Misstraut den Grünanlagen

„Misstraut den Grünanlagen!“ – mit diesem Satz begannen oder endeten manche der Berliner Spurensuchen des Autors Heinz Knobloch. In einer Stadt, die von Luftkrieg und Häuserkampf derart gezeichnet ist wie Berlin, wurde vieles überbaut und mit Rasen zugedeckt, was des näheren, oft auch schmerzenden Hinsehens wert gewesen wäre.

Als ich Ende Juli, an einem der vielen heißen Tage, einer Einladung zu einem Glockenspielkonzert an der Berliner Parochialkirche folgte, kam mir dieser Satz in den Sinn. Ich hatte einen frühen Zug genommen und ging mit einem kleinen Schlenker durch das Nikolaiviertel die wenigen hundert Meter vom Alexanderplatz zu der Kirche. Ich weiß nicht, woran es lag, an der Sonntagsferienleere, an der Erschöpfung von Menschen und Stadt durch die Hitze, an den über dreißig Jahren, die vergangen waren, seit ich dort das letzte Mal zu Fuß ging: ich hatte das Gefühl, die Verluste und Verletzungen dieses Teils von Berlin mit Händen greifen zu können. Die völlige Überformung eines gewachsenen Stadtgrundrisses im Geist der Moderne, der Aufbruchswille auch, der sich darin spiegelte, die hilflosen und heute etwas peinlich anmutenden Versuche in postmodernen Arkaden, die falschen „Altberliner“ Gaststätten und schließlich die Stille und Leere zwischen den großen Verwaltungsgebäuden, die stehengeblieben waren oder wieder aufgebaut wurden – alles das sprach zu mir davon, wie viel vom Vergangenen noch nicht vergangen ist.

Der Friedhof der Parochialkirche ist eine stille grüne Insel in der Nähe der ehemaligen Stadtmauer. Die Kirche selbst brannte im Krieg vollständig aus; den Turm mit dem einst berühmten Glockenspiel erhielt sie erst im letzten Jahr wieder.

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Blick von der Parochialkirche zum Alexanderplatz.

Als ich an der Kirche ankam, hatte ich noch Zeit, einen der vielen möglichen dissonanten Blicke an diesem Ort einzufangen. Die Kirche war noch geschlossen, als sie später geöffnet hatte, kam ich leider nicht mehr dazu, ihr Inneres zu zeichnen – mit seinen nackten Ziegelwänden und einem rauen Kreuz aus ausgeglühtem Stahl ist es ein unerwartetes Denkmal in der nach außen hübsch barock wieder hergestellten Hülle.

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Lauschende auf dem Parochialfriedhof

Später, während des Konzertes, habe ich dann versucht, die versonnene Stimmung einzufangen, die von solch einem ungewöhnlichen Konzert ausgeht. Das Glockenspiel ist weit im Umkreis zu hören, so dass die Gäste sich auf dem Gelände des alten, lange aufgelassenen Friedhofs verteilen können – zum Sitzen gibt es stabile Papphocker.


Mein erstes Auto

Der Berliner Nordwesten ist nicht hip. Im Niemandsland zwischen Großmarkt und Autobahn, zwischen S-Bahn, Kleingartenverein und Kanal sind die langen geraden Straßen leer, grau und – in den Grenzen des Möglichen – sogar still. In so einer stillen Straße beherbergt ein ehemaliges Straßenbahndepot einen ganz besonderen Schatz: Die Classic Remise Berlin, eine riesige Oldtimer-Garage.

Als Berliner Zeichenfreunde den Ort für ein Nachmittagstreffen vorschlugen, war ich innerlich ein bisschen zweifelnd. Autos zeichnen? Ich? Ist das nicht eher so ein Ort für eckige Typen mit Goldkettchen? Angekommen lief ich erst einmal zwanzig Minuten durch die Reihen der dort geparkten (und zum Verkauf angebotenen) Autos: vom 100 Jahre alten Vorkriegsauto über Rennwagen aus allen Zeiten und Ländern bis zu alten Kleinwagen ist alles dabei. An einer Wand der Halle entlang ziehen sich Werkstätten, in denen unter den Augen kundiger Besucher geschraubt, poliert und auch mal mit dem Motor geröhrt wird.

Ich ließ mich mit Blick auf eine Werkstatt nieder und zeichnete zum ersten Mal im Leben ein Auto: einen Volvo 444 von 1953, „Buckelvolvo“ genannt, das schwedische Pendant zum „Käfer“ und der Anfang der Volvo-Erfolgsgeschichte. Kaum hatte ich begonnen, bot mir der Inhaber der Werkstatt einen Kaffee an – überhaupt war die Stimmung in der ganzen Halle angenehm und freundlich. Was – so begann ich zeichnend zu ahnen – auch gar nicht anders sein kann, bei der fast zärtlichen Sorgfalt, mit er dort alle mit ihren „Schützlingen“ umgehen.

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1953er Volvo, gezeichnet und aquarelliert in der Classic Remise Berlin. (Zu Hause habe ich die Farbe noch einmal etwas vertieft.)


Der Trost der Dinge

Gestern in Berlin ergab sich auf der Rückreise aus Thüringen die erfreuliche Möglichkeit, mit einigen der Berliner Urban Sketcher in der Marheineke-Markthalle gemeinsam zu zeichnen. Nach zehn Tagen Stille und Wanderung fiel es mir nicht ganz leicht, mich auf das Stadtgewusel einzulassen, am Ende half es mir, einen schönen, nützlichen und, wie ich finde, etwas geheimnisvollen Gegenstand zu zeichnen – der Trost der Dinge.

Espressomaschine in einer Berliner Kaffeebar

Espressomaschine in einer Berliner Kaffeebar