasse einen KommentarAnfang der 80er habe ich in Greifswald studiert, nicht nur mein Fach, sondern intensiv auch das Leben. Mit einigen der Mitlebenden jener Jahre durfte ich mich vergangenes Wochenende dort treffen. Ich habe die Stadt, deren Zerfall und Abriss mich bis heute schmerzt, seit meiner Studienzeit nur sporadisch besucht, um so eindringlicher war der heutige Blick auf die Orte der Vergangenheit.
Zuerst ein Postkartenmotiv: Der Dom vom Rubenow-Platz aus. Muss ich sagen, dass der rosige Himmel ein – hach, schönes Neudeutsch! – Fake ist? In der sogenannten Wirklichkeit war er grau (und blieb es fast den ganzen Tag, belebt nur vom kalten Greifswalder Wind), doch ich hatte das Blatt schon mit etwas Magenta präpariert. Mein Beitrag zum Thema „Urban Sketcher zeigen die Welt, wie sie wirklich ist“.

Greifswalder Dom von Westen, Super5-Tinte violett und Wasserfarbe in S&B Beta.
Wir sind – mit dem Wind im Rücken, immerhin – am Ryck entlang nach Wieck und Eldena gelaufen, ein klassischer Greifswalder Spaziergang. Die Klosterruine Eldena ist eine der berühmtesten Ruinen der Kunstgeschichte, Ikone und Topos der Romantik, von Caspar David Friedrich immer wieder gemalt, der ins Leere blickende Spitzbogen des Ostchors ein Versatzstück popkultureller Mittelaltersehnsucht.
Die Ruine in ihrer jetzigen Form hat wenig mit Friedrichs Bildern gemein, ein heiteres, parkartiges Areal; auch ist vom ehemaligen Kloster deutlich mehr erhalten, als Friedrichs Bilder ahnen lassen. Auf Motivsuche habe ich mich in Klein- und Kleinst-Skizzen ausgetobt; Friedrichs Ostchor hat, obwohl nicht der interessanteste Ausschnitt, dann doch noch eine besondere Bühne erhalten.
- Ein-Linien-Skizzen …
- … und mein Lieblingsmotiv in der Eldenaer Ruine.

Ikone der Romantik – der Ostchor der Klosterrunie Eldena.
Am Sonntag Vormittag kam dann die Gelegenheit, im Dom zu zeichnen, und mit ihr die Frage, was. In der Mischung der Stile materialisieren sich 700 Jahre Geschichte, vom gotischen Baukörper über frühbarocke Epitaphe, neugotischen Zuckerguss bis zu den deutlichen Spuren des Umbaus der 80er Jahre. Ich entschied mich für letztere, Kronleuchter mit Kugellampen, die mich an die Bezeichnung „Erichs Lampenladen“ für den „Palast der Republik“ erinnerten. Während der „Palast“ längst einer Schlosskulisse gewichen ist, dürfen die Greifswalder Lampen immer noch von den Um- und Querwegen der Geschichte erzählen, von den komplizierten Verhältnissen zwischen Staat und Kirche in der DDR, die kurz vor der politischen Wende dazu führten, dass Erich Honecker dem Eröffnungsgottesdienst einer Kirche beiwohnte – neben Berthold Beitz vom vormaligen kapitalistischen Erzfeind Krupp.

Greifswalder Dom. Kronleuchter im Stil der 80er Jahre.
Zum Weiterlesen hier noch ein paar Informationen zur jüngeren Geschichte des Greifswalder Doms: „Ein Dom der Ost-West-Moderne“. Ein Artikel zur den baulichen und stilistischen Hintergründen des Umbaus. „Zwischen Anpassung und Abgrenzung“. Ein Beitrag zur politischen Situation. „Der Greifswalder Weg“ ist ein Buch der Autorin Rahel von Saß (jetzt Rahel Frank), das sich sehr gründlich den Verbindungen von Kirche und Staatssicherheit im Greifswalder Umfeld widmet. Ein langes Interview mit dem evangelischen Greifswalder Studentenpfarrer jener Zeit, Harro Lucht, schlägt den Bogen weiter, von den 50er Jahren bis in die Gegenwart.


