Adebors Näs

Geht man vom Schweriner Schloss aus durch den Schlossgarten, schlängelt sich der Weg zwischen Rasenparterres und dem Seeufer, um sich bald darauf nach Süden zu wenden. Keine Mauer markiert den Übergang vom Park in die Landschaft, man kann unter alten Bäumen einfach immer weiterlaufen, an Ruder- und Segelvereinen und einem Spielplatz vorbei bis zu „Adebors Näs“ (und wenn man mag, noch einige Kilometer weiter.) 

„Adebors Näs“ ist plattdeutsch und heißt „Storchschnabel“; es ist eine gar nicht so spitze Landzunge mit einer Feuchtwiese, durch einen Holzsteg erschlossen. Kommt man zur richtigen Zeit im Jahr, sieht man hier die Knabenkräuter blühen, hunderte knallig rotviolette Orchideen. 

Am Pfingstmontag hatte ich mir vorgenommen, dort zu zeichnen, möglichst früh am Tag. Von mir zu Hause aus laufe ich eine gute Stunde (und zu laufen war mir ein Bedürfnis); als ich ankam, stand die Sonne schon hoch am Himmel und die einzige Wanderin war ich auch nicht mehr. So beschränkte ich mich beim Zeichnen auf die Umrisse. Zu Hause habe ich nach Foto koloriert und ergänzt, um einen kleinen Eindruck der charakteristischen Pflanzengemeinschaft wiedergeben zu können. 

Der Star ist natürlich das Knabenkraut, ein „Breitblättriges“ und kein „Geflecktes“, wie ich bisher immer gedacht hatte (wobei unter Knabenkräutern heftig hybridisiert wird.) Daneben der Sauerampfer mit seinen rötlich schimmernden Blütenrispen, z.T. von der Acker-Winde umschlungen. Begleitet wird das alles von den leuchtenden Blüten des Scharfen Hahnenfußes. 


Keine Kartoffel II

Vor einiger Zeit hatte ich der Kartoffelsorte „Mayan Gold“ eine Seite gewidmet. Eine Kartoffel, die im engen botanischen Sinn keine Kartoffel ist, weil sie einer anderen Art angehört – Solanum phureja statt Solanum tuberosum. Nun ist es mir gelungen, eine Handvoll als Saatkartoffeln zu besorgen. Bei dem kalten Wetter der der letzten Tage hatte ich keine Eile, sie in die vorbereiteten Pflanzkübel auf der Terrasse zu legen. Während sie noch darauf warteten, gezeichnet zu werden, entwickelten sie hübsche Büschel von violetten Keimen.

Ich habe sie wiederum mit wasservermalbaren Stiften im Stillman&Birn Alpha Buch gezeichnet, was mir viel Freude bereitet hat. Es ist eher eine meditative als eine schwungvolle Angelegenheit geworden – mal sehn, ob sich trotz der Hingabe ans Detail bei den nächsten Versuchen noch etwas Lockerheit einstellt …


Im Garten

Die Schweriner Schelfstadt bewahrt hinter den Mauern ihrer Gründerzeit- und Barockhäuser viele schöne Gärten. In einem davon haben wir heute gezeichnet. Ab Mittag kam die Sonne über die Dächer; vorher begnügten wir uns mit einer Feuerschale, die uns leidlich gewärmt und gründlich geräuchert hat.

Zuerst zeichnete ich, ausführlich und in Ruhe, einen der schönen Hochstamm-Apfelbäume mit Bleistift. Leider sah die Zeichnung am Ende ziemlich winterlich aus, so dass ich dann doch noch mit etwas Farbe für den nötigen Frühlingseindruck gesorgt habe.

Bei den leuchtenden Tulpen war die Farbe natürlich eingeplant. Ich grundierte die Blütenköpfe mit einem weißen PITT-Pen. Die Partien nehmen danach allerdings Wasserfarben nur sehr bedingt an und es brauchte einige Schichten mit Wachsstiften und -kreiden, bis ich eine Lasur aufbringen konnte. Ansonsten habe ich mit allen möglichen Stiften und Markern durcheinander gezeichnet.


Maria mit dem Mistelzweig

Maria, die Mutter Jesu, wird auf Bildern häufig von Pflanzen begleitet: Rosen, Lilien, Gänseblümchen, Erdbeeren … Manchmal ist sie von einem ganzen Garten umgeben. Doch kein mittelalterlicher (und, soweit ich weiß, auch kein neuzeitlicher) Maler hat der Maria einen Mistelzweig beigegeben. Vieles hat die christliche Ikonographie integriert – die Mistel, uralte Zauberpflanze, Öffnerin verschlossener und verborgener Tore, gehörte nicht dazu.

Maria mit dem Mistelzweig, Farbstift auf Papier, ca 20 x 25 cm.

Auf meinem Bild kommen sie zusammen, und es scheint eine freundliche Verbindung zu sein, denn ich wurde beim Malen immer heiterer. Obwohl die Tage grau waren, schlich sich unvermittelt ein goldenes Licht in die Szene und leuchtete mir aus dem Hintergrund entgegen.

Liebe Freunde, liebe Leserinnen dieses Blogs: möge es Euch ebenso ergehen! Mögt Ihr Spuren des wiederkehrenden Lichtes auch an den dunklen Tagen finden, mögen sich Euch Türen auftun, die verschlossen schienen und die Dunkelheit, um es mit dem schönsten Lied des zurückliegenden Jahres zu sagen, niemals das letzte Wort behalten!


An trockenen Hängen

Auch wenn ich oft und gern Gebäude zeichne, historische und manchmal auch moderne Orte: am liebsten würde ich den halben Wandertag an einem Rastplatz sitzen und die umgebende Pflanzenwelt zeichnen.
Dieses Jahr war ich zwei Tage lang auf der sogenannten Teufelsmauer unterwegs, einem schmalen, den eigentlichen Harzbergen vorgelagerten Höhenrücken. Hier finden sich ganz unterschiedliche Biotope: Streuobstwiesen benachbart mit schmalen, von Gestrüpp und Niederwald überwucherten Graten, durch jahrhundertelange Überweidung entstandene Trockenhänge und in Kieferhainen versteckte Felsformationen.

Vegetation von verschiedenen Stellen der Teufelsmauer

Bevor ich zu diesen Touren aufbrach, war ich einen Nachmittag lang durch die Wälder um Wernigerode herum gewandert. In früheren Jahren schon hatten mich die lichten Eichenwälder auf trockenem, karstigen Grund beeindruckt; an diesem frühen Abend, im schrägen Licht, stand eine halb verfallene Bank an genau der richtigen Stelle.

Diese Eichenwälder, so habe ich gelernt, können viel älter sein, als sie aussehen: sie wachsen der Trockenheit wegen extrem langsam, so dass sie noch nach hundert und mehr Jahren wirken wie ein Jungwald.


Crown Princess Margareta

Neben „Summer Song“ steht „Crown Princess Margareta“ im Hochbeet, auch eine David-Austin-Rose; ich habe sie am gleichen Tag gekauft. Ihre Zweige biegen sich zu eleganten Bögen, an denen Büschel von intensiv gelborangen Blüten hängen. Sie sind dicht mit dreieckig-spitzen, komplex ineinander gefalteteten Blütenbättern gefüllt, die im Beet bewundert werden wollen: in der Vase halten sie leider kaum einen Tag.

Daher begann ich die erste Zeichnung draußen. Mein Wunsch war, das fluoreszierende Leuchten vor dem dunklen Gartenhintergrund abzubilden. Ich wählte ein dunkelgraues Papier – PaintOn von Clairefontaine – und zeichnete vor Ort die Umrisse mit einem weißen Gelstift. Leider deckten die Buntstifte nicht so, wie ich es mir erhofft hatte, so dass ich den Hintergrund noch weiter abdunkelte.

Heute war es draußen feucht und ungemütlich und ich holte mir einen Rosenzweig ins Zimmer. Mich interessierte besonders die schuppige Struktur der Blütenblätter in der Seitenansicht. Ich zeichnete in mein „botanisches“ Buch, Stillman&Birn Zeta A4, erst mit wasserfester Tinte und danach, eher locker, mit Aquarellfarbe.

Natürlich war ich auch neugierig und habe nachgesehen, wer dieser Rose den Namen gegeben hat. Margareta, eigentlich Margaret, war eine englische Prinzessin, Enkelin von Queen Victoria, und mit dem schwedischen Thronfolger Gustav VI. Adolf verheiratet. Aus England brachte sie die Liebe zur Landschaftsgärtnerei nach Schweden.


Bellin auf grauem Grund

Zwei Wochen später war ich wieder in Bellin. Dieses Mal konnte das Zeichnen nur am Rand stattfinden, und ich hatte ich mich auf meine Grundausstattung beschränkt; die Farbe kam zu Hause. Mein derzeitiges Alltagsbüchlein ist das „Toned Watercolour Book“ von Hahnemühle, mit hellgrauem Papier und im hinreißend handschmeichlerischen 14x14cm Quadratformat.

Die Belliner Kirche habe ich schon oft gezeichnet; die aktuelle Version setzt ordentlich Farbe gegen das Grau.
Eine Immortelle auf der Trockenwiese neben dem Pfarrhaus.
An den Wegrändern der alten Hohlwege findet sich auf dünnen Stielen dieser wilde Lauch.

Lange her

So viel Zeit habe ich noch nie zwischen zwei Beiträgen verstreichen lassen! Dabei habe ich gar nicht viel weniger gezeichnet als sonst im Alltag – doch in der bemessenen Zeit lieber gezeichnet als hier geschrieben. Nun wird es Zeit, wieder in den Takt zu kommen.

Hier zuerst ein paar Bilder, die Anfang Juli im mecklenburgischen Bellin entstanden. Ich hatte Lust darauf, Pflanzen zu zeichnen, und es mir zuerst unter einer riesigen alten Linde gemütlich gemacht. Das Bild ist im Original für meine Verhältnisse relativ groß, eine Doppelseite aus 2x A4 (Stillman&Birn Zeta, mein „botanisches Buch“.

Am Nachmittag zeichnete ich die Linde dann als Ganzes, gelb vor Blüten in der tiefer stehenden Sonne. Der Untergrund ist gelb getöntes Aquarellpapier aus Uraltbeständen in einem selbst gebundenen Buch.

Am nächsten Morgen war ich früh etwas in der Natur unterwegs und mir hüpfte das Herz von all den schönen Pflanzen. Ich pflückte mir einen Strauß und begann dann mit Porträts; leider wurde nur die Flockenblume richtig fertig. Aus dem Vollen schöpfend war ich noch einmal mit einem anderen Buch zuwege, einem Kunst&Papier-Aquarellbuch, das als Reisendes Buch von allen zeichnenden Belliner Gästen gefüllt wird.


Die Rosen der anderen

Der Schrebergarten von Freunden hat vor zwei Jahren die Besitzer gewechselt. An Wellplaste und Betonformsteinen lässt sich die Laube auf die 1960er bis 70er Jahre datieren; die Pflanzen dürften ab dieser Zeit eingezogen sein.

Es finden sich dort, anders als in meinem Hofbeet, kaum pastellfarbene Romantikrosen mit schwer hängenden Blütenköpfen, sondern eine sauber ausgerichtete Reihe von kräftig gefärbeten Edelrosen mit langen gerade Stielen und aufrechten Köpfen. Am schönsten sind natürlich die zweifarbigen. Sie erinnern mich an Kalenderfotos und Postkarten meiner Kindheit, auf denen solche Rosen – meist unter dem Namen „Teerose“ – eine wichtige Rolle spielten.

Als ich anfing, eine davon zu zeichnen, stellte ich fest, dass sie mit ihrer rosenarchetypischen Form ganz und gar der Ästhetik der 50er und frühen 60er entsprach, einer Ästhetik voller Winkel, Trapeze und Asymmetrien. Natürlich galt es auch, ihren Namen herauszufinden; bei der auffälligen Färbung in knalligstem Pink mit silbrigweißer Rückseite kamen nicht so viele in Frage. Wahrscheinlich ist es „Acapella“, eine preisgekrönte Züchtung aus dem Jahr 1994, also gar nicht so alt, wie ich gedacht hatte. Ich stellte mir vor, wie die gartenliebenden Vorbesitzer nach der Wende die Kataloge gewälzt und sich für diese Schönheit im Stil einer Zeit entschieden hatten, die mehr ihre gewesen war als es die kommende jemals sein würde. Und jener Zeit, die als „Moderne“ 1994 bereits eine Weile unmodern war, habe ich auch dann auch im Stil meines Rosenporträts ein bisschen die Referenz erwiesen.

(Graphit, Derwent Procolour Pink und diverse Aquarellfarben in meinem botanischen Skizzenbuch Stillman&Birn Zeta A4)


Summer Song

Es gibt so vieles zu zeichnen: Backsteinkirchen, Madonnen, Menschen, Teetassen, Fische … und natürlich noch den ganzen Rest. Der bleibt allerdings oft ungezeichnet, und mit ihm auch die Rosen in meinem Garten. Weil sie dummerweise gerade dann blühen, wenn auch alles andere blüht oder ich womöglich im Urlaub bin, um Backsteinkirchen und Madonnen zu zeichnen.

Weil dieses Jahr alles anders ist, könnte es vielleicht auch mit den Rosen klappen. Angefangen habe ich mit der, die sich am rarsten macht, einer Diva in seltenem Braunrot. Wenige schwere Blütenköpfe hängen an eher feinen Zweigen; dieses Jahr waren es vier oder fünf in der ersten Blüte. Als ich mir deren letzte zum Zeichnen schnitt, war sie schon ausgeblichen und sah fast so aus wie eine normale lachsfarbene Rose. (Apropos normal: Erst mit ein paar Jahren Abstand nach der Pflanzung sehe ich, wie sehr auch Rosen der Mode unterliegen. Die meisten in meinen Beeten sind das, was man als „Englische Rosen“ bezeichnet, moderne Erinnerungen an „Alte Rosen“, duftend, zartfarben und voll von Unmengen gefälteter Blütenblättchen, die Art von Rosen, die ich nach der Wende als erstes in den Gartenzeitschriften sah …)

Rose „Summer Song“ von David Austen; gezeichnet mit Kugelschreiber und koloriert mit der Farbe „Rose doré“ von Winsor und Newton (plus ein bisschen Lasurorange und Scharlach)