Aus der Zeit gefallen
Veröffentlicht: 29. September 2026 Abgelegt unter: Allgemein, Reiseskizzen, Urban Sketching | Tags: Urban Sketching, Wirtschaftswunder Hinterlasse einen KommentarDie Mauer fällt, die Schrift bleibt an der Wand.
Heinz Rudolf Kunze, Deutschland (Verlassen von allen guten Geistern), Version ’90
Als ich in Bremen angekommen war, vor anderthalb Wochen, hatte ich schon einige Tage keinen Zeichenstift mehr in der Hand gehabt. Ich brauchte einen kleinen Ruck und ein einfaches Motiv, um über die Schwelle zu steigen, die sich bereits ganz still und leise vor mir aufgebaut hatte. Zuerst kam die Skizze einer Raucherin im Außenbereich des Cafés, dann sah ich die Schrift.

Ein Schriftzug, viel eleganter als meine etwas ungelenke Abzeichnung vermuten lässt, darunter viermal Herrenmode, „casual“ gehoben, hanseatisch lässig. Ein Traditionsgeschäft mit einer Anmutung von Wirtschaftswunder.
Während ich zeichnete, erinnerte ich mich an die lange zurückliegende Lektüre von Bölls „Brot der frühen Jahre“ – ein junger Mann bewegt sich durch das Köln der 50er Jahre und sieht hinter den glatten Gesichtern und den polierten Fassaden den Hunger, die Gier und die Hartherzigkeit der frühen Nachkriegsjahre.
Fertig mit der Zeichnung, lief ich Richtung Markt, ließ mich in der Liebfrauenkirche nieder (das Bild habe ich schon gezeigt), übersah die Stadtmusikanten in ihrer Ecke und stand auf dem Markt.

Was ich hier an einer Hauswand las, hätte mir die Sprache verschlagen, wäre ich nicht schweigend allein unterwegs gewesen:
Gedenke der Brüder, die das Schicksal unserer Trennung tragen.
Ein Satz, angebracht in den frühen 50er Jahren, bezogen auf die deutsche Teilung. In dieser Zeit war die Grenze noch halbdurchlässig, konnte in beide Richtungen gequert werden, die Berliner Mauer lag in ferner Zukunft. Betrachtet man die Schrift aus der Nähe, fällt ihr fast provisorischer Charakter auf; die Buchstaben sind auf einem Metallgitter befestigt, das von der Wand zu nehmen kaum mehr als einen Tag in Anspruch nehmen dürfte.
Niemand hat das bisher getan.
Es war ein eher linker SPD-Bürgermeister, der den Satz anbringen ließ, kein Kalter Krieger; der Schmerz über die deutsche Teilung hielt sich nicht an politische Lager. (Es gab ihn auch in meiner Herkunftsfamilie, die vom Mauerbau in nie wieder zusammenführbare Teile zerspalten worden war.)
Gezeichnet habe ich Haus und Schrift an meinem Abfahrtstag, vor Ort als unfertige lineare Zeichnung, die Farbe kam Tage später. Während ich mit dem Bild beschäftigt war, zogen verschiedene Gedankenbahnen durch meinen Kopf, von den fehlenden Schwestern zu den Brüdern bis zur der Frage, warum sie an der Wand geblieben war, die Schrift.
Eine Antwort habe ich bisher nicht gefunden.
Volkskunde
Veröffentlicht: 15. Oktober 2016 Abgelegt unter: Allgemein, Bewohntes Gelände 5, Mixed Media, Reiseskizzen, Urban Sketching, visuelles Tagebuch | Tags: 60er Jahre, Brauerei, Fränkische Schweiz, Oberfranken, Pilgerweg, Wirtschaftswunder Hinterlasse einen KommentarDie fünfte Etappe meiner Pilgerwanderung hat begonnen. Einmal längs und vielleicht auch ein bisschen schräg von Deutschlands Mitte bis zum Bodensee, so ist es geplant, angekommen bin ich mittlerweile in Oberfranken. Bamberg war der Schlusspunkt der vierten Etappe, Nürnberg das nächste Ziel. Dazwischen: Die Fränkische Schweiz, ein kleines bisschen östlich der als solche ausgeschriebenen Pilgerwege. Eine ländliche und, ja, ein bisschen abgelegene Gegend, das hatte ich schon bei den Vorbereitungen gemerkt.
Die erste Übernachtung im Kloster Kirchschletten, wo ich vergangenes Jahr aufgehört hatte, und dann weiter hügelauf hügelab Richtung Südosten, Unterkunft in Würgau in einem Brauereigasthof, wie es hier noch viele gibt, kleine Familienbetriebe, wo die Leute aus den umliegenden Dörfern ihr Bier kastenweise holen und auf eine Brotzeit oder einen Braten mit Klößen einkehren.

Die „Brauerei Hartmann“ in Würgau. Der Gasthof ist fachwerkhübsch, doch die Braukessel tragen Wirtschaftswundermode – Kacheldekor und eloxierte Fensterrahmen.
Am nächsten Tag 150 Höhenmeter hoch auf den Fränkischen Jura, ein Karstplateau, das immer mal wieder von tiefen Schluchten durchzogen wird. Oben flaches Land, fast parkartig, Schlehen- und Weißdornhecke filtern den hier vermutlich immer wehenden Wind, Kreuze und Kapellen an jeder Wegkreuzung. Im Dorfgasthaus sitzt, als wäre er für die Zeichnerin bestellt, der Herr Pfarrer mit am Stammtisch.

Stammtischpublikum in den „Drei Kronen“ in Königsfeld/Oberfranken.
Tudorburg und Nierentisch
Veröffentlicht: 4. November 2015 Abgelegt unter: Bewohntes Gelände | Tags: 60er Jahre, Architektur, Coburg, Neugotik, Oberfranken, Tudorstil, Wirtschaftswunder Hinterlasse einen KommentarNach der Entdeckung des Coburger Sonnenhauses war ich dort ein wenig auf der Suche nach Stilbrüchen. (Zu Hause erst fiel mir auf, dass ich die sehr attraktive Renaissance-Architektur mit ihren bunten Fassaden ganz und gar verschmäht hatte.) Fündig wurde ich am frisch renovierten Albertsplatz, an dem sich eine der einschlägigen Tudorburgen mit einem Ladengeschäft in lupenreiner Nachkriegs-Nierentischästhetik verbunden hat. Als ich mir später Archivbilder des Platzes ansah, stellte ich fest, dass bei der Neugestaltung jemand mit Gespür für Details am Werk gewesen sein musste: Der so passgenau scheinende Schriftzug ist neu und hat einen im 70er/80er-Stil ersetzt.
Zeitkapsel
Veröffentlicht: 8. Dezember 2014 Abgelegt unter: Artist Journal, Ink&Wash, Urban Sketching | Tags: Architektur, Bonn, visuelles Tagebuch, Wirtschaftswunder 3 KommentareIch habe gerade vier Tage Fortbildung hinter mir, die in der Mensa der Bonner Uniklinik auf dem Venusberg stattfand. Dieses Gebäude ist eine Zeitkapsel, direkt aus den Wirtschaftswunderjahren der jungen Bundesrepublik in die Gegenwart gekommen. Es ist völlig unsaniert – einschließlich der Originalfenster mit Einfachverglasung, Schwingtüren mit Drahtglas und eloxierten Metallgriffen und einem Lastenfahrstuhl, der die Jahreszahl 1958 trägt.
In den beiden Speisesälen gibt es modernes Mobiliar, auch die Beleuchtung ist nicht mehr original, an einigen wenigen Stellen liegt hässlicher PVC-Bodenbelag, ansonsten dürfte architektonisch im wesentlichen alles auf dem Stand vom Ende der 50er Jahre sein.


