Rückblick III – Sargans

„Kirche vor Berg“ ist einer der Topoi des Alpenbildes – kaum ein Autohauskalender kommt ohne ihn aus. Die Wanderin stellt vor Ort fest, dass das Original zum Bild einfach schön aussieht. Zumal wenn der Himmel knallblau, der Berg felsig und schroff und die Kirche, auf einem Hügel gelegen, aus der Untersicht gesehen ist.

So ging es mir in Sargans. Ich war mit dem Zug gekommen, um im Nachbarort Mels die Alpabfahrt zu besuchen und spazierte durch das „Städtli“, die unterhalb der Burg gelegene kleine Altstadt, die wie ausgestorben wirkte – kein Wunder, alle Bewohner standen längst in Mels an der Strecke. Ich suchte mir einen Schattenplatz nahe der Kirche und legte die Vorzeichnung in großen Farbflächen an – um danach aufzubrechen. Gestern habe ich das Bild wieder hervorgeholt und – Kitsch hin, Kalender her – mit blauem Himmel und schroffen Felsen fertiggestellt.

Die Kirche von Sargans.

Am nächsten Tag hatte sich das Blatt gewendet und es regnete in Strömen. Ich stieg zur Burg neben der Kirche hinauf und suchte Unterschlupf im Museum, wo ich in den Fastnachtsmasken ein willkommenes Motiv fand. (Ich hatte sie schon einmal gezeigt, aber nun sind sie ordentlich gescannt und schön farbkräftig.)

Fastnachtsmasken im Sarganser Heimatmuseum.

Rückblick II

Von St. Gallen aus lief ich durch das Appenzellerland Richtung Rheintal. Eines meiner liebsten Bilder dieser Reise entstand auf diesem Weg: im kühlen Schatten eines Wirtschaftsgebäudes lud auf einer Stufe ein Sitzplatz zum Verweilen ein – so lange, bis das Bild auch wirklich fertig war.

Ein typisches Appenzellerhaus.

Am nächsten Tag wanderte ich über Berg und Tal und versuchte, endlich angekommen, noch die Skizze eines modernen Kirchleins gegen den Abendhimmel – sie misslang. Am nächsten Tag beschloss ich, dem Zeichnen seinen gebührenden Raum zu schaffen – und fuhr einen Teil der Strecke mit dem Bus. Der Lohn war u.a. das Bild einer alten Esche an einem Hang, über den Versuch des Vorabends gelegt. In der Zwischenzeit hatte sich noch ein Stempel der kleinen Wallfahrtskirche auf dem Blatt eingefunden – und zu Hause klebte ich das Bild einer hilfreichen Madonna dazu, deren Kirchlein komplett ungezeichnet geblieben war.

Ein Stück Reisetagebuch, wie ich es mir wünsche.
Das „Schlössli“ in Sax.

Die Schweiz ist bekanntlich kein preiswertes Reiseland – so habe ich meist in Privatzimmern übernachtet und mich aus dem Supermarkt verpflegt. An diesem Abend machte ich eine Ausnahme: ich speiste und schlief fürstlich hinter den dicken Mauern des „Schlössli“, eines echten Renaissance-Schlosses. Es ist ein wunderbarer Ort, dessen Bild man nicht ansieht, dass es leicht erhöht am Rand der Rheintalebene steht – man genießt einen wunderbaren weiten Blick. An dem verhangenen Morgen, an dem ich es mit ein paar Bleistiftstrichen skizzierte – alles andere kam später – sah man nicht, dass weit über ihm am Hang die Reste der Burg Hohensax zu sehen sind. Als ich ein wenig über das verzweigte Geschlecht derer von „Sax“ oder Hohensax“ nachlas, stellte ich erstaunt fest, dass sie in meinem Bücherschrank bereits eine Spur hinterlassen hatten. Im Freiburger „Wetzstein“ kaufte ich einst ein handsigniertes Exemplar von Adolf Muschgs Roman „Sax“ – den ich nie zu Ende gelesen habe, von dem ich nun aber immerhin weiß, wo der titelgebende Held seinen Stammsitz hatte.


Rückblick I

Einige Stunden des gestrigen, vorletzten Urlaubstages habe ich damit zugebracht, die Reisetagebücher zu sichten, unterwegs eingesammelte Erinnerungen einzukleben (oder wahlweise wegzuwerfen) und noch an das eine oder andere halbfertige Bild Hand anzulegen. Es war für mich selbst interessant zu sehen, wie weit weg die Erinnerungen der ersten beiden Wegwochen schon gerückt waren – anscheinend hat mein Gehirn nur einen bedingten Speicher für neue Eindrücke.

Einen Überblick über die gesamte Wegführung gibt es hier. Insgesamt bin ich rund 280 Kilometer gelaufen, gar nicht so viel auf die Länge der Zeit, aber für mich war es genug.

Begonnen habe ich in der Bodenseeregion, in der Fachwerkstadt Pfullendorf, wo ich vor zwei Jahren aufgehört hatte. Drei Tage bin ich weitgehend über Asphalt durch die Agrarsteppe des deutschen Bodenseevorlandes gelaufen, weiter über Überlingen nach Konstanz und zur Reichenau, bis es im Schweizer Kanton Thurgau drei Tage lang durch Apfelplantagen und Streuobstwiesen ging.

Einige Bilder habe ich neu gescannt – ich bin immer etwas unzufrieden mit der Qualität der Aufnahmen unterwegs – und zeige sie hier noch einmal.

In einem Waldstück ein berührendes Denkmal für die Opfer des Flugzeugabsturzes 2002 …

… und einige Tage später begegne ich dem Satz in einer 1000 Jahre alten Handschrift wieder, die in der St.Galler Stiftsbibliothekausgestellt wird.

Es ist sonnig am Bodensee, und ich bin froh über meine Antoniusmütze.
Uralte Kirchen auf der Insel Reichenau.
„Nur“ normales Mittelalter in Konstanz.
Gar nicht alt: der Laube-Brunnen von Peter Lenk.

Im Zauberwald und in der Stadt

Nachdem ich mit der Rhätischen Bahn durch den Tunnel gefahren war, ging der Weg am nächsten Tag ab Susch durchs Unterengadin weiter. Das Dorf liegt auf 1400 Höhenmetern, und der Weg führte an der nördlichen Talseite bergan – es war schattig und kalt. Vom Anstieg wurde mir bald warm, und ich erfreute mich an dem Zauberwald um mich herum: uralte Fichten und Lärchen, riesige Felsblöcke, Preiselbeeren und – Pilze! Sehnsüchtig hatte ich in den Wäldern des Rheintals danach gesucht, doch nur vereinzelt ein paar kleine Boviste oder ein Schopftintling gefunden. Hier hingegen schienen sie aus den Wegrainen zu quellen, Täublinge, Massen von Schafporlingen, Edelreizker … Natürlich hatte ich keine Möglichkeit, sie mitzunehmen und womöglich zuzubereiten, also winkte ich freundlich in ihre Richtung und pflückte mir ab und zu eine Preiselbeere.

An einem Holzplatz fand ich eine größere Menge an goldbraunen Pilzen, die ich noch nie gesehen hatte: besonders beeindruckte mich der leuchtend braune, weiche Ring. Wie ein Pantherpilz, der in braune Farbe gefallen war … Meine App hatte dazu auch nichts zu sagen, so machte ich einige Fotos und eine Bleistiftskizze.

Goldfarbener Glimmerschüppling – Phaeolepiota aurea – und Grüne Blattflechte – Peltigera malacea – Pilzwunder im Unterengadin

Erst zu Hause wusste eins meiner Pilzbücher Rat: Es waren Goldbraune Glimmerschüpplinge, die mich so beeindruckt hatten. Keine Wunder, dass sie schwer zu bestimmen waren: hatten sie zwar reichlich Goldbraun an sich, doch weder Glimmer noch Schuppen. Beides war den schon recht alten Exemplaren im Regen verloren gegangen. Glimmerschüpplinge sind relativ selten; sie enthalten Blausäure, die zwar beim Kochen verdampft, doch sind Vergiftungen beobachtet worden. 

Richtig ins Staunen geriet ich angesichts der seltsamen blattartigen grünen Pilze, die ich zwischen Moos und Preiselbeeren wachsen sah. Auch hier galt: Bleistiftskizze und Fotos, denn die netzunabhängige App war ratlos. Fündig wurde ich bereits abends im Hotel: es waren gar keine „normalen“ Pilze, sondern Flechten, Symbionten aus Alge und Pilz, und zwar die seltene „Grüne Blattflechte“, Peltigera malacea. Das Bild habe ich dann aber erst zu Hause fertiggestellt.

Falscher Schwefelröhrling, ein Zufallsfund in Stuttgart.

Auf dem Heimweg hatte ich einen Tag in Stuttgart pausiert. Auf einer Baumscheibe in einem ländlichen Vorort fand ich den „Falschen Schwefelröhrling“ (ich habe keine Ahnung, wie der richtige aussieht), auch „Gelber Hexenröhrling“ genannt. Hier wusste die App gleich Bescheid. Nach einem ausgefüllten Tag hatte ich abends im Hotel noch Lust, den Pilz zu zeichnen und holte ihn mir ins Zimmer – doch ich hatte die Rechnung ohne das gelbe Lampenlicht gemacht. So kamen wieder Fotos und Farbproben ins Spiel, dieses Mal im Bad – zum Fertigstellen war am nächsten Tag im ICE ausreichend Zeit.


Unter Arven und Lärchen

Nachdem ich mich zwei Wandertage lang an den Schätzen des Unterengadin nicht hatte sattsehen können, bog der Weg nach Süden ab, um mich nach einer Übernachtung in der ehemaligen Bergbausiedlung S-charl ins Val Müstair zu bringen. Der Weg nach S-charl führt durch ein schwer von Murenabgängen gezeichnetes Tal – man kann hier, der Straße über riesige Schutthalden folgend, dem Gebirge bei der Arbeit zusehen.

Es war ein mühsames Stück Weg; um so schöner wurde der zweite Teil der Strecke am nächsten Tag. Ein liebliches Bergtal, das sich allmählich in eine rotbraune Heidefläche weitet und sanft zum Pass da Costainas ansteigt. Auf der anderen Seite geht es steil zwischen Felsen hinab in eine grüne, parkartige Landschaft, die von Arven (Zirbelkiefern) und Lärchen geprägt ist.

Arven sind extrem frosthart und fühlen sich auch in 2000 m Höhe noch wohl, dabei wachsen sie langsam und werden alt – manche tausend Jahre. Beim Zeichnen konnte ich die Kraft geradezu spüren, die von diesem Baum ausging


Neige deines Herzens Ohr

Wenn man von Klosters mit der Rhätischen Bahn nach Süden durch den Tunnel fährt, kommt man in Susch wieder heraus. Hier startete ich an einem kalten, klaren Morgen Richtung Osten, das Inntal hinunter, von nun an dem Jakobsweg Graubünden folgend. Wobei „hinunter“ es nicht genau trifft: es ging in gewohnter Weise auf und ab, weil die Dörfer in sehr unterschiedlicher, oft großer, Höhe über dem Talgrund liegen. (Wer wissen will, warum das so, ist, lese Hans-Jörg Küsters „Geschichte der Landschaft in Mitteleuropa“)

Das Dorf Guarda, auf einem Südbalkon weit über dem Inn gelegen, ist einer der höchst gelegenen dauerhaft bewohnten Orte Mitteleuropas, ein Schmuckstück aus mit Malereien und Sgrafitto schön geschmückten Bündnerhäusern. Als ich dort ankam, war es längst heiß geworden, und ich ruhte gern einen Moment in der kühlen, im Gegensatz zu den Häusern reformiert-schlichten Kirche.

Fast schon war ich eingenickt, als jemand hereinkam, ein wenig umherging, sich mal hier, mal dorthin stellte und mit eins zu singen begann. Der Mann – vielleicht in meinem Alter – hatte einen schönen, geübten, doch keinesfalls professionelle Bariton. Etwas Altes war es, was er sang, innig, eher ein Volks- als ein Kirchenlied; die Sprache erkannte ich nicht. Es sei Berndeutsch, und auf Berndeutsch sang er dann das Vaterunser und noch ein Volkslied. Er sänge immer in Kirchen, wenn er die Gelegenheit habe, zu Hause hätte er solche Akustik nicht, sagte er und verabschiedete sich schnell, fast, als wäre ihm etwas peinlich gewesen.

Die Dorfkirche von Guarda im Unterengadin

Ich blieb berührt und verzaubert zurück; nicht minder aber war ich hungrig und durstig. Gegenüber der Kirche fand sich, wie in fast jedem ostschweizerischen Dorf, der „Volg“, der Dorfkonsum alter Zeiten mit Poststelle, Kaffeeausschank und Rabattmarken … und so war beim Zeichnen neben der Seele auch noch der Leib versorgt.


Am Weg

Mit dem Veröffentlichen von Zeichnungen ist das unterwegs so eine Sache. Manche Tage sind so voll mit Gehen in die Länge und in die Höhe, dass ich fast gar nicht zeichne; und wenn ich es dann tue, werden die Bilder vielleicht nicht fertig, es fehlt die Farbe oder die Linie oder die zweite Lasur … Dann wieder ist kein richtiges Licht, um das Bild abzufotografieren oder mir sind mal wieder die Augen über dem Schreiben zugefallen am Abend.

Das soll anders werden! Daher hier ein erster Beitrag mit Bildern von Rasten, vom Wegrand; mit unfertigem, einfarbigem und unperfekt fotografiertem.

Ich fange an mit, klar, Kühen. Endlich. Im Prättigau gab es einen kurzen Gehtag, an dem ich mir die Zeit nehmen konnte, mich neben eine Weide zu stellen.

Einen Tag später rastete ich kurz vor Klosters, einem jener bekannten Ski-Orte, in denen schon Thomas Mann mit dem Zug ankam. Wer nicht mit der Bahn nach Davos fährt, sondern mit dem Auto, kommt heute über die Sunnibergbrücke, ein extravagantes Meisterwerk der Ingenieurskunst.

Von Klosters aus habe ich den Zug genommen, bin durch den Tunnel unter den ganz hohen Bergen hindurch und ins Engadin gefahren, um dort ganz ordentlich dem Graubündener Pilgerweg bis ins Val Müstair zu folgen. Davon (hoffentlich) morgen mehr.


Berg und Tal

„Du pilgerst? Ist der Jakobsweg nicht in Spanien?“ So fangen viele Gespräche an, wenn Menschen mich mit meinem Rucksack sehen oder ich von meiner Reise berichte. Meist erkläre ich, dass ich nicht nach Santiago gehe, sondern über die Alpen nach Assisi und Rom – was durchaus zutrifft, aber eben nicht alles umfasst.

„Gibt es da, wo du gehst, einen Pilgerweg?“ Schaut man auf Wanderkarten und ins Netz, stellt man bald fest, dass Mitteleuropa von einem immer dichter werdenden Netz aus „Pilgerwegen“ überzogen ist, jährlich kommen neue dazu; manche werden von Vereinen liebevoll gepflegt, mit Büchern begleitet, an manchen gibt es Herbergen und Privatquartieren; offene Kirchen am Weg, in die freundliche Menschen in warmen Sommern kühle Getränke stellen. So war es in all den Jahren für mich nicht schwierig, mir meinen eigenen Weg anhand solcher Routen zusammenzustellen.

Oft habe ich unterwegs, mit gehenden Füßen und freiem Kopf überlegt, was – neben dem Besuch spiritueller Orte – das Pilgern vom Wandern unterscheidet. Ein Teil der Antwort lautet vielleicht, den ganzen Weg zu gehen und nicht nur attraktive Teilabschnitte. Endlose Forststraßen, Agrarsteppe und hässliche Neubausiedlungen – es ist alles dabei. (Eine Ausnahme machen für mich nur die Randgebiete sehr großer Städte.)

In den letzten vier, fünf Tagen hatte ich Gelegenheit, ganz handfest über diese Dinge nachzudenken. Für den Weg das Rheintal hinauf hatte ich mir den „Rheintaler Höhenweg“ als „Grundlage“ ausgesucht und mich auf weite Blicke und attraktive Landschaften gefreut. Beides bekam ich überreichlich geboten – steile An- und Abstiege und schlammige und steinige Pfade gab es genauso reichlich dazu. Dies war eindeutig ein Wanderweg! Ein Weg, zuvörderst für den Genuss an Weg und Landschaft konzipiert und nicht, auf den Füßen zwar, aber doch voranzukommen. Und womöglich noch am Wegrand zu zeichnen. Ich hatte etwas dazugelernt und beschloss, fürderhin im Tal zu bleiben.

Voll neuer Zeichenvorfreude ging ich auf Schloss Werdenberg zu, das lockend in der Vormittagssonne oberhalb der Stadt Buchs lag. Ich stieg zum Schlosshof hoch und fand einen stillen und einladenden Ort, an dem drei Menschen auf Besucher warteten: Ein Covid-Kontrolleur, eine Museumsdame und die Servicekraft im Bistro. Während ich dort saß, kam eine Gruppe aus diesem Tor heraus und niemand ging hinein. Es gab einen schattigen Sitzplatz, guten Kaffee, glutenfreien Kastanienkuchen und was man sonst auf einer Wanderung so braucht.

Das „Städtli“ darunter ist ein pittoresker Ort mit uraltem Stadtrecht, ein Museumsort aus krummen Holzhäusern, eine perfekte Kulisse. Währen ich dort zeichnend saß, kamen nicht weniger als vier Hochzeitspaare mit ihren Fotografen, lebende Bilder von Schein und Sein, von in Konventionen gegossenen Gefühlen … Gern hätte ich sie mit ins Bild geholt, doch bin ich noch immer nicht geübt genug im Zeichnen von Menschen, um in solch exponierter Situation damit herauszurücken. So blieb es bei der Kulisse. 


Media vita in morte sumus

Der heutige Tag gehörte der Stiftsbibliothek von St.Gallen, einer der größten Sammlungen mittelalterlicher Handschriften und Artefakte weltweit und der einzigen Klosterbibliothek, deren Bestände seit dem sehr frühen Mittelalter (um 700) in großer Zahl erhalten sind. Zuerst ging ich in den barocken Bibliothekssaal, der mit seinen geschmückten Galerien und seinen honigfarbenen Holzpaneelen als solcher schon sehenswert ist. In diesem Saal gibt es Wechselausstellungen originaler Bücher und Handschriften, in diesem Jahr lautete das Thema „Gebet“.
Ich machte gar nicht erst den Versuch, mir alles anzusehen, auch den Audioguide steckte ich schnell wieder in die Tasche, sondern verweilte nur bei wenigen Vitrinen. Zuerst waren es die berühmten illustrierten Stundenbücher aus dem Spätmittelalter, die mich anzogen – ich war erstaunt, wie winzig manche waren, kleiner als A6, die Malereien schon Miniaturen…Und dann fand ich das Antiphonar, das der Mönch Hartker um 1000 herum, also hunderte Jahre vor den hübschen Luxusprodukten, geschrieben hatte. Es handelt sich um ein dickes Buch, in dem gesungene Stundengebete – sogenannte Antiphone – aufgeschrieben sind. Aufgeschlagen war das Buch auf der Seite mit den berühmten und vielfach vertonten Zeilen „Media vita in morte sumus“ – häufig übersetzt mit „Mitten im Leben sind wir vom Tod umgeben“. Ich war diesem Satz auf dieser Reise schon einmal begegnet, bei dem anrührenden kleinen Denkmal für die Opfer des Flugzeugunglücks von 2002. Hier erfuhr ich nun, dass die St.Galler Mönche die Zeilen täglich gesungen haben.


Die Zeichenbedingungen waren denkbar ungünstig. Zum einen herrscht aus konservatorischen Gründen Dämmerlicht im Raum – man sieht also kaum, was man gezeichnet hat. Fotografieren ist verboten. (An meinem Zeichnen, natürlich nur mit trockenen Medien, hat sich niemand gestört). Die Farbe habe ich später ergänzt. Besonders gefreut habe ich mich, dass ich die Handschrift online gefunden habe (viele alte Handschriften sind bereits digitalisiert und öffentlich zugänglich)und und so einen Versuch wagen konnte, Hartkers karolingische Minuskel nachzuempfinden.


Schnelles Fachwerk – Nachtrag 2

Gestern und vorgestern waren anstrengende Gehtage, an denen ich wenig bis nicht gezeichnet habe. Eine Rast allerdings in dem ansonsten gesichtslosen Ort Amriswil konnte ich nicht ungenutzt vergehen lassen. Direkt gegenüber des schönen schattigen Bäckerimbisses sah ich das puppenstubenhaft restaurierte Alte Pfarrhaus. Für eine ausführliche Zeichnung hatte ich weder Zeit noch Ruhe. Was also war zu tun? Ich nahm mir den Füller mit dem dicksten Strich und fing an, geradewegs draufloszuklecksen, danach das gleiche noch mal mit der Farbe. Es ist kein Meisterwerk geworden, aber es erfüllt den Zweck einer Reiseskizze: es bewahrt Eindruck und Erinnerung in ganz anderer Weise als eine Fotografie.