Kaufmannsladen

An einem der seltenen freien Nachmittage in einem Café zu zeichnen ist ein kleiner Bissen Urlaub. Heute war ich früh genug in der Stadt, um in der sonst immer überlaufenen Rösterei Fuchs noch einen ruhigen Fensterplatz zu ergattern – da saß ich dann sehr zufrieden und schaute von hinten auf den Verkaufstresen. Der „Fuchs“ ist Rösterei, Café, Bistro und Confiserie: in hohen Regalen stapeln sich die pastellfarbenen Schokoladen einer bekannten Edelsorte, und auf dem Tisch neben der schönen analogen Kaffee-Waage stehen Bonbongläser mit kleinen Leckereien aus aller Herren Länder. Je grauer es draußen wurde, desto bunter wurden die süßen Sachen auf meinem Blatt – bonbonrosa eben. Und am Schluss sah es aus wie in einem dieser pädagogisch wertvollen Kaufmannsladen-Spiele …

Am Verkaufstresen der Schweriner „Rösterei Fuchs“.

Neuland

Mit diesen gelben Tulpen habe ich Neuland betreten. Genauer gesagt: mit dem Bild, denn gelbe Tulpen gehören seit Jahren zum Spätwinter in meiner Wohnung. Mindestens so lange zeichne ich Bilder von meinem Alltag, von Blumen, Teetassen, Früchten – und fast immer tue ich das mit Füller oder Fineliner und Aquarellfarbe auf weißem Papier.

Dafür gibt es gleich mehrere Gründe: zum einen ist weißes Papier in unserer Zeit und Kultur das natürliche Schreib- und Zeichenmaterial. Zum anderen habe ich mich, bald nachdem ich mit dem regelmäßigen Zeichnen begann, ganz bewusst zur Beschränkung entschieden. Meine Zeichenzeit ist begrenzt und in dieser Begrenzung scheint es mir nicht sinnvoll, mit immer anderen Materialien zu experimentieren.

Doch nun habe ich mich zu einem Kurs bei der kongenialen Zeichnerin Pat Southern-Pearce angemeldet, deren stark graphische, vom Jugenstil inspirierte Arbeiten ich schon lange bewundere. Sie arbeitet mit Füller, Markern und verschiedenen Kreiden und Buntstiften, und zwar fast immer auf getöntem Papier. In meinem Schrank fand ich noch einen Block naturbraunes Multimediapapier der Marke PaintOn von Clairefontaine und war beim ersten Versuch so begeistert, dass ich mir auch noch die graue Variante besorgt habe. Zusammen mit einem kleinen Satz wasserlöslicher Wachskreiden kam das Päckchen am Freitag an.

Gelbe Tulpen am Fenster. Füller, wasserlösliche Wachskreiden und Albrecht-Dürer-Aquarellstifte mit etwas weißem PITT-Pen auf grauem PaintOn-Papier von Clairefontaine.



Landpartie

Letztes Wochenende, bei diesem unglaublichen Wetter, waren wir auf Landpartie. Zwischen grünen Wiesen und unter tiefblauem Himmel, noch ohne Lerchen, so saßen wir: meine kleinen Großnichten selig auf einem Pferderücken und ich – nicht minder selig – mit Stift und Block in der Landschaft.

Birnbaum in Alt Jassewitz. Kugelschreiber und Aquarell.

Am Nachmittag trennten sich die Wege, und ich fuhr ein paar Kilometer weiter nach Hohenkirchen, das seinen Namen zu Recht trägt. Als eine weithin sichtbare Landmarke steht die wuchtige gotische Kirche etwas oberhalb des Dorfes auf einem Hügel; zeitlos, wie es scheinen will, als wäre sie schon immer da gewesen.

Die Dorfkirche von Hohenkirchen bei Wismar

Zu meiner Freude war die Kirche geöffnet. Drinnen erwartete mich eine Überraschung: ein frühmittelaterlicher Taufstein, sichtlich älter als die gotische Kirche. Vieles spricht dafür, dass diese Art von Taufsteinen sogar älter ist als das offizielle Datum der Chrisianisierung Mecklenburgs. Sie legen Zeugnis ab von Glauben und Ritus bäuerlicher Volksgruppen, über die wir nur wenig Gesichertes wissen.

Der frühmittelalterliche Taufstein in Hohenkirchen. Das rechts unten als „Zopf und Schleife“ bezeichnete Motiv könnte einen Lebensbaum symbolisieren.

Amaryllis auf wechselndem Grund

Vielleicht lag es am warmen letzten Jahr, dass von fünf meiner übersommerten Amaryllis-Zwiebeln drei zum Blühen kamen – ohne professionelle Gärtnersteuerung alle auf einmal Mitte Februar. Da standen sie dann wie Tänzerinnen an einem etwas kühleren Fenster und waren leider trotzdem viel zu schnell verblüht. Zwei Wochen hatte ich immerhin Zeit, sie abzubilden.

Unter der Hand geriet mir die Zeichenaktion zu einem kleinen Materialtest. Die schiere Größe der Blüten ermunterte mich zu Formaten weit jenseits von Stillman&Birn’s ungewöhnlichen und von mir favorisierten 18×25 Zentimetern, ich holte lange nicht genutzte Zeichenbücher und Aquarellblöcke aus dem Schrank – und brauchte für die größeren Formate natürlich auch mehr Farbe, als die halben Näpfchen meines „Handtaschenkästchens“ von Schmincke hergeben.

Gezeichnet mit wasserfester roter und grüner Tinte in einem alten Skizzenbuch von Vang, dessen schönes glattes, cremeweißes Papier mich wieder einmal begeistert hat. Koloriert mit Aquarellfarbe

Die Aquarellfarben der koreanischen Firma Miejello verwende ich selten. Sie verhalten sich anders als meine gewohnten Schmincke-Farben, deckender, weniger fließend; außerdem sind sie ziemlich bunt. (Was auch daran liegt, dass sich in meinem Satz nur Ein-Pigment-Töne befinden.) So ist auch die Blütenstudie ein bisschen schwer und massig geraten, fast wie ein Gouache.

Studie einer Amaryllisblüte. Aquarellfarben von Mijello auf Stillman&Birn Zeta, A4

Diese Kompositionsstudien sind auf einer Doppelseite des A4-Buches entstanden, mit wasserfester Tinte und Polychromos-Farbstiften.

Aus der Kompositionsstudie gingen zwei Aquarelle hervor. Das erste war noch wie Fahrradfahren mit Stützrädern – deren Rolle übernehmen hier die Tintenstriche.

Aquarellfarben von Miejello und White Nights auf Hahnemühle Bütten rau, umrahmt von ein bisschen wasserfester Tinte in graublau.

Beim zweiten war ich mutiger und habe sogar auf eine Vorzeichnung mit Bleistift verzichtet. Das Papier ist ein Schwergewicht von Hahnemühle, Akademie Aquarell, durchgeleimte 425 Gramm.

Ein Versuch in Aquarell.



Zug um Zug

Im Winter fahre ich, entgegen allen guten Vorsätzen, selten mit dem Zug zur Arbeit – in der dunklen Zeit macht der sonst so geliebte Bahnhofsweg durch Schwerin und Ludwigslust einfach keinen Spaß. Dabei habe ich es gut: auf unserer Strecke sind die Züge sauber, leer und pünktlich und die halbe Stunde ist lang genug, um die Malsachen auszupacken.

Nun, wo die Tage wieder länger werden, nehme ich den Weg am Pfaffenteich entlang wieder auf und genieße die geschenkte Zeit.

Noch fährt der Regio im Dunkeln
Drei Wochen später erfreut mich schon ein grandioser Sonnenaufgang.


Dreimal schwarze Kanne

Die kleine schwarze Kanne fasst knapp vier Tassen Tee; sie hat als Alltagskanne schon meine Kindheit begleitet und ist, fast ein Wunder in über fünfzig Jahren, unbeschädigt geblieben. Heute benutze ich sie nur noch selten, doch wenn, hole ich dazu noch das andere, eben so vorsichtig verwendete schwarz-grüne oder dunkelrote Bollhagen-Geschirr raus. Dabei ist die Kanne selbst gar nicht von Bollhagen, jedenfalls trägt sie keine Marke, auch wenn sie perfekt den Geist – man kann es auch einfach die Mode nennen – der 50er, 60er Jahre verkörpert.

Zeichnen wollte ich sie schon lange mal; jetzt ist eine kleine Serie daraus geworden, mit unterschiedlichen Zeichenmaterialien.


Die Versionen 2 und 3 sind beide heute entstanden, und zwar auf mit etwas Wasserfarbe vorgrundiertem Papier.


Zwei alte Männer

Das Staatliche Museum Schwerin beherbergt einen großen Schatz an niederländischen Bildern des Goldenen Zeitalters; denen habe ich mich bei meinem letzten Besuch gewidmet.

Das „Bildnis eines alten Mannes“ kannte ich schon von einer früheren Sonderausstellung. Es ist lange für einen Rembrandt gehalten worden, was bei der beeindruckenden Präsenz des Dargestellten und der hohen malerischen Kunst nicht verwundert – erst 2008 hat man es eindeutig Rembrandts Atelierkollegen Jan Lievens zugeschrieben. Es handelt sich um eine sogenannte „Tronie“, eine Porträtstudie. Tronien hatten eine vergleichbare Entwicklung von der Vorstudie zum eigenständigen Kunstwerk genommen wie unsere heutigen „Skizzen“. (Die vermutlich bekannteste Tronie ist der „Mann mit dem Goldhelm“, der ja ebenfalls nicht, wie lange vermutet, von Rembrandt stammt.)

Ich hatte das Blatt (Stillman&Birn Zeta) mit etwas gelber und grüner Aquarellfarbe grundiert und vor Ort mit Kugelschreiber gezeichnet. Die Farbe (und noch mehr Kugelschreiberschatten) kamen dann zu Hause. Kugelschreiber habe ich lange ignoriert – er ist ein wunderbares und vermutlich unterschätztes Zeichengerät – ähnlich wie Bleistift schmiert er allerdings.

Von ganz anderer Art ist Nicolaes‘ Mooeyaerts „Älterer Mann mit Handschuhen“. (Letztere muss man auf dem stark nachgedunkelten Original eine Weile suchen.) Hier verdient sich niemand mit Modellsitzen ein paar Geldstücke, sondern ein reicher und mächtiger Mann schaut mit der selbstbewussten Jovialität seines Standes aus dem Bild. Das Schwarz seiner Kleidung ist von puritanischem Understatement – auf den zweiten Blick erkennt man Seide und Brokat.

Ich habe mich hier anfangs mit Tinte in verschiedenen Farben versucht; als mich aber der braune Füller im Stich ließ, kamen mir die lange vernachlässigten PITT-Pens zur Hilfe, für die das glatte feste Papier ideal ist. (Beide Bilder sind Beginn eines Versuchs, meinen Stil durch „neue“ Materialien etwas aufzulockern.)