Bebenhausen oder: 34.000 Eier für einen Turm

Kloster Bebenhausen hat etwas von einem Sagenort. Umgeben vom „Schönbuch“, einem alten Reichswald, schmiegt es sich in eine Talsenke. Es wurde im Ring einer vorbestehenden Burg erbaut und ist noch heute umgeben von Wassergraben, Mauerkranz und Türmen, auch die Wirtschaftsgebäude aus Fachwerk sind noch da; in einem hatte ich mein Nachtquartier.

Zum Glück hatte ich am nächsten Tag ausreichend Zeit. (Naja, für Zeichner reicht die Zeit natürlich nie.) Erst einmal versuchte ich mit einem Bilderbogen die Fülle an Motiven zu erkunden: den Kreuzgang mit seinen filigranen Maßwerkfenstern (keins gleicht dem anderen!), die zahlreichen romanischen und gotischen Säle, die Kirche von außen und innen …

Ein Bilderbogen aus dem Bebenhausener Kloster. Die Figur mit dem „Salat“ in den Händen ist auf einem Wappen an der Kanzeltreppe zu finden.

Der filigrane Dachreiter (geradezu eine Essenz von Gotik) ist so etwas wie das Markenzeichen des Ortes. Er wurde der zisterziensischen Schlichtheit erst im Spätmittelalter zugefügt, als die strengen Ordensregeln schon etwas gemildert waren. Der Dachreiter ist auch alltagsgeschichtlich interessant, hat sich doch die komplette Baukostenabrechnung erhalten. So wissen wir, dass die Bauarbeiter – einschließlich der Arbeiter im Steinbruch – in den gut zwei Jahren Bauzeit neben vielem anderen 30 Zentner Wildschwein und 34.145 Eier aßen und solche Mengen an Wein tranken, dass dieser den größten Posten auf der Rechnung ausmachte.

Ein Grüner Mann an der Kanzel.

Den Grünen Mann finden wir auf einem Treppenpfosten der Kanzel. (Ich liebe Grüne Männer.) Innerhalb des zisterziensischen Graus (Farben und Schmuck durften nur sehr zurückhaltend verwendet werden) hat diese Kanzel aus der Reformationszeit eine irritierende Wirkung. Sie quillt über von Dekor und Farbe, Säulen und Säulchen würden einem Hundertwasser-Haus gut zu Gesicht stehen; und inmitten von üppigem Renaissancedekor tummeln sich pralle und ziemlich nackte Putten und Engel beiderlei Geschlechts – kurz nach der Reformation war der Protestantismus anscheinend nicht überall puritanisch.

Nach Bilderbogen und Grünem Mann habe ich mir im Kapitelsaal noch eine richtig gründliche perspektivische Studie gegönnt. Der Kapitelsaal ist einer der ältesten Räume im Kloster, architektonisch an der Schwelle von der Romanik zur Gotik; er diente als täglicher Versammlungsort.

Studie aus dem Kapitelsaal des Klosters. Die Farbe kam erst zu Hause.

Zellengewölbe und Grüner Mann

Kurz hinter Rosenau führte mein Weg durch Oeslau. Neugierig betrat ich die Kirche, an der mein Weg direkt vorüber führte und deren Tür einladend offen stand – eine Radwegkirche, wie sich herausstellte. Und was für eine! Auffälligstes Ausstattungsstück sind frühbarocke Holzeinbauten, Kanzel und Empore, quietschbunt bemalt – bei der letzten Restaurierung wurden Farben mit Perlmuttschimmer verwendet, die dem Ganzen einen Anflug von psychedelischem Jahrmarkt geben. An den Balkenköpfen finden sich groteske Masken, und da ich Grüne Männer sammle, habe ich mir zum Zeichnen so einen ausgesucht. Dem wachsen die Blätter allerdings nicht, wie sonst üblich, aus den Wangen, sondern aus der Stirn, und ein bisschen erinnert er an eine Aztekenfigur.

Den Chor schmückt ein gotisches Netzzellengewölbe, eine spätgotische Gewölbeform, die sich eher selten findet. Ausgemalt wurde es im 17. Jh. mit naturgetreuen Pflanzenabbildungen – auch ein eher ungewöhnlicher Schmuck, ich kannte ihn bisher nur vom Himmelsgarten des Klosters Michelsberg in Bamberg. (Die Pflanzen habe ich auf meiner Zeichnung allerdings weggelassen.)

Eine Seite aus meinem Reisetagebuch mit Abbildungen aus der Kirche St. Johannis in Oeslau bei Coburg,

Eine Seite aus meinem Reisetagebuch mit Abbildungen aus der Kirche St. Johannis in Oeslau bei Coburg,