Zeichnen in Bellin

Seit einigen Jahren bin ich immer mal wieder Gast im Haus der Stille in Bellin, einem kleinen Ort im Herzen von Mecklenburg. Das Haus, liebevoll von einem Verein geführt, versteht sich als ein Einkehrort, an dem im Rahmen christlicher Tradition Formen der Achtsamkeit, der Meditation und des Gebetes geübt werden können. Es war mir eine Ehre, in diesem besonderen Umfeld einen Zeichenkurs anbieten zu dürfen; im Nachhinein weiß ich: es war auch eine große  Freude.

Der Kurs stand unter dem Motto einer Gedichtzeile von Ingeborg Bachmann: „Sehen, angeblickt, habe ich wieder erlernt“. Wir haben uns dem Zeichnen , genauer: dem gezeichneten Tagebuch, als einer besonderen und besonders beglückenden Achtsamkeitsübung gewidmet.  Ein bisschen hatte ich auch die Gelegenheit selbst zu zeichnen; teils als Demonstration, teils zwischendurch zum Vergnügen.

Angefangen haben wir beim gemeinsamen Abendessen. Als Fan der Teetassen von Liz Steel habe ich mich denn auch gleich über meine Teetasse hergemacht.

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Versuch in Gouache – da muss ich noch üben.

Am nächsten Vormittag haben wir die wunderbare Belliner Kirche gezeichnet. Der Schwerpunkt lag auf der Vereinfachung eines komplexen Motivs, wofür ich in der Morgenkühle einige Beispiele vorbereitet hatte.

 

Nachmittags waren allen konzentriert an einem Motiv eigener Wahl, während ich versuchte, die Frage zu beantworten, wo ich eigentlich beginne auf dem Blatt. Hier eine einfache zeichnerische Antwort. Bei der Konzentration darauf wurde mir klar, wie wichtig mir eine klare Umrisslinie zum Festlegen einer Form ist – und wie gern ich mit Negativräumen beginne (auf dieser Zeichnung nicht sichtbar.)

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Die Ziffern zeigen an, in welcher Reihenfolge ich gearbeitet habe – darüber habe ich mir vorher noch nie Gedanken gemacht.

Auch der Sonntagsgottesdienst wurde von Zeichnungen begleitet, die wir vorher in der Kirche angefertigt hatten – ein ganz besonderes Erlebnis.

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Das Kruzifix auf dem Altar, gezeichnet vor dem Gottesdienst. Das Kreuz ist hier als Lebensbaum dargestellt, der in grün und gold erblüht – eine tiefe und bewegende Metapher.

Zu Hause angekommen, erwartete mich eine ziemlich anstrengende Woche, und erst an deren Ende kam ich dazu, die Materialen auszupacken, die ich mitgenommen hatte.

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Auspacken nach einem schönen und intensiven Kurswochenende.

 

 

 


An der Trave

Ab und zu habe ich in Travemünde zu tun, und meist – ich weiß nicht warum – ist das Wetter schlecht und der einst vornehme Ferienort an der Ostsee sieht dann noch mehr nach alter Bundesrepublik als sonst. Da setzt man am besten noch eins drauf und geht ins Café Niederegger Marzipantorte essen.

Ich fand einen schönen Fensterplatz mit Blick auf die Trave, und nach ein paar sehr anstrengenden Tagen verbrachte ich dort eine wunderbare Zeichenstunde. Zuerst wollte ich das so schön altmodische Geschirr mit seinem roten Streifen zeichnen – wo gibt es sowas noch? – doch dann drängelte sich die Lampe mit ihrem Lichtschein in den Vordergrund.  Die Kellnerin bestand darauf, mich schon einmal zeichnend gesehen zu haben – erst als wir beide gingen – ihre Schicht war zu Ende – fiel uns ein, dass das vor einigen Jahren in der Lübecker Innenstadt-Filiale gewesen war …

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Blick aus dem Café Niederegger über die Trave. Die seltsamen Knollen vor dem Fenster sind beschnittene Promenadenbäume. 


Dezemberbilder

Manchmal gelingt es mir trotz aller guten Vorsätze nicht, mich zum Zeichnen aufzuraffen, und – wer kennt das nicht! – das aufkommende schlechte Gewissen macht den Neuanfang von Tag zu Tag schwerer. Für solche Zeiten habe ich ein Skizzenbuch, aus dem nichts veröffentlicht wird. Es liegt auf dem Esstisch, Stifte und Pinsel daneben. Meistens klappt es, und nach ein paar Tagen ist die Blockade überwunden.

So auch dieses Mal. Und, nein, ich zeige jetzt auch nichts aus diesem Buch, sondern das, wozu es mich angeregt hat. Bei meinem Gerstäcker-Besuch in Dresden hatte ich mir ein kleines Hahnemühle-Aquarellbuch mitgebracht, 30 Seiten, gerade passend für einen Monat. Hier ein paar Seiten daraus.


Nichtengeschichten Teil 2

Selbstverständlich ging es mit den beiden jungen Damen auch in den Zoo. In der Ferienzeit ist das immer eine etwas lärmige und unruhige Angelegenheit, ein lebendes Wimmelbild, und so blieb zum Zeichnen nur wenig Gelegenheit. Bei den Pinguinen konnte ich ein paar sehr zügige Skizzen machen, die ich dann zu Hause ergänzt habe.

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Eine schnelle Pinguinskizze mit Derwent Finelinern, zu Hause mit Tinte und Farbe ergänzt.

Ganz anders die Schuhe. Nach dem Schuhkauf am nächsten Vormittag brachten die beiden genug Geduld auf, dass ich von den Früchten der Aktion eine recht genaue lineare Zeichnung anfertigen konnte. Bei der weiteren Ausgestaltung habe ich mich durch einen Blogbeitrag von Jutta Richter anregen lassen: zuerst werden mehrere Graustufen mit verdünnter wasserfester Tinte aufgebracht – ich habe die von Super5 verwendet. Danach kann mit lasierender Wasserfarbe koloriert werden. Der Prozess erinnerte mich an botanisches Arbeiten – wenn auch dort die Grautöne mit Wasserfarbe angelegt werden. Das Ergebnis ist etwas statisch – so ziemlich das Gegenteil der lockeren Pinguine.

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Kinderschuhe. Die lineare Zeichnung habe ich später zuerst mit einer Untermalung aus wasserfester Tusche versehen und dann koloriert.

 


Mein erstes Auto

Der Berliner Nordwesten ist nicht hip. Im Niemandsland zwischen Großmarkt und Autobahn, zwischen S-Bahn, Kleingartenverein und Kanal sind die langen geraden Straßen leer, grau und – in den Grenzen des Möglichen – sogar still. In so einer stillen Straße beherbergt ein ehemaliges Straßenbahndepot einen ganz besonderen Schatz: Die Classic Remise Berlin, eine riesige Oldtimer-Garage.

Als Berliner Zeichenfreunde den Ort für ein Nachmittagstreffen vorschlugen, war ich innerlich ein bisschen zweifelnd. Autos zeichnen? Ich? Ist das nicht eher so ein Ort für eckige Typen mit Goldkettchen? Angekommen lief ich erst einmal zwanzig Minuten durch die Reihen der dort geparkten (und zum Verkauf angebotenen) Autos: vom 100 Jahre alten Vorkriegsauto über Rennwagen aus allen Zeiten und Ländern bis zu alten Kleinwagen ist alles dabei. An einer Wand der Halle entlang ziehen sich Werkstätten, in denen unter den Augen kundiger Besucher geschraubt, poliert und auch mal mit dem Motor geröhrt wird.

Ich ließ mich mit Blick auf eine Werkstatt nieder und zeichnete zum ersten Mal im Leben ein Auto: einen Volvo 444 von 1953, „Buckelvolvo“ genannt, das schwedische Pendant zum „Käfer“ und der Anfang der Volvo-Erfolgsgeschichte. Kaum hatte ich begonnen, bot mir der Inhaber der Werkstatt einen Kaffee an – überhaupt war die Stimmung in der ganzen Halle angenehm und freundlich. Was – so begann ich zeichnend zu ahnen – auch gar nicht anders sein kann, bei der fast zärtlichen Sorgfalt, mit er dort alle mit ihren „Schützlingen“ umgehen.

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1953er Volvo, gezeichnet und aquarelliert in der Classic Remise Berlin. (Zu Hause habe ich die Farbe noch einmal etwas vertieft.)


Kunigundes Kemenate

Ich hatte den Eintritt bezahlt und durfte nun die Gößweinsteiner Burg betreten und besichtigen. Es hat sich gelohnt! Der erste verblüffende Eindruck war der von der Kleinheit der Anlage. Was von fern riesig auf hohem Berg erscheint, rückt nach gar nicht so viel Höhenmetern nahe und schrumpft auf die Größe von zwei Einfamilienhäusern plus einräumiger Kapelle. In diesem Ambiente sind ein paar Räume geöffnet, die im Mittelalterrevival des 19.Jahrhunderts letztmalig renoviert und noch nie museumspädagogisch verbessert wurden. Darin stehen ein paar schöne alte Eichenmöbel, manche mittelalterlich, manche nur so tuend. Eine Aufsicht gibt es auch nicht, die Möbel bleiben dank ihres Gewichts ohnehin am Platz, was immer man versucht.

Ich hatte es mir in der „Kemenate“ gemütlich gemacht, in der das Bett und ein zugehöriger Schrank wohl wirklich ein paar hundert Jahre alt sind. Wenn ich mich auf die Strohmatratze gelegt und ein Mittagsschläfchen gemacht hätte, wäre es vermutlich auch nicht aufgefallen; ich habe mich aufs Zeichnen beschränkt, und das auch nur mit Bleistift. Zu Hause habe ich das Ganze dann mit PITT-Pens und etwas Bleistift ausgeführt.

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Bett in dem als „Kemenate“ bezeichneten Raum der Gößweinsteiner Burg. PITT-Pens und etwas Bleistift.

 

 


Meliora cogito

„Meliora cogito“ – Trachte nach dem Besseren – bevor ich meinen kleinen Aquarellkasten gezeichnet habe, war mir nie aufgefallen, was dort geschrieben steht. Eigentlich sollte so ein Schmincke-Kasten ja wohl ein Leben lang halten, doch den ersten, den ich – noch in DDR, welche eine Kostbarkeit! – geschenkt bekommen hatte, habe ich mir klauen lassen, und den zweiten – Schwarz auf Schwarz – beim Packen in den Ledersesseln eines Ferienhauses liegen gelassen. Dieser hier nun begleitet mich treu in meinem Alltagsskizzenpäckchen, der Lack schon etwas angestoßen – waren die früheren nun solider oder nur seltener genutzt?

Vor einem Jahr habe ich, als ich anfing, das Zeichnen mit Tinte zu entdecken, meine Füllfederhalter gezeichnet – nun war mir die Renovierung meines Aquarellkastens Anlass, ihn abzubilden. Es soll ja Freaks geben, die wirklich nur mit drei Primärfarben arbeiten, ich habe lieber ein paar Näpfchen mehr dabei. Beim schnellen Skizzieren sind mir „fertige“ Farbtöne willkommen und ich muss nicht ständig mit dem blauen Pinsel ins Gelb. Und bei aller Leichtigkeit: Aquarellfarben bestehen aus Pigmenten mit bestimmten physikalischen Eigenschaften, sie granulieren oder nicht, decken oder lasieren und können einander auf dem Blatt verdrängen, statt sich zu mischen. Außer Sepia und Indigo, die zusammen ein schönes opakes Grau bis fast zum Schwarz ergeben, bevorzuge ich lasierende Töne, weshalb ich z.B. das Standard Englischrot durch Krappbraun ersetzt habe – mal sehn, ob es sich bewährt. Wer genau hinsieht, entdeckt zwei fast gleiche Ockertöne – an die Stelle des einen soll noch ein ebenfalls lasierendes helles Braun treten, da habe ich mich vergriffen und muss noch ein bisschen suchen: meliora cogito.

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