Media vita in morte sumus

Der heutige Tag gehörte der Stiftsbibliothek von St.Gallen, einer der größten Sammlungen mittelalterlicher Handschriften und Artefakte weltweit und der einzigen Klosterbibliothek, deren Bestände seit dem sehr frühen Mittelalter (um 700) in großer Zahl erhalten sind. Zuerst ging ich in den barocken Bibliothekssaal, der mit seinen geschmückten Galerien und seinen honigfarbenen Holzpaneelen als solcher schon sehenswert ist. In diesem Saal gibt es Wechselausstellungen originaler Bücher und Handschriften, in diesem Jahr lautete das Thema „Gebet“.
Ich machte gar nicht erst den Versuch, mir alles anzusehen, auch den Audioguide steckte ich schnell wieder in die Tasche, sondern verweilte nur bei wenigen Vitrinen. Zuerst waren es die berühmten illustrierten Stundenbücher aus dem Spätmittelalter, die mich anzogen – ich war erstaunt, wie winzig manche waren, kleiner als A6, die Malereien schon Miniaturen…Und dann fand ich das Antiphonar, das der Mönch Hartker um 1000 herum, also hunderte Jahre vor den hübschen Luxusprodukten, geschrieben hatte. Es handelt sich um ein dickes Buch, in dem gesungene Stundengebete – sogenannte Antiphone – aufgeschrieben sind. Aufgeschlagen war das Buch auf der Seite mit den berühmten und vielfach vertonten Zeilen „Media vita in morte sumus“ – häufig übersetzt mit „Mitten im Leben sind wir vom Tod umgeben“. Ich war diesem Satz auf dieser Reise schon einmal begegnet, bei dem anrührenden kleinen Denkmal für die Opfer des Flugzeugunglücks von 2002. Hier erfuhr ich nun, dass die St.Galler Mönche die Zeilen täglich gesungen haben.


Die Zeichenbedingungen waren denkbar ungünstig. Zum einen herrscht aus konservatorischen Gründen Dämmerlicht im Raum – man sieht also kaum, was man gezeichnet hat. Fotografieren ist verboten. (An meinem Zeichnen, natürlich nur mit trockenen Medien, hat sich niemand gestört). Die Farbe habe ich später ergänzt. Besonders gefreut habe ich mich, dass ich die Handschrift online gefunden habe (viele alte Handschriften sind bereits digitalisiert und öffentlich zugänglich)und und so einen Versuch wagen konnte, Hartkers karolingische Minuskel nachzuempfinden.


Am Ende des Mittelalters

Das Wernigeröder Rathaus ist so gotisch, dass es einem Disney-Film entsprungen sein könnte. Übertrieben spitze Türmchen, vorkragende Erker und riesige Wasserspeier verleihen ihm ein märchenhaftes Aussehen. Gebaut wurde es ursprünglich nicht als Rat- sondern als „Spielhaus“, eine Art frühes Theater für Fastnachtsspiele und ähnliche Aufführungen; natürlich wurde der große Saal im Innern auch für andere Zwecke genutzt – eine echte städtische Mehrzweckhalle. Später hat man es mehrfach umgebaut und nach einem Brand des alten zum neuen Rathaus umgewidmet.

Ich saß in meinem Urlaub mehrfach in einem Café an der Ostseite des Marktes und zeichnete die berühmte Fassade von der Seite. Dieses Bild ist – in zwei Sitzungen – vorwiegend vor Ort entstanden, zu Hause habe ich nur noch ein bisschen nachkoloriert.


Hinter Schloss und Riegel

Nach zwölf Gehtagen habe ich mein Ziel erreicht, ich bin in Rothenburg ob der Tauber angekommen. Die erste Zeichnung gilt – wie es sich für eine Pilgerin gehört – der Jakobskirche. Im Vergleich zum Trubel draußen ist es hier drinnen leer und still, dennoch ist es ein mehr musealer als spiritueller Ort. Was also zeichnen? Nach einigem Umsehen finde ich links neben dem Hauptaltar eine Sakramentsnische mit reichem Skulpturenschmuck aus Sandstein; teilweise ist die ehemals kräftig farbige Bemalung gut zu erkennen. Die zahlreichen Details fordern mich auf, mir mit dem Zeichnen Zeit zu lassen, und ich komme der Aufforderung gern nach: schließlich habe ich sie ja, die Zeit, zwei lange Tage nur für Rothenburg.

Die linke Seite, die lavierte Federzeichnung der Skulptur des Johannes, entsteht weitgehend vor Ort; die Bleistiftzeichnung auf der rechten Seite überarbeite ich später mit wasserlöslichen Graphitstiften und etwas Wasserfarbe.

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Sakramentstür in der Jakobskirche von Rothenburg o.d.Tauber.

Dass es sich um eine Sakramentsnische handelt und was genau das ist, muss ich mir auch erst erlesen. Hinter der knapp mannshohen Tür mit eindrucksvollem „Schloss und Riegel“ bewahrte man im Hochmittelalter die geweihten Hostien auf. Nach damaliger Vorstellung – die in der katholischen Kirche bis heute fortdauert – ist in der geweihten („konsekrierten“ Hostie) Christus leibhaftig anwesend. Diese Hostien werden nicht nur als besonders verehrungswürdig angesehen, sie bedürfen auch eines Schutzes vor jeder Form von Entweihung. Besonders in jener Zeit, in der die dicke Sakramentstür entstand, erzählte man sich gruslige Geschichten über Menschen, die Hostien entweihten und für ihre eigenen magischen oder finsteren Zwecke missbrauchten.

Beim Zeichnen – auch später zu Hause noch – habe ich viel Zeit, über die Eucharistie, die „Danksagung“ nachzudenken, über die Anwesenheit des Heiligen, über den Unterschied zwischen Körper und Leib, über Symbole und Zeichen … Das Bildprogramm konnte ich nur zum Teil entschlüsseln. Johannes – der wohl eine Art Hybrid aus Johannes dem Täufer und Johannes, dem Autor der Offenbarung, ist – verweist auf den kommenden Christus, der in Gestalt eines Lammes auf einer großen Hostie abgebildet ist. Die Frau auf der rechten Seite trägt eine – nicht mehr vollständig erhaltene – Krone, in der Hand hält sie einen Abendmahlskelch, in dem sich ebenfalls eine Hostie befindet. Ihr offenes Haar weist sie als Jungfrau aus. Von mir nicht abgebildet, steht ihr auf der anderen Seite der Nische eine Frau mit einem Salbgefäß gegenüber. Krone und offenes Haar könnten an Maria denken lassen, doch wäre die Darstellung mit Kelch und Hostie sehr ungewöhnlich. Vielleicht bekomme ich es noch heraus.


Heilsbronn

Zwanzig Kilometer südwestlich des Nürnberger Stadtrandes, wo der Speckgürtel schon in landwirtschaftlich geprägtes Irgendwo übergegangen ist, liegt das Städtchen Heilsbronn. (Nicht zu verwechseln mit Käthchens Heilbronn 100 km weiter westlich  und an die zwanzig Mal größer.)

Heilsbronn, das kleine, ist dennoch durch feine Fäden mit der Weltgeschichte verbunden. Im Mittelalter stand hier ein bedeutendes Zisterzienser-Kloster, ein regionales politisches Zentrum, dessen Mönche für das Seelenheil der ansässigen Adligen beteten, die dann auch in der Klosterkirche bestattet wurden – und wo so eine Grablege der Hohenzollern entstand, jenes Fürstengeschlechts, das später die preußischen Könige und die drei letzten Deutschen Kaiser hervorbringen würde.

Als ich an einem heißen Juninachmittag die Kirche betrete, verschlägt es mir den Atem, kurz schießen mir die Tränen in die Augen. Nach all den barockisierten gotischen Dorfkirchen, nach den modernen Gemeindezentren der Nürnberger Vorstädte ist der Raumeindruck überwältigend: reine Romanik, Hirsauer Reform, ein paar gotische Anbauten, alles Barocke und Spätere entfernt. (Von den Hohenzollerngräbern abgesehen, die, eingezäunt, ein Areal für sich bilden.) Und, womit ich nicht gerechnet habe, diverse hoch- und spätgotische Plastiken und Altäre, alle klug präsentiert in dem minimalistischen Raum.

Alles anzusehen, zu würdigen, womöglich zu zeichnen, bräuchte ich einen ganzen Tag. So bleibt es beim zeichnerischen Versuch, den Raum zu erfassen, und, am nächsten Morgen schon, einer fragmentarischen Skizze des Portals. Den Grundriss füge ich dann zu Hause an.

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Blick in das Mittelschiff der Heilbronner Klosterkirche. Perspektive und erste Schraffuren vor Ort, weiter ausgeführt und koloriert zu Hause. Die Schrift ist ein Versuch, im Stil einer karolingischen Minuskel zu schreiben.

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Am nächsten Morgen zeichne ich noch, fragmentarisch, das Hauptportal der Kirche.

 


Wie im Märchen

Sieht sie nicht aus wie aus einem Märchenbuch, die Lichtenfelser Kirche? Gleich schaut der Turmwächter aus dem etwas schiefen Türmchen in der Mitte, um auf seiner Trompete den Tross des Königs anzukündigen …

Gezeichnet habe ich das Bild (die Farbe kam später), als mich der wieder aufgekommene Regen unter das Dach einer restaurierten mittelalterlichen Stadtmauer gescheucht hatte. Leider war es danach mit der Romantik ganz und gar vorbei und ich stapfte zwei oder drei Kilometer im Regen einen Autobahnzubringer entlang …

Kirche von Lichtenfeld in Oberfranken. Super5-Tinte und Wasserfarbe.

Kirche von Lichtenfeld in Oberfranken. Super5-Tinte und Wasserfarbe.


A wie Anna

Initial A nach Motiven einer mittelalterlichen Gewölbemalerei in der Dorfkirche Bellin, Mecklenburg.

Initial A nach Motiven einer mittelalterlichen Gewölbemalerei in der Dorfkirche Bellin, Mecklenburg.

Unter meinen Belliner Skizzen war auch eine Detailstudie der floralen Ranken um die Gestalt der heiligen Anna herum. Zu Hause kam ich auf die Idee, daraus ein Blatt im Stil mittelalterlicher Buchmalerei zu gestalten. Ich wandelte Annas Gewand und Fuß in ein A-Initial, passte die Ranken an dessen Form an und ergänzte die Schrift in einem halbwegs in die Entstehungszeit der Kirche – Frühgotik – passenden Stil. Als Vorbild wählte ich mir das Schriftbild aus dem Evangeliar Heinrichs des Löwen, das sich allerdings unter meinen Händen deutlich modernisierte – Plagiate sind gar nicht so einfach!

Doch war ein Plagiat auch gar nicht Sinn der Übung, eher eine Transkription des gefundenen Motivs. Bei den Ranken gelang das relativ leicht, das Initial allerdings würde sich so vermutlich in keinem mittelalterlichen Buch finden, die Formensprache einer Gewölberippe unterscheidet sich von der eines Buchstabens doch erheblich. Außerdem hat man für ein quadratmetergroßes Fresko natürlich ganz andere Farbtöne – preiswerte Erd- und Rußtöne – gewählt als für eine kostbare Miniatur mit Malerei in Scharlach, Gold und Lapislazuli.

Ich jedenfalls habe mir mit diesem frühgotischen Zentangle  eine große Freude gemacht – denn ich liebe Kalligraphie und mittelalterliche Handschriften.