Allerleigrau

Ein langer grauer Januar ist endlich zu Ende! Als ich mich vorhin daran machte, die Skizzen zu scannen, die „nebenbei“ mit dem kleinen Gepäck – Miniskizzenbuch „Art Creation“ 12×12 cm und vier Kugelschreibern – entstanden sind, fand ich eine andere Kugelschreiberskizze wieder: Am 03. Januar, auf dem Heimweg von meinem „Neujahrsretreat“, war ich noch bei Barlach in Güstrow eingekehrt. In der Gertrudenkapelle hatte ich schon mehrfach gezeichnet, jedes Mal mit dem Gefühl, an einen Ort von besonderer Stille und Sammlung geraten zu sein. (An einen Ort auch, an dem noch keine Angst vor Kartoffelbrei und Tomatensuppe herrscht: Mit Hinweis auf mein Malzeug durfte ich den Rucksack mit ein die Ausstellung nehmen, in der ich lange allein [allein!] saß, wenn man von der Aufsicht per Kamera im Nebengebäude absieht.)

So kam ich zu einer Zeichnung von Barlachs „Lesenden Mönchen“, und natürlich gefiel mir besonders, wie es Barlach gelungen war, einen dicken Mann durchgeistigt aussehen zu lassen.

Doch dann kam er, der Januar, und mit ihm in paar Plagen von der Art einer hartnäckigen Grippe, die eigentlich schon Weihnachten hätte vorbei sei sollen … So blieben selbst die niedrigschwelligen Kugelschreiber im Rucksack und wurden erst gegen Ende des Monats wieder herausgeholt. Die ersten Striche sind so ungelenk, als hätte man nie einen Stift gehalten, und es braucht ein paar verkrakelte Blätter, bis die Hand wieder locker ist.

Wie sich das gehört in so einer Zeit, sitzt man auch länger als einem lieb ist in Wartezimmern herum, doch auch das geht vorbei, und man findet sich in der Oper wieder:

Eine grandiose Aufführung des „Freischütz“, konzertant mit einigen Verfremdungen nach Brechtscher Manier, die sich nicht in den Vordergrund drängten, sondern die Musik um so prächtiger strahlen ließen. (Hat jemand schon mal einen züchtig schwarz gekleideten Opernchor mittels einiger Taschenlampen sich in Wolfsschlucht-Geister verwandeln sehen?)

Und nach der Oper das epische Theater: eine Dienstversammlung. Für die Zeichnerin war sie fast zu kurz, sie schaffte gerade mal die Umrisse.


Winterpilze

Den Jahreswechsel und ein paar Tage drumherum verbrachte ich in einem stillen Mecklenburger Dorf. Ich hatte Lust auf Naturstudien, auch reichlich Zeichenmaterial dabei. Gleich beim ersten Waldspaziergang leuchteten mir ein paar glänzende orangeocker Pilze entgegen: ich hatte mein Thema gefunden. Drei Tage lang sammelte ich die raren Exemplare ein, die der winterliche Wald bot, breitete sie auf dem Tisch aus, fotografierte und skizzierte sie. Meine Pilzbücher lagen zu Hause und meine Unterkunft im Funkloch; so konnte ich erst einmal nur den Bestand aufnehmen.

Zu Hause blätterte und wühlte ich und musste doch feststellen, dass ich nicht genau genug gewesen war – von vier Baumpilzen bleiben zwei unbestimmt. (Am liebsten hätte ich mich ins Auto gesetzt und wäre noch mal hingefahren.)

Die „Geweihförmige Holzkeule“, ein zähes, seltsames Gebilde, hatte ich schon früher einmal gesehen, sie wuchs gleich neben dem Samtfußrübling. Den kannte ich noch nicht, obwohl er ein begehrter Speisepilz ist, der sogar gezüchtet wird. Dann heißt er „Enoki“ und ist meist winzig und weiß. (Ich hatte ihn in dieser Form auch schon im asiatischen Essen.)

Ja, bei den Baumpilzen verließen sie mich … Ich bekam zwar nicht raus, wie die beiden oberen Gesellen heißen, erfuhr aber bei meinen Studien, dass es Pilzforensiker gibt: das sind Leute, die beispielsweise klären, ob ein Baum, der auf Fahrzeug oder Mensch fiel, schon länger mit Pilzen befallen war und ergo schon hätte gefällt worden sein müssen …

Am dritten Tag kamen noch einmal neue Fundstücke dazu. Der „Eichenwirrling“ ließ sich zu Hause anhand seines Porenmusters, das an ein Labyrinth erinnert (daher der Name!) bestimmen. Die „Schmetterlingstramete“ kannte ich bereits; man sieht manchmal ganze Baumstümpfe von den schichtweise angeordneten, wie Schmetterlingsflügel gemusterten Pilzkörpern überwuchert. Sie sind unterschiedlich in der Färbung, diese hier waren mit ihren Blauanteilen besonders apart. Früher hat man sie zu Dekorationszwecken, zum Beispiel an Hüten, genutzt, und heute ist das getrocknete Pulver unter dem Namen Coriolus als Heilpilz im Handel.

Der „Goldgelbe Zitterling“ macht seinem Namen alle Ehre, er fühlt sich an wie ein Stück verknäulter Wackelpudding. Man sieht ihn nur bei feuchtem Wetter; wird es trocken, bleibt nur eine unscheinbare Hülle zurück. Wer unbedingt will, kann ihn essen – er schmeckt nach nichts und tut niemandem etwas Böses.

Dieser Pilz hing als etwa handgroßer „Lappen“ aus einem Totholzstamm, begleitet von einigen kleineren, leicht violett getönten Exemplaren. Ich zerbrach mir den Kopf und nichts schien zu passen, bis ich ihn Kleingedruckten eines Beitrags las, dass der Austernseitling, ein begehrter Speise- und Zuchtpilz, nach dem Frost weiter wächst, aber dann eben so ausgefranst aussieht … Alle meine Bücher und Bestimmungsseiten waren jedoch voller frischer, knackiger und ungefrosteter Exemplare gewesen. Aber – ich hatte das Rätsel gelöst und bin nun am Überlegen, ob ich nicht aus eine Pilzkultur auf dem Balkon haben will …


Danke für die Wolken

Meinen ersten Band Enzensberger habe ich nicht als solchen erkannt. Es war die (selbstverständlich rare und nur über gute Kontakte zu erlangende) DDR-Ausgabe des „Wasserzeichen der Poesie“, Band 9 der legendären „Anderen Bibliothek“. Ich liebte das Buch mit seinem schönen Prägeeinband, dem gelblichen, sorgfältig bedruckten Papier und dem Spiel, das darin in Scherz und Ernst mit Gedichten getrieben wurde. Nur dass der als Herausgeber firmierende Andreas Thalmayr kein anderer als Hans Magnus Enzensberger war, erfuhr ich erst viel später.

Da war die DDR schon untergegangen mit ihrer Bücherknappheit und manchem anderen, doch blieb ich ein paar Jahre lang außerstande, mehr als die Zeitung zu lesen. Als ich wieder anfing, waren Enzensbergers kluge Essays mit das erste, das ich in die Hand nahm. Bei allem Zorn, bei aller Schärfe blitzte immer wieder eine tröstliche Leichtigkeit in ihnen auf. Manche Sätze blieben mir fürs Leben, wie der von der mächtigen Kraft, der Erosion, die allen Überwachungsdystopien ein Ende bereitet mit „ihren vier langsamen unwiderstehlichen Reitern, die da heißen Gelächter, Schlamperei, Zufall und Entropie.“

Wenig später entdeckte ich die Gedichte, und als ich die schönen Suhrkamp-Originalausgaben in den letzten Wochen wieder zur Hand nahm, erfreute ich mich an ihrer Zartheit, an ihrer Zeitlosigkeit auch, mit der sie nicht aus der Mode gekommen sind, weil sie sich nie einer unterworfen hatten.

Dieses ist vielleicht das schönste:

Empfänger unbekannt – Retour à l’expediteur

Vielen Dank für die Wolken.
Vielen Dank für das Wohltemperierte Klavier
und, warum nicht, für die warmen Winterstiefel.
Vielen Dank für mein sonderbares Gehirn
und für allerhand andre verborgne Organe,
für die Luft, und natürlich für den Bordeaux.
Herzlichen Dank dafür, daß mir das Feuerzeug nicht ausgeht,
und die Begierde, und das Bedauern, das inständige Bedauern.
Vielen Dank für die vier Jahreszeiten,
für die Zahl e und für das Koffein,
und natürlich für die Erdbeeren auf dem Teller,
gemalt von Chardin, sowie für den Schlaf,
für den Schlaf ganz besonders,
und, damit ich es nicht vergesse,
für den Anfang und das Ende
und die paar Minuten dazwischen
inständigen Dank,
meinetwegen für die Wühlmäuse draußen im Garten auch.


Einmal Bleistift und zurück

Ich zeichne gern in Museum – im Winter ist dafür die beste Zeit. Im Schweriner Schleswig-Holstein-Haus werden derzeit Plastiken des Bildhauers August Martin Hoffmann gezeigt. August Martin Hoffmann wirkte von den 60er bis in die 80er Jahre in Schwerin; jeder kennt seine Plastiken und keiner den Namen.

Ich genoß es sehr, gemeinsam mit zwei anderen Zeichner*innen in den schönen hellen und warmen Ausstellungsräumen zu sitzen, der Blick aus dem Fenster fiel auf verschneite Fachwerkhäuser … Die Lieblingsskulptur war schnell gefunden, ein Porträtkopf des Shakespeare-Übesetzers Rudolf Scheffler – noch einer, dessen Namen ich noch nie gehört hatte – und der museumsgerechte Bleistift vertrug sich überraschend gut mit dem Aquarellbuch von Hahnemühle – ich blieb dabei, glücklich friemelnd und strichelnd …

Einer der Räume war mit „Schaudepot“ benannt, dicht an dicht standen unkommentiert kleine und mittelgroße Plastiken auf knallroten Podesten – das gab einen eigentümlichen Kontrast. Die Zeit war schon fortgeschritten und es fiel mir gar nicht so leicht, wenigstens die grobe Raumstruktur mit Bleistift zu erfassen. Zu Hause griff ich zum großen weiche Bleistift – nein, hier würde frriemeln nicht helfen – und zum Schluss doch noch zu Pinsel und Farbe …


Rückblick – Kloster Lehnin

So, wie sich die Stadt Brandenburg „an der Havel“ in den offiziellen Ortsnamen schreiben ließ, um sich vom Land gleichen Namens zu unterscheiden, wählte das Örtchen Lehnin „Kloster“ als Namenszusatz – die Unterscheidung zielt auf einen Revolutionsführer. Der Ortsname wird, Nahewohnende wissen das, auf der zweiten Silbe betont. Wie Schwerin oder Genthin. Oder Berlin. Eigentlich kann man da gar nichts verwechseln.

Natürlich gibt es in Kloster Lehnin ein Kloster. Oder gab, je nach Blickwinkel, denn Mönche leben hier seit fünfhundert Jahren nicht mehr. Es war ein Zisterzienser-Kloster, das erste in der Mark Brandenburg, zu deren Entstehung und Konsolidierung es beitrug. Die Zisterzienser verstanden es, Glaubensstrenge und Askese eines Reform-Ordens mit Geschäftssinn und politischem Kalkül zu verbinden. Auf dieses Weise wurden sie zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor.

Bekannt waren sie für ihre Neugründungen in Sumpfgebieten. Gelegentlich kann man lesen, dies sei von dem Wunsch angetrieben gewesen, den Tod immer vor Augen zu haben, denn das Leben im Sumpf war ungesund. Ich tendiere eher zu der These, dass Sumpfregionen neben abgelegenen Berggegenden die einzigen waren, die im bereits weitgehend landwirtschaftlich erschlossenen Mitteleuropa die erwünschte Abgeschiedenheit boten. Wie dem auch sei – Lehnin zeigte ideale Bedingungen und ist auch heute noch von Seen und Feuchtgebieten umgeben.

Zwischen Sumpf und See war ich auf überraschend gut ausgebauten Radwegen von Brandenburg her angeradelt gekommen. Als der Nebel sich hob, lag wieder einmal – es würde noch ein paar Tage so bleiben – eine absurde Wärme über dem herbstlichen Land. Etwas erschöpft schlenderte ich über das weitläufige Gelände, verweilte in der Kirche und im Apfelgarten und blieb schließlich vor dem „Königshaus“ sitzen.

Das Königshaus, in der Bauzeit ein Hospital, erhielt seinen Namen, als König Friedrich Wilhelm IV. das Gebäude kaufte, um es vor dem Abriss zu bewahren. Die Klosteranlage war zu diesem Zeitpunkt, um die Mitte des 19. Jahrhunderts, in einem bedauernswerten Zustand – die Kirche halb zerfallen und die schönen mittelalterlichen Profanbauten mehr schlecht als recht landwirtschaftlich genutzt. Das änderte sich 1911 mit dem Einzug der Diakonissen, die den zisterziensischen Geist des „ora et labora“ neu belebten. Da war die Kirche schon wiederaufgebaut, eine vorbildliche Leistung des frühen deutschen Denkmalsschutzes.

Der Ostchor, den ich hier gezeichnet habe, hat noch originale Bausubstanz, auch wenn der romanische Raumeindruck durch Um- und Einbauten verwischt ist. Das traditionelle Lebensmodell der Diakonissen ist fast verschwunden, auch in Lehnin leben keine mehr. Es gibt ein Hospiz, eine Rehaklinik und ein Tagungszentrum; Einrichtungen, denen man wünscht, dass etwas vom Geist des „Dienstes“ in ihnen überleben möge.

Inzwischen sind vier Wochen vergangen, morgen ist der erste Advent und mein Rückblick endet. Von Lehnin aus war ich über Potsdam und Berlin-Spandau, in weiten Teilen dem Mauerradweg folgend, nach Oranienburg gefahren. In diesen Teil der Reise gehörten zahlreiche Begegnungen, mit Verwandten, mit alten Freunden und mit Erinnerungsorten … Die wenigen Zeichnungen, die doch noch entstanden waren, habe ich schon gezeigt.


Rückblick – Brandenburg an der Havel

In Jerichow bog ich nach Osten ab. Der Weg führte über Dörfer mit so hübschen Namen wie Altenklitsche und Zabakuck, vorbei an kleinen Versionen der Jerichower Kirche – die Bautrupps waren nach Fertigstellung anscheinend noch ein paar Jahre in der Gegend geblieben – , über wenig befahrene Landstraßen ins Land Brandenburg hinein. Die Strecke war länger als gedacht, nicht alle geplanten Wege befahrbar und als ich endlich in Milow an der Havel ankam, wurde es schon dunkel.

Von hier ab folgte ich am nächsten Tag dem Havelradweg. Der ließ, anders als der Elbeweg, außerhalb der Orte nur gelegentliche Blicke auf den immer noch in Altarmen sich schlängelnden und von breiten Schilfgürteln umgebenen Fluss zu. Zum Zeichnen war, wie so oft, die Zeit zu knapp bemessen, auch dort, wo es schön wurde, wo es über Fähren und Brücken ging, den Spuren Fontanes zu folgen gewesen wäre oder es alte Industriearchitektur zu bestaunen galt. Ich quälte mich durch den Freitagsnachmittagsverkehr in der Brandenburger Innenstadt, um endlich glücklich auf der Dominsel anzukommen.

Es waren Tage von herbstlicher Taglänge und sommerlicher Wärme. Ich hatte es gerade noch geschafft, vor Schließung des Doms einen Rundgang zu machen, auch die kostbaren Handschriften im Dommuseum zu bewundern, dann setzte ich mich zum Zeichnen vor ein Restaurant. Rasch begann es zu dämmern, das Gemäuer leuchtete im sinkenden Licht, doch als die Straßenlampen angingen, musste ich mit dem Zeichnen pausieren.

Heute habe ich das Bild nun fertig gestellt (es war schon recht weit gediehen, benötigte nur noch eine letzte Schicht Farbe) und mich an den Zauber dieses Moments erinnert, an die besondere Stimmung in dem umschlossenen Domhof, an die Ausstrahlung des vielfach umgebauten und erweiterten Doms, der immer ein politischer, kein spiritueller Ort gewesen war, ein Machtzentrum an der Schnittstelle zwischen Staat und Kirche. Am nächsten Morgen war noch Gelegenheit, den Dom einmal zu umrunden, einen Abschiedsblick hineinzuwerfen, dann stieg ich, schmerzlich viel Ungesehenes, Ungezeichnetes, Ungewürdigtes hinter mir lassend, aufs Rad Richtung Kloster Lehnin.


Rückblick – Jerichow

Diese alten Kirchen sind versteinerte Psalmen. In solcher Kirche kann die Predigt zur Not wegfallen, weil die Steine predigen.

Wilhelm von Kügelgen

In Jerichow, gegenüber von Tangermünde in Elbnähe gelegen, steht eine solche Kirche. Bis auf die gotisch zugespitzten Türme ist es ein klassisch romanischer Bau, der eindrucksvoll aus der flachen Elbniederung ragt. Ich kam am Nachmittag dort an, es war still, auf dem weitläufigen Gelände mit Klostergarten, Wirtschaftsgebäuden und Museum fanden sich nur wenige Besucher.

Als ich die Kirche betrat, erinnerte ich mich an den Satz von Kügelgen: Ich habe selten einen so harmonisch proportionierten, erhabenen Raum gesehen. Ich verweilte ein wenig dort, durchrundete die Anlage und kam wieder, um bis zum eindunkeln zu zeichnen.

Der Raum mit seinen romanischen Proportionen ist ausnahmsweise kein Resultat von Um- und Anbau, von Zerstörung und Wiederaufbau; kaum ein anderes romanisches Bauwerk hat nach seiner Errichtung so wenig spätere Veränderungen erfahren wie die Stiftskirche von Jerichow. (Stiftskirche ist der korrekte Ausdruck, denn die Anlage war kein Kloster, wenn es auch architektonisch nicht von einem solchen zu unterscheiden ist, seine Bewohner waren „Chorherren“, adlige Priester und keine Mönche.)

Was uns mit seiner zeitlosen Harmonie berührt, ist bautechnisch das Produkt einer Revolution: der erste Bau im Norden Deutschlands, der aus gebrannten Ziegeln errichtet wurde. Diese Technik war im Mittelmeerraum weithin gebräuchlich gewesen, doch in den Wirren der Völkerwanderungszeit vielfach in Vergessenheit geraten; oberitalienische Bauleute brachten sie hierher, von hier verbreitete sie sich in ganz Nordeuropa.

Am nächsten Morgen war ich schon vor der Öffnung an der Kirche. Es entstand eine schnelle Skizze, bevor ich hineinging, noch einmal den Raum in mich aufnahm, hier und dort noch ein paar Striche probierte und zum Schluss doch Fotos machte, bis ich mich endgültig trennen musste …


Rückblick – Tangermünde

Die Radreise entlang von Elbe und Havel liegt fast eine Woche zurück. Die Radtaschen waren ausgepackt worden, der Inhalt schnell im Rucksack verstaut, mit dem es auf eine zweite, weit kürzere Tour ging … Nun, wiederum auf der Heimreise im Zug, ist Gelegenheit, die Tradition der Rückblicke wieder aufzunehmen. (Wie machen das die Leute nur, die immer alles vor Ort fertig zeichnen?)

Mit Wilsnack, Havelberg und Werben war ich bereits drei Orten begegnet, die im Hoch- oder Spätmittelalter eine weit über ihre jetzige Bedeutung hinausgehende Rolle gespielt hatten, Tangermünde reiht sich hier ein. Der aus Böhmen stammende Kaiser Karl IV., der Prag zu einer modernen Residenz ausbauen ließ, hatte auch mit Tangermünde große Pläne (über die Elbe waren die beiden Städte unkompliziert miteinander verbunden), er machte sie zu seinem Zweitsitz und wollte von hier aus die nördlichen Provinzen des Reiches regieren.

Die Zeitläufte verhinderten, dass es dazu kam; zurück blieb eine wohlhabende Handelsstadt, die trotz eines großen Stadtbrandes im 17.Jahrhundert ihr schönes gewachsenes Stadtbild erhalten konnte.

Das Rathaus von Tangermünde zeugt, wie andere Rathäuser dieser Zeit, vom bürgerlichen Selbstbewusstsein der Epoche am Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit. Architektonisch gehört es noch ganz zur Gotik in einer späten, überreifen Form. Die Schaufassade ist ganz und gar aus in kunstvollen Formen gefertigten, z.T. farbig glasierten Maßwerkziegeln gemauert.


Quitten

Während noch die Reisebilder von Elbe und Havel im vorläufigen Status verharren, geht schon das Leben mit Ankommen, Auspacken und Aufräumen weiter … Am Abend vor einer zweiten, kürzeren Reise traf zu meiner Freude ein Paket voller duftender Quitten bei mir ein, die dem großen Garten einer Freundin entstammten. Ich konnte sie nicht mehr alle verarbeiten, aber zeichnen – zeichnen ging noch.

Zwei Seiten waren frei geblieben im Reiseleporello. Weil ich wieder zu Hause war, konnte ich bei den Materialien aus dem Vollen schöpfen, nach dem gelbesten Gelb in meinen Aquarellfarben suchen und noch mit den Farbstiften und weißer Kreide darüber gehen.


Samurai

Inzwischen bin ich in Berlin angekommen. Wie immer fiel es mir schwer, mich auf die Großstadt mit ihrem Gewimmel einzulassen, nach so langer Zeit unter freiem Himmel und mit vorwiegend mir selbst als Gesellschaft. Aus der unendliche Zahl an Möglichkeiten entschied ich mich für das Samurai–Museum, das erst kürzlich aus einer Privatsammlung entstanden ist.

Im Berliner Samurai-Museum

Ich war überwältigt von der schieren Zahl der doch so sehr fremdartigen Exponate und von ihrer großzügigen und eindrucksvollen Präsentation. Nachdem ich mich etwas eingesehen hatte, entschloss ich mich, die lebensgroß und sehr realistisch dargestellten Kriegerfiguren zu zeichnen, dazu noch eine Rüstung mit einem gigantischen Halbmond auf dem Helm.

Konnte man mit so einem Teil auf dem Kopf noch kämpfen? Oder war das ein Dekor-Helm für Turniere, wie es sie in Europa auch gab? (Auch bei gehörnten Tieren beendet die Natur irgendwann das Größenwachstum.)

Die Ausstellung, obschon reich kommentiert, ließ bei mir viele Fragen offen, nach den Bildern von Männlichkeit in verschiedenen Kulturen, nach Unterschieden und Ähnlichkeiten zu unseren europäischen Ritteridealen (und nach der Wirklichkeit dahinter) und natürlich immer wieder nach dem, wonach Brechts lesender Arbeiter schon fragte:

… Der junge Alexander eroberte Indien.
Er allein?
Cäsar schlug die Gallier.
Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?
Philipp von Spanien weinte, als seine Flotte
Untergegangen war. Weinte sonst niemand?
Friedrich der Zweite siegte im Siebenjährigen Krieg. Wer
Siegte außer ihm?

Jede Seite ein Sieg.
Wer kochte den Siegesschmaus?
Alle zehn Jahre ein großer Mann.
Wer bezahlte die Spesen? …

Bertolt Brecht „Fragen eines lesenden Arbeiters“