Heringe und Tulpen …
Veröffentlicht: 6. Mai 2026 Abgelegt unter: Allgemein, Reiseskizzen, Urban Sketching | Tags: visuelles Tagebuch, Park, Amsterdam, Urban Sketching, Blumen Hinterlasse einen Kommentar… wer denkt da nicht an Holland? Oder, um genauer zu sein, an die Niederlande? An Frau Antje mit Flügelhaube und Matjes, im Hintergrund ein Tulpenfeld? Tulpenfelder, das sei vorangeschickt, habe ich einige gesehen auf meiner Reise – der Hering, um den es hier geht, hatte hingegen einen mehrfachen Migrationshintergrund.
Gekauft hatte ich ihn in Schwerin, beim Fischhändler meines Vertrauens, gefangen wurde er, soviel steht fest, weder an der deutschen Ostsee- noch an der niederländischen Nordseeküste – beide Regionen sind so überfischt, dass der Heringsfang dort zum Erliegen gekommen ist – , sondern vermutlich irgendwo vor Schottland oder dem nördlichen Dänemark. Geräuchert, und zwar im Ganzen, wurde er vermutlich in Deutschland, wo er einst zu seinem Namen gekommen war: der Bückling war in früheren Jahrhunderten ein Bockling – wegen des bockig strengen Geruchs.

Vor der Fischmahlzeit war noch eine Aquarellskizze entstanden – die dann, halbfertig, mit mir nach Utrecht reiste und im Zug endlich fertig wurde.
Drei Tage später, bevor ich von Utrecht nach Hause fuhr, besuchte ich noch einen für Ostdeutsche nachgerade mythischen Ort: den Keukenhof. Ich habe von Seeleuten der DDR-Handelsmarine gehört, die ihr kostbares West(taschen)geld auf Landgang für einen Besuch des Keukenhof ausgaben. Nach der Wende wurde der legendäre Tulpenpark zu einem der beliebtesten Busreiseziele.
Hervorgegangen ist das Gelände aus dem Küchen(„Keuken“)Garten eines Wasserschlosses, später wurde ein klassischer Landschaftsgarten im englischen Stil daraus, seit den 1950er Jahren gibt es dort eine Tulpenschau. Heute ist es eine perfekt durchorganisierte Anlage, auf der etwa sieben Millionen Tulpenzwiebeln wachsen, die in einer zweimonatigen Saison von knapp anderthalb Millionen Besuchern bewundert werden. Die kommen aus allen Ländern der Erde: schöne Asiatinnen in noch schöneren Kleidern, Sarongs, Saris und viktorianischen Rüschen, herausgeputzte kleine Mädchen, bärtige dunkelhäutige Männer aus südasiatischen Weltgegenden, von denen ich bisher noch nie gehört hatte … Die deutsche Rentnerin ist mittlerweile unterrepräsentiert.

Da es ein kühler Tag mit echtem Aprilwetter war, zeichnete ich durch die Panormascheiben eines Cafés nach draußen, und zwar gegen Abend, als die Menschenmengen sich schon etwas gelichtet hatten. Dass sie auf meinem Bild ganz fehlen, ist allerdings eine unzulässige Vereinfachung.
Bald, nachdem das Bild fertig war, stieg ich in einen der Shuttlebusse nach Amsterdam, um mit einem ziemlich unbequemen Nachtzug nach Hause zu fahren. Von dort würde ich zwei Tage später zum zweiten Teil meiner Urlaubsreise Richtung Thüringen aufbrechen.
Auf Reisen
Veröffentlicht: 1. Mai 2026 Abgelegt unter: Allgemein, Reiseskizzen | Tags: Gotik, Kirche, Niederlande, Romanik, Urban Sketching Hinterlasse einen KommentarMan könne den Kuchen entweder haben oder essen, sagt ein Sprichwort, und es gilt auf Reisen mehr noch als zu anderen Zeiten. Auch wenn die Hand-Auge-Koordination sich von Tag zu Tag bessert, die Skizzenbücher sich mit angefangenen und manchmal sogar leidlich fertigen Bildern füllen, knabbert die Zeichnerin bereits am nächsten Kuchenstück. Sie schaut, was das Auge fasst, recherchiert abends im Hotel oder im Gästezimmer von Freunden noch das eine oder andere, macht sich Notizen – und schläft darüber ein, bevor sie noch etwas in den Blog geschrieben hat.
Der erste Teil meiner Reise führte mich zu einem alten Freund ins niederländische Utrecht. Ich hatte mich in einem Hotel in Bahnhofsnähe eingemietet und staunte nicht schlecht über den modernen Großbahnhof, die Hochhäuser, die in der erweiterten Innenstadt fast vollständig fehlenden Autos – und über eine nicht gerade kleine Moschee, deren Minarette an Industrieschornsteine denken ließen – und in deren Erdgeschoss sich ein Restaurant befindet.

Utrecht ist eine sehr alte Stadt, Bischofssitz seit dem Jahr 695 – da war Amsterdam noch ein namenloses Fischerdorf. Entsprechend viele alte Kirchen und Klöster gibt es im Stadtgebiet bis heute – auch wenn Wetterereignisse, Feuersbrünste und nicht zuletzt der reformatorische Bildersturm ihnen zugesetzt haben.

Im übrigen gab es auch eine kleine Marienkirche, Maria Minor, die sich als in Zeiten religiöser Intoleranz als gewöhnliches Wohnhaus tarnen musste – und heute ein weithin bekanntes belgisches Bierrestaurant beherbergt. Solche Profanierungen sind in den Niederlanden durchaus üblich. Am nächsten Tag sah ich, dass auch ein Café im Dom möglich ist: Durch großzügige Panoramascheiben konnte ich hier bei kühlem windigen Wetter wiederum in den Kreuzgang blicken.

An meinem letzten Utrechter Tag, einem Sonntag, begleitete ich meinen Freund zum Gottesdienst in die Janskerk-Gemeinde. Es war eine bergende, warme und gemeinschaftliche Stimmung, die noch lange in mir nachwirkte. Da das Gebäude der Janskerk (Johanneskirche) momentan renoviert wird, ist die Gemeinde in einer anderen Kirche, der Pieterskerk, zu Gast. So kam ich noch zur Zeichnung eines der schönen romanischen Reliefs in dieser Kirche.

Am nächsten Tag würde ich nach Hause aufbrechen, doch vorher noch einen sehr holländischen Ort besuchen …
Und hinter tausend Stäben keine Welt
Veröffentlicht: 6. April 2026 Abgelegt unter: #uskschwerin, Allgemein | Tags: Katzen, Mecklenburg, Museum, Schwerin, Tier Hinterlasse einen KommentarSein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.Rainer Maria Rilke
Jean-Baptiste Oudry war ein Malerstar des französischen Hochbarock, Hofmaler Ludwigs des Vierzehnten; spezialisiert auf repräsentative Porträts und Bilder von exotischen Tieren. Sein größter Fan war der mecklenburgische Herzog Christian II., er sammelte, was die Staatskasse des armen Landes hergab, am Ende besaß er 46 Gemälde – die größte Oudry-Sammlung weltweit, bis heute. Die Bilder hängen in einem eigenen Saal des Schweriner Staatlichen Museums, an der Stirnseite gekrönt vom drei mal viereinhalb Meter großen Porträt eines Nashorns. „Clara“ war seinerzeit eine Sensation, das erste Nashorn, das nach dem strapaziösen Transport in Europa viele Jahre überlebte.
Mir hatte es einer der beiden Leoparden angetan, der ebenfalls lebensgroß, in gereiztem, aggressiven Habitus an der Betrachterin vorbei aus dem Bild blickt. Die Haltung des Tieres ist überaus dynamisch, meisterhaft gemalt zeichnet sich jeder Muskel unter dem gefleckten Fell ab.

Ich hatte mit der Zeichnung meine liebe Not, versuchte mich in mehreren Anläufen erst an einem Ganzbild, dann nur am Kopf – erst auf der letzten Seite meines Skizzenbuchs bekam ich Haltung und Ausdruck halbwegs in den Griff. Ich fragte mich, wie es dem Künstler gelungen sein mochte, das sich bewegende Tier in dieser Weise abzubilden.
Vermutlich hat er an Hauskatzen geübt, deren Körpersprache ähnlich ist: gebleckte Zähne und weit aufgerissene Augen zeigen ebenso eine angriffslustige Stimmung wie die angelegten Ohren und der – auf meiner Zeichnung nicht sichtbare – dynamisch bewegte Schwanz. Und: er hat das Tier, das auf seinem Bild in einer exotisierten Waldlandschaft steht, vermutlich in einem engen Käfig gesehen. In einem solchen Käfig, wie ihn Rilke noch 1905 kannte und der ihn zu seinem berühmten Gedicht anregte. Bilder davon kann man im Netz finden.
So erwies sich am Ende wieder einmal, dass große Kunst immer über sich selbst hinausweist. Der Maler wollte seinem adligen Publikum eine exotische Bestie zeigen, doch dahinter scheint das Bild einer gequälten Kreatur auf; der Dichter, bekannt für seine Egozentrik, tat sich im Paris von 1905 vermutlich vor allem selbst leid – und vermag mit seinem Gedicht seit Generationen das Mitgefühl der Lesenden zu wecken.
Die dritte Judith
Veröffentlicht: 8. März 2026 Abgelegt unter: Mixed Media | Tags: Moderne, Museum, Schwerin, Symbolismus Ein KommentarGestern war wieder Museumstag für die Schweriner Urban Sketchers. Einige zeichneten bei dem sonnigen Wetter in der Umgebung draußen, es ist ja das Welterbe-Ensemble und bietet schöne Motive; ich blieb drinnen. Ich wusste auch schon, wen ich zeichnen wollte: die dritte Judith. Oben, in der Renaissance-Abteilung, hatten mich beim letzten Mal zwei sehr unterschiedliche Darstellungen der biblischen Judith mit dem abgeschlagenen Kopf des Heerführers Holofernes in ihren Bann gezogen.
Dieses Mal blieb ich im Erdgeschoss, bei der frühen Moderne. Das düstere Bild des Franz von Stuck wollte nicht recht zu dem hellen Sonnentag passen, war auch nicht ganz ideal beleuchtet, doch ich ließ mich darauf ein.

Im Original sind die Figuren auf dem Bild etwa lebensgroß, der vergoldete Rahmen antikisierend mit kannelierten Säulen. Das Ganze ist eine ziemlich protzige Angelegenheit, die mir auch, anders als meist, unter dem Stift nicht schöner wurde. Eher im Gegenteil – das Ensemble erinnerte mich an gehobene Zeitungsreklame aus der Zeit um den 1.Weltkrieg. (Und wirklich, der Maler, Franz von Stuck, hat auch Sammelbilder für die Schokoladenfirma Stollwerck gemalt.) Geheimnisvoll aus dem Dunkel hervorleuchtende Femmes fatales gehörten zu seinem Standardrepertoire, er hat sie über dreißig Jahre hinweg immer wieder gemalt, mit austauschbaren Gesichtern und Körpern, von Schlangen umwunden oder mit Tierklauen und Fischschwänzen.
Franz von Stuck war für München, was Gustav Klimt für Wien war – ein anfangs progressiver, später gut etablierter Malerfürst mit bester Auftragslage. (Die beiden waren auch etwa gleich alt.) Er porträtierte die Damen der gehobenen Gesellschaft, daneben malte er routiniert Symbolistisches und ließ sich eine Villa bauen, die als Gesamtkunstwerk gilt und heute noch im Originalzustand zu besichtigen ist. (Klimt, man liest es aus meinem Text, ist mir lieber.)
Blumentopf und Femme fatale (Museum zum dritten)
Veröffentlicht: 1. März 2026 Abgelegt unter: #uskschwerin, Allgemein, Urban Sketching | Tags: Café, Lübeck, Museum, Renaissance, Schwerin Hinterlasse einen KommentarEnde Januar hatte ich in Lübeck zu tun; wieder einmal zog es mich ins St.-Annen-Museum, denn ich wollte zu Mariä Lichtmess eine Madonna zeichnen. Als ich in der Lübecker Altstadt angekommen war, hatte alles hinter einen sanften Schleier aus feinem fallenden Schnee gelegen, eine verzauberte Stimmung. An der Rückseite der Aegidien-Kirche hatte ich ein gemütliches Café mit großen Fenstern gefunden und war auf einen frisch gerösteten Kaffee und selbstgebackenes Brot eingekehrt.
Das Café war voll; ich fand einen Tisch etwas erhöht im Hintergrund. Mein Blick fiel über eine Zimmerpflanze und zwei Tische durch das Fenster auf die Chorseite der Aegidienkirche. Der kleine Platz, die angrenzenden alten Häuser, alles wurde verschönert vom langsam nachlassenden Schneefall. Als ich mein Skizzenbuch herausholte, erinnerte ich mich an eine Regel fürs Caféhauszeichnen: immer mit dem Vordergrund beginnen!

Gesagt, getan begann ich mit der Zimmerpflanze, die ihren eigenen Willen hatte: Als ich mit ihr fertig war, hatte sich, wie durch Zauberhand, das Blatt schon weitgehend gefüllt. Die Menschen vor dem Fenster konnte ich gerade noch andeuten, der Schneeblick reiste in meinem Herzen nach Hause.
Aus der Madonnenzeichnung im Museum wurde trotz Joseph, Engel, Ochs und Esel nichts Verwertbares, erst eine Woche später stieß ich, nun wieder im Schweriner Museum, auf die nächste interessante Frau: Judith. Das Buch Judith zählt zu den sogenannten Spätschriften des Ersten Testaments der Bibel, es ist, obwohl es eine jüdische Heldinnengeschichte erzählt, nicht in der Sakralsprache Hebräisch verfasst (die bereits damals im Alltag nicht mehr gesprochen wurde), sondern in Griechisch.
Die schöne junge Witwe Judith hatte sich, schön herausgeputzt sexuelle Verfügbarkeit vortäuschend, aus ihrer umzingelten Heimatstadt in das Lager des Feindes begeben. Beim Festmahl gelang es ihr, den Heerführer so mit Wein abzufüllen, dass es nicht zum Vollzug kam, stattdessen nahm sie sein Schwert und schlug dem betrunken eingeschlafenen den Kopf ab (die Entourage hatte sich bereits zurückgezogen). Sie steckte den Kopf in einen Sack und verließ damit, geschützt durch eine List, das Heerlager. Als sie ihren eigenen Leuten den Kopf brachte, fassten die wieder neuen Mut und schafften den Ausfall aus der Belagerung.

Lukas Cranach hat die Judith vielfach gemalt (bzw. von seiner Werkstatt malen lassen), es war ein angesagtes Motiv im kämpferischen 16.Jahrhundert. Seine Judith ist vornehm und ungemein teuer gekleidet, aus dem geschlitzten Oberteil quillt üppig die darunter liegende Stoffschicht, selbst die hautfarbenen Handschuhe, mit denen sie Schwert und Kopf hält, sind mit Schlitzen versehen. Ihr Gesichtsausdruck (den ich bei meiner 14x14cm großen Skizze wohlweislich weggelassen habe) ist kühl und distanziert. Cranach übersetzt das biblische Judithbild einer schönen und mutigen, dabei „ehrbaren“ Frau in seine Zeit.

Einen anderen Akzent setzt Statius von Düren mit seinem 1554 gefertigten Terrakotta-Ziegel. Solche Ziegel wurden mit Modeln in Serie gefertigt und zu Schmuckfriesen zusammengestellt; dieser zierte das alte Schweriner Schloss.
Der Gesichtsausdruck der Judith war vermutlich nie besonders fein gearbeitet und hat die Zeitläufe nicht überlebt; um so erstaunlicher, was der Körper zeigt. Die Frau ist in eine Art frühneuzeitliches Dessous gekleidet. Ein kurzes Jäckchen mit Puffärmeln hat zwei kreisrunde Ausschnitte, die die Brüste freigeben, durch einen weiteren Ausschnitt ist der Bauch sichtbar. Entsprang dieses Kleidungsstück der Fantasie des Künstlers? Oder kannte er dergleichen aus dem Bordell?
Sicher ist, dass seine Judith das verkörpert, was man gemeinhin als „Femme fatale“ bezeichnet. Und bei dieser Rollenzuweisung, Ausdruck einer zunehmenden männlichen Verunsicherung, sollte es in den nächsten Jahrhunderten und bis in unsere Zeit bleiben.
Alle Jahre wieder …
Veröffentlicht: 17. Januar 2026 Abgelegt unter: Alltag, visuelles Tagebuch | Tags: Engel, Mein kleines Museum, Weihnachten Hinterlasse einen Kommentar… wird irgendwann im Lauf des Januar die Weihnachtsdekoration eingeräumt, und meist entstehen dabei ein, zwei Zeichnungen. In diesem Jahr habe ich mir einige der zahlreichen Engelfiguren vorgenommen, die ab dem 1.Adventssonntag in meiner Wohnung stehen. Das Datum der Aufstellung ist nicht verhandelbar, das des Einräumens schon: ab dem 6.Januar wird nach und nach abgebaut, erst der Gabentisch, dann der Baum und im Lauf der folgenden Tage (oder Wochen) alles andere.

Die bemalten gedrechselten Engelfiguren sind zwischen viereinhalb und sechs Zentimetern groß und stammen – man kann es vielleicht sehen – aus unterschiedlichen Serien. Vermutlich sind sie alle im Erzgebirge entstanden, doch wie sie in meinen Haushalt kamen, lässt sich nicht mehr für alle rekonstruieren. Den kleinen Schwebeengel gab es schon, als ich noch ein ziemlich junges Kind war, ebenso zumindest einige der zugehörigen „Margeritenengel“. Die größeren mit den grünen Flügeln haben sich im Lauf der Jahre dazugesellt und standen zuletzt in meinem weihnachtlich geschmückten Büro. (Wohin sie, rentenbedingt, nicht mehr zurückkehren werden.)
So werde ich spätestens am nächsten 1.Advent einen neuen Platz für sie finden müssen, am besten mit etwas Abstand zu den „Kleinen“, damit es keine Engelunordnung gibt. Bis dahin werden sie, sehr geduldig, in ihren Pappschachteln eine lange Sommerruhe halten.
Römer. Und Rembrandt.
Veröffentlicht: 28. Dezember 2025 Abgelegt unter: Allgemein, Urban Sketching | Tags: Museum, Schwerin, Urban Sketching Ein KommentarSeit knapp zwei Monaten ist – endlich – das Staatliche Museum in Schwerin wieder geöffnet. Vier Jahre hatte der Umbau gedauert, vier Jahre lang wird es nun freien Eintritt geben. Zahlreiche Schweriner Familien nutzten das Angebot, es war so voll, wie ich es in dem Museum noch nie erlebt hatte.
Allein das Gebäude ist sehenswert und sehr sorgfältig restauriert – worauf schon die Denkmalsschützer ein sorgsames Auge hatten. Alles ist vor sanften Farben auf das Schönste präsentiert und ausgeleuchtet; wo immer es möglich ist, werden die Gemälde durch Plastiken ergänzt. Zu meiner Freude stieß ich gleich in einem der ersten Räume meines Rundgangs auf eine Ansammlung von Abgüssen antiker Köpfe; einer war lapidar mit „Römer“ bezeichnet und stand besonders prägnant im Schlagschatten.

Das Schweriner Museum beherbergt eine der umfangreichsten und geschlossensten Sammlungen niederländischer Malerei in Deutschland – zum großen Kummer aller Beteiligten ist jedoch kein einziges Werk von Rembrandt darunter. (Das „Bildnis eines alten Mannes“ kannte ich schon von einer früheren Sonderausstellung. Es ist lange für einen Rembrandt gehalten worden, was bei der beeindruckenden Ausstrahlung des Dargestellten und der hohen malerischen Kunst nicht verwundert – erst 2008 hat man es eindeutig Rembrandts Atelierkollegen Jan Lievens zugeschrieben.)
Da war meine Freude besonders groß, dass zu Ehren der Eröffnung (und im Tausch gegen ein anderes spektakuläres Bild, das Nashorn von Oudry) momentan drei Rembrandts als Leihgabe zu besichtigen sind. Zwei Bilder neben dem Bild von Lievers hängt Rembrandts „Selbstporträt als Apostel Paulus“, ein Altersbild von nachgerade existentieller Präsenz.

Eine glückliche Stunde habe ich dort vor dem Gemälde zugebracht, mit der Betrachtung einer zum Heulen schönen zerfurchten Stirn, einer ebenso liebevollen wie schonungslosen Meditation über die eigene Endlichkeit …
Innsbruck, ich muss dich lassen
Veröffentlicht: 18. Oktober 2025 Abgelegt unter: Reiseskizzen, visuelles Tagebuch | Tags: Inktober, Kaffee, visuelles Tagebuch Hinterlasse einen KommentarInnsbruck, ich muss dich lassen/ ich fahr dahin mein Straßen/ in fremde Land dahin.
Am Sonntag, vor einer Woche, verbrachte ich den letzten Urlaubstag in Südtirol. Am Montag begann ich den Heimweg und fuhr über den Brenner bis Innsbruck. Dort hatte ich mich für eine Nacht in einem hübschen minimalistisch-modernen Appartement mit viel hellem Holz und Naturmaterialien eingemietet, einem Ort, viel zu schade, um gleich wieder abzufahren.
Ich spazierte Richtung Altstadt und fand mich – Touristen sind nicht immer nur die anderen – in einem Café mit Blick auf das Goldene Dachl wieder. Doch statt mich dem Erbe Kaiser Maximilians zu widmen, wandte ich mich Näherliegendem zu: einem Kastanienherzen. Ein Kastanienherz ist eine Art großer Praline aus mit Schokolade überzogenem Maronipüree, eine regionale und saisonale Süßigkeit.

In dem Appartement gab es eine kleine Küchenzeile und auf dem Ceranfeld stand eine dieser achteckigen italienischen „Espressokannen“, mit denen man zwar keinen Espresso (dafür braucht es einen höheren Druck), aber doch einen guten Kaffee kochen kann. Das tat ich zum Frühstück, nachdem ich nachgelesen hatte, wie man die Kanne bedient, denn ich hatte so ein Ding noch nie benutzt.
Wenn ich mir einen schnellen Kaffee koche, so gebe ich normalerweise einen Löffel frisch gemahlenen Kaffee in eine Tasse und brühe mit heißem Wasser auf – fertig. Menschen aus Ostdeutschland, wie ich, nennen diesen Kaffee immer noch „türkisch“, obwohl sie natürlich längst wissen, dass man in der Türkei ganz anderen Kaffee bereitet. Achteckige Bialetti-Kannen hingegen blieben für mich stets ein etwas zweifelhaftes Emblem diverser – selbstverständlich westdeutscher – Toskana-Fraktionen.

Nachdem ich den Kaffee ausgetrunken und die kleine Küche aufgeräumt hatte, blieben noch zehn Minuten für eine schnelle Bleistiftskizze und ein paar Fotos des eleganten Dialogs von Schwarz und schwärzer. Ursprünglich hatte eine schraffierte Inktober-Zeichnung daraus werden sollen, doch fürchtete ich den Aufwand. So nahm ich dunkelgraue Gouache für das Ceranfeld und diverse Marker für die Kanne, allen voran das berühmte Schwarz aus dem japanischen Pentel-Pinselstift.



