Im Appenzellerland

Käse, klar, Käse. Und vielleicht noch die Sache mit dem Frauenwahlrecht, mehr wäre mir nicht eingefallen zum Appenzellerland, bevor ich es zwei Tage lang durchwandert hatte. Um ehrlich zu sein – ich wusste nicht einmal, dass mein Weg dort hindurchführen würde. Das merkte ich erst in einem kleinen Gasthaus mit dem Namen „Kantonsgrenze“. Dort zeichnete ich, was ich vor Augen hatte – einen Traktor -, wobei ich neugierig vom Haushund beäugt wurde.

Der Weg führte mich durch Orte, deren Charakter ich nur schwer ausmachen konnte. Es gibt kein Haupttal, sondern mehrere parallele Höhenzüge, die sich in annähernd west-östlicher Richtung in ca. 800 bis 1000 Metern Höhe ausbreiten. Darauf, so sieht es die Besucherin, hat ein Riese seine Bauklötze ausgeschüttet – scheinbar wahl- und richtungslos stehen die Häuser, etwas konzentrierter um die Straßen herum, doch letztlich in der ganzen Landschaft verteilt. Dazwischen Wiesen mit, klar, Kühen, auch mal ein Mehrfamilienhaus oder ein öffentliches Gebäude, das an eine eher städtische Gegend denken lässt.

Und durch all das hindurch fährt eine Straßenbahn! Über Brücken, ziemlich enge Kurven und steile Gefälle fährt ein roter Straßenbahnzug. Und zwar, als Deutsche kann ich es kaum fassen, im 20-Minuten-Takt.

Und dann stand ich auf dem Dorfplatz von Trogen, der keiner ist und auch nicht so aussieht. Ein großer gepflasterter Platz, von ebenso unregelmäßigem Zuschnitt wie alles hier, ist umgeben von großen, vier- bis fünfgeschossigen Barockhäusern mit monotonen Fensterreihen in schmucklosen Fassaden.

Ich fühlte mich wie vor einem Bild von … vielleicht Escher. Jedes Einzelteil stimmt, und zusammen betrachtet, bereitet es einem leichten Schwindel. Der verschwand erst, als ich ein bisschen nachlas: Die großen Häuser sind die „Zellwegerschen Paläste“, Verwaltungs- und Wohngebäude der im 18.Jahrhundert reichen und mächtigen Handelsfamilie Zellweger. Und der Platz ist der „Landsgmeindeplatz“, der Ort, an dem sich bis 1995 zweijährlich die „Landsgmeinde“, eine Bürgerversammlung, man kann auch sagen, eine Art Thing, traf. In einigen Schweizer Kantonen, so fand ich heraus, gibt es solche Einrichtungen bis heute.

Am nächsten Wandertag gönnte ich mir wenigstens noch die Zeit für eine kleine Skizze dieses Ortes, von der ich hoffe, dass sie mein Erstaunen zumindest ein bisschen widerspiegelt. Als ich aufbrach, war es schon wieder so warm geworden, dass ich die Einladung eines schattigen Platzes an der „Großen Säge“ im Wald gern annahm, dort noch ein ein eher „normales“ Appenzellerhaus zu skizzieren. Danach stieg ich über den Ruppenpass, um mich im Kanton St.Gallen wiederzufinden – denn die „beiden Appenzelle“ sind komplett von ihm umschlossen. Vielleicht hatte ich daher über sie bis jetzt so wenig erfahren?


Media vita in morte sumus

Der heutige Tag gehörte der Stiftsbibliothek von St.Gallen, einer der größten Sammlungen mittelalterlicher Handschriften und Artefakte weltweit und der einzigen Klosterbibliothek, deren Bestände seit dem sehr frühen Mittelalter (um 700) in großer Zahl erhalten sind. Zuerst ging ich in den barocken Bibliothekssaal, der mit seinen geschmückten Galerien und seinen honigfarbenen Holzpaneelen als solcher schon sehenswert ist. In diesem Saal gibt es Wechselausstellungen originaler Bücher und Handschriften, in diesem Jahr lautete das Thema „Gebet“.
Ich machte gar nicht erst den Versuch, mir alles anzusehen, auch den Audioguide steckte ich schnell wieder in die Tasche, sondern verweilte nur bei wenigen Vitrinen. Zuerst waren es die berühmten illustrierten Stundenbücher aus dem Spätmittelalter, die mich anzogen – ich war erstaunt, wie winzig manche waren, kleiner als A6, die Malereien schon Miniaturen…Und dann fand ich das Antiphonar, das der Mönch Hartker um 1000 herum, also hunderte Jahre vor den hübschen Luxusprodukten, geschrieben hatte. Es handelt sich um ein dickes Buch, in dem gesungene Stundengebete – sogenannte Antiphone – aufgeschrieben sind. Aufgeschlagen war das Buch auf der Seite mit den berühmten und vielfach vertonten Zeilen „Media vita in morte sumus“ – häufig übersetzt mit „Mitten im Leben sind wir vom Tod umgeben“. Ich war diesem Satz auf dieser Reise schon einmal begegnet, bei dem anrührenden kleinen Denkmal für die Opfer des Flugzeugunglücks von 2002. Hier erfuhr ich nun, dass die St.Galler Mönche die Zeilen täglich gesungen haben.


Die Zeichenbedingungen waren denkbar ungünstig. Zum einen herrscht aus konservatorischen Gründen Dämmerlicht im Raum – man sieht also kaum, was man gezeichnet hat. Fotografieren ist verboten. (An meinem Zeichnen, natürlich nur mit trockenen Medien, hat sich niemand gestört). Die Farbe habe ich später ergänzt. Besonders gefreut habe ich mich, dass ich die Handschrift online gefunden habe (viele alte Handschriften sind bereits digitalisiert und öffentlich zugänglich)und und so einen Versuch wagen konnte, Hartkers karolingische Minuskel nachzuempfinden.


Schnelles Fachwerk – Nachtrag 2

Gestern und vorgestern waren anstrengende Gehtage, an denen ich wenig bis nicht gezeichnet habe. Eine Rast allerdings in dem ansonsten gesichtslosen Ort Amriswil konnte ich nicht ungenutzt vergehen lassen. Direkt gegenüber des schönen schattigen Bäckerimbisses sah ich das puppenstubenhaft restaurierte Alte Pfarrhaus. Für eine ausführliche Zeichnung hatte ich weder Zeit noch Ruhe. Was also war zu tun? Ich nahm mir den Füller mit dem dicksten Strich und fing an, geradewegs draufloszuklecksen, danach das gleiche noch mal mit der Farbe. Es ist kein Meisterwerk geworden, aber es erfüllt den Zweck einer Reiseskizze: es bewahrt Eindruck und Erinnerung in ganz anderer Weise als eine Fotografie.


Herr Lenk teilt aus – Nachtrag 1

Dieses Bild ist noch in Konstanz entstanden, morgens vor dem Losgehen. Als Schwerinerin ist mir der Bildhauer Peter Lenk schon ein Begriff gewesen, haben wir doch auf dem Marktplatz ein satirisches Denkmal für Heinrich den Löwen – in Lenkscher Manier nicht ohne Unterleibskomik. Und wie anderswo, wurde dieses Denkmal erst skandalisiert und nun von allen Stadtführern gern gezeigt.
Den „Laube-Brunnen“ in Konstanz kannte ich noch nicht. Er ist voller satirischer Anspielungen an Zeitgeschehen und Geschichte; ich habe mich beim Zeichnen auf zwei schrecklich-schöne Zeitgenossen beschränkt, die damit beschäftigt sind, ihre Füße ins Brunnenbecken zu halten (sie haben im Original etwa anderthalbfache Lebensgröße).

Figuren des Lenk-Brunnens in Konstanz. Buntstift und weiße Aquarellfarbe auf PaintOn naturell

Herr Lenk übrigens, der so vortrefflich auszuteilen vermag, erwies sich als im Einstecken weniger versiert: als seine „Imperia“ vergangenes Jahr einen Mundschutz bekam, soll er ausgesprochen verschnupft reagiert haben …


Horizont

Als ich das Projekt begann, einmal längs durch Deutschland zu gehen, war der Bodensee so etwas wie mein Horizont, und die Insel Reichenau mit ihren Klöstern der Leuchtturm darauf. Hier hatte es angefangen nach den dunklen Jahrhunderten der Völkerwanderungszeit, hier gründeten (vermutlich irische) Mönche erste Klöster, in deren Schreibstuben und Gärten bald darauf Kunst und Wissenschaft erblühten.

Gestern habe ich die Insel Reichenau besucht. Sie ist seit (mindestens) römischer Zeit durchgehend besiedelt. Heute ist sie für ihren Gemüseanbau bekannt, vermutlich geht auch der schon auf die Römer zurück. (Nicht umsonst schrieben die Mönche hier gartenkundliche Abhandlungen.) Buchstäblich jeder Quadratzentimeter der Insel ist bepflanzt, und zwar in einer für die heutige Zeit geradezu aberwitzig kleinzelligen Parzellierung, die auf Besitzverhältnisse der Klosterzeit zurückgeht.

Und zwischen all den Gewächshäusern, Beeten, Feldern und kleinen Weinhügeln stehen drei der ältesten Kirchen Mitteleuropas.

Die erste, auf die man trifft, wenn man die Insel betritt, ist St.Georg, und von außen sieht sie erst einmal nicht besonders spektakulär aus. Innen enthält sie jedoch einmalige, ebenfalls auf die Gründungszeit um 800 datierte Wandmalereien.

Die Kirche St.Georg in Oberzell.

Ich war früh aufgebrochen und hatte diesen schönen Blick lange an einem kühlen Morgen für mich allein; später wurde es schwül und drückend und vielleicht lag es daran, dass mir vom viel gewaltigeren Münster kein ordentliches Bild gelang. Vielleicht hatte ich auch einfach das Gefühl, dass ich gern noch einen Tag und noch einen und noch einen gehabt hätte, um dieser gesegneten Insel ein bisschen gerecht zu werden.


Die Konstanzer Goldscheiben

Die sogenannten Konstanzer Goldscheiben sind vier teilweise vergoldete, kreisrunde Kupferplatten. Der Durchmesser der größten und ältesten beträgt fast zwei Meter. Vermutlich ist sie etwa tausend Jahre alt und wurde ursprünglich als Schlussstein einer symbolischen Nachbildung des Heiligen Grabes verwendet. Später brachte man sie außen am Münster an, ergänzt um die anderen drei.

1973 hat man sie im Außenbereich durch Kopien ersetzt und die Originale in der Krypta des Münsters aufgehängt. Hinter einem schlichten Altartisch machen sie dort einen ausgesprochen archaischen Eindruck. Auf der größten Platte ist ein hochmittelalterlich streng thronender Christus abgebildet, flankiert von zwei Engeln. Überraschend tröstlich fällt die Bibelstelle aus, die in seinem mit der linken Hand hochgehaltenen Buch zu lesen ist. Es ist der sogenannte Heilandsruf Matth. 11,28: Kommt her alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.

Die große Konstanzer Goldscheibe, gezeichnet mit wasserlöslichen Aquarellstiften.

Am Bodensee

Zweihundert Höhenmeter und ein paar Welten trennen die landwirtschaftlich geprägten Ausläufer der Schwäbischen Alb von der mediterran anmutenden Uferregion. Noch bevor ich nach Überlingen hinein kam, durchquerte ich einen Golfplatz – wie passend für eine Region, die als eine der teuersten Deutschlands gilt. Leider hielten die Golfer ihre charakteristischen Posen nur kurz, so dass ich mich auf eine Postkartenskizze des Ortes beschränkte.

Für Überlingen hatte ich nur eine Übernachtung eingeplant, was ich bedauerte, weil ich insbesondere im Münster mit seinen zahlreichen Kunstschätzen gern noch länger geblieben wäre. Immerhin schaffte ich es als Frühaufsteherin noch ein bisschen Morgenstimmung am See einzufangen.

Morgenstimmung am Bodensee

Ich überquerte den See mit dem Schiff, und als das am anderen Ufer angekommen war, stand die Sonne schon wieder viel zu hoch am Himmel. Da kam eine Bank an einem luftigen Platz gerade recht; ich ließ mir beim Zeichnen Zeit.

Bodenseepanorama vom Rupertsberg aus.

Die zerrissene Perlenkette

Das Land zwischen Donau und Bodensee ist landwirtschaftlich geprägt; die Dörfer liegen weit auseinander. Auch echte Wanderwege gibt es nur kaum. Manchmal geht es ein Stück parallel zur Straße durch einen schattigen Waldabschnitt, dann sind die Füße froh.

Neben einem solchen Weg, kurz bevor er wieder in die Straße mündete, sah ich zwischen Gesträuch und jüngeren Bäumen eine Edelstahlkugel liegen. Sie schimmerte perfekt und sah ganz unwirklich aus an dem Platz, bis ich bemerkte, dass sie Teil eines Denkmals ist. Es erinnert an die Flugzeugkollision vom Sommer 2002, bei der 78 Menschen ums Leben kamen, u.a. viele Kinder. Das Denkmal heißt „Die zerrissene Perlenkette“ und besteht aus mehreren Teilen an den verschiedenen Absturzstellen. Dieser erinnert an die beiden Piloten der Frachtmaschine, die in dieses Waldstück gestürzt war.

Es gibt noch einen ganz konventionellen Stein für die beiden Piloten, eine Metalltafel, die das Ganze erklärt und auf dem auch der Satz mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen“ steht.

Die kleine Gedenkstätte hat mich sehr berührt.


Heiliger Antonius, bitte für mich

Ich liebe meinen Pilgerhut, und ich brauche ihn. Zu blöd, wenn ich ihn schon am Abend des erste Gehtages verliere! (Nicht zum ersten Mal, es war der dritte in sieben Jahren.) Heute morgen bastelte ich mir ein Provisorium aus einem Halstuch und lief in den sonnig strahlenden Tag hinein. Einen neuen oder wenigstens eine Mütze würde ich spätestens in zwei Tagen besorgen können, auf zwanzig Kilometer im Umkreis gibt es weder Bäcker noch Fleischer, geschweige denn einen Supermarkt.

Die erste Rast legte ich in Großschönach ein, in der dortigen Antoniuskirche. Ein gesichtsloser Bau aus den Fünfzigern des vorigen Jahrhunderts. Und weil es nichts zu zeichnen gibt, schaue ich mal nach, wofür der Heilige Antonius eigentlich so zuständig ist. Ich traue meinen Augen kaum: für verlorene Gegenstände! Da kann eine klitzekleine Bitte in seine Richtung bestimmt nicht schaden.

Und als ich die Kirche verlasse, steht doch vollen Ernstes fünfzig Meter weiter so ein Selbstbedienungsbüdchen, in denen es sonst Marmelade und Äpfel gibt – nur das es hier selbst gemachter Kitschkrimskrams ist, Traumfänger, Kirschkernkissen – und Mützen! Ganz unten im Regal liegen ein paar Schirmmützen mit neckischen Sprüchen drauf wie „Am Arsch vorbei geht auch ein Weg“. Die einzige ohne Spruch ist aus schwarzgrauem Military-Flecktarn, die nehme ich glücklich an mich.

So oder so ähnlich laufe ich zur Zeit durch den sonnigen Spätsommer.


Wieder unterwegs

Seit gestern bin ich wieder unterwegs. Ich fange da an, wo ich vor zwei Jahren geendet habe: in Beuron und Pfullendorf, zwei Tage zum Runterkommen und Akklimatisieren nach einigen eher schwierigen Wochen. Ich ging früh um fünf zur Morgenhore der Mönche – hier verbietet es sich leider zu zeichnen. Diese Wechselgesänge sind älter als unsere meisten Kirchengebäude, sie sind Tradition seit tausendfünhundert Jahren, ebenso wie die Ordensregel des Heiligen Benedikt.

Gezeichnet habe ich dann eine malerisch im Donautal gelegene Kapelle, die in einem seltsamen Architekturstil ausgeführt ist, der als „Beuroner Schule“ bekannt wurde und Elemente altägyptischer, christlich-orthodoxer und klassisch griechischer Kunst miteinander verbindet. Das Ergebnis erinnert an Art déco, ist aber schon im 19.Jahrhundert entstanden.

Heute hatte ich mir einen Zeichentag vorgenommen. Das Hoehnzollernschloss Sigmaringen steht spektakulär auf einem Felsen über der Donau; leider lag dieser Blick im grellen Gegenlicht, so ich mich für etwas verzwickte Dachlinie von der Rückseite her entschloss.

Pfullendorf schließlich, der Endpunkt meines Weges von vor zwei Jahre, ist gar kein Dorf, sondern eine ehemalige Freie Reichsstadt mit einer großen Zahl an sehr repräsentativen Fachwerkhäusern.