Über Land II

Letzten Freitag folgte die nächste Landpartie: von Schwerin Richtung Nordwesten bis zur Lübecker Bucht. Meine erste Station war die Kirche von Mühlen Eichsen, die von einem steilen Hügel herab auf eine viel befahrene Kreuzung blickt. Seit vielen Jahren war ich immer mal wieder daran vorbei gefahren.

Der Hügel ist so steil, dass man beim Zeichnen entweder mit dem Hocker hintenüber fällt oder eine extreme Untersicht wählen muss – ich entschied mich für Letzteres. Gerade als ich mit der ersten Schicht Farbe fertig war – die zweite folgte zu Hause – kam ein alter Herr mit dem Kirchenschlüssel und einem Schild „Offene Kirche“, das aussah, als wäre es so alt wie er selbst. Bevor er aufschloss, erzählte er mir noch ausführlich die Geschichte seines kaputten Staubsaugers, wegen dessen Reparatur er jetzt in die Stadt fahren müsse und daher keine Zeit hätte …

Kirche von Mühle Eichsen bei Schwerin. Gezeichnet vor Ort, gekleckst zu Hause.

Über Grevesmühlen und am noch geschlossenen Kloster Rehna vorbei fuhr ich weiter Richtung Klütz. Das Landstädtchen hat als „Jerichow“ in Uwe Johnsons „Jahrestagen“ Weltruhm erlangt. Da das Literaturhaus leider auch noch im Quarantäneschlaf lag, bot sich wiederum die Kirche an – leider ohne „Offen“-Schild, dafür mit diversen Lärmquellen in der Umgebung. Etwas gereizt tobte ich mich in wilden Tintenschraffuren aus, zu denen die beiden Kaffeflecken vom nächsten Tag hervorragend passten. Bei der Kolorierung bin ich in dem Farbspektrum geblieben.

Bei Gut Brook, schon kurz vor Travemünde, erreichte ich die Ostsee. Das naturbelassene Steilufer im ehemaligen Grenzgebiet ist mein Lieblingsstrand in dieser Gegend. Hier saß ich eine ganze Weile einfach so da, bis ich vor der Heimfahrt doch noch zu Stift und Farbe griff.

Steilufer an der Lübecker Bucht bei Gut Brook.

St. Christoph am Ostseestrand

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Statue des Heiligen Christophorus in der Warnemünder Kirche. Mischtechnik in Kunst&Papier Aquarellbuch.

Vor zwei Wochen hatte ich nach einer etwas mühsamen Pflichtweiterbildung im Ostseebad Warnemünde noch Gelegenheit, mir die dortige Kirche anzusehen. Der unscheinbare neugotische Bau birgt in seinem ruhigen, klaren Inneren einige kunsthistorische Schätze aus älterer Zeit, so auch diesen riesigen – 3,72 m hohen – Christophorus aus dem 16.Jahrhundert. Kopfbedeckung und Bart lassen ihn wie einen alt gewordenen Che Guevara aussehen, während der Christusknabe auf seiner Schulter trotz Segensgeste eher daherkommt wie der dralle Jung von nebenan.

Im Querschiff gleich neben dem Christophorus hängt eins dieser so schön maritimen Votivschiffe, dessen Segel die Inschrift trägt, die ich so schön fand, dass ich sie noch in das Bild eingebaut habe: Ich habe nun den Grund gefunden, der meinen Anker ewig hält.

Zeichentechnisch bin ich einige Umwege gegangen. Ich habe vor Ort mit Bleistift angefangen und wollte dann, um den opaken Charakter der kräftigen Bemalung zu betonen, eigentlich mit Gouache weitermachen, bin doch mit Aquarell ins Schwimmen gekommen und habe das Ganze dann mit schwarzer Tusche noch retten können – obwohl ich auf den hilfreichen Beistand kräftiger Konturen eigentlich mal verzichten wollte.