Acht Monate
Veröffentlicht: 22. Juni 2026 Abgelegt unter: Allgemein, Herbstreise 2025, Reiseskizzen | Tags: Aquarell, Madonna, mixed media, Romanik, Südtirol 2 KommentareUnerledigtes hat eine eigene Kraft. Nicht umsonst raten Lebenshilfebücher dazu, es auf Listen zu schreiben und ansonsten aus dem Blickfeld zu verbannen. Im Alltag, bei Terminen, Schreibtischangelegenheiten und dem Aufräumen des Kellers halte ich mich gern daran; beim unvollendeten Reisetagebuch meines letzten „großen“ Urlaubs in der Schweiz und Südtirol hatte ich mich anders entschieden. Das Buch samt der zugehörigen Sammlung an Flyern, Eintrittskarten und Stadtplänen bekam einen Ablageplatz zugewiesen, den es acht Monate lang einnahm.
Das hatte auch damit zu tun, dass ich das Buch und die Region, von der es handelt, besonders ins Herz geschlossen habe. Das Schweizer Münstertal und das Südtiroler Vinschgau kommen von uralten Alpenpässen herunter und wurden von Römerstraßen durchzogen, die auch in den „dunklen“ Jahrhunderten danach ihre Bedeutung behielten. Später verarmte die Region, wurde von den großen Wegen abgeschnitten, so dass vieles erhalten blieb, was anderswo durch Modernisierung verloren ging.

Das Kloster Müstair wurde in karolingischer Zeit erbaut und zählt heute zum Weltkulturerbe. Neben phantastisch erhaltenen Wandmalereien aus der Gründungszeit fand man bei Ausgrabungen auch sehr „keltisch“ anmutende Steinarbeiten, die man einer ganz anderen Stilepoche zuschreiben möchte. Zweihundert Jahre später, in der Hochromanik, galten sie als hoffnungslos veraltet und wurden anderweitig verbaut.

Fünfzehn Kilometer talabwärts, im Örtchen Mals, gibt es die kleine, von außen völlig unbedeutend wirkende Kirche St.Benedikt. Ich habe sie hier auf ein postkartengroßes, einmal für andere Zwecke grundiertes Stück Aquarellpapier gezeichnet. Die Kirche ist nur an einem Tag der Woche wenige Stunde mit Führung geöffnet, Fotografieren eigentlich nicht erlaubt, so dass ich eine sehr schnelle Bleistiftskizze gemacht habe und einen „Schnellschuss“ mit dem Handy.

Meine Zeichnung bewahrt den skizzenhaften Charakter. Die karolingische Inneneinrichtung muss spektakulär gewesen sein, mit hochkomplexen dreidimensionalen Stuck-„Applikationen“, Chorschranken aus feinstem Marmor, die perfekt erhalten sind, obwohl sie später z.B. als Türschwellen verbaut wurden, und einer kompletten Ausmalung in leuchtenden Farben. Die durchbrochenen Chorschranken-Reliefs und die Stuckarbeiten haben ebenfalls eine „keltische“ Anmutung mit Flechtwerk, die Malereien kontrastieren mit einem spätrömischen Realismus. Der von mir farbig hervorgehobene Herr stellt einen fränkischen Adligen dar (manche Autoren halten ihn gar für Karl den Großen selbst), dessen Kleidung, Haar- und Barttracht mit fast dokumentarischer Genauigkeit gemalt sind.
Oberhalb von Mals liegt am Hang das Kloster Marienberg, ein riesiger Barockbau, der das Schicksal der fiktiven Abtei im „Namen der Rose“ geteilt hat, jedoch nach dem Brand wieder aufgebaut wurde.

Wenige hundert Meter neben dem Klosterkomplex findet sich ein Kirchlein, das in seiner Gründung noch auf die Völkerwanderungszeit zurückgeht – St.Stephan. St. Stephan war eine Pilgerkirche, in der sich auch Schlafplätze befanden. Später wurde sie erweitert und gotisch ausgemalt, von früherer Ausstattung findet sich hier nichts mehr. Auch hier habe ich eine sehr schnelle Skizze gemacht (in diesem Fall saß mir der Busfahrplan im Nacken), war allerdings mit dem Foto nicht eingeschränkt. Das Aquarell ist nicht vor Ort entstanden, sondern ganz und gar nach der Fotografie, angepasst an das Postkartenformat der anderen Arbeiten auf Aquarellpapier im Buch.
Ich habe diese kleinen Bilder zu den meist einfarbigen Fineliner-Zeichnungen (es war Inktober-Zeit gewesen) ergänzt, indem ich sie eingeklebt habe, verbunden mit anderm Material ist eine sehr dichte und schöne Buch-Collage entstanden. Das Buch ist in einem ungewöhnlichen „amerikanischen“ Format gehalten, 7×10 Inches, was etwa 18×25 cm entspricht, irgendwo zwischen A4 und A5, neben den kleinen quadratischen Handschmeichlern von Hahnemühle mittlerweile mein Lieblingsbuch.

Zum Abschluss hier noch eine Madonna aus dem Klostermuseum von Marienberg – hemmungslose Mixed Media mit Aquarell, Finelinern und Kreiden. Hier kann man die Untermalung, die einmal etwas ganz anderes werden sollte, noch gut erkennen.
Für diese Vollendungsaktion habe ich noch einmal mehrere Abende gebraucht, nun konnte ich das Buch getrost ins Regal stellen. Die restlichen Bilder der Reise finden sich in diesem Blog im Archiv (auf der rechten Seitenleiste über „aktuelle Beiträge“) unter Oktober 2025.
Von Schwerin nach Gadebusch …
Veröffentlicht: 9. Mai 2024 Abgelegt unter: Allgemein, Reiseskizzen, Schwerin - Kopenhagen 2024 | Tags: Backstein, Kirche, Madonna, Mecklenburg, Romanik 2 Kommentare… ist es nicht weit, mit dem Rad eine Nachmittagstour, gerade gut für den ersten Tag meiner diesjährigen Radreise. An der eigenen Haustür loszufahren und dabei Zeit zu haben ist ein erholungsfördernder Luxus.
Gegen Mittag fuhr ich los, nach Westen aus der Stadt hinaus auf vertrauten Wegen, erinnerte mich bei den ersten Dörfern an eine Radtour vor zwei Jahren, während der ich einige Dorfkirchen „eingesammelt“ hatte und erschöpft von Sonne, Wind und den langgestreckten Hügeln wieder zu Hause angekommen war.
Dieses Mal waren die Hügel – man kennt das – kürzer und niedriger (auch blies der Wind wieder aus Osten, was nun hinter mir lag) und schneller als erwartet kam ich in Vietlübbe an.

Die einzigartige Dorfkirche mit dem gleichschenklig kreuzförmigen Baukörper hatte ich schon 1980 einmal besucht; zum Zeichnen war ich, mittlerweile Schwerinerin, 2016 hingefahren. Dieses Mal nahm ich mir die spitzgieblige und so ganz und gar unromanische Außenansicht mit ihrem hohen Dachreiter vor.
Bis zu meinem Tagesziel Gadebusch war es nur noch ein Katzensprung; auch dort steht eine noch teilweise romanische Backsteinkirche. Ich fand sie, zu meiner Freude, geöffnet. Sie ist im Innern freundlich und licht. Schnell fand ich ein Zeichenobjekt, eine frisch aussehende und untypisch rot gewandete Madonna, die als Flachrelief einmal die Seitenwange eines Chorgestühls geziert hatte.

Das Motiv war schneller gefunden als gezeichnet, die aufsichtsführende Dame lud mich ein, am nächsten Vormittag zur Andacht wiederzukommen.
Ich nahm die Einladung gern an und saß am nächsten Vormittag zwischen fünf Damen, deren Altersdurchschnitt ich mit meinen 64 Jahren deutlich senkte. Danach stellte ich die Zeichnung weitgehend fertig, bevor ich mich auf den Weg nach Ratzeburg machte.
Begijnhof
Veröffentlicht: 8. August 2019 Abgelegt unter: Amsterdam 2019, Hommage, Mixed Media, Reiseskizzen, Urban Sketching | Tags: Amsterdam, Beginen, Madonna, Pat Southern-Pearce Ein KommentarIm Herzen des Amsterdamer Touristenrummels, zwischen Büchermarkt und Stadtmuseum, gibt es einen Ort der der Stille. Oder sagen wir mal: es gibt ihn vermutlich zwischen 17:00 und 09:00, wenn die Tore für Touristen verschlossen sind und der Platz denen gehört, die darin wohnen. Am Tage strömen die Menschen, zu denen auch ich zähle – immer sind wir selbst ein Teil des Problems – durch den für die Öffentlichkeit freigegebenen Teil und erdrücken durch ihre schiere Menge das, wonach sie suchen.
Ich nahm drei Anläufe, im Begijnhof zu zeichnen. Beim den ersten beiden wurde die Zeit knapp, weil anderes anlag oder die Tore schlossen; erst beim dritten, am Sonntagmorgen vor der Abfahrt, fand ich Zeit und Ruhe, etwas vom Zauber des Ortes einzufangen, in dem seit hunderten von Jahren fromme Frauen – Beginen – gelebt und gearbeitet hatten.

Das Bild ist nach Anregungen der britischen Künstlerin Pat Southern-Pearce, deren Workshop ich in Amsterdam besucht hatte, entstanden. Es ist das letzte Bild aus einer Serie, doch da ich auf der Heimfahrt im Zug daran arbeiten konnte, kam es – im Gegensatz zu den anderen – schon fast fertig in Schwerin an. Nur die Schrift und die Detailzeichnung der Madonna habe ich noch ergänzt. Dieses Madonna am Giebel sagt uns, dass wir uns am Ort eines lange Zeit sehr diskret, weil in eigentlich strikt calvinistischem Umfeld, praktizierten Katholizismus befinden.
Nachtrag mit drei Tinten
Veröffentlicht: 8. September 2017 Abgelegt unter: Allgemein, Reiseskizzen, Urban Sketching, visuelles Tagebuch | Tags: Holstein, Klassizismus, Madonna 2 KommentareNatürlich habe ich aus Eutin auch Halbfertiges mitgebracht. (Dass es überhaupt halbfertige Skizzen geben kann … ) Da ich vor der Abreise endlich meine Füller wieder auf Vordermann gebracht hatte und es dann am Freitag Abend auch noch eine Bescherung gab, war die Auswahl groß. Interessanter Weise ergab es sich, dass alle drei „Nachgeborenen“ mit unterschiedlichen Tinten gezeichnet sind.
Die samstägliche Mittagspause verbrachte ich in der Michaeliskirche, wo mir der Madonnenleuchter mit seiner ungewöhnlichen Ikonographie auffiel: eine hochmittelalterliche Madonna in einen Leuchter gefasst, an dessen Unterseite sich (hier im Schatten) eine Lutherrose befindet – als hätte jemand die Madonna neutralisieren wollen. Und wirklich: die Leuchterfassung wurde erst im 18.Jahrhundert angefertigt. Konfessionelle Toleranz zeigt sie für mich dennoch, genauso wie Kunstverstand: Galt doch die Madonnenverehrung in der evangelischen Kirche vielfach als eine Art Götzendienst und mittelalterliches in der Zeit der Aufklärung als verstaubter Plunder. (Das Mittelalterrevival kam ein paar zehn Jahre später mit den Romantikern.)

Madonnenleuchter in der Eutiner Kirche, gezeichnet mit meinem neuen Super5-Füller und der zugehörigen Tinte „Australia“
Als ich am Samstagabend ziemlich müde vom Park in die Stadt ging und mich zum Schloss umwendete, konnte ich nicht anders, als doch noch eine schnelle Skizze von den im Abendlicht glühenden Mauern zu machen. Ich setzte nur schnell etwas Farbe aufs Blatt, und genau so zügig habe ich die dann zu Hause mit ein paar Tintenstrichen und einer zweiten Lasur ergänzt. Die braune Tinte steckt in einem Füller mit mittlerer Federbreite, was mir wichtig war, um nicht ins Kleinliche abzurutschen.

Das Eutiner Schloss glüht im Abendlicht. Die Linien habe ich später hinzugefügt – mit brauner Dokumententinte von deAtramentis in einem Lamy Safari M.
Das dritte Bild habe ich am Sonntag Nachmittag angefangen. Nach den schwebend-flüchtigen Barockskizzen und den vielen Gesprächen im Schlosshof hatte ich Lust auf ein bisschen schweigende Architektur. An eben der Stelle, an der am Vortag der Workshop mit Nicola gewesen war, zog mich eine schöne klassizistische Fassade mit Streiflicht in ihren Bann. Schön ordentlich, wie ich es bei Nicola gelernt hatte, machte ich erst ein paar Kompositionsskizzen, dank derer ich mich entschloss, dem Haus bei aller Strenge ein paar Schrägen und ein ordentliches Stück Himmel zu gönnen. Die Farbe kam dann zu Hause.

Lübecker Straße 5. Vor Ort gezeichnet mit Lexington Grey Ink in einem Pilot Prera aus Japan – mein Lieblingskombination für Feines und Genaues.
Bei der Mutter der Insel
Veröffentlicht: 4. März 2017 Abgelegt unter: Allgemein, Ink&Wash, Madeira 2017, Reiseskizzen, Urban Sketching | Tags: Funchal, Madeira, Madonna, Wallfahrtskirche Ein KommentarHoch oben über der Stadt Funchal steht im Vorort Monte eine Wallfahrtskirche. Hier ist es deutlich kühler als unten und feucht vom Nebel. „Die Kälte, die Feuchtigkeit, die Nebel schaffen ein durch und durch von Pflanzen beherrschtes Reich, in dem die Menschen fast fürchten, auf ihren Händen könnten Flechten wachsen und auf ihrem Haar Moos“ schreibt Helena Marques in ihrem Madeira-Roman „Raquels Töchter“. (Das Buch ist eine aus anrührenden kleinen Geschichten zusammen gesetzte Familiensaga aus der Welt des gehobenen Funchaler Bürgertums um 1900; manchmal dicht am Kitsch, gibt es doch viele interessante Hintergrundinformationen zu dem, was man heute in Funchal sieht.)
Um die Kirche herum ist Trubel, hier kommen die Touristen von der Seilbahn und drängen sich die Korbschlittenfahrer um Kundschaft. Gut hundert Meter weiter gibt es einen kleinen Platz mit Anklängen an früheren Kurbetrieb, Bänken, Platanen, ein, zwei Cafés. Aus einer Felswand, gefasst in ein hübsches Brunnenhäuschen und überhangen von riesigen Farnwedeln, sprudelt eine Quelle. Hier ist der eigentliche Ort der „Nossa Senhora de Monte“.
Es war an dem Nachmittag, an dem ich dort saß – die Sonne war aus dem Nebel hervorgekommen, stand aber schon schräg – ein ungemein friedlicher, stiller Ort. Einzelne Menschen betraten das blumengeschmückte Brunnenhäuschen mit dem Madonnenbild, tranken einen Schluck, einige füllten wohl auch mitgebrachte Flaschen und zündeten eine Kerze an. Der Kellner des Cafés, ein alter Herr, kam ab und zu und richtete die umgefallenen Kerzen wieder auf …

Das Brunnenhäuschen der heiligen Quelle in Monte/Madeira.


