Beuron

Nachdem ich drei Tage lang über die Schwäbische Alb gewandert war, den Albtrauf hoch und das Bäratal entlang bis nach Bärenthal (nein, gesehen habe ich keinen, doch einsam genug wäre es gewesen), führte mich mein Weg zum Kloster Beuron. Das Kloster, das als „Erzabtei“ eine hervorgehobene Stellung unter den benediktinischen Klöstern einnimmt, wird von etwa 50 Mönchen bewohnt, die in besonderer Weise das benediktinische Stundengebet und den gregorianischen Gesang pflegen. Schon einmal, in der Obermainregion, hatte ich – sehr bewegt – diese Gebetsform als Gast in einem Kloster erleben dürfen.

Beuron bietet zudem einen beeindruckenden künstlerischen Rahmen. Analog zur Erneuerung der kirchlichen Liturgie hatte sich zum Ende des 19.Jahrhunderts eine Bewegung von bildenden Künstlern entwickelt, die an frühchristliche und byzantinische Formen anknüpften. Wie immer bei solchen Renaissancen ist auch hier etwas Neues entstanden – neben den archaischen Elementen hat das Ergebnis auch eine Anmutung von Jugendstil.

Die Beuroner Gnadenkapelle ist ein Gesamtkunstwerk, das ganz und gar im Geist dieser Künstlerschule geschaffen wurde. Ich habe dort einige Stunden zugebracht, meditierend, dem Gesang der Mönche lauschend und zum Schluss auch noch zeichnend. Mein Bild empfindet einen kleinen Teil der Apsisausmalung nach, wobei die Ornamentik im Original natürlich viel feiner, ziselierter und harmonischer ist. Ich habe wesentliche Teile der Zeichnung vor Ort auf einem farbig vorgrundierten Blatt begonnen – und bin zu Hause hoffentlich nicht der Versuchung erlegen, aus einem andeutenden Fragment eine realistische Abbildung machen zu wollen.

Als ich meinen Pilgerweg am nächsten Tag fortsetzen wollte, regnete es so stark und anhaltend, dass ich auf den Zug ausgewichen bin. So saß ich gegen Mittag auf dem kleinen Beuroner Bahnhof und hatte noch etwas Zeit, die Kalkfelsen im Herbstlaub zu skizzieren. (Auch hier: vorgrundiert und zu Hause nachgearbeitet.)


Florales Fachwerk

Fachwerk – zu floralen Formen gebogen – das hat nur der Jugendstil versucht. Als ich das „Sonnenhaus“ in Coburg erblicke, traue ich meinen Augen nicht, so auffällig ist das Gebäude. Gebogenes Fachwerk, Sonnen- und Mondmotive, riesige vegetative Stuckornamente, steinerne Büsten, Zierleisten und Burgzinnen … kein Wunder, dass das Bauhaus kurze Zeit später radikal mit dem Ornament aufgeräumt hat.

Später las ich, dass Coburg noch mehr bekannte Jugendstilbauten zu bieten hat, die dem Mix aus quietschbunten Renaissancefassaden und Tudorrevival noch eine weitere Facette hinzufügen. Ob das immer schön ist … jedenfalls hat es viel Spaß gemacht, es zu zeichnen.

Das Coburger

Das Coburger „Sonnenhaus“, eine auffällige Jugendstilvilla. Super5-Tinte in grau und schwarz mit Wasserfarbe.