Von Bergen und Bären

Vor etwas über einer Woche fuhren vom Meer in die Berge. Wir hatten eine individuelle Wanderreise gebucht – Hotels, Mahlzeiten und Transfers standen fest, gutes Kartenmaterial (was heutzutage natürlich GPS-Tracks einschließt) hatten wir auch.

Unser Ziel war die Region Aizu, eine historische Region in den Bergen Nordjapans. Anders als wir es uns vielleicht vorgestellt hatten, wanderten wir nicht von Ort zu Ort, sondern fuhren in einer manchmal komplexen Transportlogistik von einem interessanten Wanderweg zum nächsten. Wir übernachteten in Ryokans, traditionellen japanischen Unterkünften, oder an dieses Konzept angelehnten Hotels. Es gibt immer ein heißes Bad, das wir ausgiebig genutzt haben, um anschließend im Hauskimono den Blick in die Landschaft zu genießen.

Aquarellskizze mit Blick auf den Berg Bandai

So entstand auch dieses Bild, eine Skizze der Herbstfärbung in den Bergen. Der Berg mit dem Doppelgipfel ist ein Vulkan, der im 19.Jahrhundert zuletzt ausgebrochen ist und dabei die Landschaft so geformt hat, wie man sie jetzt vorfindet.

Und was hat es mit den Bären auf sich? Man mag es vielleicht nicht glauben, aber Japan hat ein handfestes Bärenproblem. Etwa zwei Drittel der Landfläche sind zum Teil dichte Wälder an steilen Hängen; es hat hier schon immer Bären gegeben, doch in den letzten Jahren haben sie sich stark vermehrt. Auf der Hauptinsel Honshu handelt es sich um Schwarzbären, die Menschen eigentlich meiden und sie mit ihren feinen Ohren von weitem hören. Daher setzt man auf das Prinzip Lärm, gewandert wird mit einer laut bimmelnden „Bärenglocke“ am Rucksack.

Als wir am dritten Tag morgens losliefen, hatte es die Nacht über geregnet, die Wege waren schlammig, doch kamen wir auf einer Forststraße gut voran. Ebenso gut konnten wir den gestochen scharfen frischen Abdruck einer Bärentatze mitten auf dem Weg sehen! Der Anblick des zugehörigen Bären blieb uns zum Glück erspart, doch waren wir sehr froh, als wir den Rand der Stadt Aizu Wakamatsu erreicht hatten.

Es wurde ein sehr schöner Nachmittag auf einem Berg mit einem bekannten Tempel, der eng mit der japanischen Geschichte und der Samurai-Tradition verbunden ist. Schulklassen kamen lärmend vorbei, jeder zweite Junge hatte ein hölzernes Samuraischwert aus dem Andenkenladen im Rucksack; ansonsten war es still und der Duft von Räucherstäbchen zog über das Gelände. Ich zeichnete einen kleinen Schrein inmitten von Steinstelen, die von den Heldentaten vergangener Jahrhunderte erzählten.

Eine kleine Anmerkung: wir haben in der Woche im Gebirge praktisch keine westlichen Touristen getroffen. Bereits am Meer sahen wir sehr wenige, doch in den Berghotels und Ryokans waren wir weitgehend die einzigen nichtjapanischen Gäste.


Parks und Schreine …

… so stellen wir uns Japan vor. Dass zwei Bilder davon hier als Nächstes kommen, hat vor allem damit zu tun, dass dies Orte sind, die zum Betrachten und Verweilen geschaffen wurden – dort werden Bilder eher fertig als auf belebten Dachterrassen und im Fischrestaurant.

Tokio, das muss hier einmal deutlich gesagt werden, ist über weite Strecken eine Betonwüste. (Überhaupt hat Japan ein spezielles , nun ja, liebevolles Verhältnis zu Beton in jeglicher Form.) Ein Park kann da, zumindest für die müßiggehende Touristin, ein paar Stunden lang Abhilfe schaffen. Der Kyusumi-Park ist eine etwa 150 Jahre alte Anlage im traditionell japanischen Stil: Teich, Teehaus, Trittsteine … Über dem Wasser schwebt malerisch ein Silberreiher, während ein Kormoran seine Flügel trocknet.

Am Tag nach dem Parkbesuch verließen wir Tokio Richtung Norden, unsere nächste Station war die Stadt Shiogama. Hier gibt es neben dem Fischereihafen (für den sie besonders bekannt ist) auch einen sehr schönen und bedeutenden Shinto-Schrein. Zu beobachten waren mehrere Familien in festlicher Kleidung, z.T. im Kimono, die mit Kindern unterschiedlichen Alters zu verschiedenen Ritualen dort waren – ein schöner Anblick.


Fünf Tage in Tokio

Vor fünf Tagen, Mittwoch am späten Abend, sind wir nach insgesamt ziemlich genau einem Tag unterwegs reichlich zerknittert in Tokio angekommen. An Schlafen war kaum zu denken gewesen, meine Begleiterin fiel gleich ins Bett. Ich wankte noch zum nächsten Kombini und stellte fest, dass das Gerücht stimmte: die Fertiggerichte, die ich dort aus dem Kühlregal holte, schmeckten sämtlich wir frisch gekocht und hatten mit dem, was man zu Hause um Mitternacht an solchen Orten bekommt, wenig zu tun.

Tokio, das sollten wir in den nächsten Tagen feststellen, ist ein Kontinent. Ein Kontinent, an dessen östlichen Rand wir uns in einem kleinen Aparthotel eingemietet hatten, im Bezirk Aoto, drei Kilometer vom Fluss Edo entfernt, der die offizielle Stadt- oder genauer Präfekturgrenze markiert.

Aoto ist ein kleinteiliger Stadtteil, kaum gentrifiziert, mit kleinen bis winzigen Häuschen sehr verschiedenen Alters, die von Bonsai-artigen Bäumchen gesäumt werden – mehr gibt die verdichtete Stadt nicht her. In einem ebenso winzigen Restaurant aßen wir wir an zwei von acht Plätzen Nudelsuppe und reiben uns die Augen: wir waren anscheinend nicht nur ein paar Tausend Kilometer um die Erde, sondern auch dreißig Jahre in der Zeit rückwärts gereist.

Am nächsten Tag blieben wir in der Gegend und machten eine kleine Stadtwanderung zu einem Tempel und einer alten Ladenstraße, die beide die Feuerstürme von Erdbeben und Bombardierung wie durch ein Wunder überstanden hatten. Mittlerweile haben die Läden etwas von einem Freilichtmuseum, in dem allerdings echte (meist sehr alte) Menschen ihre traditionellen Produkte – eingelegte Gemüse, getrocknete und sonstige konservierte Fische und auch einige nicht essbare Souvenirs – anbieten. (Im Japan der kleinen Wohnungen sind Souvenirs sehr häufig essbar.)

Am Ende der Straße befindet sich ein Tempel mit wertvollen Schnitzereien und einem wunderbaren Garten. Ein überdachter Umgang (den man auf Socken absolviert) führten herum, es gab Bänke darin mit schönen Blicken; den auf eine Steinpagode habe ich gezeichnet.

Und dann ist da natürlich noch das Essen. Japanische Küche ist so viel mehr als Sushi und Ramen; beim Einkauf im Supermarkt war die Übersetzungs-App immer mit dabei. Besonders hatten es mir die verschiedensten traditionell konservierten Dinge angetan. Eingelegtes Gemüse heißt Tsukemono und ist in einer riesigen Vielfalt erhältlich; es gibt in Sojasauce und Zucker gekochte Algen und getrocknete gesüßte Sardinen ebenso wie geschnittene Schweineohren (die ich, ich gebe es zu, nicht noch einmal kaufen werde.)


Aus der Zeit gefallen

Die Mauer fällt, die Schrift bleibt an der Wand.

Heinz Rudolf Kunze, Deutschland (Verlassen von allen guten Geistern), Version ’90

Als ich in Bremen angekommen war, vor anderthalb Wochen, hatte ich schon einige Tage keinen Zeichenstift mehr in der Hand gehabt. Ich brauchte einen kleinen Ruck und ein einfaches Motiv, um über die Schwelle zu steigen, die sich bereits ganz still und leise vor mir aufgebaut hatte. Zuerst kam die Skizze einer Raucherin im Außenbereich des Cafés, dann sah ich die Schrift.

Ein Schriftzug, viel eleganter als meine etwas ungelenke Abzeichnung vermuten lässt, darunter viermal Herrenmode, „casual“ gehoben, hanseatisch lässig. Ein Traditionsgeschäft mit einer Anmutung von Wirtschaftswunder.

Während ich zeichnete, erinnerte ich mich an die lange zurückliegende Lektüre von Bölls „Brot der frühen Jahre“ – ein junger Mann bewegt sich durch das Köln der 50er Jahre und sieht hinter den glatten Gesichtern und den polierten Fassaden den Hunger, die Gier und die Hartherzigkeit der frühen Nachkriegsjahre.

Fertig mit der Zeichnung, lief ich Richtung Markt, ließ mich in der Liebfrauenkirche nieder (das Bild habe ich schon gezeigt), übersah die Stadtmusikanten in ihrer Ecke und stand auf dem Markt.

Was ich hier an einer Hauswand las, hätte mir die Sprache verschlagen, wäre ich nicht schweigend allein unterwegs gewesen:

Gedenke der Brüder, die das Schicksal unserer Trennung tragen.

Ein Satz, angebracht in den frühen 50er Jahren, bezogen auf die deutsche Teilung. In dieser Zeit war die Grenze noch halbdurchlässig, konnte in beide Richtungen gequert werden, die Berliner Mauer lag in ferner Zukunft. Betrachtet man die Schrift aus der Nähe, fällt ihr fast provisorischer Charakter auf; die Buchstaben sind auf einem Metallgitter befestigt, das von der Wand zu nehmen kaum mehr als einen Tag in Anspruch nehmen dürfte.

Niemand hat das bisher getan.

Es war ein eher linker SPD-Bürgermeister, der den Satz anbringen ließ, kein Kalter Krieger; der Schmerz über die deutsche Teilung hielt sich nicht an politische Lager. (Es gab ihn auch in meiner Herkunftsfamilie, die vom Mauerbau in nie wieder zusammenführbare Teile zerspalten worden war.)

Gezeichnet habe ich Haus und Schrift an meinem Abfahrtstag, vor Ort als unfertige lineare Zeichnung, die Farbe kam Tage später. Während ich mit dem Bild beschäftigt war, zogen verschiedene Gedankenbahnen durch meinen Kopf, von den fehlenden Schwestern zu den Brüdern bis zur der Frage, warum sie an der Wand geblieben war, die Schrift.

Eine Antwort habe ich bisher nicht gefunden.


In der Stille

Nach dem beflügelnden Freitag begann der Samstag in Bremen etwas mühsam. Ich hatte das Stichwort „Backsteinexpressionismus“ gelesen und mich für ein gemeinsames Zeichnen in der Böttcherstraße angemeldet, ohne noch genau zu wissen, was mich erwarten würde. Diese „Straße“ – „Gasse“ würde besser passen – ist ein Gesamtkunstwerk aus Backstein, vor etwa hundert Jahren erbaut und aus verschiedenen Gründen nicht unumstritten. Leider gehört diese enge Gasse zu Bremens Hauptattraktionen, die Menschen schoben sich hindurch, es war laut, voll und zudem noch regnerisch und kühl.

Auch im Dom war oberirdisch noch ziemlich viel Betrieb (Sonnabend Mittag), doch dann folgte ich dem Schild „STILLE“ zur Krypta hinunter und fand mich in einer anderen Welt wieder.

In dem gedämpften Licht zeichnete ich mit Bleistift zwei der Säulen mit den typischen romanischen Würfelkapitellen, dann wagte ich mich wieder nach oben. Im Gehen konnte ich noch einen Blick auf das Werk eines befreundeten Zeichners werfen, der ebenfalls hier unten gesessen hatte und den Raum in einer für ihn typischen Fast-Monochromie aufs Papier gebracht hatte.

Oben fand ich die Schweriner Freunde wieder, lange saßen wir im „Bibelgarten“ des Doms und ich lasierte die Bleistiftzeichnung mit wenigen stumpfen Erdtönen. Als die getrocknet waren, griff ich zu verschiedenen Graphitstiften, klassischem „Blei“Stift ebenso wie ölbasierten; heute, zu Hause, wiederholte ich die Prozedur noch einmal mit weißer Graphitkreide. (Der dunkel granulierende Ton im Hintergrund ist kein Graphit, sondern Hämatitschwarz.)

Am Ende hatte ich, was selten gelingt, meine Intention wenigstens in Teilen umsetzen können, etwas von der schwebenden, gedämpften Stimmung dieses wunderbar harmonischen Raums bewahren zu können.


Urban Sketching

Vor fast zwanzig Jahren, 2007, hatte der in Seattle lebende spanische Graphiker Gabriel Campanario eine Idee. Campanario war bei der „Seattle Times“ als „Visual Journalist“ angestellt, als zeichnender Journalist, und er lud Gleichgesinnte ein, gezeichnete Reportagen ihrer Lebenswelten auf einer gemeinsamen Plattform zu veröffentlichen. 

Die Grundidee des Urban Sketching war geboren. 

Bald öffnete sich der handverlesene Kreis geladener Gäste, Tausende Menschen nahmen den Gedanken auf, schlossen sich zu lockeren Gruppen zusammen und veröffentlichten ihre Werke im sich explosionsartig vergrößernden interaktiven Internet.

Neben der Authentizität ist das gemeinsame Zeichnen zu einem Markenkern der Bewegung geworden. Es gibt kleine informelle Veranstaltungen ebenso wie regelmäßige große Treffen, auf Landesebene und sogar weltweit, dabei ist das Ganze eine vorwiegend von Ehrenamtlichen getragene Graswurzelbewegung geblieben.

In diesem Jahr war Bremen die Gastgeberstadt des alljährlichen Deutschlandtreffens. Ich war einen Tag vor der offiziellen Eröffnung angereist und ließ mich durch die Stadt treiben, in der schon hier und da die ersten Zeichnenden auf ihren Hockern zu sehen waren. Ich fror ein bisschen und blieb erst einmal drinnen in der Liebfrauenkirche vor einem der modernen Glasfenster.

Später nahm der Tag Fahrt auf, die Schweriner Freunde trudelten ein und nach der beseligenden Auftaktveranstaltung fanden wir uns auf dem Marktplatz wieder. Hier blieb mir einfach nichts anderes übrig, als den Bremer Klassiker ins Buch zu bringen – Dialog von Mittelalter und Moderne, Kirche und Welt, Dom und Bürgerschaft.

Ausnahmsweise breitete ich das Bild über zwei Buchseiten aus, wobei die Ringbuchspirale die beiden unterschiedlichen Welten sowohl trennt als auch verbindet. (Kurze Erklärung: die Bremer Bürgerschaft ist der „Landtag“ des Stadtstaates, das Gebäude in der Formensprache der Moderne behagte in den 60er Jahren nicht jedem.)


Im Wald und auf der Heide …

… war ich am vergangenen Sonntag auf der Suche nach Pilzen unterwegs gewesen. (Weniger eingängig müsste es heißen: Erst auf der Heide und dann im Wald.) Die (Lübtheener) Heide kam hier schon einmal vor, in den letzten Jahren fand ich dort Unmengen an Grünlingen, massenweise riesige alte Steinpilze und auch ein paar Raritäten. Da war es Ende Oktober, Anfang November gewesen. Letztes Wochenende hatten wir Anfang September, und ich fand – nichts. Zwei Perlpilze einer Varietät, der ich nicht bis in die Pfanne traute, ansonsten nicht mal Kartoffelboviste, die sonst überall wachsen.

Im übrigen war es ein wunderbarer Tag, sonnig, aber nicht zu sehr, ein leichter frischer Wind wehte über die noch blühende Heidefläche, es war friedlich, still und ein bisschen unwirklich.

Nachdem ich meine Runde gedreht hatte, verstaute ich den Pilzkorb im Auto und fuhr in ein zwanzig Kilometer entferntes ausgedehntes Waldgebiet mit anderem Kleinklima. Ich brauchte nicht lange zu suchen, bis sich ein bisschen was für die Pfanne fand, einige Riesenschirmlinge und ein einsamer makelloser Steinpilz.

Mindestens eben so große Freude bereiteten mir die beiden Halskrausen-Erdsterne, Geastrum michelianum, seltsame Gebilde, die an außerirdisches denken lassen. Die beiden hatten einen Durchmesser von sieben bis zehn Zentimetern. Sie sind vergleichsweise selten und ungenießbar, die nächsten werde ich im Wald lassen.

Weitere merkwürdige Gesellen waren diese Dickblättrigen Schwärz-Täublinge, Russula nigricans. Über Täublinge habe ich hier schon des öfteren berichtet, diese kannte ich noch nicht. Sie sehen aus wie normale (kurzstielige) Täublinge, sind jung essbar und werden mit dem Alter immer härter und schwärzer – ich konnte das an meinen Exemplaren beobachten, die nach einigen Tagen an ein Stück altes Holz erinnerten, dabei komplett ihre Form gewahrt hatten.

Zum Schluss fand ich noch zwei Kupferrote Gelbfüße, wunderschöne dunkelbunte Stücke, doch im Innern mehr Maden als Pilz; auf eine Zeichnung habe ich verzichtet.

Dieser Ausflug ist nun eine Woche her. Beim heutigen Morgenweg an einem der Schweriner Seeufer wimmelte es von jugendlichen Fruchtkörpern der verschiedensten Pilzarten – in den nächsten Tagen werden sich Ausflüge mit Korb und Messerchen vermutlich zunehmend lohnen.


Bleistift, beziehungsweise

Je älter ich werde, desto dichter webt sich ein Netz an Assoziationen, Bezügen, Verweisen und Beziehungen um mich, mein Leben und meine, nun ja, Kunst. Nichts ist mehr zum ersten Mal da, nichts kommt allein.

Schon gar nicht etwas, das mit Tee zu tun hat, mit Kannen, Tassen, Gefäßen; diese Dinge habe ich schon oft gezeichnet. Traditionell japanisches Teegeschirr war nie dabei. Ich besitze auch keines, es sei denn, man zählt die in Mecklenburg getöpferten Stücke in japanischer Optik mit, eine Teeschale mit kleinem Fuß und ein Keramikgefäß für den losen Tee.

Beide bekam ich von der Töpferin selbst geschenkt, vor vielen Jahren. Sie standen in meiner Praxis und später, als ich die weitergegeben hatte, in meinem Büro. Jetzt sind sie bei mir zu Hause eingezogen, haben natürlich einen sorgfältig gewählten Platz bekommen, an dem ich sie jeden Tag betrachten kann.

Salzglasur-Teeschale aus der Töpferei Stenglin, gezeichnet mit Bleistift.

Ich bekam Lust, sie zu zeichnen, mit Bleistift, so schlicht und niederschwellig wie möglich. Ich erinnerte mich an die fast schon abstrakten Tuschezeichnungen, die der Schriftsteller Christoph Peters von Stücken aus seiner Sammlung antiker japanischer Teeschalen angefertigt hat, und von dort war es nicht mehr weit zu den in Norddeutschland gefertigten „japanischen“ Keramiken des Jan Kollwitz, 1960er Jahrgang wie ich und Urenkel von Käthe Kollwitz.

Warum aber passt dieses Teeschale zum Herbst? Die enge Anbindung der traditionellen japanischen Kultur an die Jahreszeiten hat mich immer schon fasziniert. Sommer-Teeschalen sind, so habe ich gelernt, flacher; solche für den Winter vielleicht noch höher. Diese bewegt sich in der Mitte und hat mit zarten erdfarbenen Nuancen auf Grau eine herbstliche Anmutung. Und weil ich versuche, mich der japanischen Sprache zu nähern, habe ich mir diese Unterschrift, nein, nicht selbst ausgedacht, sondern von einem Übersetzungsprogramm vorschlagen lassen. So viel Moderne muss erlaubt sein.


Die wiedergefundenen Macarons

Im Sommer 2018 machte ich, als Abschluss einer Wanderung in Süddeutschland, einen Abstecher nach Straßburg. Ich brachte drei Tage in der Stadt zu, bewunderte selbstverständlich den Dom, lief durch die Stadt, zeichnete, saß in Cafés — und entdeckte den Kontinent der Macarons für mich.

Ich knabberte mich durch die verschiedenen Sorten und ließ mir in der edelsten Konditorei mehrere hübsch verpackte Sortimente zusammenstellen, zum Verschenken und für mich selbst. An denen erfreute ich mich genau einen Tag lang, bis ich sie beim Umsteigen auf dem Bahnhof in Karlsruhe stehen ließ.

Macarons, Gouache, 17x17cm

Letztes Wochenende brachten mir Freunde von einer Reise ins Elsass eine reichlich gefüllte Blechschachtel voller Macarons mit, und es schien mir, als hätte ich die verlorenen endlich wiedergefunden. Die Pastelltöne des zarten Gebäcks verlangten nach dem passenden Medium, das ich in den etwas kreidigen Gouache-Farben fand.


Dreifach im Quadrat

Acht Monate hatte das Reisetagebuch in meinem letzten Beitrag gewartet, bis es endlich abgeschlossen war – ein Lieblingsbuch, Dokument einer besonders schönen Reise und mir ans Herz gewachsen als Collage aus Fineliner-Zeichnungen, Aquarellen auf vorgrundiertem Papier und allerlei Fundstücken. So kam ich darauf, mich einem nächsten Lieblingsstück zu widmen, dem Stillman&Birn Nova Trio Square, das ich seit 2020 in Benutzung habe.

Habent sua fata libelli, die Bücher haben ihre Schicksale, das gilt auch für Skizzenbücher. Sie sind für das Schicksal-Haben gemacht. Wie kommt ein Skizzenbuch mit einem Namen wie das abgefahrenste Getränk einer amerikanischen Kaffeekette in meinen Haushalt?

Die moderene Skizzenbuchkultur ist ein Kind des Internetzeitalters, eine Form des Tagebuchs, das sich privat gibt und dabei die mitlesende, mitschauende Öffentlichkeit beim Schreiben und Malen immer schon einbezieht. Für mich war diese Art des nun möglichen Selbstausdrucks ein himmlisches Geschenk, immer schon hatte ich gern geschrieben, in jedem Urlaub ein Reisetagebuch mit Zeichnungen geführt. Im Sommer 2013 gelang es mir erstmals, das Reisebuch in den Alltag zu holen.

Damit stellte sich bald die Frage, was für ein Buch, rein materiell, es denn sein sollte. (Natürlich stellte sie sich auch inhaltlich; diese Geschichte wird an anderer Stelle erzählt werden.) Für botanische Studien (die am Anfang einen breiten Raum einnahmen) verwendete ich ein gerade auf Reisen angefangenes Buch des deutschen Herstellers Vang weiter; wunderbares cremeweißes, aquarellgeignetes Papier mit einer Anmutung von Pergament – leider wird es schon lange nicht mehr angeboten. Für unterwegs suchte ich eine Weile und fand dann den amerikanischen Hersteller Stillman&Birn. S&B bietet eine schier unüberschaubare Kombination aus sieben Papierqualitäten in fünf Farben und den verschiedensten Formaten. (Der deutsche Hersteller Hahnemühle zog mit noch besser aquarellgeeigneten Büchern bald darauf nach und ich benutze mittlerweile beide Marken.)

Buntstift und verschiedene weiße Kreiden auf einer schwarzen Seite.

Das quadratische „Nova Trio“ erhielt ich 2019 beim Urban-Sketching-Festival in Amsterdam anlässlich eines Seminars der britischen Künstlerin Pat Southern-Pearce als Geschenk. (Wer bei einem solchen Festival an einem Seminar teilnimmt, wird von den Firmen als Influencer eingestuft und reich beschenkt.) Da ich bereits ein eigenes Buch vorbereitet hatte (auch in dem gibt es noch leere Seiten!) sparte ich das geschenkte noch ein bisschen auf; ich begann damit Anfang 2020, im ersten Corona-Frühling. „Nova“ steht für getönte Papiere in drei Farben: schwarz, grau und beige, und im „Trio“ finden sich alle drei vereint. Das Buch ist mit 19×19 cm für unterwegs ziemlich unhandlich, außerdem passt es aufgeklappt nicht auf den A4-Scanner – beides Gründe dafür, dass es noch ungenutzte Seiten gab.

Eine Rose für Ingeborg Bachmann – die letzte graue Seite.

Während ich mit dem schwarzen Papier so fremdele, dass immer noch leere Blätter übrig sind, mag ich die grauen Seiten sehr – fast wunderte ich mich ein bisschen, dass noch eine frei geblieben war. Ende Juni hätte Ingeborg Bachmann ihren 100.Geburtstag gehabt; ich erinnerte mich an die Liebe, die mich mit ihren Gedichten verbindet, an die ersten Begegnungen mit ihren Prosatexten, an das Erschrecken, als ich, nach und nach, von ihrer Biografie erfuhr. Ich blätterte in den Büchern, die teils zer-, teils ungelesen in meinem Regal stehen, suchte nach einer geeigneten Fotovorlage für eine Porträtzeichnung – und zeichnete am Ende eine Rose aus meinem Garten.

Radieschen in Gouache.

Mit den Radieschen auf Beige hingegen tat ich mich leicht – abgesehen davon, dass ich zur Zeit gerade einen Haufen „Kram“ zu erledigen habe und abends oft müder bin als erhofft. Der Beigeton – die dritte Farbe – erinnerte mich an die fast zerfallenen Seiten eines alten Haushaltslexikons, das ich als Collage mit einbaute. Auch dieses ist die letzte Seite im Buch, das nun wieder zugeklappt im Schrank auf die nächste Chance für Schwarz wartet.