Blumentopf und Femme fatale (Museum zum dritten)

Ende Januar hatte ich in Lübeck zu tun; wieder einmal zog es mich ins St.-Annen-Museum, denn ich wollte zu Mariä Lichtmess eine Madonna zeichnen. Als ich in der Lübecker Altstadt angekommen war, hatte alles hinter einen sanften Schleier aus feinem fallenden Schnee gelegen, eine verzauberte Stimmung. An der Rückseite der Aegidien-Kirche hatte ich ein gemütliches Café mit großen Fenstern gefunden und war auf einen frisch gerösteten Kaffee und selbstgebackenes Brot eingekehrt.

Das Café war voll; ich fand einen Tisch etwas erhöht im Hintergrund. Mein Blick fiel über eine Zimmerpflanze und zwei Tische durch das Fenster auf die Chorseite der Aegidienkirche. Der kleine Platz, die angrenzenden alten Häuser, alles wurde verschönert vom langsam nachlassenden Schneefall. Als ich mein Skizzenbuch herausholte, erinnerte ich mich an eine Regel fürs Caféhauszeichnen: immer mit dem Vordergrund beginnen!

Gesagt, getan begann ich mit der Zimmerpflanze, die ihren eigenen Willen hatte: Als ich mit ihr fertig war, hatte sich, wie durch Zauberhand, das Blatt schon weitgehend gefüllt. Die Menschen vor dem Fenster konnte ich gerade noch andeuten, der Schneeblick reiste in meinem Herzen nach Hause.

Aus der Madonnenzeichnung im Museum wurde trotz Joseph, Engel, Ochs und Esel nichts Verwertbares, erst eine Woche später stieß ich, nun wieder im Schweriner Museum, auf die nächste interessante Frau: Judith. Das Buch Judith zählt zu den sogenannten Spätschriften des Ersten Testaments der Bibel, es ist, obwohl es eine jüdische Heldinnengeschichte erzählt, nicht in der Sakralsprache Hebräisch verfasst (die bereits damals im Alltag nicht mehr gesprochen wurde), sondern in Griechisch.

Die schöne junge Witwe Judith hatte sich, schön herausgeputzt sexuelle Verfügbarkeit vortäuschend, aus ihrer umzingelten Heimatstadt in das Lager des Feindes begeben. Beim Festmahl gelang es ihr, den Heerführer so mit Wein abzufüllen, dass es nicht zum Vollzug kam, stattdessen nahm sie sein Schwert und schlug dem betrunken eingeschlafenen den Kopf ab (die Entourage hatte sich bereits zurückgezogen). Sie steckte den Kopf in einen Sack und verließ damit, geschützt durch eine List, das Heerlager. Als sie ihren eigenen Leuten den Kopf brachte, fassten die wieder neuen Mut und schafften den Ausfall aus der Belagerung.

Judith mit dem Kopf des Holofernes, aus der Werkstatt des Lukas Cranach, 1537

Lukas Cranach hat die Judith vielfach gemalt (bzw. von seiner Werkstatt malen lassen), es war ein angesagtes Motiv im kämpferischen 16.Jahrhundert. Seine Judith ist vornehm und ungemein teuer gekleidet, aus dem geschlitzten Oberteil quillt üppig die darunter liegende Stoffschicht, selbst die hautfarbenen Handschuhe, mit denen sie Schwert und Kopf hält, sind mit Schlitzen versehen. Ihr Gesichtsausdruck (den ich bei meiner 14x14cm großen Skizze wohlweislich weggelassen habe) ist kühl und distanziert. Cranach übersetzt das biblische Judithbild einer schönen und mutigen, dabei „ehrbaren“ Frau in seine Zeit.

Einen anderen Akzent setzt Statius von Düren mit seinem 1554 gefertigten Terrakotta-Ziegel. Solche Ziegel wurden mit Modeln in Serie gefertigt und zu Schmuckfriesen zusammengestellt; dieser zierte das alte Schweriner Schloss.

Der Gesichtsausdruck der Judith war vermutlich nie besonders fein gearbeitet und hat die Zeitläufe nicht überlebt; um so erstaunlicher, was der Körper zeigt. Die Frau ist in eine Art frühneuzeitliches Dessous gekleidet. Ein kurzes Jäckchen mit Puffärmeln hat zwei kreisrunde Ausschnitte, die die Brüste freigeben, durch einen weiteren Ausschnitt ist der Bauch sichtbar. Entsprang dieses Kleidungsstück der Fantasie des Künstlers? Oder kannte er dergleichen aus dem Bordell?

Sicher ist, dass seine Judith das verkörpert, was man gemeinhin als „Femme fatale“ bezeichnet. Und bei dieser Rollenzuweisung, Ausdruck einer zunehmenden männlichen Verunsicherung, sollte es in den nächsten Jahrhunderten und bis in unsere Zeit bleiben.


Museum zum zweiten

In diesem unerwartet kalten Winter ist das Schweriner Museum zu einer festen Größe für die Urban Sketchers geworden. Für jeden und jede ist etwas dabei: alte Kunst und neue Kunst, hinreißende historistische Architektur und natürlich auch Menschen, stillstehend oder in allenfalls gemessener Bewegung. Meist halte ich mich an die Kunst, setze mich vor ein oder zwei Ausstellungsstücke und sehe ihnen dabei zu, wie sie während meines Zeichnens mit jedem Strich schöner und schöner werden.

Bei meinen ersten beiden Besuchen in diesem Jahr widmete ich mich den Stillleben aus der Holländer-Abteilung. Die möglichst akribische Präsentation schöner, wertvoller und mit Bedeutung aufgeladener Gegenstände war eine hoch angesehene Kunstform jener Zeit, voller Doppelbödigkeit wurden prunkvolle Dinge gezeigt und gleichzeitig auf deren Vergänglichkeit hingewiesen.

Eine Unterabteilung dieser Art von Stilllebenmalerei sind die Trompe-l’œil, Augentäuschungen, die auf vielfältige Weise mit unseren Sehgewohnheiten und unserer Konstruktion der Wirklichkeit spielen. Sogenannte „Steckbrettbilder“ gehören dazu. (Heutige Pendants zu Steckbrettern wären Korktafeln und Kühlschranktüren.)

Ein solches Steckbrettbild integriert die Abbildung von bedrucktem und beschriebenem Papier in vielfältiger Weise und zieht damit noch eine weitere Ebene von Anspielungen und Querverbindungen ein. Zeitungen, Briefe, Noten … alles erzählt eine Geschichte, lädt zum lockeren Rätseln ebenso wie zum tiefen Nachdenken ein.

Nach dem feinen Gestrichel schloss ich den Vormittag mit einem schnellen Blick auf einen Mitzeichner ab, der eine der berühmten Breughelschen Winterlandschaften vor sich hat. (Und dabei, wie ich ihn kenne, vermutlich den dicken Mann und die dünne Frau davor gezeichnet hat, die für meinen langsamen Stift wiederum zu schnell waren.)


Alle Jahre wieder …

… wird irgendwann im Lauf des Januar die Weihnachtsdekoration eingeräumt, und meist entstehen dabei ein, zwei Zeichnungen. In diesem Jahr habe ich mir einige der zahlreichen Engelfiguren vorgenommen, die ab dem 1.Adventssonntag in meiner Wohnung stehen. Das Datum der Aufstellung ist nicht verhandelbar, das des Einräumens schon: ab dem 6.Januar wird nach und nach abgebaut, erst der Gabentisch, dann der Baum und im Lauf der folgenden Tage (oder Wochen) alles andere.

Die bemalten gedrechselten Engelfiguren sind zwischen viereinhalb und sechs Zentimetern groß und stammen – man kann es vielleicht sehen – aus unterschiedlichen Serien. Vermutlich sind sie alle im Erzgebirge entstanden, doch wie sie in meinen Haushalt kamen, lässt sich nicht mehr für alle rekonstruieren. Den kleinen Schwebeengel gab es schon, als ich noch ein ziemlich junges Kind war, ebenso zumindest einige der zugehörigen „Margeritenengel“. Die größeren mit den grünen Flügeln haben sich im Lauf der Jahre dazugesellt und standen zuletzt in meinem weihnachtlich geschmückten Büro. (Wohin sie, rentenbedingt, nicht mehr zurückkehren werden.)

So werde ich spätestens am nächsten 1.Advent einen neuen Platz für sie finden müssen, am besten mit etwas Abstand zu den „Kleinen“, damit es keine Engelunordnung gibt. Bis dahin werden sie, sehr geduldig, in ihren Pappschachteln eine lange Sommerruhe halten.


Römer. Und Rembrandt.

Seit knapp zwei Monaten ist – endlich – das Staatliche Museum in Schwerin wieder geöffnet. Vier Jahre hatte der Umbau gedauert, vier Jahre lang wird es nun freien Eintritt geben. Zahlreiche Schweriner Familien nutzten das Angebot, es war so voll, wie ich es in dem Museum noch nie erlebt hatte.

Allein das Gebäude ist sehenswert und sehr sorgfältig restauriert – worauf schon die Denkmalsschützer ein sorgsames Auge hatten. Alles ist vor sanften Farben auf das Schönste präsentiert und ausgeleuchtet; wo immer es möglich ist, werden die Gemälde durch Plastiken ergänzt. Zu meiner Freude stieß ich gleich in einem der ersten Räume meines Rundgangs auf eine Ansammlung von Abgüssen antiker Köpfe; einer war lapidar mit „Römer“ bezeichnet und stand besonders prägnant im Schlagschatten.

Das Schweriner Museum beherbergt eine der umfangreichsten und geschlossensten Sammlungen niederländischer Malerei in Deutschland – zum großen Kummer aller Beteiligten ist jedoch kein einziges Werk von Rembrandt darunter. (Das „Bildnis eines alten Mannes“ kannte ich schon von einer früheren Sonderausstellung. Es ist lange für einen Rembrandt gehalten worden, was bei der beeindruckenden Ausstrahlung des Dargestellten und der hohen malerischen Kunst nicht verwundert – erst 2008 hat man es eindeutig Rembrandts Atelierkollegen Jan Lievens zugeschrieben.)

Da war meine Freude besonders groß, dass zu Ehren der Eröffnung (und im Tausch gegen ein anderes spektakuläres Bild, das Nashorn von Oudry) momentan drei Rembrandts als Leihgabe zu besichtigen sind. Zwei Bilder neben dem Bild von Lievers hängt Rembrandts „Selbstporträt als Apostel Paulus“, ein Altersbild von nachgerade existentieller Präsenz.

Eine glückliche Stunde habe ich dort vor dem Gemälde zugebracht, mit der Betrachtung einer zum Heulen schönen zerfurchten Stirn, einer ebenso liebevollen wie schonungslosen Meditation über die eigene Endlichkeit …


Vierter Advent

Das Kirchenjahr, die über eintausendfünfhundert Jahre alte Ordnung des Jahreslaufes, beginnt mit dem ersten Advent, mit dem Sonntag drei bis vier Wochen vor dem Weihnachtsfest: erwartungsvoll richten sich die Christen auf die Ankunft (adventus bedeutet Ankunft) von Gottes Sohn in der Welt aus. Diese Ankunft geschieht, so erzählt es die biblische Geschichte, als eine Geburt unter prekären Verhältnissen, im Stall einer überfüllten Herberge. Später wird man dieses Ereignis einer der dunkelsten Nächte des Jahres zuschreiben, nahe der Wintersonnenwende.

Auch viele Menschen, den christliche Überlieferung fremd ist, haben schon einmal von dieser Geschichte gehört, lassen sich von ihr anrühren, von der Erzählung über ein hilfloses schwaches Kind, mit dem ein neues Licht in die Welt kommt.

Weihnachtsbaum und Taufstein im Altarraum von St.Nikolai („Schelfkirche“) in Schwerin

Im Lauf der Jahrhunderte haben sich viele einander überlagernde Traditionen und Bräuche rund um dieses Fest herausgebildet, Traditionen, in denen sich die Sehnsucht nach der Wiederkehr des Lichts in der dunklen Jahreszeit ausdrückt – wie in diesem Weihnachtsbaum mit Strohsternen und Kerzen. Er steht in der Adventszeit in der Schweriner Kirche St.Nikolai. Flankiert wird der Baum von einem Taufstein, der die Geschichte in anderer Weise erzählt, nicht als Geschichte einer Geburt, sondern als die einer Umkehr und Berufung.

Die Schelfkirche, erbaut im seltenen Backsteinbarock, ist durch einen Hausschwammbefall im Dach akut bedroht; noch kann sie dank einer Notsicherung offen gehalten werden, bis die nötigen Gelder für die Sanierung zur Verfügung stehen. Auch diese Zeichnung entstand im Rahmen eines Benefizprojektes.


Innsbruck, ich muss dich lassen

Innsbruck, ich muss dich lassen/ ich fahr dahin mein Straßen/ in fremde Land dahin.

Am Sonntag, vor einer Woche, verbrachte ich den letzten Urlaubstag in Südtirol. Am Montag begann ich den Heimweg und fuhr über den Brenner bis Innsbruck. Dort hatte ich mich für eine Nacht in einem hübschen minimalistisch-modernen Appartement mit viel hellem Holz und Naturmaterialien eingemietet, einem Ort, viel zu schade, um gleich wieder abzufahren.

Ich spazierte Richtung Altstadt und fand mich – Touristen sind nicht immer nur die anderen – in einem Café mit Blick auf das Goldene Dachl wieder. Doch statt mich dem Erbe Kaiser Maximilians zu widmen, wandte ich mich Näherliegendem zu: einem Kastanienherzen. Ein Kastanienherz ist eine Art großer Praline aus mit Schokolade überzogenem Maronipüree, eine regionale und saisonale Süßigkeit.

In dem Appartement gab es eine kleine Küchenzeile und auf dem Ceranfeld stand eine dieser achteckigen italienischen „Espressokannen“, mit denen man zwar keinen Espresso (dafür braucht es einen höheren Druck), aber doch einen guten Kaffee kochen kann. Das tat ich zum Frühstück, nachdem ich nachgelesen hatte, wie man die Kanne bedient, denn ich hatte so ein Ding noch nie benutzt.

Wenn ich mir einen schnellen Kaffee koche, so gebe ich normalerweise einen Löffel frisch gemahlenen Kaffee in eine Tasse und brühe mit heißem Wasser auf – fertig. Menschen aus Ostdeutschland, wie ich, nennen diesen Kaffee immer noch „türkisch“, obwohl sie natürlich längst wissen, dass man in der Türkei ganz anderen Kaffee bereitet. Achteckige Bialetti-Kannen hingegen blieben für mich stets ein etwas zweifelhaftes Emblem diverser – selbstverständlich westdeutscher – Toskana-Fraktionen.

Nachdem ich den Kaffee ausgetrunken und die kleine Küche aufgeräumt hatte, blieben noch zehn Minuten für eine schnelle Bleistiftskizze und ein paar Fotos des eleganten Dialogs von Schwarz und schwärzer. Ursprünglich hatte eine schraffierte Inktober-Zeichnung daraus werden sollen, doch fürchtete ich den Aufwand. So nahm ich dunkelgraue Gouache für das Ceranfeld und diverse Marker für die Kanne, allen voran das berühmte Schwarz aus dem japanischen Pentel-Pinselstift.


Der dritte Kirchturm

Im Örtchen Mals im oberen Vinschgau in Südtirol gibt es fünf Kirchtürme; in früheren Zeiten sollen es einmal sieben gewesen sein – bei einem Einzugsbereich von seinerzeit etwa tausend Einwohnern. Trotz dieser geringen Anzahl an Menschen war es ein regionales Zentrum, Markt- und Gerichtsort und Kreuzungspunkt wichtiger Passstraßen.

Von den heute erhaltenen Kirchtürmen zeigen drei ein romanisches Bild; sie sehen sich sehr ähnlich und wurden zwischen den Jahren 1000 und 1200 an schon vorhandene Kirchen „angebaut“. St. Benedikt und St. Martin habe ich bereits erwähnt.

Von St.Johann steht nur noch der Turm, das Kirchenschiff wurde nach einer Zerstörung durch napoleonische Truppen in ein Wohnhaus umgewandelt.

Die Fülle an romanischen Bauten in der Region fasziniert viele Besucher. Sie blieben auch deshalb erhalten, weil es mit dem Beginn der Neuzeit zu einem wirtschaftlichen Niedergang kam. Der Schwabenkrieg hatte schwere Opfer unter der Zivilbevölkerung gefordert, gleichzeitig hatten die nahen Alpenpässe gegenüber dem Brenner an Bedeutung verloren. Später entvölkerten Seuchen das Land. Für die anderswo flächendeckend ausgeführte Barockisierung von Kirchen im Rahmen der Gegenreformation fehlte schlichtweg das Geld.


Zwischen Antike und Mittelalter

Das antike Rom wurde bekanntlich nicht an einem Tag errichtet; auch, dass es mehrere Jahrhunderte benötigte, um zu zerfallen, machen wir uns selten klar. Im Laufe der Zeit wurde etwas Neues daraus, mit neuen Werten, neuen Strukturen, weniger zentralisiert, noch geprägt von den zurückliegenden Wanderungsbewegungen.

Nur an wenigen Orten gelingt es heute noch, diese Übergangswelt sichtbar werden zu lassen. Das Kirchlein St.Prokulus, gelegen am Rand der Südtiroler Gemeinde Naturns, ist ein solcher Ort.

Erbaut wurde es irgendwann zwischen dem 06. und dem 08.Jahrhundert in einem schon weitgehend, aber noch nicht vollständig christianisierten Umfeld – auf dem umgebenden Friedhof fand man auch das Grab eines germanischen Kriegers, dem man sein Kurzschwert (Sax, daher stammt die Bezeichnung „Sachsen“) mit ins Grab gelegt hatte.

Man weihte die Kirche dem heiligem Prokulus, einem außerhalb des Südalpenraums kaum bekannten Heiligen, Schutzpatron der Alpenübergänge und des Viehs. Und man malte die Kirche aus.

Wegen dieser Malereien (bzw. dem, was die Jahrhunderte davon überdauerte) ist St.Prokulus eine der bekanntesten Kirchen der Region, sie hat zahlreiche Wissenschaftler beschäftigt und mittlerweile ein eigenes Museum bekommen.

Den Malereien werden byzantinische, irische und langobardische Einflüsse zugeschrieben, auch das angenommene Alter schwankt beträchtlich. Das bekannteste Bild zeigt einen Mann (an der Gloriole als Heiliger erkennbar), der in einem Korb von einer Stadtmauer abgeseilt wird. (Der Begriff „Schaukler“ ist eine moderne Zuschreibung.) Wen es darstellt, ob Paulus, Prokulus oder jemanden anders, ist wissenschaftlich umstritten.

Es gibt noch eine Rinderherde, eine Menschenmenge und großäugige Heilige im gleichen Stil; daneben Engel mit Schlangenleibern, vermutlich aus einer anderen Werkstatt, sowie Zierfriese.

Letztere haben mich besonders beeindruckt. Sie entstammen so sichtlich (geografisch) unterschiedlichen Stilregionen, spätrömische Määnder finden sich neben keltisch inspirierten Flechtbändern. Waren alle diese Handwerker in der gleichen Bauhütte beschäftigt? Zogen sie durch oder waren sie eher regional ansässig? Welchen der „wandernden Völker“ gehörten sie an?

Als ich das Kirchlein besichtigte, fand in ganz Südtirol der „Tag der Romanik“ statt, viele verborgene Schätze wurden geöffnet und waren kostenlos zugänglich. Ich verbrachte eine lange Mittagszeit in St.Prokulus, lauschte der Führerin, die virtuous zwischen Italienisch und Deutsch wechselte, und nahm mehr Fragen als Antworten mit nach Hause.


Im Kloster 2

Nachdem ich mich von den freundlichen Nonnen verabschiedet hatte, stieg ich in den gelben Schweizer Postbus und fuhr fünfzehn Kilometer talabwärts zum Kloster Marienberg in Südtirol. Das Kloster thront wie eine Burg auf einem Bergsporn über der weitläufigen Talsohle, in der sich seit frühester Zeit die Wege von mehreren Alpenpässen treffen.

Turm der Stiftskirche Marienberg

Die Gebäude wurden nach mehreren Bränden durchgehend barockisiert; in den 2000er Jahren verpasste eine für meinen Geschmack etwas zu ambitionierte Renovierung dem Museums- und Herbergsgebäude einen Stil mit Sichtbeton und schwarzemetallischem Industriedesign. Als Ausgangspunkt für die Touren der kommenden Tage war es praktisch und dazu noch ausgesprochen günstig, so dass ich fast eine Woche blieb.

Eine Tour führte mich in das Städtchen Glurns, dessen riesige Stadtmauer einen Ort von gerade einmal tausend Einwohnern umschließt. Durch die Laubengasse seien vor einigen zehn Jahren noch die Kühe getrieben worden, heute sitzt man hier sehr gut bei Kürbissuppe und regionalen Birnen-Spezialitäten.

St.Benedikt aus dem 8.Jahrhundert, der Kirchturm wurde später angefügt.

Der Hauptort der Talregion ist Mals, etwa doppelt so groß und mit fünf Kirchtürmen gesegnet, davon drei romanischen.

Der zweite romanische Turm gehört zu dem Kirchlein St.Martin, dass sich seit dreihundert Jahren im privaten Besitz der ehemaligen Klosterpächter befindet. Geöffnet wird an Markttagen. Dann stehen Kirchentür und Scheunentor offen und wenn man Glück hat – so wie wir – findet man die Bäuerin am Spinnrad.

(Und wo bleibt der dritte Kirchturm? Von ihm wird noch die Rede sein.)


Im Kloster

In den Jahren 773/74 war der noch nicht dreißigjährige Frankenkönig Karl bereits ein ehrgeiziger und in weiten Teilen erfolgreicher Herrscher, doch bis er zum Kaiser gekrönt werden sollte, vergingen noch 25 Jahre. („Der Große“ wurde er ohnehin erst nach seinem Tod.)

Der Legende nach kam er in dieser Zeit an einem Alpenpass in einen Schneesturm; als er den wie durch ein Wunder überlebt hatte, beschloss er aus Dankbarkeit, im nächsten Tal ein Kloster zu gründen. So entstand das Kloster Müstair, das heute in der Schweiz liegt und von dort aus noch immer nur über einen hochgelegenen Straßenpass zu erreichen ist.

Ob die Geschichte sich genau so abgespielt hat, ist nicht mehr nachweisbar – doch wissen wir aus Jahresringanalysen, dass der Bau um das Jahr 775 begonnen wurde.

Ich liebe diesen Ort und habe ihn Anfang Oktober wieder einmal besucht. Ich blieb vier Nächte in der Klosterherberge und war mit einem Zimmer in der Nonnenklausur gesegnet. In dieses Zimmer gelangte ich über zahlreiche Treppen, durch kopfsteingepflasterte Gänge, vorbei an uralten, noch immer genutzten Wirtschaftsräumen, die nach Äpfeln und getrockneten Kräutern dufteten.

Eine sehr kunstvoll ausgeführte lebensgroße Holzplastik, die den Evangelisten Johannes darstellt, steht in einem der Flure.

(Diese Zeichnung, wie auch die folgenden, ist weitgehend mit Fineliner ausgeführt – meine Referenz an den Inktober.)

Der Schutzpatron des Klosters ist Johannes der Täufer, ein anderer Johannes, ein raubeiniger Bußprediger, der die Menschen zur Umkehr in ein besseres, „tugendhafteres“ Leben aufforderte. Ein rituelles Bad im Jordan, ein Reinigungsritual, sollte diese Umkehr bekräftigen. Auch Jesus ließ sich von ihm taufen, und als er aus dem Wasser stieg, kam der heilige Geist in Gestalt einer Taube auf ihn herab, während eine Stimme sprach: „Du bist mein geliebter Sohn.“

Diese Szene ist auf einem Relief in der Klosterkirche dargestellt. Man sieht hier neben Johannes und Jesus rechts (in meiner Zeichnung nur angeschnitten) einen Engel, der Jesus frische Kleidung reicht.

Der Abschiedstag, der 3.Oktober, war ein makelloser Tag; vor den Bergen und dem blauen Himmel leuchteten die weißen Klostergebäude in unwirklicher Schönheit. Gezeichnet habe ich eine Kapelle, die in der Bauzeit zum Klosterkomplex gehörte, nun aber ein bisschen getrennt davon steht.

Die Anlage hat schon in den 1980er Jahren den Welterbe-Status bekommen, und es fährt auch immer mal der eine oder andere Bus vor – vom Übertourismus ist der Ort glücklicherweise noch immer weit entfernt.

Noch leben acht Benediktinerinnen im Kloster, die jüngste ist 62, die älteste 94 Jahre alt. Ihre Gärten und Handwerke können sie nur noch mit Hilfe von außen betreiben. Wenn man ein paar Tage in der Klosterherberge verbringen darf, kommt man ihnen nah. Sie wissen, dass sie die letzten ihrer Art sind, dass mit ihnen 1250 Jahre Tradition enden …