Storchenwiese

In Greifswald war ich auf Familienbesuch, also bekamen Dom und Marienkirche nur ein paar kurze Blicke. Stattdessen zeichnete ich im Tierpark – erst mit schnellen Strichen Alpakas und Erdmännchen und schließlich mit wachsendem Vergnügen die Störche auf der Storchenwiese. Dort brüten flugunfähige Vögel in bodennahen Nestern – eine einmalige Gelegenheit zur Beobachtung der Tiere.

Storchenfamilie auf der Greifswalder Storchenwiese.


Nördliches Arkadien

Aufgewachsen bin ich in Potsdam, so wundert es nicht, dass Sanssouci in Sachen Park für mich das Maß aller Dinge geblieben ist. Mit einer Ausnahme: Den Schweriner Gartenanlagen in Schlossnähe, und ganz besonders der Schlossrückseite unter den Türmchen und Kuppeln, mit Rosenterassen, Pavillons und und dem Kolonnadenhof der Orangerie. Hier kann der Blick über den See schweifen, als sei er ein südliches Meer.

Gestern war mal wieder Gelegenheit, dort zu zeichnen, gemeinsam im kleinen – und zeitgemäß ordentlich auseinander gezogenen – Kreis der Schweriner Urban Sketchers. Bei mir waren zuerst mal wieder die goldenen Kuppeln dran, der rückseitige Blick auf den neugotischen Schlosskirchenanbau.

Historismus und Stilbrüche – die Schweriner Schlosskirche von der Seeseite.

Die zweite Runde verbrachte ich in der unteren Etage, im Orangeriehof mit seinen gußeisernen Säulchen und Gittern. Den vielen unterschiedlichen Strukturen versuchte ich mit einer Extraportion Lockerheit beizukommen. Die Farbe kam hier, wie bei dem obigen Bild auch, zu Hause.

Im Innenhof der Orangerie des Schweriner Schlosses. Der Hof öffnet sich mit einem Kollonadenbogen zum See hin.

Über Land II

Letzten Freitag folgte die nächste Landpartie: von Schwerin Richtung Nordwesten bis zur Lübecker Bucht. Meine erste Station war die Kirche von Mühlen Eichsen, die von einem steilen Hügel herab auf eine viel befahrene Kreuzung blickt. Seit vielen Jahren war ich immer mal wieder daran vorbei gefahren.

Der Hügel ist so steil, dass man beim Zeichnen entweder mit dem Hocker hintenüber fällt oder eine extreme Untersicht wählen muss – ich entschied mich für Letzteres. Gerade als ich mit der ersten Schicht Farbe fertig war – die zweite folgte zu Hause – kam ein alter Herr mit dem Kirchenschlüssel und einem Schild „Offene Kirche“, das aussah, als wäre es so alt wie er selbst. Bevor er aufschloss, erzählte er mir noch ausführlich die Geschichte seines kaputten Staubsaugers, wegen dessen Reparatur er jetzt in die Stadt fahren müsse und daher keine Zeit hätte …

Kirche von Mühle Eichsen bei Schwerin. Gezeichnet vor Ort, gekleckst zu Hause.

Über Grevesmühlen und am noch geschlossenen Kloster Rehna vorbei fuhr ich weiter Richtung Klütz. Das Landstädtchen hat als „Jerichow“ in Uwe Johnsons „Jahrestagen“ Weltruhm erlangt. Da das Literaturhaus leider auch noch im Quarantäneschlaf lag, bot sich wiederum die Kirche an – leider ohne „Offen“-Schild, dafür mit diversen Lärmquellen in der Umgebung. Etwas gereizt tobte ich mich in wilden Tintenschraffuren aus, zu denen die beiden Kaffeflecken vom nächsten Tag hervorragend passten. Bei der Kolorierung bin ich in dem Farbspektrum geblieben.

Bei Gut Brook, schon kurz vor Travemünde, erreichte ich die Ostsee. Das naturbelassene Steilufer im ehemaligen Grenzgebiet ist mein Lieblingsstrand in dieser Gegend. Hier saß ich eine ganze Weile einfach so da, bis ich vor der Heimfahrt doch noch zu Stift und Farbe griff.

Steilufer an der Lübecker Bucht bei Gut Brook.

Über Land

Eigentlich hatte ich, wie viele um diese Zeit, woanders sein wollen, pilgernd in Süddeutschland, den Bodensee umrundend … Es kam, wie wir wissen, anders. Ein paar freie Tage habe ich trotzdem genommen und bin über Land gefahren, von einer Backsteinkirche zur nächsten und natürlich auch an den Strand.

Vorher allerdings habe ich, endlich endlich, alle meine Füller gereinigt. Bevor ich aufbrach, hatte ich noch ein paar Probeläufe an einem Tulpenstrauß absolviert. Hier ein Versuch in breit. (Der Lamy Joy, mit dem ich das gezeichnet habe, hielt dann leider doch nicht durch.)

Dann ging es los, erst einmal ein Nachmittag über Haupt- und Nebenstraßen, über holprige Feldwege und an verschlafenen Dörfern vorbei nach Sternberg. Das liegt mit seiner wuchtigen Kirche malerisch auf einem Hügel und hatte mich schon früher mal zum Zeichnen gelockt. Die Kirche war wie immer verschlossen und die Nachmittagsstille so tief, wie ich sie in Erinnerung hatte.

Schwungvoll mit dem Füller gezeichnet, endlich läuft er wieder. Noodlers Lexington Grey mit etwas Wasserfarbe in einem Hahnemühle Watercolour Book.


Sonnenaufgang II

Wenn der Ostwind zu scharf über den See weht, kann man natürlich auch in die andere Richtung zeichnen. Zumal, wenn da etwas so hinreißendes steht wie das Schweriner Schloss. Zwar gab es auch hier nur einen Stehplatz, aber immerhin einen mit einer Steinbalustrade in richtiger Zeichenhöhe.

Die Sonne glitzert und gleißt auf den Türmen und Türmchen mit ihren üppigen Vergoldungen – dazu See und Wasservögel und immer blauer werdender Himmel … Kalt ist es trotzdem, vor Ort zeichne ich nur die Dachlinie, den Rest zu Hause im Warmen.

Das Schweriner Schloss im Morgenlicht. Stillman&Birn Nova Trio mit verschiedenen Stiften.

Stilistisch habe ich mich wieder einmal an den Workshop von Pat Southern-Pearce erinnert: Dachlinie, Himmel, Negativraum und ein paar extra Kästchen für Bemerkungen und zeichnerische Notizen.


Sonnenaufgang

Ich liebe den frühen Morgen. Wenn es still ist und frisch, drehe ich gern eine Runde um Pfaffenteich oder Ziegelsee; an Wochenende auch bis zum Schloss und darüber hinaus am Schweriner See entlang. Wenn ich den Aufbruch nicht zu sehr hinauszögere, schaffe ich es bis zum Sonnenaufgang. Werktags bleibt meist nur Zeit für ein Foto, am Wochenende kann ich ein Bild einplanen.

Das liest sich zwar ziemlich romantisch (und sieht, wenn gelungen, auch so aus), hat allerdings einige Tücken. Bei der kontinentalen Wetterlage, wie wir sie dieser Tage haben, weht der Wind gern mit knapp über null Grad aus Sonnenaufgangsrichtung über den jeweiligen See. Aquarellfarbe trocknet selbst dann nicht, wenn man das heiße Wasser aus der Thermoskanne nimmt. Sollte man vorhaben, sich warmzulaufen, (was sich empfiehlt) kann man keinen Hocker mitnehmen, muss also an Sitzplätzen nehmen, was so da ist. Und die stehen selten am schönsten Blick. Oder sind trotz Isomatte kalt. Oder oder.

Dennoch ist in den letzten Wochen ein bisschen was zusammengekommen.

Ostermorgen am Schweriner See. Wasserfarbe auf getöntem Aquarellpapier (The Langton)
Sonnenaufgang über dem Pfaffenteich. Stifte und Kreiden auf grauem PaintOn-Papier von Clairefontaine.

Neunkräutersuppe

Wann ich das Rezept zum ersten Mal ausprobierte, weiß ich nicht mehr, nur dass ich es in einem alten Kochbuch fand, in einer Zeit, als die Bücher noch geholfen haben: Man nehme einmal fast alles, was man um diese Zeit auf der Wiese und im Garten findet, und koche daraus eine Suppe. Später, als ich mich intensiver mit Heilkräutern beschäftigte, erfuhr ich, dass es auch einen Neun-Kräuter-Segen gibt, ein sprachmächtiges Stück altenglischer Poesie. Vermutlich kochte man auch im frühen Mittelalter schon ähnliche grüne Suppen, zumal die Supermärkte des ewigen Sommers noch lange auf sich warten ließen.

In meinem alten Kochbuch sind die neun Kräuter: Portulak, Schafgarbe, Kerbel, Petersilie, Gundermann, Löwenzahn, Sauerampfer, Nesseln und Breitwegerich. Die hackt man fein, dünstet sie in Butter an, gibt Mehl und Wasser oder Brühe dazu und rührt zum Schluss Sahne und Eigelb daran; wer mag, nimmt noch geröstete Semmelwürfel dazu.

Dieses Jahr hatte ich die Idee, das Suppenprojekt zeichnerisch zu begleiten. Erst einmal hieß es, sich einen Überblick zu verschaffen: Was gibt der Garten her? Das war eine erfreuliche Menge. (Ich bewohne eine Altbauwohnung mit einem schönen großen, halb verwilderten Gemeinschaftsgarten in feuchter Lage.) Schafgarbe, Breitwegerich und Sauerampfer hatten anderswo zu tun, dafür gab es reichlich Bärlauch (der einst als liebevolles Päckchen frisch ausgegrabener Zwiebeln aus dem Odenwald bei mir ankam und nun unter den Rosen wuchert), Kresse, Giersch und ein paar Küchenkräuter für das Aroma. Nur der Dill stammt aus dem Gewächshaus von Freunden.