An trockenen Hängen

Auch wenn ich oft und gern Gebäude zeichne, historische und manchmal auch moderne Orte: am liebsten würde ich den halben Wandertag an einem Rastplatz sitzen und die umgebende Pflanzenwelt zeichnen.
Dieses Jahr war ich zwei Tage lang auf der sogenannten Teufelsmauer unterwegs, einem schmalen, den eigentlichen Harzbergen vorgelagerten Höhenrücken. Hier finden sich ganz unterschiedliche Biotope: Streuobstwiesen benachbart mit schmalen, von Gestrüpp und Niederwald überwucherten Graten, durch jahrhundertelange Überweidung entstandene Trockenhänge und in Kieferhainen versteckte Felsformationen.

Vegetation von verschiedenen Stellen der Teufelsmauer

Bevor ich zu diesen Touren aufbrach, war ich einen Nachmittag lang durch die Wälder um Wernigerode herum gewandert. In früheren Jahren schon hatten mich die lichten Eichenwälder auf trockenem, karstigen Grund beeindruckt; an diesem frühen Abend, im schrägen Licht, stand eine halb verfallene Bank an genau der richtigen Stelle.

Diese Eichenwälder, so habe ich gelernt, können viel älter sein, als sie aussehen: sie wachsen der Trockenheit wegen extrem langsam, so dass sie noch nach hundert und mehr Jahren wirken wie ein Jungwald.


Crown Princess Margareta

Neben „Summer Song“ steht „Crown Princess Margareta“ im Hochbeet, auch eine David-Austin-Rose; ich habe sie am gleichen Tag gekauft. Ihre Zweige biegen sich zu eleganten Bögen, an denen Büschel von intensiv gelborangen Blüten hängen. Sie sind dicht mit dreieckig-spitzen, komplex ineinander gefalteteten Blütenbättern gefüllt, die im Beet bewundert werden wollen: in der Vase halten sie leider kaum einen Tag.

Daher begann ich die erste Zeichnung draußen. Mein Wunsch war, das fluoreszierende Leuchten vor dem dunklen Gartenhintergrund abzubilden. Ich wählte ein dunkelgraues Papier – PaintOn von Clairefontaine – und zeichnete vor Ort die Umrisse mit einem weißen Gelstift. Leider deckten die Buntstifte nicht so, wie ich es mir erhofft hatte, so dass ich den Hintergrund noch weiter abdunkelte.

Heute war es draußen feucht und ungemütlich und ich holte mir einen Rosenzweig ins Zimmer. Mich interessierte besonders die schuppige Struktur der Blütenblätter in der Seitenansicht. Ich zeichnete in mein „botanisches“ Buch, Stillman&Birn Zeta A4, erst mit wasserfester Tinte und danach, eher locker, mit Aquarellfarbe.

Natürlich war ich auch neugierig und habe nachgesehen, wer dieser Rose den Namen gegeben hat. Margareta, eigentlich Margaret, war eine englische Prinzessin, Enkelin von Queen Victoria, und mit dem schwedischen Thronfolger Gustav VI. Adolf verheiratet. Aus England brachte sie die Liebe zur Landschaftsgärtnerei nach Schweden.


Bellin auf grauem Grund

Zwei Wochen später war ich wieder in Bellin. Dieses Mal konnte das Zeichnen nur am Rand stattfinden, und ich hatte ich mich auf meine Grundausstattung beschränkt; die Farbe kam zu Hause. Mein derzeitiges Alltagsbüchlein ist das „Toned Watercolour Book“ von Hahnemühle, mit hellgrauem Papier und im hinreißend handschmeichlerischen 14x14cm Quadratformat.

Die Belliner Kirche habe ich schon oft gezeichnet; die aktuelle Version setzt ordentlich Farbe gegen das Grau.
Eine Immortelle auf der Trockenwiese neben dem Pfarrhaus.
An den Wegrändern der alten Hohlwege findet sich auf dünnen Stielen dieser wilde Lauch.

Lange her

So viel Zeit habe ich noch nie zwischen zwei Beiträgen verstreichen lassen! Dabei habe ich gar nicht viel weniger gezeichnet als sonst im Alltag – doch in der bemessenen Zeit lieber gezeichnet als hier geschrieben. Nun wird es Zeit, wieder in den Takt zu kommen.

Hier zuerst ein paar Bilder, die Anfang Juli im mecklenburgischen Bellin entstanden. Ich hatte Lust darauf, Pflanzen zu zeichnen, und es mir zuerst unter einer riesigen alten Linde gemütlich gemacht. Das Bild ist im Original für meine Verhältnisse relativ groß, eine Doppelseite aus 2x A4 (Stillman&Birn Zeta, mein „botanisches Buch“.

Am Nachmittag zeichnete ich die Linde dann als Ganzes, gelb vor Blüten in der tiefer stehenden Sonne. Der Untergrund ist gelb getöntes Aquarellpapier aus Uraltbeständen in einem selbst gebundenen Buch.

Am nächsten Morgen war ich früh etwas in der Natur unterwegs und mir hüpfte das Herz von all den schönen Pflanzen. Ich pflückte mir einen Strauß und begann dann mit Porträts; leider wurde nur die Flockenblume richtig fertig. Aus dem Vollen schöpfend war ich noch einmal mit einem anderen Buch zuwege, einem Kunst&Papier-Aquarellbuch, das als Reisendes Buch von allen zeichnenden Belliner Gästen gefüllt wird.


Die Rosen der anderen

Der Schrebergarten von Freunden hat vor zwei Jahren die Besitzer gewechselt. An Wellplaste und Betonformsteinen lässt sich die Laube auf die 1960er bis 70er Jahre datieren; die Pflanzen dürften ab dieser Zeit eingezogen sein.

Es finden sich dort, anders als in meinem Hofbeet, kaum pastellfarbene Romantikrosen mit schwer hängenden Blütenköpfen, sondern eine sauber ausgerichtete Reihe von kräftig gefärbeten Edelrosen mit langen gerade Stielen und aufrechten Köpfen. Am schönsten sind natürlich die zweifarbigen. Sie erinnern mich an Kalenderfotos und Postkarten meiner Kindheit, auf denen solche Rosen – meist unter dem Namen „Teerose“ – eine wichtige Rolle spielten.

Als ich anfing, eine davon zu zeichnen, stellte ich fest, dass sie mit ihrer rosenarchetypischen Form ganz und gar der Ästhetik der 50er und frühen 60er entsprach, einer Ästhetik voller Winkel, Trapeze und Asymmetrien. Natürlich galt es auch, ihren Namen herauszufinden; bei der auffälligen Färbung in knalligstem Pink mit silbrigweißer Rückseite kamen nicht so viele in Frage. Wahrscheinlich ist es „Acapella“, eine preisgekrönte Züchtung aus dem Jahr 1994, also gar nicht so alt, wie ich gedacht hatte. Ich stellte mir vor, wie die gartenliebenden Vorbesitzer nach der Wende die Kataloge gewälzt und sich für diese Schönheit im Stil einer Zeit entschieden hatten, die mehr ihre gewesen war als es die kommende jemals sein würde. Und jener Zeit, die als „Moderne“ 1994 bereits eine Weile unmodern war, habe ich auch dann auch im Stil meines Rosenporträts ein bisschen die Referenz erwiesen.

(Graphit, Derwent Procolour Pink und diverse Aquarellfarben in meinem botanischen Skizzenbuch Stillman&Birn Zeta A4)


Summer Song

Es gibt so vieles zu zeichnen: Backsteinkirchen, Madonnen, Menschen, Teetassen, Fische … und natürlich noch den ganzen Rest. Der bleibt allerdings oft ungezeichnet, und mit ihm auch die Rosen in meinem Garten. Weil sie dummerweise gerade dann blühen, wenn auch alles andere blüht oder ich womöglich im Urlaub bin, um Backsteinkirchen und Madonnen zu zeichnen.

Weil dieses Jahr alles anders ist, könnte es vielleicht auch mit den Rosen klappen. Angefangen habe ich mit der, die sich am rarsten macht, einer Diva in seltenem Braunrot. Wenige schwere Blütenköpfe hängen an eher feinen Zweigen; dieses Jahr waren es vier oder fünf in der ersten Blüte. Als ich mir deren letzte zum Zeichnen schnitt, war sie schon ausgeblichen und sah fast so aus wie eine normale lachsfarbene Rose. (Apropos normal: Erst mit ein paar Jahren Abstand nach der Pflanzung sehe ich, wie sehr auch Rosen der Mode unterliegen. Die meisten in meinen Beeten sind das, was man als „Englische Rosen“ bezeichnet, moderne Erinnerungen an „Alte Rosen“, duftend, zartfarben und voll von Unmengen gefälteter Blütenblättchen, die Art von Rosen, die ich nach der Wende als erstes in den Gartenzeitschriften sah …)

Rose „Summer Song“ von David Austen; gezeichnet mit Kugelschreiber und koloriert mit der Farbe „Rose doré“ von Winsor und Newton (plus ein bisschen Lasurorange und Scharlach)

Günsel und Gottesmutter

Zwischen Wismar, Rostock und Nirgendwo, am nördlichen Rand des Sternberger Seenlandes, liegt Neukloster, das nach Doberan zweitälteste Kloster Mecklenburgs. (Der Name Neu-Kloster stammt noch aus dem Mittelalter und verweist darauf, dass das Kloster kurz nach der Gründung einmal umgezogen ist.) Die Kirche ist mehrfach umgebaut und nach der Reformation leider teilweise abgerissen worden, doch in ihren erhaltenen Bauformen romanisch. Ihr berühmtester Schmuck sind einige sehr alte Glasmalereien.

Die Klosteranlage hat im Hinterland zwischen Wismar und Rostock ein stilleres Leben geführt als Doberan, vieles war verfallen und beschädigt und wird nun Stück für Stück wieder aufgebaut: ich fand bei meinem Besuch die Kirche eingerüstet und zum Zeichnen wenig einladend. So ging ich, zumal das Wetter sich wieder gebessert hatte, erst einmal am Ufer des Neuklostersees spazieren.

An einem Waldrand leuchtete mir ein blauer Pflanzenteppich entgegen. Ich setzte mich auf einen Baumstumpf und fing an zu zeichnen, etwas verwirrt darüber, was ich da gefunden hatte – ich war mir ziemlich sicher, die Pflanze, obschon in vielen Formen vertraut, noch nie bewusst gesehen zu haben. Erst zu Hause, wo ich neben der Bestimmungs-App auch die Bücher zur Verfügung hatte, fand ich es heraus: Es ist der Heide-Günsel, ein naher und ungleich seltenerer Verwandter des Kriechenden Günsels, der in vielen Gärten ein geduldetes Leben zwischen Bodendecker und Unkraut führt.

Dann wandte ich mich wieder dem Kloster zu. In der Kirche findet sich gleich beim Eingang, eingezwängt zwischen Wand und Gestühl, ein schöner spätgotischer Marienaltar – anscheinend gerade noch so geduldet von den protestantischen Hausherren früherer Zeiten. Auch die Krone war der Maria im Laufe der Jahrhunderte abhanden gekommen, so dass die über ihrem Kopf flatternden Engel ins Leere greifen. Das allerdings sah ich erst zu Hause, als ich meine im Dämmerlicht entstandene Skizze mit den Fotos verglich.

Doch gab es immer noch genug, für uns Heutige durchaus Erstaunliches, zu sehen. Maria steht, mit dem Kind auf dem Arm, in einer Strahlengloriole auf einer Mondsichel – ein weit verbreitetes spätmittelaterliches Motiv. Umgeben ist sie von einem Kranz aus Rosen, dem „Rosenkranz“ eben. Das Wort „Rosenkranz“ bezeichnet auch heute noch sowohl die spezielle Perlenkette, die als Zählhilfe dient, wie auch die dabei gesprochene Folge von Gebeten, in denen sich Anrufungen der Maria mit Betrachtungen über das Leben und Sterben Jesu abwechseln.

So erklären sich jene befremdlichen Hände und Füße, die in den Kranz aus Rosen eingebettet sind: sie symbolisieren die Wundmale des Gekreuzigten, derer man im „schmerzensreichen Rosenkranz“ gedenkt. Dass die Gottesmutter eine goldene Perle in der Hand trägt, verweist vermutlich auch auf die Gebetsschnur. Es wäre diesem schönen Altar zu wünschen, dass er nach der momentan laufenden „Notsicherung“ eine sachkundige Restaurierung und einen würdigen Platz bekäme.


Neunkräutersuppe

Wann ich das Rezept zum ersten Mal ausprobierte, weiß ich nicht mehr, nur dass ich es in einem alten Kochbuch fand, in einer Zeit, als die Bücher noch geholfen haben: Man nehme einmal fast alles, was man um diese Zeit auf der Wiese und im Garten findet, und koche daraus eine Suppe. Später, als ich mich intensiver mit Heilkräutern beschäftigte, erfuhr ich, dass es auch einen Neun-Kräuter-Segen gibt, ein sprachmächtiges Stück altenglischer Poesie. Vermutlich kochte man auch im frühen Mittelalter schon ähnliche grüne Suppen, zumal die Supermärkte des ewigen Sommers noch lange auf sich warten ließen.

In meinem alten Kochbuch sind die neun Kräuter: Portulak, Schafgarbe, Kerbel, Petersilie, Gundermann, Löwenzahn, Sauerampfer, Nesseln und Breitwegerich. Die hackt man fein, dünstet sie in Butter an, gibt Mehl und Wasser oder Brühe dazu und rührt zum Schluss Sahne und Eigelb daran; wer mag, nimmt noch geröstete Semmelwürfel dazu.

Dieses Jahr hatte ich die Idee, das Suppenprojekt zeichnerisch zu begleiten. Erst einmal hieß es, sich einen Überblick zu verschaffen: Was gibt der Garten her? Das war eine erfreuliche Menge. (Ich bewohne eine Altbauwohnung mit einem schönen großen, halb verwilderten Gemeinschaftsgarten in feuchter Lage.) Schafgarbe, Breitwegerich und Sauerampfer hatten anderswo zu tun, dafür gab es reichlich Bärlauch (der einst als liebevolles Päckchen frisch ausgegrabener Zwiebeln aus dem Odenwald bei mir ankam und nun unter den Rosen wuchert), Kresse, Giersch und ein paar Küchenkräuter für das Aroma. Nur der Dill stammt aus dem Gewächshaus von Freunden.


Paint it Black

Letzten Sommer hatte ich Amsterdam einen Kurs bei Pat Southern-Pearce besucht. Demonstriert wurden spezielle Zeichentechniken auf dunkel getönten Papieren; als besondere Zugabe erhielten wir ein quadratisches Skizzenbuch der Marke Stillman&Birn Nova Trio – jeweils 16 Blatt in Beige, Grau und Schwarz. Da ich mit einem selbst gebundenen Buch voller farbiger Papiere angereist war, blieb das neue erst einmal leer, zumal ich auf dem Pilgerweg festgestellt hatte, dass das verlockende quadratische Format für unterwegs in bisschen unhandlich war.

Gestern Abend traute ich mich zum ersten Mal an die schwarzen Seiten: Drei leuchtend weiße Hyazinthen am nächtlichen Fenster verlockten mich dazu. Gezeichnet habe ich sie mit allen möglichen Markern, Stiften und Kreiden, ganz wie Pat es uns gezeigt hatte. Bei einem so komplexen wie graphischen Motiv habe ich wohlweislich einen Bogen um alle nassen Farben gemacht.


Pink Poinsettia

Weihnachtsstern, Poinsettia, Euphorbia pulcherrima – immer wenn die Pflanzen im Spätherbst in den Gärtnereien auftauchen, versuche ich möglichst viele verschiedene Exemplare zu ergattern, und in meiner Wohnung über den Winter zu bringen. Letzteres ist gar nicht so einfach; meine Altbauwohnung ist ihnen zu dunkel und zu kühl und sie brauchen jedes Jahr viel gutes Zureden, den hellsten und wärmsten Platz und genau abgemessene Mengen an vorgewärmtem Gießwasser. Sie danach auch noch auf dem Balkon zu übersommern habe ich aufgegeben, das endete noch jedes Mal mit Fäulnis und Läusen.

Also wollen sie im Winter gemalt werden, so lange es ihnen noch gut geht. Dieses Bild habe ich am Silvesternachmittag begonnen und erst gestern Abend fertig gestellt. Es ist ein erneuter Versuch mit mehr oder minder deckender Farbe auf grau.