Intermezzo: Stendal

Auf dem Weg nach Tangermünde hatte ich ein paar Stunden in Stendal eingeplant. Es war Montag (also schon wieder ein paar Tage her), grau, kühl und windig. (Bald würde ich mich über Sonne von vorn beklagen …) Am Markt rüttelte ich vergeblich an der Tür der Marienkirche. Als ich mich schon zum Gehen wenden wollte, kam eine Küsterin und es gelang mir, mit hineinzuschlüpfen.

Sofort fiel mir das mittelalterliche Taufbecken auf. Es ist mit wunderbar ausgeführten Heiligenfiguren geschmückt – „die weiblichen Heiligen größer dargestellt als die Männer!“ erklärte mir die Küsterin strahlend. Als erstes fielen mir die Füße des Gefäßes auf. Sie symbolisieren die vier Evangelisten in den seit der Antike üblichen Symbolen: Mensch, Stier, Löwe und Adler. Meist werden sie, einer biblischen Vision folgend, als geflügelte Wesen dargestellt. Hier aber waren die drei Tiere als Menschen mit Tierköpfen dargestellt, was ausgesprochen seltsam anmutete, für uns heutige vielleicht wie eine Kinderbuchillustration. Gezeichnet habe ich den „Stier“.

Danach setzte ich mich auf den Marktplatz und zeichnete mit zügigen und nach einwöchiger Reise langsam sicher gewordenen Strichen die Kirche.

Auch den Stendaler Dom sah ich mir noch an und saß lange im Chor, der mit vollständig erhaltenen mittelalterlichen Buntglasfenstern versehen ist. Man sieht das heute nur noch selten, oft sind nur Fragmente oder einzelne Fenster verglast, was die Wirkung mindert. Hier war der Raumeindruck ein überwältigender – Edelsteinlicht, zeichnerisch nicht zu erfassen.


An einem Sonntag im Oktober …

…, vorgestern, machte ich gemeinsam mit einer Freundin einen Abstecher nach Werben. Werben ist ein Städtchen am Elbdeich, wenige Kilometer von Havelberg entfernt am westlichen Ufer. Werben ist mit – immerhin! – etwas über tausend Einwohnern die kleinste aller Hansestädte.

Natürlich war es auch hier still, die Lebensader Elbradweg ist Ende Oktober fast versiegt. Ziehende Gänse und streitende Spatzen gab es weit mehr als Menschen, ab und zu schlich eine Katze über die Hofmauern. (Wie laut muss es vor hundertfünfzig Jahren an einem solchen Ort zugegangen sein, als noch Hühner gackerten, Schweine grunzten und der Schmied seinen Amboss schlug.)

Das Elbtor in Werben.

Nach dem Elbtor wandten wir uns der Kirche zu, einem im Vergleich mit der Überschaubarkeit des Ortes riesigen Bau, einer reich mit Maßwerkziegeln verzierten gotischen Hallenkirche. In Werben war die Johanniter-Verwaltung für ganz Norddeutschland ansässig – ihr unterstand also auch die Komturei in Kraak, wo ich am ersten Reisetag den Glockenstuhl gezeichnet hatte. Auch der Pilgerweg nach Wilsnack führte über Werben.

Leider war die Kirche erst einmal verschlossen. Wir wendeten ihr den Rücken zu und zeichneten die schönste aller schönen Werbener Türen. Daran friemelten wir lange, und als noch jemand öffnete, hörten wir auf unsere knurrenden Mägen und fingen keine Zeichnung mehr an …


Havelberg

Der Havelberger Dom ist ein großer kompakter Bau, der machtvoll und abweisend auf dem Steilufer der Havel steht, flussseitig weithin sichtbar. Es ist kein spiritueller, sondern ein politischer Ort, ein Brückenkopf an der Grenze zwischen christlich und heidnisch, zwischen „West“ und „Ost“.

Im Innern wurde ich von Stille und romanischer Düsternis empfangen, aus der heraus kostbare Glasfenster leuchteten. Doch weder die Fenster noch der reich geschmückte gotische Lettner luden mich zum Bleiben ein, sondern der Kreuzgang. Hier verband sich das Bergende der Mauern mit dem Tageslicht, das vom letzten Grün einer alten Linde gefiltert wurde.

Im Havelberger Kreuzgang. Ich saß hier länger als zwei Stunden, das Motiv erwies sich als vertrackt.

Am nächsten Tag war vor der Abfahrt Zeit und Gelegenheit für eine lockere Skizze des Doms von außen.


Wilsnackfahrt

Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde.

Prediger 3,1

Nach zwei geruhsamen Fahrradtagen entlang der Elbe verbrachte ich einen Tag in Bad Wilsnack. Bahnfahrende kennen den Ort als Station an der Regionalstrecke Berlin-Schwerin, aber sonst? Wer weiß schon, dass Wilsnack im ausgehenden Mittelalter ein Pilgerort von überregionaler, ja internationaler Bedeutung war? In Nordeuropa war es einhundertfünfzig Jahre lang Santiago ebenbürtig.

Verehrt wurde nicht der Heilige Jakobus, sondern ein sogenanntes Blutwunder. Das Dorf Wilsnack war 1383 im Rahmen einer Fehde niedergebrannt worden – eine üble und weit verbreitete Angewohnheit kleinadliger Wichtigtuer. Als man in den Resten der Kirche nach Verwertbarem stocherte, fand man drei unversehrte und blutende Hostien – so geht die Legende. Ob es hier einen bakteriologischen Hintergrund gab oder der Ortspfarrer sich die Geschichte schlichtweg ausgedacht hatte, um dem Wiederaufbau seiner Kirche aufzuhelfen, lässt sich heute nicht mehr klären; erwiesen ist, dass bald diverse Wunder geschahen und und die Angelegenheit schnell an Tempo gewann.

Eine Pilgerfahrt wurde im Mittelalter nicht zu Selbstfindungszwecken unternommen. Meist versuchte man, etwas für sein Seelenheil zu tun – nichts fürchtete der mittelalterliche Mensch so sehr wie die Strafen der Hölle. Durch Pilgern konnte man die Chance auf einen guten Ausgang verbessern. Es war also häufig etwas, das wir heute vielleicht als Buße bezeichnen würden, selbst- oder fremdverordnet. Letzteres kam häufig vor, bei schweren Straftaten wie Totschlag ebenso wie bei Wirtshausrandale oder ähnlichem. Die Pilgerfahrt wurde angeordnet wie heutzutage zwanzig Tagessätze.

Entsprechend ruppig wird es vermutlich in den Pilgergruppen zugegangen sein. (Es gab natürlich auch „ordentliche“ Pilger.) Ein besonderes Phänomen war das „Wilsnacklaufen“, Züge von meist sehr jungen Menschen, die an Massenhysterie denken lassen, an „Kinderkreuzzüge“ und vor allem daran, wie wenig wir über das Mittelalter wissen.

Die Kirche von Wilsnack im Morgenlicht, gezeichnet auf grau getöntem Aquarellpapier von Bockingfort.

Die Einnahmen aus all dem erlaubten bald den Bau einer neuen schönen Wallfahrtskirche, und als im 15.Jahrhundert zehntausende Pilger kamen, legte man noch einmal nach und erweiterte den Bau noch einmal – bis die Reformation dem Spuk ein Ende machte. Da stand er nun, ein riesiger halbfertiger turmloser Kasten, der erst 1591 mit einem Renaissance-Giebel verschlossen wurde. Bald darauf begann der Dreißigjährige Krieg, an dessen Ende Wilsnack fast entvölkert war.

Im Laufe der Jahrhunderte entsann man sich der Kirche, renovierte und restaurierte nach dem Geschmack der jeweiligen Zeit. Von außen wirkt sie intakt, wenn auch nicht besonders harmonisch; im Innern auf eine angenehme Weise provisorisch. Es gibt in dem riesigen Gebäude mehrere kleine Ausstellungsinseln, Kinderbastelecken, Büchertische; keine Bänke, sondern einfache Veranstaltungsstühle und von denen auch nicht so viele. Ich fühlte mich willkommen geheißen.

Die alten Statuen vom Südportal der Kirche.

In einer Wandnische stehen die Originale einiger alter Statuen von der Außenseite der Kirche, die man durch neue Kopien ersetzt hat. Diese hier rührten mich an: „Christus als Weltenherrscher“ und „Maria Himmelskönigin“, beide verrußt, beschädigt und auf Augenhöhe gebracht – – – Es waren zwei meditative Stunden, die ich vor ihnen zubrachte, im Angesicht ihrer Fragilität und Größe.


Alle Wege sind Pilgerwege

Sind sie das, wirklich? Oder ist dieser Satz von der gleichen popkulturellen Beliebigkeit wie „Der Weg ist das Ziel“?

Im letzten Jahr, auf der großen Wanderung durch die Ostschweiz, habe ich viel darüber nachgedacht, was einen Pilgerweg ausmacht. Die Gegend ist es nicht und nicht einmal das „heilige“ Ziel – doch was ist es dann?

Dieser Herbst bietet mir – aufs Neue – eine Gelegenheit, es herauszubekommen. Nach einigen Umbrüchen im Leben bin ich zum ersten Mal mit dem (Elektro)Fahrrad unterwegs. Es ist ein Unterschied, die Füße nicht mehr auf dem Boden zu haben, die eigene Ausstattung nicht mehr von die Größe eines (möglichst kleinen) Rucksacks dabei zu haben, sondern sich Gedanken um Schlösser und Ladegeräte machen zu müssen.

Glockenstuhl der Dorfkirche in Kraak, südlich von Schwerin #dorfkircheninmecklenburg

Der Start konnte schon mal einen Pluspunkt verbuchen: ich bin direkt von zu Hause losgefahren. Nach einem schönen Stillleben-Abend bei einer Freundin in Sülstorf, zwei Dörfer hinter Schwerin, fuhr ich direkt nach Süden. Sülstorf hat eine wunderschöne kleine Dorfkirche, die ich allerdings schon zweimal gezeichnet hatte. Also sah ich mich im nächsten Ort um: typisch für diese Gegend ein turmloses Kirchlein mit freistehendem Glockenstuhl. Dieses Kirchlein gehörte im Mittelalter zu einer Johanniter-Niederlassung, einer sogenannten Komturei (ein Wort, das ziemlich nach Ritterroman klingt, finde ich.)

Es ging weiter durch den Jasnitzer Forst, ein ausgedehntes Waldgebiet, das in diesem Jahr von Pilzen überquillt. Leider konnte ich sie in meinen fest verzurrten Taschen nicht unterbringen, also zeichnete ich einiges von dem, was rund um meinen Rastplatz zu finden war. (Darunter befindet sich der Gasspeicher Kraak, der nicht nur ganz Meckpomm, sondern auch Hamburg versorgt. Das Private ist politisch, sogar im Wald.)

Pilze im Jasnitzer Forst. Oben der Graugrüne Milchling, dank Täublingsregel (die auch für Milchlinge gilt) ein Ausschlusskandidat: die Milch schmeckt brennend scharf. Unten zwei, die gern verwechselt werden, was nichts macht, denn sie sind beide essbar (und geschmacklich eher langweilig): der Rotfußröhrling und die Ziegenlippe.

Und das Stillleben vom ersten Abend? Soll auch seinen Platz bekommen. Die Paprika hatte ich zwei Wochen vorher am Strauch gezeichnet, und dort hatten sie sich gut gehalten.


Herbst ohne Leiter

Wer kennt es nicht, das Lied vom pinselnden Herbst auf der Leiter – und manchmal braucht er die gar nicht. Auf meinem Balkon waren Ende September die zusammen mit den Tomaten gepflanzten Paprika reif geworden – eine besonders robuste Sorte, versprach das Schild, und wirklich konnten ihnen Sturm und Regen wenig anhaben. Nur mit dem Rotwerden ließen sie sich Zeit, doch nun, wo es endlich soweit ist, warten sie in dem kühlen Wetter geduldig darauf, zum Essen an die Reihe zu kommen.

Paprika vom Balkongarten, gezeichnet mit Derwent Inktense Stiften auf das graugrüne Papier von PaintOn.

Letzten Sonnabend saßen wir zusammen um meinen Stubentisch, eine kleine zeichnende Gruppe, denn draußen regnete es in Strömen und das Stadtzeichnen musste ausfallen. Einer der beiden Paprika-Töpfe wurde hereingeholt und ich probierte es mit den Inktense-Stiften von Derwent, die, wie man sehen kann, auf dem dunklen Papier wunderbar deckten. Nur die Weißhöhung ist mit der wasserlöslichen Kreide von Art Graf aufgebracht.

In den sandigen Kiefernwäldern südlich von Schwerin „erblühen“ derweil Pilze in allen Farben – hier hat der Herbst sich gebückt. Die Pilzernte war überwältigend, ich konnte wählerisch sein und legte nur potentiell essbare in meinen Korb. Zu Hause wurden die meisten geputzt und nur einige (lange nicht alle) interessante Exemplare behielt ich zum Zeichnen zurück.

Da waren zum ersten zwei Perlpilze, Musterexemplare, die weitgehend heil zu Hause angekommen waren. (Sie sind nicht sehr stabil.) Den Perlpilz, Amanita rubescens, umgibt eine Aura des Gefährlichen, denn der essbare und schmackhafte Pilz hat einen gefährlichen Doppelgänger – den hochgiftigen Pantherpilz. Die Unterscheidung ist nicht schwierig, wenn man darum weiß und daran denkt.

Zwei Perlpilze. 1) ein ausgewachsenes Exemplar, 2) ein junger, bei dem sich der Hut noch nicht ausgebreitet hat und 3) der gleiche Pilz im Längsschnitt.

Charakteristisch sind die Rötungen an Druck- und Fraßstellen – „rubescens“ bedeutet rötend – und die wie plissiert aussehende, geriefte Manschette.

Zu meiner Freude hatte ich auch eine Auswahl farbenprächtiger Täublinge einsammeln können. Es gibt weltweit mehrere hundert Täublingsarten, die oft nur unter dem Mikroskop unterschieden werden können. Pilzsammler wissen die „Täublingsregel“ zu schätzen:

Beim Zerkauen kleiner Mengen rohen Pilzfleisches schmecken essbare, in Mitteleuropa heimische Arten der Gattungen Russula, Lactarius und Lactifluus mild, während scharf und/oder bitter schmeckende ungenießbar sind.

Ist das nicht wunderbar? Pilze, die man kosten darf! (Die charakteristischen Merkmale eines Täublings – glatter, brüchiger Stiel, keine Manschette und keine Knolle – sollte man einmal von einem erfahrenen Pilzsammler gezeigt bekommen haben.)

Von oben nach unten: Buckeltäubling, Grüner Speisetäubling, Roter Heringstäubling und – vielleicht – ein fleischroter Speisetäubling.

Das Bestimmen der Schönheiten zog sich über den halben Feiertag und ich brauchte noch einige Abende, bis ich die Bilder fertig hatte. Die Pilze trockneten derweil langsam ein, die Sporenproben krümelten vor sich hin und das Ganze begann, einen aromatischen und, nun ja, etwas unanständigen Geruch zu verbreiten.

Nun sind sie eingeräumt und am liebsten würde ich gleich wieder losziehen.


Zweimal Denkmal

Zum Tag des offenen Denkmals hatte ich in Schwerin die Auswahl zwischen dem Logenhaus der Schweriner Freimaurer – ich hatte es vor Jahren einmal von außen gezeichnet – und zwei von den drei Kirchen, die ich im Frühjahr erradelt hatte. Bei den Freimaurern würde es, so fürchtete ich, voll werden und ich vielleicht nicht zum Zeichnen kommen; ich entschied mich für die Kirchen.

Als ich an der Kirche von Kirch Stück ankam, sah ich es deutlich vor meinem inneren Auge, das Datum: 11.09.22. Es war allerdings erst der 4. Umkehren? Ich erinnerte mich, dass die zweite Kirche, nur wenige Kilometer entfernt, im März ganz ohne Denkmalanlass offen gewesen war; so auch an diesem Tag. Die Trebbower Kirche ist der gleiche Bautyp wie die im stillen, (gott)verlassenen Prestin – ein schlichter Hallenbau ohne Turm, mit Spitzdach, gerundetem Chorraum, einem kleinen Sakristeianbau an der Südwand und einem frei stehenden Glockenstuhl.

Still war es auch hier, eine belebte und bewohnte Stille. Am Friedhofstor schon begrüßte mich das „Offene-Kirche“-Schild, es passte zur einladenden und freundlichen Atmosphäre des Ortes.

Dorfkirche Groß Trebbow bei Schwerin, aquarelliert in meinem etwas „wilden“ Leporello.

Bevor ich hineinging, ließ ich mich im Moos unter alten Bäumen nieder und stellte dieses Bild fast fertig; zuhause vertiefte ich nur die Schatten ein wenig.

Im Innern erwartet die Besucherin freundlich-naives Barock an Kanzel und Altar; Voluten, Knorpelwerk und pausbäckige Engel. Als Kanzelträger, im dunklen Untergrund, erst auf den zweiten oder dritten Blick sichtbar, fungiert eine düstere Maske mit gelben Augen.

Am folgenden Sonntag war dann wirklich der Tag des Offenen Denkmals und ich radelte noch einmal ins nahe gelegene Kirch Stück, um die vielfach im Vorbeifahren gesehene Kirche endlich einmal von innen kennenzulernen. Für eine Dorfkirche ist sie bereits im Mittelalter wertvoll ausgestattet worden, u.a. beherbergt sie eine der ältesten Glasmalereien Mecklenburgs.

Meine Blicke wurden sofort von dem grob in Granit gehauenen Taufstein angezogen. Man weiß nichts zuverlässiges über diese Steine; sie künden von Vorfahren, die außer ihnen nichts Steinernes und auch nichts Schriftliches hinterlassen haben und denen man später das Etikett „Heiden“ aufdrückte. Ich habe solche Taufsteine schon mehrfach gezeichnet, in Mecklenburg und sogar in Franken.

An der Stirnseite der Kirche steht ein fröhlich-bunter gotischer Altar mit der üblichen Aufreihung von Heiligen in den Seitenflügeln. Der Mittelteil ist von erzählenden Szenen rund um Jesu Hinrichtung ausgefüllt; dazu kommt der heilige Georg, dem die Kirche geweiht war. In schönster Märchenmanier erlegt er den Drachen, während die Prinzessin für den guten Ausgang der Geschichte betet.

St.Georg erlegt den Drachen – Mittelteil des Altaraufsatzes der Kirche in Kirch Stück bei Schwerin. Diese Seite des Leporellos hatte ich mich einem Papier grundiert, in dem Blattstücke verarbeitet sind.

Leporello, mal wieder

Vor einigen Wochen sah ich mal wieder einen der hinreißenden Leporellos der Landschaftsarchitektin Martina Offenberg. Sie ist eine großartige Zeichnerin, die ihre Urban Sketches gern auf selbst gestaltete Leporellos zeichnet. Sie bereitet diese Papierstreifen als Collage aus unterschiedlichen Papieren und Stempeln vor, die unterwegs noch weiter ergänzt wird.

So etwas wollte ich auch machen! In vier Wochen habe ich Urlaub, und da wäre es schön, einen selbst gestalteten Leporello as Reisetagebuch mitzunehmen. (An fertig konfektionierten hatte ich schon zwei mal meine Freude gehabt – hier und hier) Ich beschloss einen Probelauf und sichtete meine sich als reichlich erweisenden Papiervorräte. Ich liebe die Resultate solcher Aktionen – wenn andere Leute sie angefertigt haben. Selbst bin ich darin ungeschickt; ich habe Freude an der Haptik der verschiedenen Aquarell- und Bastelpapiere, doch beim Schneiden und Kleben gab es erst einmal eine Menge Ausschuss.

Irgendwann war das Produkt fertig, zusammengeklappt hat es A6-Format. Ich hatte wild darauf los geschnippelt und geklebt, unterschiedlich Papiersorten gemischt, mit Aquarellgrundierung versehen und zusätzlich noch diverse Collage-Elemente vorbereitet.

Als erstes schnitt ich eine kleine Skizze vom Mittagessen bei „Nordsee“ aus einem anderen Skizzenbuch aus und klebte sie ein – sie ist hier nicht zu sehen, nur der Leuchtturm kündet auf dieser Seite davon. Zu sehen sind drei besondere Löffel – am liebsten hätte ich „Eine kleine Geschichte von mir in sieben Löffeln“ erzählt und mich unendlich in den Assoziationen verloren, die die Dinge an unserer Seite auftun. Aber ich beschränkte mich erst einmal auf drei – mit Fortsetzungsoption.

Eine kleine Löffelsammlung.

Den „Göffel“ hat eine Freundin liegengelassen. Es ist ein superleichtes superhartes Objekt aus Titan, die Minimalistinnen-Variante des Besteckkastens für den Rucksack. Seltsamer Weise trägt er die Inschrift „Light my Fire“.

Der Suppenlöffel mit dem „Konsum“-Signet entstammt den unendlichen Tiefen der Besteckkiste auf meiner Arbeitsstelle (und ist inzwischen dorthin zurückgekehrt). Ein rauchender Schornstein und eine Sichel ergeben in typisch ostmoderner Ästhetik zusammen ein „K“ wie „Konsum“ (gesprochen Kónsumm) – dem Inbegriff des Lebensmittelgeschäfts in der DDR. (Das interessante Wurzeln in Lebensreform und Sozialdemokratie hat und in einem gemeinwohlorientierten Land wie der Schweiz z.B. als „volg“ überleben konnte.)

Der geschnitzte „Folklore“-Löffel kam durch einen der zahlreichen Osteuropa-Kontakte meiner Mutter in unseren Haushalt und hing viele Jahre als Dekoration in der Küche – mit einer dazu passenden Gabel als Salatbesteck. Ich hätte es gern benutzt, doch es ist klein und unhandlich, so wanderte es in eine Schublade, die „Mein Museum“ heißt und voll ist mit kleinen Dingen, über die ich – irgendwann einmal – schreiben möchte.

Drei Äpfel über eine Stadtsilhouette gezeichnet.

Am nächsten Tag saß ich am Schweriner Marienplatz und versuchte mich – gleich mit Füller – an einer kleinen Stadtansicht. Über die Dachsilhouette und ein paar Oberleitungen der Straßenbahn kam ich nicht hinweg, so dass ich das Ganze abends mit drei Äpfeln übermalte.

Das hätte ich vermutlich in einem konventionellen Skizzenbuch nicht getan, doch die Anmutung von Collage, die dem ganzen Projekt eigen ist, machte es möglich. Wie immer nimmt die locker aufgebrachte Grundierung die Angst vor dem leeren Blatt, macht munter und mutig. Es liegt darin auch die Gefahr, Lockerheit mit Schlampigkeit zu verwechseln und die Struktur zu verlieren. So hat mich dieses Probe-Projekt bis heute schon gelehrt, es nicht zu übertreiben mit „Mixed media“, nicht zu viele unterschiedliche Papiersorten und Collageelemente zu verwenden – zumal die einem auf Reisen sowieso in reicher Zahl in Form von Eintrittskarten, Prospekten, Zuckertüten & Co. zufallen.

Am Tag nach den Äpfeln bin ich zu mal wieder zu einer Dorfkirche über Land gefahren: Fortsetzung folgt.


Rückblick 2: In der Stille

Im März hatte ich einen Anlauf genommen, der für Monate der einzige bleiben sollte: Mit dem Fahrrad die Kirchen der Umgebung zu besuchen und zu zeichnen, einen kleinen Pilgerweg vor Ort zu zelebrieren … Schön wäre das gewesen, theoretisch. Praktisch bin ich an unverplanten Wochenenden gern eine Einsiedlerin, die je nach Jahreszeit Balkon, Ofenplatz oder Sofa bewohnt und zeichnend an Stillleben und Pflanzen ihre Freude hat. Die verplanten, man ahnt es, gehören Freunden und Familie.

Manchmal lässt sich etwas verbinden, wie vor vier Wochen, als ich eine Freundin besuchte, die im tiefsten mecklenburgischen Hinterland lebt, zwischen Schwerin und der Seenplatte. Ich befragte meinen Kirchenführer und fand eine Dorfkirche, die fast am Weg lag, in Prestin.

Gezeichnet mit allerlei Buntstiften im quadratischen S&B Nova, das sich langsam füllt.

Es war gegen Mittag und heiß, dabei noch luftig (die Schwüle würde erst kommen im Lauf des August) und unfassbar still. Der leichte Wind raschelte in den Blättern, mehr war nicht zu hören.

Eine bescheidene Kirche ohne Turm, halb Feldstein, halb Fachwerk, und links daneben, auf meinem Bild nicht sichtbar, die Grabkapelle des Adelsgeschlechts, das hier einst das Sagen hatte. Vielleicht hatten dessen Nachfahren auch die neuen Dachziegel und die Renovierung bezahlt, denn die Kirche war zwar verlassen, aber keineswegs verfallen. Die Kirchentür war verschlossen, im Schaukasten gilbte eine Telefonnummer neben dem Plan der Gottesdienste, die in den Nachbardörfern stattfinden.

Zu Hause schaute ich mir das Foto in meinem Bildband noch einmal an, der mir als Wegweiser dient: Fast der gleiche Blickwinkel, etwas größer der Abstand; die Linde, in deren Schatten ich gesessen hatte, war mit im Bild, blattlos, winterlich. Der große Nadelbaum, der mir halb den Blick versperrt hatte, fehlte noch. Stattdessen, und ich brauchte etwas, um den Unterschied zu sehen, standen Grabsteine im Vordergrund, zahlreiche Grabsteine – ein ganz normaler Dorffriedhof. Wird die Pacht für ein Grab nicht verlängert, muss oft auch der Stein entfernt werden. Das Foto wird um 1980 herum aufgenommen sein – vierzig Jahre später sind nicht nur die Dörfer halb verlassen, auch die Friedhöfe beginnen zu verkahlen. Die nach dorfeinheitlichen Regeln (deren Wirkmacht nur unterschätzt, wer nie auf dem Dorf gelebt hat) gestalteten Gräber (Buchsbaum, Bergenien, Begonien; im Frühjahr Stiefmütterchen und vor Totensonntag das Tannengrün) werden weniger, mit ihnen die Regelhüterinnen …

Was bleibt, ist die Stille.


Rückblick 1: Worpswede

In der letzten Zeit bin ich wieder zum regelmäßigen Zeichnen an den Wochenenden gekommen und oft entsteht der Text dazu gleichzeitig in meinem Kopf. Die Schnittstelle zur Textverarbeitung fehlt (ob das zu begrüßen oder zu bedauern ist, soll hier nicht verhandelt werden) und so hat sich ein bisschen was angesammelt, das hier gezeigt werden will.

Vor zwei Wochen bin ich über ein verlängertes Wochenende in Worpswede gewesen, mit einer Freundin, die nicht zeichnet, doch sich gern in Begleittexte, Broschüren und Biografien versenkt und auch mal eine Extrarunde ins Nachbarmuseum dreht, so dass es gut gepasst hat. Worpswede warb mit dem Heinrich-Vogeler-Jahr; das war unser Anlass.

Der Barkenhoff, Heinrich Vogelers Lebens- und Arbeitsstätte, gezeichnet mit Füller und wasserlöslichen Farbstiften im guten alten Stillman&Birn Nova Trio Square, dass ich 2019 in Amsterdam von Pat Southern-Pearce bekam und immer noch nicht vollständig gefüllt habe.

Den Barkenhoff kennen viele aus Vogelers berühmtem Gemälde „Sommerabend“, einer Ikone von Jugendstil und Symbolismus; auf vielen anderen, lockereren und, wie ich finde, schöneren Bildern bietet er den idyllischen Hintergrund. Im Inneren sind die Lebensstationen Vogelers anhand von Originaleinrichtung, Gemälden und Zeitzeugnissen erfahrbar – vom Jugendstil-Romatiker zum glühenden Kommunisten, der in seiner Idylle ein Kinderheim der Roten Hilfe einrichtete und später in der Sowjetunion Propagandakunst schuf, um 1942 70jährig als unliebsamer Ausländer nach Kasachstan „evakuiert“, ums Leben zu kommen. (Jedoch nicht in einem Lager, wie ich lange gedacht hatte.)

Kugelschreiberzeichnung des „Haus im Schluh“, Martha Vogelers Wirkungsstätte

Vogelers Frau Martha ließ sich nach der Trennung der beiden das „Haus im Schluh“ bauen und eröffnete dort eine Galerie mit Werken Vogelers. Sie, die der Romantiker auf seinen Bildern schwärmerisch zur ätherischen Prinzessin verklärt hatte, erwies sich als tatkräftig und lebensklug. Sie gründete eine Handweberei und eine Pension und konnte die wachsende Familie damit – und mit dem angeschlossenen großen Garten – auch in schlechtesten Zeiten über die Runden bringen; das Ensemble befindet sich noch immer in Familienbesitz.

Eine Waschkommode nach Vogelers Entwurf – Teil eines Schlafzimmer-Ensembles. Da es das Wochenende der wechselnden Medien war, ist dies mit Aquarellfarbe in ein vorgrundiertes Hahnemühle-Aquarellbuch gezeichnet.

Das „Haus um Schluh“ konzentriert sich auf Gebrauchskunst wie Weberei und Möbel. Die farbkräftig gestrichenen Möbel mit ihren stilisierten Blumen (meist Tulpen) sahen für mich ein bisschen aus wie möbelgewordene Kreationen der schwedischen Modedesignerin Gudrun Sjøden. (Deren Kleidung ich liebe, bei Möbeln ziehe ich holzfarbene Schlichtheit vor.)

Am Ende der drei Tage waren wir angefüllt mit Bildern, Geschichten und Erlebtem wie dem morgendlichen Schwimmen in der moorig-braunen Hamme und einem hervorragenden Abendessen im „Vogeler-Bahnhof“ (der nicht nur so heißt, sondern wirklich von Vogeler entworfen worden war); wir hatten nicht die Hälfte von dem gesehen, was möglich gewesen wäre – wir kommen wieder.