Pfullendorf …

… ist, anders als der Name vermuten lässt, kein Dorf, sondern eine Kleinstadt in Bodenseenähe. Mein letzter Wandertag hatte von Wald noch einmal durch den Wald geführt, der hier schon hügeliger wurde und nicht mehr so sumpfig war wie am Vortag. Als er sich sich nach einigen Kilometern unvermittelt öffnete, hatte es auch die Sonne durch den Nebel geschafft und die Stadt lag mit schöner Silhouette am gegenüberliegenden Hang.

Wie immer, wenn ich schon denke, ich sei angekommen, zog sich der Weg – erst durch Gewerbegebiete, dann durch eine endlos scheinendende Neubausiedlung zur Wallfahtskirche „Maria Schray“ am oberen Stadtrand.

Als ich nach einer Rast aus der Kirche trat, hatte es sich bereits wieder zugezogen; am „Oberen Tor“ begann es zu tröpfeln, so dass ich sie nur in ihren Umrissen erfassen konnte. Das bunt bemalte Relief in seiner für das späte Mittelalter so typischen Mischung aus Volksfrömmigkeit und Bürgerstolz habe ich zu Hause nach Foto ergänzt.

Hinter derm Oberen Tor folgte ich der steil zum Markt abfallenden Hauptstraße. Prachtvolle Fachwerkhäuser prägen das Bild der Stadt – und sind doch hier, wie an vielen ähnlichen Orten, oft nur noch Fassade. Gewohnt wird im Eigenheim am Hang; der Trend zurück in die Innenstadt ist an den Kleinstädten bisher vorüber gegangen. Auch die Gaststätten haben sich dem angepasst – hinter „Adler“ und „Lamm“ findet man allzuoft nur noch einen Döner, während die moderne Erlebnisgastronomie an der Ausfallstraße stattfindet.

Und dann entdeckte ich das „Café Moccafloor“. Der große Raum, dessen hässliche Deckenverkleidung an ein vormaliges Schuhgeschäft erinnerte, quoll über von einem Sammelsurium an Sperrmüllmöbeln, Pflanzen, Kronleuchtern, Kuchenvitrinen, einem Klavier … umrahmt von türkis gestrichenen Wänden voller Spiegel und Bilderrahmen. Ein Ort, der geradewegs aus der gentrifizierten Mitte einer Großstadt hier her versetzt zu sein schien, mit dem Unterschied, dass an den Tischen nicht die üblichen Verdächtigen beim Matcha-Latte saßen, sondern Familien neben Frauen mit Markttaschen und einem Trachtenhut beim Bier.

Auch ich reihte mich dort ein mit Kaffee und Torte, blieb, bis das Bild fertig war, die Dämmerung einfiel und die Jakobus-Kirche geschlossen wurde, ich freute mich an diesem Nippes gewordenen Gegenentwurf zu AOK und Sparkasse hinter Fachwerkmauern, an dieser lebensfrohen Zuflucht für graue Kleinstadtnachmittage.


Von Meßkirch nach Wald

Zuerst fielen mir die Vögel auf den Antennen auf. Wann hatte ich zuletzt Antennen auf einem Dach gesehen? Das Haus darunter bemerkte ich später, als ich meinen Rundgang durch die überschaubare Innenstadt von Meßkirch beendet hatte. Ein Haus, das aussah wie die Abrisshäuser, in denen wir als Greifswalder Studenten gelebt hatten, in einer fernen, sagenhaften Zeit, in der ein Klohäuschen auf dem Hof zwar nichts Tolles, aber auch nichts Spektakuläres war.

Das Haus, dieses Meßkircher Haus, war seit der Plumpsklo- und Antennen-Zeit sichtlich nicht umgebaut worden, doch war es auch nicht gänzlich verfallen. Auf der kleinen Treppe, die zu Tür und Toilettenanbau führte, sah ich einen Oleander im Topf und eine ganze Batterie an Gießkannen – jemand nutzte diesen Ort. Wer, das bekam ich leider nicht heraus, doch ich nahm mir bis zum Dunkelwerden Zeit für Fensterbänke, Fachwerk und bröckelnden Putz. Zu Hause bin ich dann noch einmal mit Farbe darüber gegangen.

Am nächsten Morgen wandte ich mich der erhaltenen Architektur zu. Das Meßkircher Rathaus hatte ich schon den ganzen Morgen aus meinem Zimmerfenster betrachtet, und als die Putzfrau kam und ich ausziehen musste, setzte ich mich auf die Treppe darunter und zeichnete weiter: überquellendes Renaissance-Dekor, Säulen, Hermen, Schnecken, Wappen … Als sich der in der Bodenseeregion allgegenwärtige Nebel hob, war gleich noch einmal so viel davon zu sehen.

Gegen Mittag machte ich mich durch einen langen, herbstlich-heiteren Wald auf den Weg nach Kloster Wald. Das ehemalige Zisterzienserinnen-Kloster beherbergt heute eine Internatsschule, doch die Kirche ist der Öffentlichkeit zugänglich. In der fallenden Dämmerung zeichnete ich, was man in Barockkirchen immer reichlich findet: ein pausbäckiges, bubenhaftes Engelchen.

Alle drei Bilder sind in meinem schönen, aber leider wegen des quadratischen Formats etwas unpraktischen Stillman&Birn Softcover Beta Skizzenbuch auf mit etwas Aquarellfarbe vorgrundierten Seiten entstanden.