Neckartailfingen

Fast wäre ich an der Kirche vorbei gegangen. Nachdem ich am früheren Morgen bei kühlem, aber freundlichen Wetter am Ulrichstein in Hölderlins Gesellschaft gefrühstückt hatte, dann im auffrischenden Wind über ein Stück Hochebene mit Spargelfeldern und einer Alpakafarm (es sollte nicht die letzte auf der Tour bleiben!) gewandert war, zog es sich zu und begann wieder zu regnen: Zeit für eine Rast im Bäckerimbiss (wohl dem Ort, der einen hat!).

Und dann, im endlichen Weitergehen, war die Kirche da, wo sie hingehört in einem Flußtal: am halben Hang zwischen Wind und Überschwemmung, im ältesten Siedlungskern. Also noch mal bergan, einen schnellen Blick werfen und vergeblich auf die Klinke drücken … doch die Tür ging auf und drinnen verschlug es mir den Atem: Der Raumeindruck ist so ungewöhnlich wie überwältigend: ein hohes, sehr schmales Schiff mit zwei ebenso schmalen Seitenschiffen, Rundbögen, reine Romanik trotz der hoch aufragenden Maße, und eine reiche ornamentale und figürliche Ausmalung in Apsis und Chor.

Die romanische Kirche von Neckartailfingen.

Natürlich ist es mit diesem romanischen Kleinod wie mit vielen anderen seiner Art: was uns so wunderbar archaisch erscheint, ist Ergebnis wiederkehrender Um- und Anbauten, Freilegungen und Übertünchungen, sich wandelnder Moden in Glaube und Anschauung … Die herrlich proportionierten Säulen waren über Jahrhunderte von Emporen verdeckt, die Malereien überstrichen – erst seit etwa hundert Jahren hat die Kirche ihre heutige Gestalt.


Esslingen II

Inzwischen bin ich wieder zu Hause, mit einer Menge an Eindrücken, Gedanken, Erinnerungen … und natürlich Zeichnungen, ganz- , halb- und viertelfertigen, und wie jedes Mal stellt sich die Frage, wie nun mit denen verfahren. Im Ist-Zustand dokumentieren? Weiter ausführen? Schon unterwegs war mir klar, dass ich mich für Letzteres entscheiden, die Nachfreude von der Reise möglichst lange auskosten würde.

In Winnenden fing die Wanderung an und führte um Stuttgart herum nach Esslingen, der viel zu wenig bekannten Fachwerkstadt, in der ich einen ganzen Tag blieb. Die vor Ort fertig gewordenen Bilder hatte ich schon gezeigt. Die Stadtkirche St.Dionys mit ihrer zugleich wuchtigen und aufragenden Kraft hat mich sehr beschäftigt, und meine ersten beiden Esslinger Zeichnungen galten ihr.

Bevor ich anfing, hatte ich noch die Idee, mir zwei dunkelgraue Farbstifte – einen wasserfesten und einen wasserlöslichen – zu kaufen, um für schnelle Zeichnungen eine Alternative zu Füller und Bleistift zu haben, wollte ich doch unbedingt die von der Zeichnerin Antje Gilland empfohlene „Sketchwalk“-Methode ausprobieren – mehrere Miniskizzen zum Finden eines interessanten Themas.

Einige markante Details in der Esslinger Stadtkirche, vor Ort mit einem Polychromos-Stift gezeichnet und zu Hause um Farbe und etwas Schatten ergänzt.

Am nächsten Tag habe ich mich an das Fachwerk gewagt – das bekannteste Gebäude, das Alte Rathaus, lag im schönsten Mittagslicht, ich fand einen Restauranttisch im Schatten – nichts wie los! Leider drehte die Sonne schneller als erhofft und Farbe und Schatten wurden gestern Abend zu Hause noch kräftig vertieft.

Das Alte Rathaus in Esslingen

Danach setzte ich mich noch einmal in die Kirche, um den Lettner zu zeichnen, der mir bei meiner Motivsuche besonders entgegen gekommen war. Das Wort „Lettner“ kommt von lat. lettere – lesen – es bezeichnet eine durchbrochene Abtrennung, von der aus, ähnlich wie später von der Kanzel, gepredigt und dem großenteils analphabetischen Volk aus Bibel und Heiligenlegenden vorgelesen wurde.


Bilderbogen II

Wie jedes Jahr auf dem Pilgerweg komme ich zwar zum Gehen und Zeichnen, bin dann abends aber zum Schreiben meist zu müde. Heute ist Ruhetag in Tübingen und ich kann nun einige der in den letzten Tagen entstandenen Bilder zeigen. Einige sind wieder im „Bilderbogen-Stil“ gehalten.

In den letzten drei Jahren bin ich immer mit zweigleisigem Zeichenmaterial gereist: auf der einen Seite das gebundene Buch, auf der anderen ein Block Postkarten. Da habe ich mir auf die Dauer selbst auf die Füße getreten, welches Motiv wohin; auf den Postkarten war ich natürlich viel lockerer und wenn im Buch die Seiten knapp werden, fällt die Motivauswahl doppelt schwer. Also habe ich dieses Jahr noch ein zweites Buch im Gepäck, wenn das erste voll ist, geht es mit dem zweiten weiter und immer schön chronologisch und nicht nach vermeintlichem Wert sortiert …

Hinter Esslingen kam der Regen und es wurde kalt. Trotzdem habe ich mich in Denkendorf für die kalte Klosterkirche und nicht für die warme Gasthausstube entschieden. Kloster Denkendorf ist, wie viele Klöster in Württemberg, nach der Reformation in eine evangelische Internatsschule umgewandelt worden und dadurch in seiner Grundstruktur erhalten geblieben.

Maßwerkfenster in der Denkendorfer Klosterkirche – es regnete und ich hatte Zeit.

Am nächsten Tag war es freundlicher, wenn auch noch deutlich kühl. Das mittelalterliche Sühnekreuz – man sieht sie hier öfter – leuchtete im gelben Morgensonneschein, der die Berge der Schwäbischen Alb dahinter um so blauer erscheinen ließ. Der andere Stein ist mit einer Sage verbunden – der Württembergische Herzog Ulrich hat sich hier während eines Bürgerkriegs versteckt gehalten, was später lokalgeschichtlich überhöht wurde. Diese Überhöhung wiederum hat Hölderlin zu dem späten und ziemlich verrätselten Gedicht „Der Winkel von Hardt“ angeregt. (Überhaupt ist hier alles Hölderlin, so wie anderswo alles Goethe ist.)

Weiter ging es am folgenden Tag – vorgestern – eine lange Strecke durch frühlingshaft freundliches, frisch gewaschenes Land, über Streuobstwiesen und durch den „Schönbuch“, Tübingens Hauswald, nach Bebenhausen zu. Gleich früh sah ich auf einer Weide eine kleine Herde Rinder: zwei Mutterkühe, zwei Färsen und eine Milchkalb. Es waren wunderschöne Tiere, deren Abstammung und Verwandschaft mir der Bauer, der bald darauf kam, ausführlich erläuterte. Eine wirklich herzerwärmende Begegnung.

Die Zeichnung dieser schönen Tiere habe ich vor Ort mit einem wasserfesten Farbstift begonnen und bei den nächsten Regenrasten im Gasthof noch mit etwas Stift und Aquarellfarbe überarbeitet.

Von Schwäbisch Hall nach Winnenden

Hinter Schwäbisch Hall folgt der Pilgerweg noch ein wenig dem Kochertal, um dann zur ehemaligen Wallfahrtskirche in dem Dorf Rieden abzubiegen. Dort habe ich wohl an die zwei Stunden zugebracht, und einen der Altäre gezeichnet.

 

Am nächsten Tag bin ich etwas vom Pilgerweg abgewichen, weil es nicht immer einfach ist, Zwischenübernachtungen zu finden.

 

Am einzigen sehr heißen Tag der Tour konnte ich ein bisschen Zug fahren und habe dann in Murrhardt Zeit, ausgiebig einen romanischen Wasserspeier zu studieren.

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Am nächsten Morgen breche ich früh auf und kraxle durch die Hörchbachschlucht – das Schild „Nur für geübte Wanderer“ finde ich erst beim Ausgang. Später eine schöne Rast am Wanderheim Eschelshof.

 

Am vorletzten und letzten Wandertag geht es von Backnang hügelauf, hügelab durch zersiedelte Dörfer und dazwischen unerwartet schöne Streuobstlandschaften nach Winnenden.

 

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Irgendwo im Streuobstland.

 


Von Rothenburg bis Schwäbisch Hall

Wieder zu Hause habe ich die Bilder der letzten Wanderung gesichtet, einiges noch ein wenig überarbeitet und vor allem neu gescannt – die Qualität der Unterwegs-Fotos von den Bildern lässt leider oft zu wünschen übrig.

Hier noch mal ein kurzer, chronologisch geordneter Überblick über die ersten fünf Wandertage. Die Wegstrecke lässt sich auf der Seite der Deutschen Jakobswege  nachlesen, an der ich mich auch orientiert habe.

Am ersten Wandertag waren gleich 20 km zu schaffen; früh aufgebrochen und voll guter Vorsätze habe ich dann doch einiges zu Papier gebracht.

Eines meiner Lieblingsbilder dieser Reise entstand dann am Nachmittag, als das anfangs kühle Wetter sich erwärmte und ich eine selige Stunde in einer Wiese voller hüfthoher Knabenkräuter saß.

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Orchidee im Wald vor Schrozberg.

Schrozberg auf der Hohenloher Ebene hat ein Schloss, in dem – vielleicht – mal Götz von Berlichingen für kurze Zeit gewohnt hat. Ansonsten überwiegt die Moderne, vor allem die aus den 70er Jahren. Am nächsten Tag, auf dem Weg nach Langenburg, war ich von den Windrädern im Wald fasziniert.

Das Schloss in Braunsbach war dann das Gegenteil von hochherrschaftlich, sondern erfrischend unsaniert und schlichtweg in Wohnungen aufgeteilt. Am nächsten Tag lief ich unter der berühmten Kochertalbrücke hindurch, einer der größten Brücken ihrer Art weltweit.

Von Braubach lief ich durch schöne Wälder bis nach Schwäbisch Hall. In der Kirche St.Michael war ich froh, die Perspektive ganz gut erfasst zu haben – dafür ist es bei der Bleistiftskizze geblieben. Und während die Public Viewer in den Kneipen ringsum immer stiller wurden, weil Deutschland gegen Mexiko verlor, friemelte ich an einem besonders aufwendigen Fachwerk herum.

 

 

 

 


Streuobstwiesen

Die letzten beiden Tage bin ich hügelauf hügelab durch schier endlose Streuobstwiesen gelaufen, einen kleinen Garten Eden von unerwarteter Schönheit. (Unerwartet, denn die Orte sind meist gesichtslose Eigenheimsiedlungen, die die alten Dorfgrenzen schon lange überschritten haben und aus den Tälern die Hügel hinaufwuchern.)

Immer wieder nehme ich mir vor, eine Zeichnung von dieser Landschaft zu machen, und immer wieder „passt es nicht“, ist zu windig, zu sonnig oder es fehlt ein geeigneter Sitzplatz. Bis dann kurz vor Winnenden doch noch eine Bank an genau der richtigen Stelle auftaucht, gegen den Wind die ungeliebte quietschgrüne Jacke aus dem Rucksack geholt wird und es losgehen kann …

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Auf einer Wiese unterhalb von Bürg bei Winnenden.


Perspektive

Heute habe ich ein bisschen Perspektive geübt. Bei meiner Rast in Unterweissach saß ich neben einem alten Dorfbrunnen, dahinter das obligatorische Fachwerk-Rathaus, und weil ich Zeit hatte – es gab schließlich keine Hitze mehr, vor der ich davonlaufen musste – machte ich mich daran, alles fein säuberlich auszumessen.

Am Ende war ich wieder einmal fasziniert davon, wie sich mein Auge auch nach jahrelangem Training immer wieder täuschen lässt. Da gibt es die Kirchtürme, die trotz sorgfältigsten Messens mal wieder nicht aufs Bild passen, und immer wieder Anfälle von Bedeutungsperspektive: was wichtig und auffällig ist, stellen wir größer dar. In diesem Fall war ich überrascht, wie klein das Rathaus im Gegensatz zu dem Brunnen war: seine auffällige Farbigkeit und Struktur hatte es größer erscheinen lassen. (Ganz zu schweigen von dem selbstverständlich zu groß geratenen Türmchen.) 

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Rathaus und alter Dorfbrunnen in Unterweissach.