Hortus conclusus

Am nördlichen Schweriner Stadtrand, wo die sich die Wismarsche Straße scheinbar endlos bis in die 300er Hausnummern zieht, versteckt sich ein verzauberter Garten. Am Eingang eines alten Mietshauses weist ein winziges Schild darauf hin; man geht durch den Torweg und folgt erstaunt einem sich schlängelnden Weg in ein weiträumiges Hanggelände, das sich zwischen den Häusern und der Bahn erstreckt: Den Schweriner Gemeinschaftsgarten. Dort haben die Schweriner Urban Sketchers gestern gezeichnet.

Es war sonnig und schwül geworden, so suchte ich mir als erstes einen Platz im Obstgarten. Die Platzwahl war durch den Schatten bestimmt, so machte ich es mir unter einem Pflaumenbaum bequem. Während ich zeichnete, schlich sich Brechts Gedicht „Erinnerung an die Marie A.“ in meine Gedanken, jene wunderbare Meditation über Zeit und Ewigkeit, über Erinnern und Vergessen, das der Dichter mit unglaublichen zweiundzwanzig Jahren geschrieben hatte.

Die Sonne drehte ihre Bahn, und mit ihr der Schatten – ich flüchtete mich unter die Kastanien, wo wir später lange saßen und eine Kaffeetafel hielten. Zuerst aber waren die Blätter dran, gezeichnet von einer Urban Sketcherin: Wir bezeugen unsere Umwelt wahrhaftig. Mit Autos auf den Straßen (die waren gerade nicht da) und mit Mottenfraß in den Blättern.

Kastanienblatt mit Fraßgängen der Miniermotte.

Es war eine heitere und ein bisschen verwunschene Stimmung in dem versteckten Garten, auch wenn wir mit einem Hauch von schlechtem Gewissen den Vereinsmitgliedern beim Gärtnern zusahen. Nach dem Kaffee setzte ich mich unter einen Sonnenschirm und zeichnete das Pardiespförtchen, das in den Obstgarten führt, wo Apfel-, Birnen- und Pflaumenbäume sich unter der Last ihrer Früchte biegen. Zeichnerisch war es eine spezielle Übung, ganz ohne Farbe Struktur in das Motiv zu bringen.

Am Paradiespförtchen.


6 Kommentare on “Hortus conclusus”

  1. Catherine Henggeler sagt:

    liebe Annette

    schöne Arbeiten

    am Paradiespförtchen war mein Vater heute. Dann haben sie ihn reingelassen.

    Lassen wir ihm die ewige Ruhe

    Kathrin

    >

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    • Liebe Kathrin, mein herzliches Beileid! Ruhe ist gut … (Meine Mutter ist Anfang April verstorben.) Ich habe heute an Dich gedacht, als ich mir die Bilder der Reise angesehen habe; schon fast wieder ein Jahr her. Alles Liebe A.

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  2. D. Timpel sagt:

    Ich liebe es: die leichten hingeworfenen Zeichnungen, die eingehenden Erklärungen (die ich mit bekanntem Ton in Gedanken höre), und heute das Brecht-Gedicht, das ich nicht kannte (unwissend bisher, werde mich mit dieser Lyrik doch mal beschäftige; gefällt mir). Dankeschön!

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  3. Bob Altwein sagt:

    Hallo Annette,

    Hab deine Post gerade gelesen. Sehr idyllische Meldung. Bin gerade hier Im Cariboo Region. Leider sind die Fliegen im Moment etwas zu viel.

    Danke schön Bob

    Sent from my iPhone

    >

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