Deutschland, einig Vaterland

Das mecklenburgische Dorf Mestlin wurde in den 50er Jahrne zum „sozialistischen Musterdorf“ ausgerufen und erhielt einen großen leeren Platz mit Schule, Landambulatorium, Geschäften und vor allem einem überdimensionierten Kulturhaus im Stalinstil. Es steht mittlerweile unter Denkmalschutz, wird von einem Verein betreut und nach langem Leerstand gelegentlich wieder genutzt.

Als ich am Sonntagabend dort zum Zeichnen Halt machte, hing eine blauweiße Rautenflagge draußen und kündigte ein „Oktoberfest“ an. Kaum hatte ich mich in der Bushaltestelle niedergelassen, kam ein offensichtlich genervter Halbwüchsiger vorbei und schmiss ein paar Knaller dagegen – ob sie mir galten, habe ich lieber nicht ermittelt. Die faschingsmäßig „bayerisch“ kostümierten Dorfbewohner, die nach und nach eintrafen, nahmen von mir zum Glück keine Notiz.

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Der sozialistische Dorfplatz in Mestlin.


Zwanzig Jahre später

Gestern hatte ich in Grabow bei Ludwigslust zu tun. Das Städtchen ist außerhalb seines näheren Umkreises kaum bekannt und wäre manchen Besuch wert, bietet es doch eine geschlossene barocke Fachwerkbebauung, viele historische Gewerbebauten dabei, und idyllische Flussuferblicke. Grabow war eine Handwerker- und Kaufmannsstadt von solidem Wohlstand (die Vorfahren der Schriftstellerfamilie Mann sind von hier aus nach Lübeck gegangen), die ihren speziellen Charakter noch bis in die DDR-Zeit hinein bewahren konnte.

1998 bin ich einige Male zum Zeichnen hingefahren, meine damals neugeborene Tochter im Kinderwagen dabei, einige kostbare Wochen Freiheit nutzend. Fasziniert stand ich vor einem ausgedehnten frühindustriellen Mühlenkomplex, der gerade dabei war, seinen Betrieb einzustellen; man konnte in den Höfen ungestört umhergehen.

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Die alte Mühle in Grabow, PITT-Pens und Farbstifte in einem 30×30 cm großen Skizzenbuch. 1998

Gestern bin ich ganz bewusst an die gleiche Stelle gegangen und fand sie äußerlich weitgehend unverändert vor, das Dach notgesichert und das Gebäude seit 20 Jahren von einem Investor träumend. Die mittägliche Stille war fast schon schmerzhaft, von den Ladengeschäften, die es vor 20 Jahren in der Nähe noch gegeben hatte, war kein einziges mehr vorhanden.

Ich aber und mein Blick hatten sich gewandelt: erstaunt konstatierte ich, dass ich das Anwesen ohne die Vorgeschichte meiner früheren Besuche vermutlich nicht gezeichnet hätte – die Fassade flach und ummoduliert im Mittagslicht, wenig Tiefe; und alles schon sehr museal und unbehaust. So machte ich nun das Beste daraus, versuchte mich ganz bewusst an einer zügigen und nicht zu sorgfältigen Zeichnung im kleinen A6-Buch.

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20 Jahre später, gezeichnet im Hahnemühle Watercolour-Buch A6.

 


Zeichnen in Bellin

Seit einigen Jahren bin ich immer mal wieder Gast im Haus der Stille in Bellin, einem kleinen Ort im Herzen von Mecklenburg. Das Haus, liebevoll von einem Verein geführt, versteht sich als ein Einkehrort, an dem im Rahmen christlicher Tradition Formen der Achtsamkeit, der Meditation und des Gebetes geübt werden können. Es war mir eine Ehre, in diesem besonderen Umfeld einen Zeichenkurs anbieten zu dürfen; im Nachhinein weiß ich: es war auch eine große  Freude.

Der Kurs stand unter dem Motto einer Gedichtzeile von Ingeborg Bachmann: „Sehen, angeblickt, habe ich wieder erlernt“. Wir haben uns dem Zeichnen , genauer: dem gezeichneten Tagebuch, als einer besonderen und besonders beglückenden Achtsamkeitsübung gewidmet.  Ein bisschen hatte ich auch die Gelegenheit selbst zu zeichnen; teils als Demonstration, teils zwischendurch zum Vergnügen.

Angefangen haben wir beim gemeinsamen Abendessen. Als Fan der Teetassen von Liz Steel habe ich mich denn auch gleich über meine Teetasse hergemacht.

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Versuch in Gouache – da muss ich noch üben.

Am nächsten Vormittag haben wir die wunderbare Belliner Kirche gezeichnet. Der Schwerpunkt lag auf der Vereinfachung eines komplexen Motivs, wofür ich in der Morgenkühle einige Beispiele vorbereitet hatte.

 

Nachmittags waren allen konzentriert an einem Motiv eigener Wahl, während ich versuchte, die Frage zu beantworten, wo ich eigentlich beginne auf dem Blatt. Hier eine einfache zeichnerische Antwort. Bei der Konzentration darauf wurde mir klar, wie wichtig mir eine klare Umrisslinie zum Festlegen einer Form ist – und wie gern ich mit Negativräumen beginne (auf dieser Zeichnung nicht sichtbar.)

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Die Ziffern zeigen an, in welcher Reihenfolge ich gearbeitet habe – darüber habe ich mir vorher noch nie Gedanken gemacht.

Auch der Sonntagsgottesdienst wurde von Zeichnungen begleitet, die wir vorher in der Kirche angefertigt hatten – ein ganz besonderes Erlebnis.

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Das Kruzifix auf dem Altar, gezeichnet vor dem Gottesdienst. Das Kreuz ist hier als Lebensbaum dargestellt, der in grün und gold erblüht – eine tiefe und bewegende Metapher.

Zu Hause angekommen, erwartete mich eine ziemlich anstrengende Woche, und erst an deren Ende kam ich dazu, die Materialen auszupacken, die ich mitgenommen hatte.

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Auspacken nach einem schönen und intensiven Kurswochenende.

 

 

 


Schlossblicke

Als vor einigen Wochen Zeichner aus Berlin und dem Norden in Schwerin zu Gast waren, haben natürlich alle das Schloss gezeichnet. Alle außer mir. Für derart komplexe Ansichten, wie sie das Schweriner Schloss bietet, hatte ich an dem Tag nicht die Geduld, ich habe mich an überschaubare Motive gehalten. Und den Vorsatz gefasst, dieses Jahr endlich mal ein paar gezeichnete Schlossblicke zu wagen.

Am 1.Mai bin ich dann auch vorsatzgemäß früh losgezogen, um ungestört im Burggarten zeichnen zu können – und war nach einer Stunde so durchgefroren, dass ich den ganzen Tag brauchte, um aufzutauen. So habe ich das Bild vor Ort auch nur teilweise koloriert, der goldene Schein auf Kuppel und Turmspitzen fehlte noch, ebenso wie das Neapelgelb der Mauern. Ich habe darauf verzichtet, sie zu ergänzen – so rückt der neogotische Choranbau der Schlosskirche in den Mittelpunkt. Gemalt habe ich ihn mit einer meiner Lieblingsfarben, Hämatitschwarz von Schmincke.

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Nordostecke des Schweriner Schlosses, im Vordergrund der neogotische Choranbau der Schlosskirche.

Heute hingegen war das Wetter traumhaft, die Stadt an einem langen Wochenende voller Menschen; zuerst fand ich einen Platz zwischen Fliederduft und Clematislaube, doch danach habe ich mich noch mitten ins Getümmel gesetzt, auf den Logenplatz des „Café Prag“, und die Skyline der Kuppeln und Türmchen gezeichnet.

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Die Stadtseite des Schweriner Schlosses.


Schweriner Bilder

Am vergangenen Wochenende hatte ich Zeichnerbesuch aus Berlin, Hamburg, Lübeck und Eutin, in richtiges kleines Sketchertreffen im Norden. Bei herrlichem Wetter sind viele schöne Bilder von Stadt und Schloss entstanden. Meine eigenen blieben, wie das so ist im Gastgeberstand, eher im Vorläufigen und Unvollendeten. Erst wollte ich sie so lassen, hatte dann aber doch Lust zu sehen, was sich mit Farbe und Überarbeitung machen lässt.

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Aufwärmskizze – Blick zum Dom von Süden

Zuerst mal eine typische Aufwärmskizze. Schwungvoll und möglichst in einer Linie, großflächig ein bisschen Farbe verteilt – fertig in fünf Minuten.

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Im Schweriner Domhof, graue Tinte und Aquarell auf Stillman&Birn Zeta. 

Mit dem Hof des Kreuzgangs habe ich mich dagegen ziemlich geplagt. Ich hätte natürlich auch draußen in der Sonne zeichnen können wie die meisten anderen Sketcher, doch wollte ich die Gelegenheit nutzen, einen Schlüssel besorgt zu haben. Ein hinreißendes Motiv diese Kreuzgangwand im grellen Sonnenlicht, mit ihren Schlagschatten, Zierfriesen und Reflexionen – so dachte ich und holte den Block mit dem ganz glatten Papier für möglichst viele Details heraus. Zu spät merkte ich, dass ich dazu weder Zeit noch Ruhe hatte. Am Ende habe ich dann dem knalligen Kontrast seinen großen Auftritt gegeben.

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Der „Domhof“ ist ein kleiner versteckter Platz in der Nähe des Doms. Der Text vom Balken lautet: O HERR * ERBARME DI UNSER * UNDE WES UNS GNEDICH * ANNO 1574

Als nächstes ging ich zum „Domhof“, einem kleinen Platz in der Nähe. Das Fachwerkgebäude ist eines der wenigen, das die großen Stadtbrände überstanden hat. Eigentlich wollte ich eine attraktive Barocktür zeichnen, doch war die wie immer zugeparkt. Ich erinnerte mich an den hinreißenden Workshop von Dave Robb und räumte den Autos auf meinem Bild den Platz ein, den sie nun mal einnehmen.

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Viktoriastatue von Christian Daniel Rauch auf der Seeseite des Schweriner Schlosses.

Am Nachmittag ging es dann endlich zum Schloss, doch für eines der großen komplexen Motive fehlte mir wiederum die Ruhe. So zeichnete ich die Viktoria am Schloss. Häufig werden die beiden Stauen (es gibt noch eine ähnliche, benachbarte) für Engel gehalten, doch stellen sie Siegesgöttinen dar.

 


Bunte Stube und bunte Mischung

Als Nachtrag meines Greifswald-Besuchs traf ich mich zwei Tage später noch einmal mit Freunden, die in Ahrenshoop Urlaub machten. Während die beiden in der „Bunten Stube“ nach Geschenken suchten, versuchte ich so schnell wie möglich das künstlerkoloniemäßige Äußere des Baus einzufangen (Bäderstil x Bauhaus). „So schnell wie möglich“ hieß in diesem Fall, dass die kleinen Kritzeleien noch kritzliger wurden und das größere Bild beim Aufbruch noch recht im Rohbau war; ausgebaut habe ich ihn dann zu Hause.

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Die „Bunte Stube“, ein traditioneller Andenken- und Buchladen in Ahrenshoop.

Zu Hause habe ich ein bisschen „Reportage“ geübt und dabei die kleinen Bilder etwas größer gemacht und mit Farbe versehen. Links der Schweriner Hauptbahnhof mit dem „Seenotbrunnen“ auf dem Bahnhofsvorplatz, dessen erotisch aufgeladene Szenerie zur Zeit der Aufstellung die Schweriner Gemüter erhitzte. Rechts zwei Blitzlichter meines heutigen Abendessens im Einkaufszentrum.

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Schweriner Stadtszenen, schnell und ohne Vorzeichnung mit Füller gezeichnet und zu Hause koloriert.

 


Komische Heilige

Letzten Sonntag wollte ich zum Abschluss meines Belliner Wochenendes noch ein bisschen in der Kirche zeichnen. Ich hatte mir dieses Mal den Altaraufsatz vorgenommen, der klugerweise nicht auf dem Altar, sondern in einer etwas dunklen Ecke steht. Er ist aus zwei schon einzeln wenig gelungenen Teilen zusammengestückelt: einem barocken Altarbild samt Predella, auf der Jesus beim Abendmahl aussieht wie ein Kavalier auf der Grande Tour, und den Flügeln mit sechzehn Heiligenfiguren.

Diese Heiligen sind lupenreine spätgotische Massenware, auf den ersten Blick langweilige, auf den zweiten unfreiwillig komische in die Länge gezogene Gesellen. Den komischsten von ihnen habe ich mir zum Zeichnen vorgenommen, einen St.Veit, der mit verdrehten Augen und Kussmündchen in seinem Topf voll siedendem Öl steht. Nein, Mittelalter ist nicht immer romantisch!

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Heiliger Veit, spätgotische Altarfigur in der Kirche von Bellin/Mecklenburg.

Auf dem Heimweg bin ich noch bei Barlach vorbeigefahren, im Güstrower Atelierhaus am Heidberg, einer sehr schönen und erstaunlich wenig besuchten Anlage. Nach einigen Überlegen habe ich mich dann entschieden, die „Pilgerin“ aus dem „Fries der Lauschenden“, der in einem Gipsentwurf dort hängt, zu zeichnen. Die Ikonographie des Frieses hat, wie vieles bei Barlach, Anklänge an mittelalterliche Sakralkunst. Die unfreiwillige Komik kam dann beim Zeichnen von selbst: indem ich anfangs den Hut der Dame etwas zu hoch zeichnete, sah die ganze Figur gleich aus wie mit einem jener 20er-Jahre-Topfhüte geschmückt – und ich bekam das Bild dann trotz Korrektur nicht mehr aus dem Kopf.

Beide Bilder habe ich mit einer Untermalung aus wasserfester Tusche versehen, bevor ich sie farbig übermalt habe.

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„Die Pilgerin“ aus dem „Fries der Lauschenden“ von Barlach.