Völkerkunde oder: Chinoiserie 2.0

Eigentlich hatte ich die Rosen zeichnen wollen: hunderte alte Sorten kann man im Rosengarten am Schloss Charlottenhof im Park Sanssouci bewundern. Wenn man zur richtigen Zeit kommt. Ich aber war zwei, drei Wochen zu spät, die Hitze hatte das ihre dazu beigetragen, dass nur noch ein paar Nachzüglerinnen ihre letzten rosa Blütenköpfe zeigten. Außerdem wurde es dort rasch heiß.

So wanderte ich weiter zum Chinesischen Teehaus, einem Pavillon im „chinesischen“ Stil, dessen lebensgroße vergoldete Figuren unter „Palmen“-Säulen uns viel über das Weltbild des Rokokko und wenig über das China jener Zeit erzählen: eine Chinoiserie. Bewacht wurde das Gebäude von einem grimmig dreinschauenden Herrn meines Alters, der mich daran erinnerte, dass Potsdam einst eine Hochburg sehr staatsnaher DDR-Beamter gewesen war.

Kaum hatte ich es mir auf meiner schattigen Bank gemütlich gemacht, kamen drei echte Chinesinnen des Wegs und begannen vor der Figurengruppe für ein Foto zu posieren. Zwei von ihnen überstiegen eine niedrige Hecke am Wegrand und im selben Moment hörte man es von innen laut an die Scheibe wummern. Als die Damen nicht reagierten, kam der Wachmann in erstaunlichem Tempo um die Säulen herum gerannt und brüllte: „MACHT IHR DITT IN CHINA OOCH SO, ODA WATT?“

Vergoldete Figurengruppe am Chinesischen Teehaus im Park Sanssouci

Am früheren Beruf des Herrn hatte ich nun keinen Zweifel mehr. Die Chinesinnen aber schlenderten geruhsam weiter und ließen mich mit der Frage zurück, ob ihnen wohl eine App verraten hatte, was die goldenen Figuren darstellen sollten.


Bebenhausen oder: 34.000 Eier für einen Turm

Kloster Bebenhausen hat etwas von einem Sagenort. Umgeben vom „Schönbuch“, einem alten Reichswald, schmiegt es sich in eine Talsenke. Es wurde im Ring einer vorbestehenden Burg erbaut und ist noch heute umgeben von Wassergraben, Mauerkranz und Türmen, auch die Wirtschaftsgebäude aus Fachwerk sind noch da; in einem hatte ich mein Nachtquartier.

Zum Glück hatte ich am nächsten Tag ausreichend Zeit. (Naja, für Zeichner reicht die Zeit natürlich nie.) Erst einmal versuchte ich mit einem Bilderbogen die Fülle an Motiven zu erkunden: den Kreuzgang mit seinen filigranen Maßwerkfenstern (keins gleicht dem anderen!), die zahlreichen romanischen und gotischen Säle, die Kirche von außen und innen …

Ein Bilderbogen aus dem Bebenhausener Kloster. Die Figur mit dem „Salat“ in den Händen ist auf einem Wappen an der Kanzeltreppe zu finden.

Der filigrane Dachreiter (geradezu eine Essenz von Gotik) ist so etwas wie das Markenzeichen des Ortes. Er wurde der zisterziensischen Schlichtheit erst im Spätmittelalter zugefügt, als die strengen Ordensregeln schon etwas gemildert waren. Der Dachreiter ist auch alltagsgeschichtlich interessant, hat sich doch die komplette Baukostenabrechnung erhalten. So wissen wir, dass die Bauarbeiter – einschließlich der Arbeiter im Steinbruch – in den gut zwei Jahren Bauzeit neben vielem anderen 30 Zentner Wildschwein und 34.145 Eier aßen und solche Mengen an Wein tranken, dass dieser den größten Posten auf der Rechnung ausmachte.

Ein Grüner Mann an der Kanzel.

Den Grünen Mann finden wir auf einem Treppenpfosten der Kanzel. (Ich liebe Grüne Männer.) Innerhalb des zisterziensischen Graus (Farben und Schmuck durften nur sehr zurückhaltend verwendet werden) hat diese Kanzel aus der Reformationszeit eine irritierende Wirkung. Sie quillt über von Dekor und Farbe, Säulen und Säulchen würden einem Hundertwasser-Haus gut zu Gesicht stehen; und inmitten von üppigem Renaissancedekor tummeln sich pralle und ziemlich nackte Putten und Engel beiderlei Geschlechts – kurz nach der Reformation war der Protestantismus anscheinend nicht überall puritanisch.

Nach Bilderbogen und Grünem Mann habe ich mir im Kapitelsaal noch eine richtig gründliche perspektivische Studie gegönnt. Der Kapitelsaal ist einer der ältesten Räume im Kloster, architektonisch an der Schwelle von der Romanik zur Gotik; er diente als täglicher Versammlungsort.

Studie aus dem Kapitelsaal des Klosters. Die Farbe kam erst zu Hause.

Esslingen

Esslingen ist eine Stadt mit viel Geschichte und dazu passender Architektur: Kirchen, prachtvolle Fachwerkbauten, eine Burg … Dass sie weniger Touristen anzieht als andere Städte mit vergleichbarer Geschichte, mag vielleicht dem Umstand geschuldet sein, dass sie in das industrialisierte und zersiedelte Umland von Stuttgart eingebunden ist.

Ich habe mir auf meinem Weg einen Extra-Tag für Esslingen gegönnt und zeichnerisch natürlich nur an der Oberfläche seiner vielen Schätze kratzen können.

Die Stadtkirche – St.Dionys – ist ein Ort mit einer kraftvollen Ausstrahlung. Sie hat alte Verbindungen zu St.Denis und den Merowingern, frühe Vorgängerbauten reichen bis in diese Zeit zurück.

Berühmt ist Esslingen für seine prachtvollen Fachwerkhäuser, über 200 soll es davon geben, einige besonders wertvolle wurden leider in den 80ern abgerissen.

Besonders froh war ich, im sinkenden Abendlicht in einem Biergarten einen Logenplatz mit Blick auf diesen Giebel gefunden zu haben.


Orte

In den letzten drei Wochen war ich so von gleich zwei mit diesem Blog nur wenig kompatiblen Projekten beansprucht, dass zum Zeichnen nur ein kleiner Platz blieb. Keine Frühstücksbilder, keine Blumen und leider auch keine Menschen im Café … nur drei Skizzen von Orten, von kleinen Pausen auf der Durchreise und auf dem Morgenweg …

Alte Kachelofenfabrik in Brüel.

Fährt man von Schwerin nach Güstrow, kommt man nach 20 km an Brüel vorbei, einem Ackerbürgerstädtchen von nicht einmal dreitausend Einwohnern. Der kleine Ort zieht sich mit zwei Straßen über einen Höhenzug, der von sumpfigen Wiesen und einem Flusslauf umgeben ist; Neubaugebiete werden so auf Abstand gehalten. Eine altmodisch schmale Allee führt ortsauswärts und zu einer alten Fabrik, lange verlassen und von einer Katzenfamilie bewohnt, die sich in den Fenstern sonnt.

Kaum habe ich meine Zeichnung begonnen, spricht mich eine Dame an; die Mutter des jetzigen Besitzers. Von ihr erfahre ich, dass hier einmal Ofenkacheln gebrannt wurden und noch eine Menge mehr – bis zur Anzahl der Katzen … (die zu füttern sie gerade unterwegs ist.) Ich soll doch wiederkommen, wenn ihr Sohn da ist, er würde mir die Anlage zeigen und ich könnte den ganzen Tag dort zeichnen …

Morgenblick auf das Schweriner Schloss.

Am nächsten Wochenende steckt das kleine A6-Hahnemühle-Buch (zu dem ich nach einem Ausflug in größere Formate zurückgekehrt bin) beim Morgenweg in der Jackentasche. Den Sonnenaufgang habe ich um eine halbe Stunde verpasst, doch das Schloss im Morgenlicht entschädigt mich. Leider ist es zum Sitzen noch zu feucht, so dass die kleine Skizze samt Kolorierung im Stehen fertig – und dann auch noch trocken! – werden muss.

Die Sternberger Kirche von Süden.

Letztes Wochenende, wieder auf dem Weg nach Güstrow, habe ich in Sternberg Rast gemacht. Hier führt die Ortsumgehung direkt an der eindrucksvollen alten Stadtbefestigung entlang, die Kirche mit ihrem dicken Turm ist auf jeder Durchreise eine Einladung zum Zeichnen. Natürlich war auch dieses Mal wieder die Zeit knapp – anderthalb Stunden blieben für Kaffee, Motivsuchspaziergang und schlussendlich das Bild.

Der Ort, den ich zum Zeichnen gefunden hatte, war traumhaft: ein ungestörter Sitzplatz mit Blick auf die im Streiflicht prunkende Südfassade der Kirche, nur: wie bringt man so viel Pracht in zwanzig Minuten unter? Ich entschied mich für „erst-Farbe-dann-Linie“. Allerdings habe ich einen Tag später noch die Schatten vertieft – und gemerkt, dass es manchmal überhaupt nichts macht, wenn die Perspektive nicht stimmt.

Im Übrigen schien in dieser Sonntagsidylle die Eile in der Luft zu liegen. Während ich zeichnete, ging die Feuersirene und kurz darauf brauste ein Auto auf den Hof des Gemeindehauses, auf dessen Treppe ich daß. Natürlich brachte ich beides in meiner Versunkenheit gar nicht miteinander in Verbindung – erst als der freiwillige Feuerwehrmann, sich auch noch freundlich entschuldigend, mit einem Satz über meine Malutensilien sprang, ging mir ein Licht auf.


Landpartie

Letztes Wochenende, bei diesem unglaublichen Wetter, waren wir auf Landpartie. Zwischen grünen Wiesen und unter tiefblauem Himmel, noch ohne Lerchen, so saßen wir: meine kleinen Großnichten selig auf einem Pferderücken und ich – nicht minder selig – mit Stift und Block in der Landschaft.

Birnbaum in Alt Jassewitz. Kugelschreiber und Aquarell.

Am Nachmittag trennten sich die Wege, und ich fuhr ein paar Kilometer weiter nach Hohenkirchen, das seinen Namen zu Recht trägt. Als eine weithin sichtbare Landmarke steht die wuchtige gotische Kirche etwas oberhalb des Dorfes auf einem Hügel; zeitlos, wie es scheinen will, als wäre sie schon immer da gewesen.

Die Dorfkirche von Hohenkirchen bei Wismar

Zu meiner Freude war die Kirche geöffnet. Drinnen erwartete mich eine Überraschung: ein frühmittelaterlicher Taufstein, sichtlich älter als die gotische Kirche. Vieles spricht dafür, dass diese Art von Taufsteinen sogar älter ist als das offizielle Datum der Chrisianisierung Mecklenburgs. Sie legen Zeugnis ab von Glauben und Ritus bäuerlicher Volksgruppen, über die wir nur wenig Gesichertes wissen.

Der frühmittelalterliche Taufstein in Hohenkirchen. Das rechts unten als „Zopf und Schleife“ bezeichnete Motiv könnte einen Lebensbaum symbolisieren.

Deutschland, einig Vaterland

Das mecklenburgische Dorf Mestlin wurde in den 50er Jahrne zum „sozialistischen Musterdorf“ ausgerufen und erhielt einen großen leeren Platz mit Schule, Landambulatorium, Geschäften und vor allem einem überdimensionierten Kulturhaus im Stalinstil. Es steht mittlerweile unter Denkmalschutz, wird von einem Verein betreut und nach langem Leerstand gelegentlich wieder genutzt.

Als ich am Sonntagabend dort zum Zeichnen Halt machte, hing eine blauweiße Rautenflagge draußen und kündigte ein „Oktoberfest“ an. Kaum hatte ich mich in der Bushaltestelle niedergelassen, kam ein offensichtlich genervter Halbwüchsiger vorbei und schmiss ein paar Knaller dagegen – ob sie mir galten, habe ich lieber nicht ermittelt. Die faschingsmäßig „bayerisch“ kostümierten Dorfbewohner, die nach und nach eintrafen, nahmen von mir zum Glück keine Notiz.

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Der sozialistische Dorfplatz in Mestlin.


Einmal Nirgends und zurück – Teil 1

Will man von Schwerin aus in den Harz oder das westliche Thüringen reisen, ist auch für hartgesottene Bahnfahrer das Auto die bessere Wahl – die Verbindungen mit dem Zug sind einfach zu unkomfortabel. So ging es mir letztes Wochenende, als ich ins thüringische Mühlhausen wollte. Ich hatte eine Strecke entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze gewählt. Wer die Region kennt, weiß, dass diese Grenzgebiete auf beiden Seiten dünn besiedelt und – von Wolfsburg abgesehen – industriell wenig entwickelt blieben. Es gibt viel weite, offene Landschaft, besonders entlang der Elbe, und schöne alte Orte im Dornröschenschlaf – beste Voraussetzung zum Zeichnen.

Für Salzwedel hatte ich mir einen ganzen Nachmittag eingeplant – in Anbetracht der vielen Schätze, die die Stadt birgt, hätte ich dort auch eine Woche zeichnend zubringen können. Wie der Name sagt, war Salzwedel eine wohlhabende Salzstadt, Hansestadt auch; ihre reiche Bausubstanz hat alle Kriege unbeschadet überstanden.

Bei einer früheren Rast hatte ich schon einmal die Gegend um die Marienkirche ins Auge gefasst. Ich begann mit dem „Adam-und-Eva-Tor“, einem reich geschnitzten Tor von 1534.

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Blick in den Torweg des Adam-und-Eva-Tors, Salzwedel

Die Schnitzereien sind in einem monochromen Grau gestrichen – ob es original einmal bunt war, habe ich nicht herausbekommen. Neben den Figuren von Adam und Eva findet sich einiges an für die Renaissance typischem Zierrat; Eva wirkt auf uns heute merkwürdig androgyn und entspricht damit dem Schönheitsideal ihrer Zeit. Der  Totenschädel hängt nur über ihrem Kopf, auf Adams Seite befindet sich eine der zahlreichen Schellen, deren Sinn (wenn es denn über die Dekoration hinaus einen gab) sich mir nicht erschließt. Gezeichnet sind beide Bilder – wie auch das von der Marienkirche weiter unten – auf dem schönen glatten Stillman&Birn-Zeta-Papier.

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Evas Seite – mit Totenkopf und einer geschnäbelten Schlange  – der Künstler kannte anscheinend nicht nur keine Löwen, sondern auch keine Schlangen.

Mittlerweile hatte die Marienkirche geöffnet. Die Kirche ist riesig, ein mehrfach mit steigendem Wohlstand erweiterter Backsteinbau mit einem umbauten und schiefen Turm und ungewöhnlichen Quergiebeln. Zuerst sah ich mich im Innern um und entschloss mich, ein Lesepult in Form eines Adlers zu zeichnen. Leider konnte ich sein Alter nicht herausbekommen.

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Lesepult in der Salzwedeler Marienkirche, gezeichnet in meinem kleinen A6-Hahnemühle-Buch.

Von außen sperrte sich die Kirche mit ihrer komplizierten Architektur zuerst allen Versuchen, sie aufs Blatt zu bringen. Erst auf dem Rückweg, zwei Tage später, bekam ich ihre Dimensionen halbwegs zu fassen.

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Die Salzwedeler Marienkirche von Süden – ein Versuch.