Frauenkirche

Hier nun das dritte und letzte Bild meiner Dresden-Reise, entstanden samstagmorgens an der Elbe. Ich war früh auf, und bevor noch mein Frühstückscafé öffnete, setzte ich mich in einen kleinen, um diese Zeit natürlich verlassenen Biergarten am Elbufer. Vor mir lag das berühmte Panorama im Morgenlicht, anfangs noch sanft und verhangen, später in greller stechender Sonne.

Deren Licht einzufangen war nicht einfach und (für mich) letztlich nur um den Preis von viel Blau am Himmel und viel Grau in den Schatten zu haben. Auf stützende Tintenlinien zu verzichten fiel mir nicht leicht, immer wieder zuckte die Zeichenhand zum Füller; am Ende kam er dann mit einem kleinen Stück Schrift zum Einsatz.

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Die Dresdener Frauenkirche im Morgenlicht. Aquarell auf Stillman&Birn Beta.


Kehrwieder, o Sulamith

In meinem letzten Greifswalder Studienjahr, im Winter 1983/84, hörte ich von einem altertümlichen Spulentonband zum ersten Mal einen Sänger mit neuen, ungewohnten Liedern: distanziert, etwas altklug und treffsicher bis mitten ins Herz. Letztes Wochenende, 35 Jahre später, hatte ich das Glück, diesen Sänger, dessen Musik mich seitdem begleitet, live in Greifswald hören zu können: Heinz Rudolf Kunze im lange vorher ausverkauften Dom.

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Wäre ich ein Embryo dann wählte ich trotz allem jetzt und auch in Zukunft die Geburt. Heinz Rudolf Kunze im Greifswalder Dom.

Am nächsten Morgen bin ich dann noch einmal in den Dom gegangen. Es war morgenhell und trotz der werkelnden Bandcrew auf eine gewisse Weise still; ich schaute mir die noch weitgehend unrestaurierten barocken Kapellen im Chorumgang an. In einer lud eine schön verzierte Tür zum Zeichnen ein, und erst als ich schon damit angefangen hatte, las ich, was in verschnörkelter Fraktur darauf stand: Kehrwieder, o Sulamith.

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Detail einer barocken Kapellentür im Greifswalder Dom mit der Inschrift „Kehrwieder, o Sulamith“ (Eine altertümliche Übersetzung aus dem Hohen Lied, Kap. 7, 1.)


Hundertfaches Glück

Zeichnen macht glücklich, das weiß jeder, der es gelegentlich praktiziert. Wie glücklich es macht, mit hundert anderen gemeinsam zu zeichnen, durfte ich am letzten Wochenende beim Deutschlandtreffen der Urban Sketchers im holsteinischen Städtchen Eutin erfahren.

Was machen 100 Zeichnerinnen und Zeichner, die sich besser kennenlernen wollen? Natürlich, sie zeichnen sich erst einmal gegenseitig. Daher gab es am Freitagabend eine Porträtparty mit lustigen Mini-Skizzen auf Bierdeckeln. Ich habe die Idee später noch einmal aufgegriffen und als Lockerungsübung die Nieten aus der Tombola zu Hauptgewinnen verarbeitet.

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Die Nieten aus der Tombola (jeweils gut 4×4 cm groß) habe ich in mein Skizzenbuch geklebt und für eine kleine Lockerungsübung genutzt.

Die Workshops wurden ausgelost, und so fand ich mich Samstag Vormittag auf einem Parkplatz wieder – „Autos in der Stadtlandschaft“ war das Thema. Dave Robb, ein prominenter Motoraddesigner, lehrte uns vor allem eins: bei Form und Farbe genau hinzusehen und unsere Bilder im Kopf zugunsten der Wirklichkeit loszulassen. Zen oder die Kunst, ein Auto zu zeichnen.

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Ein blauer Mini hat viele Farben.

Sehr bereichernd auch der Nachmittagsworkshop mit Nicola Maier-Reimer, bei dem es darum ging, die Aussagekraft des eigenen Bildes durch geeignete Komposition zu unterstreichen, und, vorher noch, für mich selbst herauszufinden, „welche Geschichte mein Bild erzählen will“. Autos? Menschen? Historie? Was steht im Mittelpunkt? Für mich wurde es ein Konvolut von Schildern und Schatten.

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Schilderwald und Schattenwurf.

Sonntag dann offenes Zeichnen (mit vielen zusätzlichen Gästen; das Treffen der beiden ersten Tage war leider auf 100 Teilnehmer begrenzt) und nachmittags eine – wie das ganze Wochenende von Ehrenamtlichen hervorragend organisierte! – Ausstellung der Resultate. Am Vormittag flanierte die „Societé du Baroque“ durch das herrliche Spätsommerwetter in Schloss und Park.


Goldengel und graue Schlange

Königsfeld auf dem Fränkischen Jura hat nicht nur ein Gasthaus mit Stammtisch zu bieten, es hat auch Geschichte. Der Name Königsfeld erinnert an eine karolingische Pfalz, die Kirche ist noch heute mit Mauern und Toren als Wehrkirche befestigt, und alles atmet den Geist eines sehr alten Siedlungsplatzes.

Im Innern geht es hübsch barock zu, besonders die Kanzelengel hatten es mir angetan. Leider habe ich den pfiffig-verschmitzten Ausdruck nur bedingt einfangen können.

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Barocker Engel an der Kanzel der Königsfelder Kirche.

In einer Nebenkapelle stieß ich dann auf ein Glasfenster mit einer Mondsichelmadonna, der Machart nach vermutlich um 1900 entstanden. Ich stand auf Augenhöhe mit dem zarten Madonnenfuß, der die Schlange der Sünde zertritt, und war sowohl von der feinen Grisaille-Arbeit als auch von der naturalistischen Darstellung des Schlangenkopfes beeindruckt.

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Detail einer Glasmalerei in der Marienkapelle in Königsfeld. Besonders hat mir die an eine Schwarzweißfotografie erinnernde Darstellung von Schlange und Apfel gefallen. PITT-Pens und etwas Wasserfarbe in S&B Zeta.

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Oh du schöne Tulipan

Oh du schöne Tulipan/

wie bist du doch angethan/

und so fein und hübsch geschmükket/

mit so mancher Farben Zir/

damit deine Blume mir/

mein Gesicht hat oft erquikket.

Papageientulpe. Aquarell in Stillman & Birn Zeta Skizzenbuch

Papageientulpe. Aquarell in Stillman & Birn Zeta Skizzenbuch. Die Malweise ist angelehnt an das Buch von Anna Mason. 

Was könnte besser zu einer so barocken Tulpe passen als ein barockes Gedicht? Johann Henrich Hadewig war Kirchenlieddichter im Westfalen des 17.Jahrhunderts, er schrieb eine Art Anleitung zum Dichten auf deutsch – dass das überhaupt ernsthaft möglich sei, wurde damals durchaus noch bestritten. Darin finden sich auch diese schönen Zeilen über die Tulpe. Ganz im Stil der Zeit hat Hadewigs Gedicht die stattliche Länge von 32 Strophen, in denen sich Naturschilderung, Gartentechnisches und Erbauliches abwechseln, und so endet es auch wie Kirchenlied:

Also nehme ich wohlbedacht/

meine Tulipan in acht/

di mich so vil gutes lehret;

und bedenk‘ in meinem Sinn/

wann ich bei derselben bin/

dass es alles GOtt bescheret.