Im Kochertal

Von Schwäbisch Hall hat sicher jeder schon einmal etwas gehört, wo es liegt, wissen vermutlich die wenigsten (es sei denn, sie leben hier irgendwo um die Ecke). Schwäbisch Hall (eigentlich nur „Hall“, der Zusatz kam erst spät) liegt am Kocher, einem gar nicht so kleinen Fluss, der sich ein bis zu 200m tiefes Tal in die umgebenden Kalksteinebenen gegraben hat.

Autofahrer kennen vielleicht die Kochertalbrücke, eine spektakuläre Stahlbetonbtücke, die das Tal in großer Höhe überspannt.

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Kochertalbrücke im Regen.

Schwäbisch Hall ist eine schöne Stadt, der man den Reichtum einer alten Salzstadt noch heute ansieht. Fachwerk über Fachwerk, ich konnte mich gar nicht satt sehen, und habe mich dann für ein besonderes prächtig dekoriertes Haus entschieden, um dann feststellen zu müssen, dass weder meine Geduld noch die Feinheit meiner Zeichenmaterialien den vielen üppigen Schnitzereien, Dekoren, Masken und Zierleisten gewachsen waren.

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Besonders üppig dekoriertes Fachwerkhaus in Schwäbisch Hall.

 


Schweriner Bilder

Am vergangenen Wochenende hatte ich Zeichnerbesuch aus Berlin, Hamburg, Lübeck und Eutin, in richtiges kleines Sketchertreffen im Norden. Bei herrlichem Wetter sind viele schöne Bilder von Stadt und Schloss entstanden. Meine eigenen blieben, wie das so ist im Gastgeberstand, eher im Vorläufigen und Unvollendeten. Erst wollte ich sie so lassen, hatte dann aber doch Lust zu sehen, was sich mit Farbe und Überarbeitung machen lässt.

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Aufwärmskizze – Blick zum Dom von Süden

Zuerst mal eine typische Aufwärmskizze. Schwungvoll und möglichst in einer Linie, großflächig ein bisschen Farbe verteilt – fertig in fünf Minuten.

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Im Schweriner Domhof, graue Tinte und Aquarell auf Stillman&Birn Zeta. 

Mit dem Hof des Kreuzgangs habe ich mich dagegen ziemlich geplagt. Ich hätte natürlich auch draußen in der Sonne zeichnen können wie die meisten anderen Sketcher, doch wollte ich die Gelegenheit nutzen, einen Schlüssel besorgt zu haben. Ein hinreißendes Motiv diese Kreuzgangwand im grellen Sonnenlicht, mit ihren Schlagschatten, Zierfriesen und Reflexionen – so dachte ich und holte den Block mit dem ganz glatten Papier für möglichst viele Details heraus. Zu spät merkte ich, dass ich dazu weder Zeit noch Ruhe hatte. Am Ende habe ich dann dem knalligen Kontrast seinen großen Auftritt gegeben.

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Der „Domhof“ ist ein kleiner versteckter Platz in der Nähe des Doms. Der Text vom Balken lautet: O HERR * ERBARME DI UNSER * UNDE WES UNS GNEDICH * ANNO 1574

Als nächstes ging ich zum „Domhof“, einem kleinen Platz in der Nähe. Das Fachwerkgebäude ist eines der wenigen, das die großen Stadtbrände überstanden hat. Eigentlich wollte ich eine attraktive Barocktür zeichnen, doch war die wie immer zugeparkt. Ich erinnerte mich an den hinreißenden Workshop von Dave Robb und räumte den Autos auf meinem Bild den Platz ein, den sie nun mal einnehmen.

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Viktoriastatue von Christian Daniel Rauch auf der Seeseite des Schweriner Schlosses.

Am Nachmittag ging es dann endlich zum Schloss, doch für eines der großen komplexen Motive fehlte mir wiederum die Ruhe. So zeichnete ich die Viktoria am Schloss. Häufig werden die beiden Stauen (es gibt noch eine ähnliche, benachbarte) für Engel gehalten, doch stellen sie Siegesgöttinen dar.

 


Rothenburg

Einmal, vor vielen Jahren, haben wir hier, mit noch kleinen Kindern, für ein paar Nachmittagsstunden Rast auf einer langen Reise gemacht; Mauern und Türmchen sind mir von damals in Erinnerung und dass ich die Stadt schön fand, einfach schön, Kitsch und Japaner hin und her.

Jetzt, wo ich mehr Zeit habe, Ruhe auch und einen fast zwanzig Jahre älteren Blick, sehe ich: Es ist, neben dem Äußerlichen, noch auf eine besondere Weise schön. Eine Art Freilichtmuseum zwar, doch ein bewohntes, und es tut dem Ort gut, dass kein H&M und kein McD da ist, die meisten Geschäfte und Restaurants sehen nach Familienbesitz aus. Eine Zeitreise, eher in die 50er als ins Mittelalter. (Geheimtipp für Zeichner: Papierhaus Zimmermann in der Galgengasse. Für einen so kleinen Ort gibt es hinter dem unscheinbaren Fenster eine überwältigende Auswahl an allem, was das Herz begehrt, neben gut sortierten Standards Schätze an Papieren, Aufklebern, Stickern, Füllfederhaltern …)

Abends auf dem Markt erwische ich einen Logenplatz mit Fachwerkblick und gebe ihn erst wieder her, als es endgültig dunkelt. So gelingt mir dieses Bild fast vollständig vor Ort, nur die letzte Lasur lege ich erst darüber, als am nächsten Morgen alles ganz sicher trocken ist.

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Fachwerkgiebel am Markt von Rothenburg o.d.T. Lexington Grey Ink mit Wasserfarbe in S&B Beta.


Nachtrag, Rückblick

Jede Reise, so liest es sich bisweilen, begänne mit dem ersten Schritt. Das ist wahr, in gewisser Weise, denn ohne diesen Schritt bliebe sie eine Reise im Konjunktiv. Wenn der Schritt dann aber gegangen wurde, so stellen wir fest, dass sie lange vorher begann, mit den ersten Träumen davon, der Verdinglichung der Pläne in Notizen, Mindmaps, Land- und Fahrkarten, in Stapeln von Dingen auf dem Zimmertisch, im endlich gepackten Rucksack. Für zeichnende Menschen kommt noch die Auswahl der Werkzeuge dazu, der Besuch beim Künstlerbedarf …

Und ebenso endet die Reise nicht mit dem Schlüssel in der heimatlichen Wohnungstür. Ein paar Tage liegt alles kreuz und quer, die Waschmaschine rödelt, langsam schrumpfen die Stapel. Wie jedes Mal überlege ich, was mit den unfertigen Skizzen im Reisetagebuch geschehen soll. (Kann eine Skizze unfertig sein? Eine der vielen Fragen nach dem Selbstverständnis der Art von Zeichnerei, wie ich sie treibe. Und dabei eine, die weit ins Philosophische führt.) Für dieses Jahr habe ich beschlossen, sie, so lange der innere Zugang noch da ist, zu einer Art Abschluss zu führen, Schrift zu ergänzen, Farbe, Schatten, alles was mir nötig scheint, um zu der vollständigen Unvollständigkeit zu kommen, die in Reisebüchern mein Ideal ist. Und dabei die Reise noch ein bisschen zu verlängern …

Ich fange an mit zwei Bildern vom ersten Tag, die bei ähnlichen Motiven sehr unterschiedlich geworden sind. Noch bin ich nah genug dran, um zu ahnen, was ich vor meinem inneren Auge sah, als ich ein paar Bleistiftstriche zog, vielleicht ein paar Tintenakzente setzte. Im ersten, bunten Fall die Pilgerherberge des Klosters Kirchschletten – dass der Pilgerstempel nicht wasserfest ist, hatte mir auch keiner gesagt – weich im herbstlichen Morgenlicht, Rosen an der Pforte … Im zweiten ein anfangs minimalistischer Versuch, ein paar Charakteristika der Gegend eher grafisch aufs Blatt zu bringen: Fachwerk, Nussbaum, frommer Spruch. (Letzterer im Original aus gesägten Holzbuchstaben, ein Fach füllend.)


Fachwerk

Ich mag Fachwerk. Es ist für mich ein Inbegriff für eine schöne Form, die der Funktion folgt, es ist rhythmische Flächenfüllung, gebautes Mandala. So habe ich auf meiner Reise durch die Fränkische Schweiz keine Gelegenheit ausgelassen, schöne Fachwerkhäuser zu zeichnen.

Dieses hier steht in Kirchröttenbach neben der Kirche. Kirchröttenbach war meine vorletzte Station, es liegt schon im Nürnberger Land. Ich hatte eine wunderbare Wegetappe hinter mir, von Gräfenberg immer am Albrand entlang, die letzten Kilometer durch die Obstwiesen hinunter in das wellige Tal, das im Abendlicht vor mir lag. Es war  schon dämmrig, als ich ankam, so dass ich das Zeichnen auf den nächsten Morgen verlegen musste, an dem es dann leider zu nieseln anfing. Da es an dem Tag noch öfter regnete, konnte ich eine Einkehr in einem Dorfladen mit Imbiss nutzen, die Zeichnung dort fertigzustellen.

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Fachwerkhaus neben der Kirche von Kirchröttenbach im Nürnberger Land.


Altes Kurhaus

Manche Stadtzentren erzählen dort besonders eindringlich ihre Geschichte, wo eine Generation die Bausünden der nächsten verschlimmbessert hat. Mit Häusern kann es ähnlich sein, besonders dann, wenn sie bereits ein paar Hundert Jahre alt sind, wie das „Alte Kurhaus“ in Streitberg. Mit heutigen Augen besonders schmerzlich anzusehen sind die Umbauten der letzten fünfzig Jahre, hässliche Veranden mit Sperrholztüren, billige Pseudosprossenfenster und falsche Butzenscheiben.
Zum Glück – so stellte ich beim Zeichnen fest – waren Maßstab und Ausschnitt meiner Abbildung dann doch recht versöhnlich gewählt … (Der Name „Kurhaus“ bezieht sich auf die im 19.Jahrhundert populäre „Molkenkur“, eine spezielle Art des Fastens.)

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Das Hotel „Altes Kurhaus“ in Streitberg in der Fränkischen Schweiz. Füller und PITT-Pens.


Heiligengrabe

Heiligengrabe ist einer jener Plätze, die man, zumindest wenn man irgendwo zwischen Berlin und Hamburg lebt, als Schild an der Autobahn kennt. Dass sich dort eine bedeutende und gut erhaltene Klosteranlage mit zisterziensischen Wurzeln befindet, wusste ich zwar schon länger, hatte sogar schon einmal einen in einem Sturzregen ertränkten Versuch gemacht, sie mir anzusehen, doch erst in diesem Sommer bin ich mit vollen Sinnen dort gewesen.

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Die Heiligengrabkapelle. Sie enthält eine symbolische Nachbildung des Grabes Christi, ein im Mittelalter nicht seltenes ikonographisches Motiv.

Vermutlich ist es kein Zufall, dass der Ort, obschon vielfältig mit der Welt verbunden (z.B. durch ein breites Kursangebot), auf eine gewisse Weise vor ihr verborgen bleibt . Achthundert Jahre lang wurden hier die Töchter des brandenburgischem Adels in Kargheit und Strenge erzogen, achthundert Jahre lang wurden hier in aller Stille Verbindungen geknüpft, leise Fäden der Macht gezogen, Standesbewusstsein gepflegt. Zuerst, bis zur Reformation, in einem zisterziensischen Nonnenkloster, danach in einem adligen Damenstift, ab der Mitte des 19.Jahrhunderts in einer Internatsschule, die nach modernen pädagogischen Prinzipien unterrichtete und jungen Frauen ermöglichte, nach ihrem Abschluss einen Beruf zu ergreifen.

Nach 1945 fand eine aus Schlesien geflohene diakonische Einrichtung Zuflucht auf dem Gelände, und auch einige Stiftsdamen waren geblieben. Seit der Wende ist der Konvent wieder am Wachsen.

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Am Damenplatz. In diesen barocken Fachwerk-Reihenhäusern lebten die Stiftsdamen ab dem 18.Jahrhundert.

 

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