Die Schamanin

Anfang Mai 1934 waren einige Arbeiter mit eiligen Ausschachtarbeiten für einen Springbrunnen im Park des anhaltischen Dürrenberg (das „Bad“ sollte erst im folgenden Jahr dazukommen) beschäftigt, als sie auf Menschenknochen und Rötel stießen. Sie informierten das Heimatmuseum, von dort schickte man zu den Archäologen in Halle, doch als die eintrafen, hatten die Arbeiter bereits alles, was ihnen von Interesse schien, ausgegraben und weitergemacht. Man schaffte die Fundstücke ins Museum für Vorgeschichte, erklärte den Schädel zum Relikt eines männlichen Ariers, datierte ihn vier- bis fünftausend Jahre zu jung, ignorierte den Rest – und vergaß das Ganze.

In den letzten dreißig Jahren begann man sich dem Fund wieder zuzuwenden, moderne wissenschaftliche Methoden öffneten Fenster zu völlig neuen Erkenntnissen, es gab eine Nachgrabung, bei der mehrere Jahre lang unter Laborbedingungen gerettet werden konnte, was zu retten war. Und das war viel. Dank dieser Bemühungen, z.T. unter internationaler Beteiligung, wissen wir heute, dass das Grab nicht nur die Gebeine einer vor acht- bis neuntausend Jahren gestorbenen Frau enthielt, sondern auch die von drei Kindern und dass diese menschlichen Überreste mit außerordentlich reichen Beigaben versehen waren. Vom Wildschweinhauer über Schildkrötenpanzer bis zum Schulterblatt eines Igels waren zahlreiche Tiere der damaligen Fauna vertreten, neueste Untersuchungen konnten auch Federn und Haare nachweisen. In einer „Dose“ aus Kranichknochen waren Pfeilspitzen aufbewahrt, Pfrieme und Ahlen aus Knochen wiesen auf handwerkliche Tätigkeiten hin, die sorgfältige Auskleidung des Grabes mit einem Flechtwerk aus Haselruten auf Bautätigkeit, die eine beginnende Sesshaftigkeit anzeigt.

Vor allem aber legen diese Beigaben eine gesellschaftliche Rolle nahe, die als „Schamanin“ bezeichnet werden kann. Dies ist keine willkürliche Zuschreibung, sondern beruht auf jahrzehntelangen Forschungen um das Thema Schamanismus und seine Repräsentation in archäologischen Funden.

Das Hallesche Landesmuseum für Vorgeschichte widmet der Schamanin derzeit eine große Sonderausstellung, die ich auf dem Weg von Magdeburg Richtung Süden besuchte. Die Ausstellung gefiel mir auf den ersten Blick. Von gut lesbaren Texten begleitet, dürfen die Objekte ohne Multimedia-Schnickschnack für sich sprechen. In einem ersten Raum werden frühe religiöse Konzepte von Animismus bis zu den ersten Göttern erläutert, darauf folgen vier um eine Trommel gruppierte sibirische Schamanengewänder. Der folgende Raum ist der Bestattung von Bad Dürrenberg gewidmet.

Der Schädel der „Schamanin von Bad Dürrenberg“, acht- bis neuntausend Jahre alt.

In einer großen flachen Vitrine sind alle Fundstücke aus dem Grab sorgfältig auf einer rötelfarbenen Fläche ausgebreitet. Das Ganze lässt an einen Aufbahrung denken und strahlt eine große Würde aus. Ich saß eine ganze Weile auf einer Sitzbank und beobachtete die Menschen, die sich behutsam, fast ehrfürchtig und mit leuchtenden Augen darüber beugten. Wenn dieses Frau einmal „Macht“ gehabt hat — und daran zweifle ich nicht — dann muss es eine heitere, gelassene und zeitlose Macht gewesen sein.

Ich blieb lange dort sitzen, bevor ich den Schädel zeichnete und mich noch ein wenig in den angrenzenden Räumen umsah. Hier ging es vor allem um die wenigen vergleichbaren Funde, die es weltweit gibt. Einen Besuch der Etagen der Dauerausstellung verschob ich trotz Mammut, Himmelsscheibe von Nebra und Römerfunden auf ein nächstes Mal, setzte mich mit einen Kaffee auf die Terrasse vor dem Museum und fuhr am Abend beseelt Richtung Thüringen.



Hinterlasse einen Kommentar