Belliner Bilderbogen

Vergangenes Wochenende hatte ich, wie schon im vergangenen Jahr, das Vergnügen, im „Haus der Stille“ im mecklenburgischen Bellin einen kleinen Zeichenkurs zu geben. Passend zur Ausrichtung des Hauses ging es dabei weniger um technisches Können als darum, die Wahrnehmung zu schulen und im Hier und Jetzt genau hinzusehen.

So fingen wir auch nach dem Abendessen genau damit an: mit dem Hier und Jetzt und dem, was auf dem Tisch vor uns stand. In meinem Fall war das ein Glas voller Honig von den Bienen der evangelischen Schule in Parchim.

Am nächsten Morgen ging es weiter mit einem „Bilderbogen“ – kleinen schnellen Skizzen zur Motivfindung. Auf meinem habe ich gezeichnet, was ich sehe, wenn ich aus der Tür des Hauses trete – nachdem ich die Kästchen vorbereitet hatte, habe ich dafür kaum mehr als zwanzig Minuten benötigt.

Im weiteren Verlauf des Wochenendes habe ich es einigen Teilnehmer*innen gleich getan und mich mit neuen Materialen vertraut gemacht – in meinem Fall waren das getönte Papiere und deckende Farben.

Hier ein schnelles Porträt mit Gouachefarbe auf dem schönen Paint-On-Papier von Clairefontaine, entstanden beim abendlichen Gespräch im Garten.

Da ich eine Frühaufsteherin bin, konnte ich vor dem Frühstück noch eine Nachtkerze zeichnen – dieses Mal auf die graue Variante dieses Papiers. Die knalligen weißen Linien habe ich zu Hause mit einem Gelroller ergänzt. Ich weiß noch nicht so richtig, ob ich das Ergebnis mag.


Bärlauchintermezzo

Just an dem Tag, an dem ich aus dem Urlaub kam, steckte etwas besonders Schönes in meinem Briefkasten: ein Hahnemühle Grey Book, das von einer Hamburger Zeichnerin aus per Post seine Runde macht. Das Grey Book, ist wie der Name schon sagt, ein Buch mit grauen Seiten, ein neues Produkt aus dem Hause Hahnemühle, und vordergründiges Ziel der Reise ist das Ausprobieren verschiedener Materialien.

Da das Buch schon eine Weile unterwegs ist, wusste ich, dass sein relativ dünnes und saugfähiges Papier mit Wasser nicht besonders gut zurecht kommt. Materialien zum weitgehend trockenen Arbeiten auf getöntem Untergrund hatte ich mir kürzlich besorgt und machte mich damit ans Werk: wasserlösliche Wachskreiden und die bekannten Albrecht-Dürer-Stifte von Faber Castell, dazu noch etwas weißer PITT-Pen.

Und Urlaubserinnerungen konnte ich am Ende auch noch pflegen, hatte ich mir doch als Zeichenobjekt etwas Bärlauch aus meinem Garten gewählt – ein schwacher Abglanz der endlosen Bärlauchwälder, durch die ich vor zwei Wochen rund um Tübingen gewandert war. (Dieser Bärlauch, in Mecklenburg eher nicht heimisch, ist das Geschenk eines Freundes aus Süddeutschland; im Odenwald ausgegraben und kundig verpackt kamen die Knöllchen eines schönen Frühlingstages vor einigen Jahren per Post bei mir an und haben sich unter den Rosen prächtig vermehrt.)


Von Müllern und Katern

Am Ende des schönen Trubachtals liegt das Örtchen Egloffstein, zwei Handvoll Häuser, von der unvermeidlichen Burg überkrönt. Übernachtet habe ich unten neben der Trubach, in einer ehemaligen Wassermühle. Vor dem Aufbruch am nächsten Morgen bemerkte ich gerade noch rechtzeitig die Tür mit dem Wappen der Mühle: Zwei Kater, eine Zahnwelle haltend. Ein sinniges Motiv, dürften doch Mäuseplagen den Müllern aller Zeiten zugesetzt haben.

Dass Künstler früherer Jahrhunderte Löwen oft etwas eigentümlich abbildeten, ist der Tatsache geschuldet, dass sie nie einen im Original sahen – warum aber der unbekannte Künstler, dem Felis silvestris sicher eine vertraute Art war, sie derart seltsam darstellte, dieses Geheimnis hat er mit ins Grab genommen. In die Länge gezogen und mit löwenartig bequasteten Schwänzen (auf meiner Zeichnung nicht besonders gut zu erkennen) sind sie ein so merkwürdiger Anblick, dass ich einen Moment überlegen musste, welche Tiere überhaupt gemeint sind. An ihrem Geschlecht hingegen gibt es keinen Zweifel: beide ziert eine prächtige Erektion.

Vor Ort gezeichnet habe ich das Motiv mit Bleistift; als ich die Schatten zu Hause ebenfalls mit Graphit vertieft hatte, kam ich auf die Idee, mit Albrecht-Dürer-Aquarellstiften weiterzuarbeiten. Der etwas opake, kreidige Charakter der Stifte schien mir besser zu dem Motiv zu passen als Aquarellfarbe. Wieder einmal ist mir dabei aufgefallen, wie anders diese Stiftfarben sich verhalten als übliche Wasserfarbe.

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Alte Eingangstür mit Wappen der Egloffsteiner Mühle. Graphit und Aquarellstifte.


Wie bei Albert Ebert

Immer mal wieder hat der Hallenser Maler Albert Ebert Witwen in Schwarz gemalt, Friedhofsbesucher am Totensonntag oder gleich ganze Beerdigungen mit Blaskapelle. Diese Bilder verströmen, wie fast alles von Albert Ebert, eine heitere Melancholie.

Als ich vor einigen Tagen auf meiner Reise im Gasthof zur Post in Egloffstein eine Trauergesellschaft sah, musste ich an diese Bilder denken. Die Gaststube mit ihren Ölschinken und Geweihen, der dunklen Deckenverkleidung und den dem schmiedeeisernen Leuchter, alles überzogen mit der Patina eines Ortes, der einmal bessere Tage gesehen hat, gaben dem Anlass den passenden Rahmen.

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Trauergesellschaft im Gasthof zur Post in Egloffstein. PITT-Pens und etwas Wasserfarbe.


Kartoffeln

In diesem Frühjahr reiht sich ein runder Geburtstag an den anderen, und was liegt näher, als einem ausgewiesenen Liebhaber seltener Gemüsesorten – und ganz besonders ausgefallener Kartoffeln – ein paar von ihnen abzubilden? Der Plan war lange in mir gereift – der Termin immerhin seit Monaten bekannt – und natürlich wurde die Zeit irgendwann knapp. Zum Glück fand ich im Netz einige Anbieter besonderer Sorten in Kleinmengen, und ich bestellte, was das Zeug hielt, um mich dann zu fragen, was ich denn nun nach Verstreichen der regulären Pflanzzeit mit so vielen bunten Kartoffeln anstellen sollte … Immerhin wurden sie schnell geliefert, und das kalte Wetter enthob mich auch der Pflicht, die nicht vermalten noch schnell in irgendwelche Erde stecken zu müssen – sie wären dort ohnehin nicht gekeimt. Ich ließ sie also noch ein Weilchen im warmen Zimmer liegen, reaktivierte ein paar alte Blumenkübel, auf die – mitsamt den sorgsam nummerierten Kartoffeln – nun die Sonne um so wärmer scheint. Sie werden den Verzug schon noch aufholen, und im Herbst können wir hoffentlich verkosten. (Vielleicht gibt es vorher noch ein Kartoffelblütenbild.)

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Von links nach rechts: Blauer Schwede, Bamberger Hörnchen, Violetta, Rote Emmalie. Faber Castell Farbstifte auf Arches HP Papier, 30×40 cm. 

 


Tinas Tomaten

Tomaten sind um diese Jahreszeit  ja eine eher wäßrige Angelegenheit, selbst auf Madeira schmeckten sie deutlich nach wenig. Diese hier habe ich nach einem Marktgang  im September begonnen und nun wieder vorgeholt, als eine gute Freundin sich zu einem runden Geburtstag ein Bild wünschte. Ein Pflanzenbild, hatte sie gesagt, und dabei vermutlich an Blüten und Blätter gedacht. Ich machte auch ein paar Blumenstudien, doch am Ende entschied ich mich für die Früchte in ihren vielfältigen, lebensfrohen Farben.

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Bunte Tomaten vom Schweriner Markt. Farbstiftzeichnung auf Arches HP Aquarellpapier.

 


Lübeck 1500

Anfang Januar war ich in Lübeck in der Ausstellung „Lübeck 1500“, einer spektakulären Sammlung sakraler Kunst aus dem Ostseeraum. Zeichnend konnte ich nur einen Bruchteil erfassen, habe mir auch leider keine genauen Notizen zu Herkunft und Entstehung der Bildwerke gemacht, und mittlerweile hat sie leider geschlossen.

Ich habe mich auch an zwei Madonnen versucht, aber am schönsten sind dann am Ende die etwas dynamischeren Motive geworden. Der grünbraune warzige Teufel zu Füßen des heiligen Antonius hatte es mir besonders angetan. Im Original ist er vielleicht 60 cm hoch, also nicht ganz klein. (Das war überhaupt das Schönste an der Ausstellung, dass man diese sakralen Kunstwerke, die sonst in Kirchen irgendwo hoch oben oder weit weg stehen, von Angesicht und auf Blickhöhe sehen konnte.)

Der seelenwägende Michael ist überlebensgroß und dürfte für einen mittelalterlichen Menschen recht beeindruckend gewesen sein. In der linken Waagschale bemüht sich ebenfalls ein Teufel. Mit einem Mühlstein versucht er, dem Gewicht der guten Werke der armen Seele etwas entgegen zu setzen – vergeblich.