Nebenbei

Im kleinen Hahnemühle-Buch sammeln sich die Bilder, die eher „nebenbei“ entstehen, im Konzert, im Theater oder im Restaurant; manchmal nur ein paar Tinten- oder Bleistiftstriche … Heute war Zeit, mir drei davon vorzunehmen, Farbe oder  Schrift zu ergänzen und zu hoffen, dass die Atmosphäre erhalten bleibt.

Zuerst ein kleiner Nachtrag der Dresden-Reise, ein geistliches Chorkonzert im Meißener Dom – der Rücksicht auf die anderen Konzertbesucher geschuldet vor Ort nur mit Füller gezeichnet.

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Geistliche Abendmusik im Meissener Dom.

Noch weniger geht im Theater, zumal im Ballett, wo die Tänzer selten still halten, es im Saal dunkel ist und der Nachbar sich womöglich schon räuspert – dennoch war der Bühneneindruck bei dem hinreißenenden Ballett „Andy Superstar“ über Andy Warhol so prägnant, dass ich ihn aus ein paar angedeuteten Linien rekonstruieren konnte.

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Andy Warhol auf einem überdimensionierten Sofa in der „Factory“ – Szene aus dem Ballett „Andy Superstar“ am Schweriner Theater.

Zum Schluss, gestern, beim Mittagessen in einem kleineren Einkaufszentrum, bin ich mit meinem Bild fast fertig geworden; nur die Schrift habe ich zu Hause ergänzt. Von einem Logenplatz aus schaute ich auf einen überdachten Innenhof, in dem – so habe ich später nachgelesen – ein Modeflohmarkt aufgebaut wurde.

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Irgendwas mit Mode – noch wird aufgebaut.


An der Untertrave

Gestern war ich zu einem Zeichentreffen in Lübeck. Ich mag die Stadt; im Laufe der Jahre sind bei Besuchen aus den verschiedensten Anlässen schon einige Bilder zusammen gekommen. Dieses Mal spielte, neben den Dächern und Türmen, das Wetter eine Hauptrolle: wie in einem kalten April wechselten Wolkenberge mit scharfem, gelben Sonnenlicht. Weil Aquarellfarbe unter solchen Bedingungen nur langsam trocknet, habe ich meine sonst Museen und ähnlichen heiklen Habitaten vorbehaltenen Aquarellstifte rausgeholt und damit experimentiert.

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Blick auf St.Marien und St.Petri in Lübeck. Tinte, Wasserfarbe und wasserlösliche Farbstifte auf Stillman&Birn Beta.


Vorher, nachher

Vor dem Besuch im Albertinum hatte ich noch etwas Zeit, und in dem kleinen Museum im Untergeschoss der Frauenkirche sprach mich dieser hözerne Engel an. (Ehrlich gesagt: mehr als der Puderpastellbarock oben.) Der Engel wurde von dem britischen Künstler Robert H. Lee geschaffen, der als englischer Kriegsgefangener die Zerstörung der Stadt erlebt hatte.

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„Der weinende Engel“, eine Holzplastik des britischen Künstlers Robert H. Lee in der Dresdener Frauenkirche.

Danach, zum Gespräch über die vielen Eindrücke, zum Ausruhen, Lesen, noch-mehr-Zeichnen, fand sich ein guter Platz bei „v-cake“, einem veganen Café in der Neustadt. Es war still dort, entspannt, entschleunigt … und neben dem wirklich schmackhaften Kuchen gab es reichlich Flohmarktgeschirr zu zeichnen.

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Im Café „v-cake“, trotz Leuchtturm nicht an der Küste, sondern in der Dresdener Neustadt.

 

 


Kunstbetrachtung

Ich zeichne gern in Museen und Ausstellungen. Nichtzeichnende Menschen haben es an meiner Seite nicht immer leicht – entweder ich stürme für den ersten Überblick durch alle Räume, oder ich sitze zeichnend vor dem einen oder andern Objekt – und das kann dauern. Ein Kunstwerk abzuzeichnen – mehr oder weniger genau, als flüchtige Skizze oder als vertiefte Studie – verändert meinen Blick auf das, was ich sehe, es wird schöner vor meinen Augen, tiefer, mehrdimensionaler …

Meist habe ich Farbstifte dabei – Wasserfarbe ist aus naheliegenden Gründen nicht so gern gesehen – , doch oft bleiben die in der Tasche; ich führe die farbliche Gestaltung dann zu Hause aus. So auch bei den beiden Bildern, die ich letztes Wochenende im Dresdener Albertinum gezeichnet habe. Es gab eine große Schau mit DDR-Kunst aus den eigenen Beständen des Museums. Die Auswahl fiel mir schwer, vieles erkannte ich wieder, manches vertraut, manches ganz neu gesehen, manches befremdend.

Da war zuerst Baldur Schönfelders „Nike“. Ich erinnerte mich genau an die DDR-Kunstausstellung, erinnerte mich, wie ich im kalten Februar 1983 gemeinsam mit einem Freund durch die Ausstellungsräume ging, wo die Skulpturen ausgestellt waren, und wie wir erschüttert vor der bandagierten, zu Tode verletzten Siegesgöttin standen.

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Baldur Schönfelder, „Nike I“, Bronze, ausgestellt im Dresdener Albertinum

Und dann sah ich „Peter im Tierpark“. Ich behaupte mal, dass es niemanden, wirklich niemanden gibt, der in der DDR der 60er und 70er aufgewachsen ist und dieses Bild nicht kannte. Das Bild war der Star einer Kunstausstellung der 60er gewesen; vielfach reproduziert schmückte es Schulbücher und Schallplatten, erschien als Briefmarke und Kunstdruck. (Immer wieder erinnere ich daran, wie bilderarm diese Zeit im Vergleich zur heutigen war, ohne Hochglanzmagazine, für viele noch ohne Fernsehen, ohne Werbetafeln …)

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„Peter im Tierpark“, Zeichnung in A6 nach einem Gemälde von Harald Hakenbeck

Nun sah ich das Bild zum ersten Mal im Original, und ich war überrascht, ja zutiefst erstaunt über seine malerische Qualität. (Die meine winzige Aquarellkopie natürlich nicht wiedergeben kann.) Die scheinbare Schlichtheit des Motivs täuscht: das Ganze ist wunderbar delikat gemalt, die blaue Jacke leuchtet und strahlt, der dekorative Hintergrund entfaltet sich wie ein Wandteppich, vor dem individuell und archetypisch zugleich das Kindergesicht strahlt …

 


Durch die Weinberge

Gestern bin ich bei schönem sanftem Herbstwetter durch das Obst- und Weinbaugebiet bei Meißen gewandert. Zwischen Johannisbeer- und Apfelplantagen entdeckte ich ein großes Feld mit Aronia, die ich bisher nur als schmackhaften und gesunden Saft kannte. Ich steckte mir ein Zweiglein ein, um es bei der nächsten Rast zu zeichnen. Der Feuerdorn, den ich im Gegegensatz zur Aronia nicht ohne Hilfe erkannte, kam ein Stück weiter an einem Weingarten dazu. (Beide gehören zur Familie der Rosengewächse, und ich war wieder einmal fasziniert, wie viele Sorten an Früchten sie zu bieten haben.)

Als Ort zum Zeichnen bot sich die „Boselspitze“ an, eine Ausflugsgaststätte auf dem Berg gleichen Namens, Teil eines Höhenzugs, der den stolzen Namen Spaargebirge trägt. Die tiefstehende Sonne setzte meine Zweige ins beste Licht, während sich meine Wandergefährtin wieder einmal gedulden musste, bis ich wenigstens mit dem ersten Farbauftrag fertig war.

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Aronia und Feuerdorn – gezeichnet und ein bisschen koloriert vor Ort auf der Boselspitze, fertiggestellt zu Hause.


Borretsch

Freitag Abend im Garten – sommerliche Wärme und magische Stille mitten in der Stadt; ich rücke mir, nachdem der Tee ausgetrunken ist, den Terrassenstuhl neben das Beet und beginne, ganz ohne Vorzeichnung, mit dem feinen schwarzen Füller den späten Borretsch zu zeichnen. Nicht einfach mit den vielen Runzeln und Stachelhaaren.

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Borretschpflanze auf der Terrasse, vor Ort gezeichnet.

Als es dunkel wird, arbeite ich drinnen nach Foto weiter. Der Versuch, Schatten und Struktur reinzubringen, erweist sich als schwierig, so dass ich mich dann doch auf die Suche nach der passenden Farbe mache.

Das Borretschblütenblau finde ich im Ultramarin; mit dem eleganten Graugrün der Blätter tue ich mich schwerer – inzwischen ist es schon recht spät am Abend. Und ich stelle fest, dass der relativen Strenge der Zeichnung ein lockerer Farbauftrag gut bekommt.

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Mit Aquarellfarben von Schmincke lavierte Federzeichnung.

 


Deutschland, einig Vaterland

Das mecklenburgische Dorf Mestlin wurde in den 50er Jahrne zum „sozialistischen Musterdorf“ ausgerufen und erhielt einen großen leeren Platz mit Schule, Landambulatorium, Geschäften und vor allem einem überdimensionierten Kulturhaus im Stalinstil. Es steht mittlerweile unter Denkmalschutz, wird von einem Verein betreut und nach langem Leerstand gelegentlich wieder genutzt.

Als ich am Sonntagabend dort zum Zeichnen Halt machte, hing eine blauweiße Rautenflagge draußen und kündigte ein „Oktoberfest“ an. Kaum hatte ich mich in der Bushaltestelle niedergelassen, kam ein offensichtlich genervter Halbwüchsiger vorbei und schmiss ein paar Knaller dagegen – ob sie mir galten, habe ich lieber nicht ermittelt. Die faschingsmäßig „bayerisch“ kostümierten Dorfbewohner, die nach und nach eintrafen, nahmen von mir zum Glück keine Notiz.

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Der sozialistische Dorfplatz in Mestlin.