Einmal nirgends und zurück – Teil 2

Von Salzwedel aus bin ich am Abend noch über schnurgerade leere Straßen bis Königslutter gefahren und habe dort übernachtet, um mir am nächsten Tag den Kaiserdom anzusehen. Königslutter kannte ich bisher nur aus den Verkehrsnachrichten, und erst vor kurzem hatte ich erfahren, dass das Städtchen eine bedeutende romanische Kirche beherbergt. Gestiftet wurde sie vom mittelalterlichen Kaiser Lothar III. als Grablege und Klosterkirche, ein Dom im Sinne eines Bischofssitzes ist sie nie gewesen.

Das Kircheninnere ist kurz vor 1900 bis auf den letzten Quadratzentimeter in neoromanischem Stil ausgemalt worden. Hätte ich mehr Zeit gehabt, hätte ich es reizvoll gefunden, mich auch diesem Malereien skizzierend zu nähern; so konzentrierte ich mich auf das, was meiner Vorstellung von Romanik näher kam: den Kreuzgang und die Außenansicht.

 

Dann musste ich leider doch auf die verstopfte Autobahn, um noch rechtzeitig in Mühlhausen einzutreffen. Auf dem Fest habe ich, anders als sonst manchmal, kaum gezeichnet; nur die Hündin einer alten Bekannten konnte mir eine Skizze entlocken.

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Die Hündin Amani.

Auf der Rückfahrt wählte ich entlang des Westharzes die Landstraße und rastete in Osterode. Was einmal das Westberlin nächstgelegene Gebirge war, ist unübersehbar von Überalterung und Leerstand geprägt; für die Dauer einer Mittagsrast habe ich dann aber doch ein „hübsches“ Motiv gewählt.

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Frühbarocker „Ritter“ als Zierde an einem Fachwerkhaus in Osterode.

 

 


Einmal Nirgends und zurück – Teil 1

Will man von Schwerin aus in den Harz oder das westliche Thüringen reisen, ist auch für hartgesottene Bahnfahrer das Auto die bessere Wahl – die Verbindungen mit dem Zug sind einfach zu unkomfortabel. So ging es mir letztes Wochenende, als ich ins thüringische Mühlhausen wollte. Ich hatte eine Strecke entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze gewählt. Wer die Region kennt, weiß, dass diese Grenzgebiete auf beiden Seiten dünn besiedelt und – von Wolfsburg abgesehen – industriell wenig entwickelt blieben. Es gibt viel weite, offene Landschaft, besonders entlang der Elbe, und schöne alte Orte im Dornröschenschlaf – beste Voraussetzung zum Zeichnen.

Für Salzwedel hatte ich mir einen ganzen Nachmittag eingeplant – in Anbetracht der vielen Schätze, die die Stadt birgt, hätte ich dort auch eine Woche zeichnend zubringen können. Wie der Name sagt, war Salzwedel eine wohlhabende Salzstadt, Hansestadt auch; ihre reiche Bausubstanz hat alle Kriege unbeschadet überstanden.

Bei einer früheren Rast hatte ich schon einmal die Gegend um die Marienkirche ins Auge gefasst. Ich begann mit dem „Adam-und-Eva-Tor“, einem reich geschnitzten Tor von 1534.

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Blick in den Torweg des Adam-und-Eva-Tors, Salzwedel

Die Schnitzereien sind in einem monochromen Grau gestrichen – ob es original einmal bunt war, habe ich nicht herausbekommen. Neben den Figuren von Adam und Eva findet sich einiges an für die Renaissance typischem Zierrat; Eva wirkt auf uns heute merkwürdig androgyn und entspricht damit dem Schönheitsideal ihrer Zeit. Der  Totenschädel hängt nur über ihrem Kopf, auf Adams Seite befindet sich eine der zahlreichen Schellen, deren Sinn (wenn es denn über die Dekoration hinaus einen gab) sich mir nicht erschließt. Gezeichnet sind beide Bilder – wie auch das von der Marienkirche weiter unten – auf dem schönen glatten Stillman&Birn-Zeta-Papier.

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Evas Seite – mit Totenkopf und einer geschnäbelten Schlange  – der Künstler kannte anscheinend nicht nur keine Löwen, sondern auch keine Schlangen.

Mittlerweile hatte die Marienkirche geöffnet. Die Kirche ist riesig, ein mehrfach mit steigendem Wohlstand erweiterter Backsteinbau mit einem umbauten und schiefen Turm und ungewöhnlichen Quergiebeln. Zuerst sah ich mich im Innern um und entschloss mich, ein Lesepult in Form eines Adlers zu zeichnen. Leider konnte ich sein Alter nicht herausbekommen.

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Lesepult in der Salzwedeler Marienkirche, gezeichnet in meinem kleinen A6-Hahnemühle-Buch.

Von außen sperrte sich die Kirche mit ihrer komplizierten Architektur zuerst allen Versuchen, sie aufs Blatt zu bringen. Erst auf dem Rückweg, zwei Tage später, bekam ich ihre Dimensionen halbwegs zu fassen.

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Die Salzwedeler Marienkirche von Süden – ein Versuch.


Zwanzig Jahre später

Gestern hatte ich in Grabow bei Ludwigslust zu tun. Das Städtchen ist außerhalb seines näheren Umkreises kaum bekannt und wäre manchen Besuch wert, bietet es doch eine geschlossene barocke Fachwerkbebauung, viele historische Gewerbebauten dabei, und idyllische Flussuferblicke. Grabow war eine Handwerker- und Kaufmannsstadt von solidem Wohlstand (die Vorfahren der Schriftstellerfamilie Mann sind von hier aus nach Lübeck gegangen), die ihren speziellen Charakter noch bis in die DDR-Zeit hinein bewahren konnte.

1998 bin ich einige Male zum Zeichnen hingefahren, meine damals neugeborene Tochter im Kinderwagen dabei, einige kostbare Wochen Freiheit nutzend. Fasziniert stand ich vor einem ausgedehnten frühindustriellen Mühlenkomplex, der gerade dabei war, seinen Betrieb einzustellen; man konnte in den Höfen ungestört umhergehen.

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Die alte Mühle in Grabow, PITT-Pens und Farbstifte in einem 30×30 cm großen Skizzenbuch. 1998

Gestern bin ich ganz bewusst an die gleiche Stelle gegangen und fand sie äußerlich weitgehend unverändert vor, das Dach notgesichert und das Gebäude seit 20 Jahren von einem Investor träumend. Die mittägliche Stille war fast schon schmerzhaft, von den Ladengeschäften, die es vor 20 Jahren in der Nähe noch gegeben hatte, war kein einziges mehr vorhanden.

Ich aber und mein Blick hatten sich gewandelt: erstaunt konstatierte ich, dass ich das Anwesen ohne die Vorgeschichte meiner früheren Besuche vermutlich nicht gezeichnet hätte – die Fassade flach und ummoduliert im Mittagslicht, wenig Tiefe; und alles schon sehr museal und unbehaust. So machte ich nun das Beste daraus, versuchte mich ganz bewusst an einer zügigen und nicht zu sorgfältigen Zeichnung im kleinen A6-Buch.

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20 Jahre später, gezeichnet im Hahnemühle Watercolour-Buch A6.

 


Sommerbilder II

Täglich zeichnen – was im Urlaub zu den Grundbedürfnissen gehört, will mit dem Alltag immer wieder neu ausdiskutiert werden, streitet sich mit Meditations- , Bewegungs- und Lesezeit um freie Plätze und Prioritäten ……..

Im Restaurant, im kleinen Freitagsnachmittagsurlaub, geht es leicht von der Hand und muss sich nur mit dem Hunger unterhalten. Und dann sind die Sushi – oh Schreck! –  doch schon fast aufgegessen, als mir einfällt, dass ich kein Foto gemacht habe. Weshalb der Tee die Hauptrolle bekommt.

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Endlich ein gutes Sushi-Restaurant in Schwerin. 

Abends bei Freunden, während die Kinder ins Bett gebracht werden, ist auch eine gute Zeit.

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Auch der Sonntag bietet eine Gelegenheit, zu der das Zeichnen dazugehört: einen Museumsbesuch. „Hinter dem Horizont“ ist eine kleine und feine Schau von DDR-Kunst aus der Sammlung des Schweriner Museums, klug präsentiert und kommentiert. Zum Skizzieren entscheide ich mich für ein Bild von Clemens Gröszer, „Bildnis Andrea P. II“. Wie immer, wenn ich ein Bild abzeichne, bin ich mit jedem Blick, mit jedem Strich faszinierter davon. Hier kommt zur Kunstfertigkeit des Malers (allein der raffinierte Ausschnitt mit den ganz leicht angeschnittenen Füßen!) noch ein Wiederkennen dazu: die Abgebildete muss Ende der Achtziger etwa so alt gewesen sein wie ich damals, und sie trug die gleiche Kleidung (von den weißen Lederhandschuhen abgesehen), den gleichen graugrünen Pullover mit überschnittenen Schultern und sich beulenden Nähten, die gleichen Till-Eulenspiegel-Schuhe; der Frisur jener Jahre bin ich bis heute treu geblieben.

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Museumsbesuch in Schwerin

Das Montagsbild lasse ich aus, und das von gestern – habe ich heute morgen gemalt. (Was nur funktioniert hat, weil ich den Vorsatz schon gestern Abend gefasst hatte.) Obst aus dem Garten, vom frisch geschüttelten Baum aufgelesen und auf den Frühstückstisch gelegt. Die dekorativen blauen Schatten verdankt es dem Lampenlicht, was um diese Morgenstunde zum Frühstück schon wieder nötig ist.

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Morgenobst. Dieses Mal bin ich konzentriert genug, die Lichter freizulassen und muss sie nicht nachträglich mit Marker einfügen. 

 


Sommerbilder

Vom dem Belliner Kurs war ein kleines Hahnemühle-Aquarellbuch übrig geblieben, das kam mir gerade recht, um auf überschaubarem Format mal wieder das tägliche Zeichnen zu versuchen. Ab&zu fällt dann doch mal ein Tag aus, aber mit der Zeit stellt sich eine gewisse Routine ein.

Das erste Bild ist vom letzten Freitag, als ich mich im Schweriner Dom an das wunderbare Wochenende in Bellin erinnerte, wo ich zur Gottesdienstvorbereitung ein ähnliches Kreuz gezeichnet hatte. Was man auf den Zeichnungen nicht sieht: dieses hier, aus dem Schweriner Dom, ist ungleich größer, ein riesiges Triumphkreuz. Ich habe es absichtlich so abgebildet, dass sein floraler Charakter in den Vordergrund tritt.

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Das Triumphkreuz im Schweriner Dom – ein Nachklang des Wochenendes in Bellin.

Am Samstagabend dann bei Freunden gesessen und das neue Katerchen in einem seiner seltenen Ruhemomente gezeichnet.

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Der kleine Kater meiner Freunde hält selten still.

Der 15.August ist ein katholischer Feiertag – Mariä Himmelfahrt. Zum Brauchtum dieses Tages gehört die Kräuterweihe, ein uraltes Ritual. Ich habe mir wenigstens ein meinem Garten einen Kräuterstrauß gepflückt.

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Zu Mariä Himmelfahrt pflücke ich abends einen Kräuterstrauß in meinem Garten.

Paprikaschoten! Jedes Jahr kaufe ich welche aus regionalem Anbau, weil sie so schön krumm und bunt sind. Witzigerweise sind sie nachgereift: was gestern Abend noch in vielen Farben schimmerte, ist heute durchgehend langweilig rot.

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Alle Jahre wieder: Paprikaschoten vom Markt. (Aquarell ohne Tintenlinien will immer wieder neu geübt werden. Die Lichter habe ich allerdings ganz unorthodox mit Marker gesetzt.)


Misstraut den Grünanlagen

„Misstraut den Grünanlagen!“ – mit diesem Satz begannen oder endeten manche der Berliner Spurensuchen des Autors Heinz Knobloch. In einer Stadt, die von Luftkrieg und Häuserkampf derart gezeichnet ist wie Berlin, wurde vieles überbaut und mit Rasen zugedeckt, was des näheren, oft auch schmerzenden Hinsehens wert gewesen wäre.

Als ich Ende Juli, an einem der vielen heißen Tage, einer Einladung zu einem Glockenspielkonzert an der Berliner Parochialkirche folgte, kam mir dieser Satz in den Sinn. Ich hatte einen frühen Zug genommen und ging mit einem kleinen Schlenker durch das Nikolaiviertel die wenigen hundert Meter vom Alexanderplatz zu der Kirche. Ich weiß nicht, woran es lag, an der Sonntagsferienleere, an der Erschöpfung von Menschen und Stadt durch die Hitze, an den über dreißig Jahren, die vergangen waren, seit ich dort das letzte Mal zu Fuß ging: ich hatte das Gefühl, die Verluste und Verletzungen dieses Teils von Berlin mit Händen greifen zu können. Die völlige Überformung eines gewachsenen Stadtgrundrisses im Geist der Moderne, der Aufbruchswille auch, der sich darin spiegelte, die hilflosen und heute etwas peinlich anmutenden Versuche in postmodernen Arkaden, die falschen „Altberliner“ Gaststätten und schließlich die Stille und Leere zwischen den großen Verwaltungsgebäuden, die stehengeblieben waren oder wieder aufgebaut wurden – alles das sprach zu mir davon, wie viel vom Vergangenen noch nicht vergangen ist.

Der Friedhof der Parochialkirche ist eine stille grüne Insel in der Nähe der ehemaligen Stadtmauer. Die Kirche selbst brannte im Krieg vollständig aus; den Turm mit dem einst berühmten Glockenspiel erhielt sie erst im letzten Jahr wieder.

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Blick von der Parochialkirche zum Alexanderplatz.

Als ich an der Kirche ankam, hatte ich noch Zeit, einen der vielen möglichen dissonanten Blicke an diesem Ort einzufangen. Die Kirche war noch geschlossen, als sie später geöffnet hatte, kam ich leider nicht mehr dazu, ihr Inneres zu zeichnen – mit seinen nackten Ziegelwänden und einem rauen Kreuz aus ausgeglühtem Stahl ist es ein unerwartetes Denkmal in der nach außen hübsch barock wieder hergestellten Hülle.

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Lauschende auf dem Parochialfriedhof

Später, während des Konzertes, habe ich dann versucht, die versonnene Stimmung einzufangen, die von solch einem ungewöhnlichen Konzert ausgeht. Das Glockenspiel ist weit im Umkreis zu hören, so dass die Gäste sich auf dem Gelände des alten, lange aufgelassenen Friedhofs verteilen können – zum Sitzen gibt es stabile Papphocker.


Zeichnen in Bellin

Seit einigen Jahren bin ich immer mal wieder Gast im Haus der Stille in Bellin, einem kleinen Ort im Herzen von Mecklenburg. Das Haus, liebevoll von einem Verein geführt, versteht sich als ein Einkehrort, an dem im Rahmen christlicher Tradition Formen der Achtsamkeit, der Meditation und des Gebetes geübt werden können. Es war mir eine Ehre, in diesem besonderen Umfeld einen Zeichenkurs anbieten zu dürfen; im Nachhinein weiß ich: es war auch eine große  Freude.

Der Kurs stand unter dem Motto einer Gedichtzeile von Ingeborg Bachmann: „Sehen, angeblickt, habe ich wieder erlernt“. Wir haben uns dem Zeichnen , genauer: dem gezeichneten Tagebuch, als einer besonderen und besonders beglückenden Achtsamkeitsübung gewidmet.  Ein bisschen hatte ich auch die Gelegenheit selbst zu zeichnen; teils als Demonstration, teils zwischendurch zum Vergnügen.

Angefangen haben wir beim gemeinsamen Abendessen. Als Fan der Teetassen von Liz Steel habe ich mich denn auch gleich über meine Teetasse hergemacht.

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Versuch in Gouache – da muss ich noch üben.

Am nächsten Vormittag haben wir die wunderbare Belliner Kirche gezeichnet. Der Schwerpunkt lag auf der Vereinfachung eines komplexen Motivs, wofür ich in der Morgenkühle einige Beispiele vorbereitet hatte.

 

Nachmittags waren allen konzentriert an einem Motiv eigener Wahl, während ich versuchte, die Frage zu beantworten, wo ich eigentlich beginne auf dem Blatt. Hier eine einfache zeichnerische Antwort. Bei der Konzentration darauf wurde mir klar, wie wichtig mir eine klare Umrisslinie zum Festlegen einer Form ist – und wie gern ich mit Negativräumen beginne (auf dieser Zeichnung nicht sichtbar.)

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Die Ziffern zeigen an, in welcher Reihenfolge ich gearbeitet habe – darüber habe ich mir vorher noch nie Gedanken gemacht.

Auch der Sonntagsgottesdienst wurde von Zeichnungen begleitet, die wir vorher in der Kirche angefertigt hatten – ein ganz besonderes Erlebnis.

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Das Kruzifix auf dem Altar, gezeichnet vor dem Gottesdienst. Das Kreuz ist hier als Lebensbaum dargestellt, der in grün und gold erblüht – eine tiefe und bewegende Metapher.

Zu Hause angekommen, erwartete mich eine ziemlich anstrengende Woche, und erst an deren Ende kam ich dazu, die Materialen auszupacken, die ich mitgenommen hatte.

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Auspacken nach einem schönen und intensiven Kurswochenende.