Rückblick – Kloster Lehnin

So, wie sich die Stadt Brandenburg „an der Havel“ in den offiziellen Ortsnamen schreiben ließ, um sich vom Land gleichen Namens zu unterscheiden, wählte das Örtchen Lehnin „Kloster“ als Namenszusatz – die Unterscheidung zielt auf einen Revolutionsführer. Der Ortsname wird, Nahewohnende wissen das, auf der zweiten Silbe betont. Wie Schwerin oder Genthin. Oder Berlin. Eigentlich kann man da gar nichts verwechseln.

Natürlich gibt es in Kloster Lehnin ein Kloster. Oder gab, je nach Blickwinkel, denn Mönche leben hier seit fünfhundert Jahren nicht mehr. Es war ein Zisterzienser-Kloster, das erste in der Mark Brandenburg, zu deren Entstehung und Konsolidierung es beitrug. Die Zisterzienser verstanden es, Glaubensstrenge und Askese eines Reform-Ordens mit Geschäftssinn und politischem Kalkül zu verbinden. Auf dieses Weise wurden sie zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor.

Bekannt waren sie für ihre Neugründungen in Sumpfgebieten. Gelegentlich kann man lesen, dies sei von dem Wunsch angetrieben gewesen, den Tod immer vor Augen zu haben, denn das Leben im Sumpf war ungesund. Ich tendiere eher zu der These, dass Sumpfregionen neben abgelegenen Berggegenden die einzigen waren, die im bereits weitgehend landwirtschaftlich erschlossenen Mitteleuropa die erwünschte Abgeschiedenheit boten. Wie dem auch sei – Lehnin zeigte ideale Bedingungen und ist auch heute noch von Seen und Feuchtgebieten umgeben.

Zwischen Sumpf und See war ich auf überraschend gut ausgebauten Radwegen von Brandenburg her angeradelt gekommen. Als der Nebel sich hob, lag wieder einmal – es würde noch ein paar Tage so bleiben – eine absurde Wärme über dem herbstlichen Land. Etwas erschöpft schlenderte ich über das weitläufige Gelände, verweilte in der Kirche und im Apfelgarten und blieb schließlich vor dem „Königshaus“ sitzen.

Das Königshaus, in der Bauzeit ein Hospital, erhielt seinen Namen, als König Friedrich Wilhelm IV. das Gebäude kaufte, um es vor dem Abriss zu bewahren. Die Klosteranlage war zu diesem Zeitpunkt, um die Mitte des 19. Jahrhunderts, in einem bedauernswerten Zustand – die Kirche halb zerfallen und die schönen mittelalterlichen Profanbauten mehr schlecht als recht landwirtschaftlich genutzt. Das änderte sich 1911 mit dem Einzug der Diakonissen, die den zisterziensischen Geist des „ora et labora“ neu belebten. Da war die Kirche schon wiederaufgebaut, eine vorbildliche Leistung des frühen deutschen Denkmalsschutzes.

Der Ostchor, den ich hier gezeichnet habe, hat noch originale Bausubstanz, auch wenn der romanische Raumeindruck durch Um- und Einbauten verwischt ist. Das traditionelle Lebensmodell der Diakonissen ist fast verschwunden, auch in Lehnin leben keine mehr. Es gibt ein Hospiz, eine Rehaklinik und ein Tagungszentrum; Einrichtungen, denen man wünscht, dass etwas vom Geist des „Dienstes“ in ihnen überleben möge.

Inzwischen sind vier Wochen vergangen, morgen ist der erste Advent und mein Rückblick endet. Von Lehnin aus war ich über Potsdam und Berlin-Spandau, in weiten Teilen dem Mauerradweg folgend, nach Oranienburg gefahren. In diesen Teil der Reise gehörten zahlreiche Begegnungen, mit Verwandten, mit alten Freunden und mit Erinnerungsorten … Die wenigen Zeichnungen, die doch noch entstanden waren, habe ich schon gezeigt.


Rückblick – Jerichow

Diese alten Kirchen sind versteinerte Psalmen. In solcher Kirche kann die Predigt zur Not wegfallen, weil die Steine predigen.

Wilhelm von Kügelgen

In Jerichow, gegenüber von Tangermünde in Elbnähe gelegen, steht eine solche Kirche. Bis auf die gotisch zugespitzten Türme ist es ein klassisch romanischer Bau, der eindrucksvoll aus der flachen Elbniederung ragt. Ich kam am Nachmittag dort an, es war still, auf dem weitläufigen Gelände mit Klostergarten, Wirtschaftsgebäuden und Museum fanden sich nur wenige Besucher.

Als ich die Kirche betrat, erinnerte ich mich an den Satz von Kügelgen: Ich habe selten einen so harmonisch proportionierten, erhabenen Raum gesehen. Ich verweilte ein wenig dort, durchrundete die Anlage und kam wieder, um bis zum eindunkeln zu zeichnen.

Der Raum mit seinen romanischen Proportionen ist ausnahmsweise kein Resultat von Um- und Anbau, von Zerstörung und Wiederaufbau; kaum ein anderes romanisches Bauwerk hat nach seiner Errichtung so wenig spätere Veränderungen erfahren wie die Stiftskirche von Jerichow. (Stiftskirche ist der korrekte Ausdruck, denn die Anlage war kein Kloster, wenn es auch architektonisch nicht von einem solchen zu unterscheiden ist, seine Bewohner waren „Chorherren“, adlige Priester und keine Mönche.)

Was uns mit seiner zeitlosen Harmonie berührt, ist bautechnisch das Produkt einer Revolution: der erste Bau im Norden Deutschlands, der aus gebrannten Ziegeln errichtet wurde. Diese Technik war im Mittelmeerraum weithin gebräuchlich gewesen, doch in den Wirren der Völkerwanderungszeit vielfach in Vergessenheit geraten; oberitalienische Bauleute brachten sie hierher, von hier verbreitete sie sich in ganz Nordeuropa.

Am nächsten Morgen war ich schon vor der Öffnung an der Kirche. Es entstand eine schnelle Skizze, bevor ich hineinging, noch einmal den Raum in mich aufnahm, hier und dort noch ein paar Striche probierte und zum Schluss doch Fotos machte, bis ich mich endgültig trennen musste …


Im Val Müstair

Am Kloster St.Johann im Schweizer Münstertal (auf rätoromanisch Val Müstair) endete meine lange Wanderung. Heiter war ich über den Pass da Costainas gekommen und nach einer Nacht in dem hochgelegenen Örtchen Lü heiter das Tal hinunter gelaufen. Vor dreizehn Jahren hatte ich hier schon einmal eine Woche verbracht; dieses Mal blieb mir leider nur noch ein Tag, dafür aber in der Klosterherberge. Bei den gastfreundlichen Benediktinerinnen fühlte ich mich willkommen, gern wäre ich länger geblieben hinter den dicken Mauern, zwischen den Blumenbeeten des alten Wirtschaftshofes, in den mit Schnitzereien und Wandbehängen geschmückten Räumen …

Das Kloster wurde in karolingischer Zeit, im Jahr 775, gegründet; seitdem, seit 1200 Jahren, gibt es hier durchgehend einen benediktinischen Konvent. Seit 1200 Jahren wird in der berühmten Klosterkirche das benediktinische Stundengebet gesungen. Die Kirche ist ebenso alt, nicht nur, wie vielerorten, die Grundmauern oder die Krypta, sondern der gesamte, nicht sehr große Bau, der im Innern komplett ausgemalt war. Das Kloster wurde nie zerstört und immer nur stückweise umgebaut, so dass viele dieser Malereien erhalten sind. Sie haben große Ähnlichkeit mit denen in St.Georg auf der Reichenau; ob sie wirklich gleich alt sind, wird unter Fachleuten kontrovers diskutiert.

Den schönsten Blick hat man von Osten auf die Anlage. In der Mitte die alte Klosterkirche mit ihren drei unterschiedlich großen Apsiden, die dem Bau etwas organisches geben, rechts der charakteristische dicke Wehrturm von 960 und links der Glockenturm, den eine kluge Äbtissin in der Reformationszeit errichten ließ, um die Dorfbewohner beim „alten Glauben“ zu halten – was ihr auch gelang.

Trotz Welterbestatus ist Müstair ein stiller Ort geblieben, von der Schweiz aus nur nach einstündiger Fahrt über den Ofenpass zu erreichen. Für mich ist es ein Sehnsuchtsort geworden, den ich gern wieder und wieder aufsuchen würde, und sei er auch noch so fern.


Media vita in morte sumus

Der heutige Tag gehörte der Stiftsbibliothek von St.Gallen, einer der größten Sammlungen mittelalterlicher Handschriften und Artefakte weltweit und der einzigen Klosterbibliothek, deren Bestände seit dem sehr frühen Mittelalter (um 700) in großer Zahl erhalten sind. Zuerst ging ich in den barocken Bibliothekssaal, der mit seinen geschmückten Galerien und seinen honigfarbenen Holzpaneelen als solcher schon sehenswert ist. In diesem Saal gibt es Wechselausstellungen originaler Bücher und Handschriften, in diesem Jahr lautete das Thema „Gebet“.
Ich machte gar nicht erst den Versuch, mir alles anzusehen, auch den Audioguide steckte ich schnell wieder in die Tasche, sondern verweilte nur bei wenigen Vitrinen. Zuerst waren es die berühmten illustrierten Stundenbücher aus dem Spätmittelalter, die mich anzogen – ich war erstaunt, wie winzig manche waren, kleiner als A6, die Malereien schon Miniaturen…Und dann fand ich das Antiphonar, das der Mönch Hartker um 1000 herum, also hunderte Jahre vor den hübschen Luxusprodukten, geschrieben hatte. Es handelt sich um ein dickes Buch, in dem gesungene Stundengebete – sogenannte Antiphone – aufgeschrieben sind. Aufgeschlagen war das Buch auf der Seite mit den berühmten und vielfach vertonten Zeilen „Media vita in morte sumus“ – häufig übersetzt mit „Mitten im Leben sind wir vom Tod umgeben“. Ich war diesem Satz auf dieser Reise schon einmal begegnet, bei dem anrührenden kleinen Denkmal für die Opfer des Flugzeugunglücks von 2002. Hier erfuhr ich nun, dass die St.Galler Mönche die Zeilen täglich gesungen haben.


Die Zeichenbedingungen waren denkbar ungünstig. Zum einen herrscht aus konservatorischen Gründen Dämmerlicht im Raum – man sieht also kaum, was man gezeichnet hat. Fotografieren ist verboten. (An meinem Zeichnen, natürlich nur mit trockenen Medien, hat sich niemand gestört). Die Farbe habe ich später ergänzt. Besonders gefreut habe ich mich, dass ich die Handschrift online gefunden habe (viele alte Handschriften sind bereits digitalisiert und öffentlich zugänglich)und und so einen Versuch wagen konnte, Hartkers karolingische Minuskel nachzuempfinden.


Horizont

Als ich das Projekt begann, einmal längs durch Deutschland zu gehen, war der Bodensee so etwas wie mein Horizont, und die Insel Reichenau mit ihren Klöstern der Leuchtturm darauf. Hier hatte es angefangen nach den dunklen Jahrhunderten der Völkerwanderungszeit, hier gründeten (vermutlich irische) Mönche erste Klöster, in deren Schreibstuben und Gärten bald darauf Kunst und Wissenschaft erblühten.

Gestern habe ich die Insel Reichenau besucht. Sie ist seit (mindestens) römischer Zeit durchgehend besiedelt. Heute ist sie für ihren Gemüseanbau bekannt, vermutlich geht auch der schon auf die Römer zurück. (Nicht umsonst schrieben die Mönche hier gartenkundliche Abhandlungen.) Buchstäblich jeder Quadratzentimeter der Insel ist bepflanzt, und zwar in einer für die heutige Zeit geradezu aberwitzig kleinzelligen Parzellierung, die auf Besitzverhältnisse der Klosterzeit zurückgeht.

Und zwischen all den Gewächshäusern, Beeten, Feldern und kleinen Weinhügeln stehen drei der ältesten Kirchen Mitteleuropas.

Die erste, auf die man trifft, wenn man die Insel betritt, ist St.Georg, und von außen sieht sie erst einmal nicht besonders spektakulär aus. Innen enthält sie jedoch einmalige, ebenfalls auf die Gründungszeit um 800 datierte Wandmalereien.

Die Kirche St.Georg in Oberzell.

Ich war früh aufgebrochen und hatte diesen schönen Blick lange an einem kühlen Morgen für mich allein; später wurde es schwül und drückend und vielleicht lag es daran, dass mir vom viel gewaltigeren Münster kein ordentliches Bild gelang. Vielleicht hatte ich auch einfach das Gefühl, dass ich gern noch einen Tag und noch einen und noch einen gehabt hätte, um dieser gesegneten Insel ein bisschen gerecht zu werden.


Auf dem Klosterweg

Dieses Jahr gab es für mich keinen Pilgerweg. Ich hätte es noch „schaffen“ können, aber ich entschied mich für eine Woche Wanderurlaub im Harz. Bei der Planung stieß ich auf den „Harzer Klosterwanderweg“ – einen Pilgerweg im Kleinen. In seiner ganzen Länge führt er von Goslar nach Quedlinburg und ist auf eine Gehwoche ausgelegt – ich bin davon drei Etappen gegangen.

Am nördlichen Harzrand ist jeder Stein von Geschichte getränkt; in allen Orten findet man Burgen, Klöster, Kirchen – und manchmal nur deren Ruinen. Besonders die Klöster waren vor fünfhundert Jahren schwer von Reformation und Bauernkrieg betroffen, wurden geplündert und niedergebrannt und kamen danach in unterschiedlichste weltliche Nutzung.

So begann mein Unterfangen auch mit einer Ruine, der des Klosters Himmelpforte, einige Kilometer von Wernigerode im Wald gelegen. Nur eine Mauer erinnert noch daran, dass hier einmal ein Augustiner-Kloster stand, in dem auch Luther zu Gast war.

An dieser alten Klostermauer gibt es den hübschesten Stempel.

Der Weg führte weiter über Drübeck (das ich rechts liegen ließ, weil ich es vor zwei Jahren schon einmal ausführlich besucht hatte) nach Ilsenburg. Während Drübeck als adliges Damenstift über die Jahrhunderte gekommen war, überstand das Ilsenburger Kloster die Reformation als Klosterschule, später wurde es Witwensitz, Verwaltungsgebäude, Schloss und Erholungsheim, um nur einige Nutzungen zu nennen. Heute gehört es einer Stiftung und wird aufwändig saniert, u.a. mit Mitteln der Deutschen Stiftung Denkmalsschutz, die in ihrem Magazin ausführlich darüber berichtet.

Als ich im Kloster ankam, neigte sich der Tag bereits, denn ich war spät aufgebrochen. Die Öffnungszeit reichte gerade dafür, mir einen Überblick über die schöne Anlage und die wunderbaren Räume mit ihren romanischen Säulen zu verschaffen. Immerhin schaffte ich noch ein Aquarell von außen.

Auch hier ist natürlich vielfach umgebaut worden, z.B. hatte die Kirche einmal zwei Türme.

Ein paar Tage später wanderte ich von Wernigerode zum Kloster Michaelstein bei Blankenburg. Hier befindet sich – nach ähnlich wechselvoller Geschichte wie in Ilsenburg – seit den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts eine Musikakademie, es gibt eine Instrumentensammlung, Konzerte etc. Am Ende eines langen Wandertages über die Trockenhänge der Teufelsmauer hatte ich dafür leider nur wenig Sinn; ich rastete ein wenig im Klostergarten und setzte mich zum Zeichnen vor das Tor des weitläufigen Komplexes.

Kloster Michaelstein: Tor mit Turm

Am nächsten Tag fuhr ich mit dem Bus nach Blankenburg, um von dort zum Kloster Wendhusen zu wandern. Nach einem attraktiven Wegabschnitt über ein weiteres Stück Teufelsmauer ging es auf Asphalt und durch Industrievororte von Thale weniger hübsch weiter. Endlich angekommen, sah ich mich erst einmal enttäuscht um: das Museum hatte geschlossen, und von dem auf der Webseite angekündigten Café war weit und breit keine Spur. Das Ganze machte den Eindruck eines leicht heruntergekommenen landwirtschaftlichen Gutes, was es auch seit langer Zeit gewesen war. Erst auf den zweiten Blick sah ich, dass das massive hohe Gebäude kein Getreidespeicher, sondern das ehemalige „Westwerk“ der Klosterkirche war.

Das Kloster Wendhusen lässt sich bis in die karolingische Zeit zurückverfolgen, es ist eines der ältesten Gebäude in der Region. Es war, wie viele ähnliche Anlagen, ein Frauenkloster. Diese Frauenklöster waren, was uns heutige vielleicht verwundert, Machtzentren; sie wurden von Herrscherwitwen oder -schwestern geführt und waren dem Adel vorbehalten.

Ich hatte das Blatt für die Zeichnung schon mit kräftigem Magenta präpariert und fand meinen Spaß daran, den eigentlich eher farblosen Ort darauf abzubilden. Überhaupt besserte sich meine Stimmung bald wieder: es wurde abendstill, nur ein paar Kinder spielten auf dem geräumigen Hof und die Pappeln an der nahen Bode raschelten, niemand wollte abschließen oder nötigte mich zur Eile …


Stralsund im Regen, Teil 3 und Schluss

Am Morgen regnete es nicht. Im Gegenteil: es schien sogar etwas Sonne. Ich hatte mir ein Frühstückscafé am Hafen ausgesucht; es erwies sich als beste Wahl mit gutem Essen und einem Logenblick auf die Warteschlange vor dem Ozeaneum.

Während ich noch mein Wunschziel ansteuerte, zog sich der Himmel bereits wieder zu. Bis es wieder zu tröpfeln begann, schaffte ich immerhin eine vernünftige lineare Zeichnung, die Farbe kam zu Hause. Ich habe nur wenig übertrieben: die pittoresken Häuschen der Hofanlage sind in kräftigen Farben gestrichen.

Die Klosterkirche ist seit dem letzten Krieg Ruine, die gotischen Bauten beherbergten das Stadtarchiv und befinden sich seit Jahren in einem Renovierungsdornröschenschlaf. Der Zauber der Anlage geht von den kleinen Häusern aus, die sich, von der Stadt durch Mauer und Tore getrennt, um zwei Höfe gruppieren. Solche Wohnanlagen – angelegt für Alte, Bedürftige und Kranke – gab es in vielen Städten, in Greifswald, Wismar und Lübeck sind sie erhalten. Mitten in der Stadt ist es dort still und die ummauerten Höfe geben ein Gefühl von Zuflucht und Sicherheit.

Im Frühwinter 1979 habe ich als noch junge Studentin das Stralsunder Johanniskloster zum ersten Mal besucht. In der zeitigen Dämmerung streiften wir durch die Stadt, wir sahen das Tor und drückten auf eine Klinke, sie ging auf und wir stiegen zum Räucherboden hoch, einem großen, schwarzgerußten Speicher, in den puppenstubenkleine Wohnungen hineingebaut waren. Eine alte Frau bat uns hinein und wir sahen uns die Wohnung an, ich erinnere mich an die Winzigkeit, an die Fenster, die auf den düsteren Dachboden hinausgingen, an Nippes und Spitzendeckchen; ich erinnere mich an die zeitlose Unwirklichkeit dieses Ortes mit seinen gotischen Spitzbögen, an den Geruch nach dem Rauch von Jahrhunderten, an das diffuse, langsam dunkelnde Licht über den staubgrauen Dielen …


Günsel und Gottesmutter

Zwischen Wismar, Rostock und Nirgendwo, am nördlichen Rand des Sternberger Seenlandes, liegt Neukloster, das nach Doberan zweitälteste Kloster Mecklenburgs. (Der Name Neu-Kloster stammt noch aus dem Mittelalter und verweist darauf, dass das Kloster kurz nach der Gründung einmal umgezogen ist.) Die Kirche ist mehrfach umgebaut und nach der Reformation leider teilweise abgerissen worden, doch in ihren erhaltenen Bauformen romanisch. Ihr berühmtester Schmuck sind einige sehr alte Glasmalereien.

Die Klosteranlage hat im Hinterland zwischen Wismar und Rostock ein stilleres Leben geführt als Doberan, vieles war verfallen und beschädigt und wird nun Stück für Stück wieder aufgebaut: ich fand bei meinem Besuch die Kirche eingerüstet und zum Zeichnen wenig einladend. So ging ich, zumal das Wetter sich wieder gebessert hatte, erst einmal am Ufer des Neuklostersees spazieren.

An einem Waldrand leuchtete mir ein blauer Pflanzenteppich entgegen. Ich setzte mich auf einen Baumstumpf und fing an zu zeichnen, etwas verwirrt darüber, was ich da gefunden hatte – ich war mir ziemlich sicher, die Pflanze, obschon in vielen Formen vertraut, noch nie bewusst gesehen zu haben. Erst zu Hause, wo ich neben der Bestimmungs-App auch die Bücher zur Verfügung hatte, fand ich es heraus: Es ist der Heide-Günsel, ein naher und ungleich seltenerer Verwandter des Kriechenden Günsels, der in vielen Gärten ein geduldetes Leben zwischen Bodendecker und Unkraut führt.

Dann wandte ich mich wieder dem Kloster zu. In der Kirche findet sich gleich beim Eingang, eingezwängt zwischen Wand und Gestühl, ein schöner spätgotischer Marienaltar – anscheinend gerade noch so geduldet von den protestantischen Hausherren früherer Zeiten. Auch die Krone war der Maria im Laufe der Jahrhunderte abhanden gekommen, so dass die über ihrem Kopf flatternden Engel ins Leere greifen. Das allerdings sah ich erst zu Hause, als ich meine im Dämmerlicht entstandene Skizze mit den Fotos verglich.

Doch gab es immer noch genug, für uns Heutige durchaus Erstaunliches, zu sehen. Maria steht, mit dem Kind auf dem Arm, in einer Strahlengloriole auf einer Mondsichel – ein weit verbreitetes spätmittelaterliches Motiv. Umgeben ist sie von einem Kranz aus Rosen, dem „Rosenkranz“ eben. Das Wort „Rosenkranz“ bezeichnet auch heute noch sowohl die spezielle Perlenkette, die als Zählhilfe dient, wie auch die dabei gesprochene Folge von Gebeten, in denen sich Anrufungen der Maria mit Betrachtungen über das Leben und Sterben Jesu abwechseln.

So erklären sich jene befremdlichen Hände und Füße, die in den Kranz aus Rosen eingebettet sind: sie symbolisieren die Wundmale des Gekreuzigten, derer man im „schmerzensreichen Rosenkranz“ gedenkt. Dass die Gottesmutter eine goldene Perle in der Hand trägt, verweist vermutlich auch auf die Gebetsschnur. Es wäre diesem schönen Altar zu wünschen, dass er nach der momentan laufenden „Notsicherung“ eine sachkundige Restaurierung und einen würdigen Platz bekäme.


Doberan

Nachdem ich die beiden lebendig-toten Herzöge gezeichnet hatte, versuchte ich es mit der Klosterkirche von außen. Ich wählte einen Platz mit schönen Licht-Schatten-Kontrasten, mummelte mich in Wolljacke und Anorak und brachte die Thermoskanne in Positur. Von außen strahlte der Bau jene gesammelte Klarheit aus, die das überladene Innere hatte vermissen lassen. Leider sprang der Funke nur zögerlich vom Gebäude auf die Zeichnung über: ich maß und verwarf und maß wieder, verlor mich in Strebepfeilern und Fensterbögen hörte irgendwann durchgefroren auf.

Erst vorgestern, drei Wochen später, nahm ich die Zeichnung wieder zur Hand und beschloss, ihr mit Schraffur und starken Kontrasten noch eine Chance zu geben.

Die Klosterkirche Doberan an einem windigen kalten Tag im Mai.

Kaum war ich im warmen Auto angekommen, stieg mein Schaffensmut wieder und ich zeichnete den vorderen Teil der Kirche, den Chor, wie ich ihn durch die Windschutzscheibe sah mit seinen schräg angebauten Kapellen, dem komplizierten Über- und Nebeneinander von Verstrebungen und polygonalen Dächern. Auch dies wurde vor Ort nur eine lineare Zeichnung.

Der Himmel hatte sich mittlerweile ganz zugezogen und es herrschte ein diffuses Licht und eine seltsame Farbstimmung zwischen Frühlingsgrün und Backsteinrot. Die habe ich heute versucht, herauszuholen und dabei auf mehrere Lasurschichten noch verschiedene Marker und Buntstifte gelegt.

Der Chor des Doberaner Münsters, vor Ort mit Füller gezeichnet und zu Hause koloriert.

Beuron

Nachdem ich drei Tage lang über die Schwäbische Alb gewandert war, den Albtrauf hoch und das Bäratal entlang bis nach Bärenthal (nein, gesehen habe ich keinen, doch einsam genug wäre es gewesen), führte mich mein Weg zum Kloster Beuron. Das Kloster, das als „Erzabtei“ eine hervorgehobene Stellung unter den benediktinischen Klöstern einnimmt, wird von etwa 50 Mönchen bewohnt, die in besonderer Weise das benediktinische Stundengebet und den gregorianischen Gesang pflegen. Schon einmal, in der Obermainregion, hatte ich – sehr bewegt – diese Gebetsform als Gast in einem Kloster erleben dürfen.

Beuron bietet zudem einen beeindruckenden künstlerischen Rahmen. Analog zur Erneuerung der kirchlichen Liturgie hatte sich zum Ende des 19.Jahrhunderts eine Bewegung von bildenden Künstlern entwickelt, die an frühchristliche und byzantinische Formen anknüpften. Wie immer bei solchen Renaissancen ist auch hier etwas Neues entstanden – neben den archaischen Elementen hat das Ergebnis auch eine Anmutung von Jugendstil.

Die Beuroner Gnadenkapelle ist ein Gesamtkunstwerk, das ganz und gar im Geist dieser Künstlerschule geschaffen wurde. Ich habe dort einige Stunden zugebracht, meditierend, dem Gesang der Mönche lauschend und zum Schluss auch noch zeichnend. Mein Bild empfindet einen kleinen Teil der Apsisausmalung nach, wobei die Ornamentik im Original natürlich viel feiner, ziselierter und harmonischer ist. Ich habe wesentliche Teile der Zeichnung vor Ort auf einem farbig vorgrundierten Blatt begonnen – und bin zu Hause hoffentlich nicht der Versuchung erlegen, aus einem andeutenden Fragment eine realistische Abbildung machen zu wollen.

Als ich meinen Pilgerweg am nächsten Tag fortsetzen wollte, regnete es so stark und anhaltend, dass ich auf den Zug ausgewichen bin. So saß ich gegen Mittag auf dem kleinen Beuroner Bahnhof und hatte noch etwas Zeit, die Kalkfelsen im Herbstlaub zu skizzieren. (Auch hier: vorgrundiert und zu Hause nachgearbeitet.)