Tee in der Komfortzone

Heute bin ich gar nicht gewachsen. Jedenfalls nicht, wenn es nach dauergutgelaunten Lebenshilferatgebern geht, die all denen, die es sich in ihrer Komfortzone gemütlich machen, mit Konsequenzen drohen. „Kein persönliches Wachstum“, das liest sich ein bisschen wie „ohne Abendbrot ins Bett“ – Strafe muss sein.

Nein, kein Challenge, kein Projekt, kein persönlicher Entwicklungsplan: mein guter Vorsatz für heute war die altbekannte Teetasse; ein Stillleben, das schön still hält, aus dem ich mich während des Zeichnens mit schwarzem Tee bedienen kann, während ich nebenbei dem Ofen beim Zimmerwärmen zusehe.

Naja, zugegeben – ein klitzekleines bisschen Projekt ist doch dabei. Im Gegensatz zu der Weihnachtspyramide in Gouache ist die Tasse nämlich mit Aquarellfarben gemalt. Abgeguckt habe ich mir die Technik bei Marie Silver, die in dieser Weise auf dem beigen Stillman&Birn-Papier arbeitet. Das Weiß wird ebenso wie die anderen Farben in Aquarellmanier lasierend eingesetzt und der – in meinem Fall graue – Untergrund darf durchscheinen. Zum Schluss gibts noch ein paar Higlights mit einem weißen Marker obendrauf.


Nach Weihnachten

Es war wohl Karl Valentin, der den Spruch prägte, dass es wieder ruhiger würde, wenn die stille Zeit vorüber sei. Was auch etwas darüber sagt, dass vorweihnachtliche Hektik keine Erfindung des 21.Jahrhunderts ist. Wie auch? Die Kartoffelsalat-und-Würstchen-Tradition entstammt schließlich Haushalten, in denen am Tag vor dem Heiligen Abends noch gearbeitet wurde und die Hausfrauen ihre liebe Not damit hatten, alles vorzubereiten.

Um alles unter einen Hut zu bekommen – auch gänzlich unweihnachtliche, aber nicht minder notwendige Termine – hatte ich mir eine Zeichenpause gegönnt. Ja, so sehr ich das Zeichnen liebe, manchmal setzt mich der Gedanke daran unter Druck. Um so schöner ist es, wieder anzufangen, am liebsten mit einem „Auf-dem-Tisch-unter-der-Lampe“-Bild: Da steht um diese Jahreszeit die Weihnachtspyramide und dreht mehr oder weniger gemächlich ihre Flügel. (Zum Gezeichnet-Werden darf sie dann auch mal stillstehen.)

Es ist keine besondere Pyramide, kein kostbares Erbstück; ich habe sie vor einigen Jahren an einem Verkaufsstand in der Fußgängerzone erworben. Immerhin stammt sie aus dem Erzgebirge, wo ich geboren bin. (Die Pyramide, die so alt war wie ich, war allmählich zu Bröseln zerfallen und bekam letzte Weihnachten ihr Abschiedsbild.)

Gemalt habe ich sie mit Gouache-Farben in das graue S&B-Buch, das mich nun schon seit dem Inktober begleitet. Ich bin mit diesen Farben nicht geübt und hatte zum Schluss meine liebe Not, das kleinteilige Motiv mit den eher für großflächigeres Arbeiten gemachten Materialien aufs Papier zu bringen. Am Ende musste dann doch noch der weiße Stift mithelfen, etwas Struktur hineinzubringen. Zwei Abende und einen Morgen brachte ich mit dem Bild zu, Zeit und Gelegenheit auch, den einen oder anderen Gedanken an die Geschichte zu wenden, die hier in hellen und dunklen Holztönen erzählt wird.


Die Puppe mit den Schlafaugen

Heute habe ich eine meiner alten Puppen verschenkt. Das kleine Mädchen hatte sich zum Geburtstag eine „Puppe mit Schlafaugen“ gewünscht und ich mich erinnert, dass noch zwei aus meiner Kindheit tief unten im Schrank lagen. Die Puppe war erstaunlich gut erhalten – bei dieser Gelegenheit erst sah ich, dass die Schenkerin seinerzeit – Anfang der 60er Jahre – eine teure Marke gewählt hatte. So hatte ich jetzt auch kein Problem, von eben dieser Marke ein perfekt sitzendes modernes „Outfit“ zu erwerben, denn die Kleidung war doch schon ein bisschen in die Jahre gekommen.

Vor dem Umzug habe ich sie noch einmal in ihrer alten Kleidung gezeichnet. Der gestreifte und schon ziemlich ausgeleierte Pullover war möglicherweise später dazu gekommen – erinnerte er mich doch an eben diese Mode Ende der 70er, für immer verewigt in Niedeckens „Ruut-wieß-blau querjestriefte Frau“. Bei der Hose fiel mir dann auch noch Reinhard Meys „Kinderhosenballade“ ein. (Überhaupt diese Mischung aus Kindergesicht, Latzhose und toupierter Frisur!)

Am Ende sind zwei Seiten in zwei unterschiedlichen Büchern daraus geworden. Zuerst machte ich mehrere freihändige Skizzen auf dem feinen glatten Zeta-Papier von Stillman&Birn und hatte dann Lust, ein bisschen mit Farbe und Collage zu spielen.

Danach griff ich zu dem selbstgebundenen Buch, das ich vor der Amsterdam-Reise zusammengestellt hatte. Darin warten noch viele Seiten getöntes Bockingford-Aquarellpapier aus meinem unerschöpflichen geerbten Vorrat darauf, dass ich ausprobiere, was sich mit ihnen am besten anstellen lässt. In diesem Fall ist es ein Aquarell mit einem Hang zur Gouache geworden. Immerhin habe ich mich beherrscht und keine Stifte verwendet.


Dreimal schwarze Kanne

Die kleine schwarze Kanne fasst knapp vier Tassen Tee; sie hat als Alltagskanne schon meine Kindheit begleitet und ist, fast ein Wunder in über fünfzig Jahren, unbeschädigt geblieben. Heute benutze ich sie nur noch selten, doch wenn, hole ich dazu noch das andere, eben so vorsichtig verwendete schwarz-grüne oder dunkelrote Bollhagen-Geschirr raus. Dabei ist die Kanne selbst gar nicht von Bollhagen, jedenfalls trägt sie keine Marke, auch wenn sie perfekt den Geist – man kann es auch einfach die Mode nennen – der 50er, 60er Jahre verkörpert.

Zeichnen wollte ich sie schon lange mal; jetzt ist eine kleine Serie daraus geworden, mit unterschiedlichen Zeichenmaterialien.


Die Versionen 2 und 3 sind beide heute entstanden, und zwar auf mit etwas Wasserfarbe vorgrundiertem Papier.


Laternenkinder

Beim Zeichnen der Erzgebirgsengel erinnerte ich mich an die Weihnachtspyramide meines Jahrgangs – 1960 – die meine Kindheit und noch viele Jahre danach begleitet hatte und vor einiger Zeit anfing zu zerfallen. Die Laternenkinder, die viele Jahre lang um den Tannenbaum gelaufen waren, verloren Arme und Beine, die Farbe blätterte ab und das ganze, einmal so hübsch gewesene Stück löste sich auf eine Weise auf, die auch eine Restaurierung nicht mehr sinnvoll erscheinen ließ. Nachdem die Einzelteile ein paar Jahre in einer Tüte verbracht hatten, war nun die Zeit des Abschieds gekommen.




Güstrow

Gestern war ich zum Zeichnen in Güstrow, und natürlich ging es zuerst in den Dom. In der überbordenden Fülle der Motive hielten wir uns – ich war mit einer Zeichenfreundin dort – an das bekannteste Motiv: den schwebenden Engel von Barlach. Es war eine schöne halbe Stunde dort in der Seitenkapelle; jemand übte Orgel und der Küster störte uns nicht, obwohl eigentlich schon Mittagspause war. 

„Der Schwebende“ – Plastik von Ernst Barlach im Güstrower Dom.

Erst im Gehen merkten wir, dass wir doch ganz schön durchgefroren waren; und leider wurde uns auch an unserem nächsten Ziel, der Getrudenkapelle, nicht wärmer. Ein wenig außerhalb der alten Stadtbefestigung steht die gotische Kapelle auf dem Gelände eines ehemaligen Friedhofs. Die Kapelle ist einer der beiden Ausstellungsorte von Barlachs Werken in Güstrow – der zweite, sein Atelierhaus, liegt etwas außerhalb der Stadt. 

Zuerst wollte ich wieder eine der Skulpturen zeichnen, doch dann entschied ich mich für den Raumeindruck dieses stillen und gesammelten Ortes, an dem nichts dir Wirkung der Plastiken stört. 

In der Güstrower Gertrudenkapelle.

Leider vertrieb uns die Kälte doch recht bald, und nachdem wir uns in einem Café aufgewärmt hatten, fiel schon die Dämmerung ein. Eine letzte halbe Stunde lang sahen wir uns noch in dem kleinen Museum der Güstrower Stadtinformation um, und ich blieb ganz begeistert an einer Musikbox aus den 50er oder 60er Jahren hängen, einem Gegenstand von aus der zeit gefallener Ästhetik und Mechanik; und doch erinnerte ich mich, als Kind mit großen Augen vor solchen Geräten gestanden zu haben. 

Eine Musikbox in der zeitgeschichtlichen Abteilung des Güstrow-Museums.

Zeichnen in Bellin

Seit einigen Jahren bin ich immer mal wieder Gast im Haus der Stille in Bellin, einem kleinen Ort im Herzen von Mecklenburg. Das Haus, liebevoll von einem Verein geführt, versteht sich als ein Einkehrort, an dem im Rahmen christlicher Tradition Formen der Achtsamkeit, der Meditation und des Gebetes geübt werden können. Es war mir eine Ehre, in diesem besonderen Umfeld einen Zeichenkurs anbieten zu dürfen; im Nachhinein weiß ich: es war auch eine große  Freude.

Der Kurs stand unter dem Motto einer Gedichtzeile von Ingeborg Bachmann: „Sehen, angeblickt, habe ich wieder erlernt“. Wir haben uns dem Zeichnen , genauer: dem gezeichneten Tagebuch, als einer besonderen und besonders beglückenden Achtsamkeitsübung gewidmet.  Ein bisschen hatte ich auch die Gelegenheit selbst zu zeichnen; teils als Demonstration, teils zwischendurch zum Vergnügen.

Angefangen haben wir beim gemeinsamen Abendessen. Als Fan der Teetassen von Liz Steel habe ich mich denn auch gleich über meine Teetasse hergemacht.

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Versuch in Gouache – da muss ich noch üben.

Am nächsten Vormittag haben wir die wunderbare Belliner Kirche gezeichnet. Der Schwerpunkt lag auf der Vereinfachung eines komplexen Motivs, wofür ich in der Morgenkühle einige Beispiele vorbereitet hatte.

 

Nachmittags waren allen konzentriert an einem Motiv eigener Wahl, während ich versuchte, die Frage zu beantworten, wo ich eigentlich beginne auf dem Blatt. Hier eine einfache zeichnerische Antwort. Bei der Konzentration darauf wurde mir klar, wie wichtig mir eine klare Umrisslinie zum Festlegen einer Form ist – und wie gern ich mit Negativräumen beginne (auf dieser Zeichnung nicht sichtbar.)

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Die Ziffern zeigen an, in welcher Reihenfolge ich gearbeitet habe – darüber habe ich mir vorher noch nie Gedanken gemacht.

Auch der Sonntagsgottesdienst wurde von Zeichnungen begleitet, die wir vorher in der Kirche angefertigt hatten – ein ganz besonderes Erlebnis.

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Das Kruzifix auf dem Altar, gezeichnet vor dem Gottesdienst. Das Kreuz ist hier als Lebensbaum dargestellt, der in grün und gold erblüht – eine tiefe und bewegende Metapher.

Zu Hause angekommen, erwartete mich eine ziemlich anstrengende Woche, und erst an deren Ende kam ich dazu, die Materialen auszupacken, die ich mitgenommen hatte.

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Auspacken nach einem schönen und intensiven Kurswochenende.