Acht Monate

Unerledigtes hat eine eigene Kraft. Nicht umsonst raten Lebenshilfebücher dazu, es auf Listen zu schreiben und ansonsten aus dem Blickfeld zu verbannen. Im Alltag, bei Terminen, Schreibtischangelegenheiten und dem Aufräumen des Kellers halte ich mich gern daran; beim unvollendeten Reisetagebuch meines letzten „großen“ Urlaubs in der Schweiz und Südtirol hatte ich mich anders entschieden. Das Buch samt der zugehörigen Sammlung an Flyern, Eintrittskarten und Stadtplänen bekam einen Ablageplatz zugewiesen, den es acht Monate lang einnahm.

Das hatte auch damit zu tun, dass ich das Buch und die Region, von der es handelt, besonders ins Herz geschlossen habe. Das Schweizer Münstertal und das Südtiroler Vinschgau kommen von uralten Alpenpässen herunter und wurden von Römerstraßen durchzogen, die auch in den „dunklen“ Jahrhunderten danach ihre Bedeutung behielten. Später verarmte die Region, wurde von den großen Wegen abgeschnitten, so dass vieles erhalten blieb, was anderswo durch Modernisierung verloren ging.

Das Kloster Müstair wurde in karolingischer Zeit erbaut und zählt heute zum Weltkulturerbe. Neben phantastisch erhaltenen Wandmalereien aus der Gründungszeit fand man bei Ausgrabungen auch sehr „keltisch“ anmutende Steinarbeiten, die man einer ganz anderen Stilepoche zuschreiben möchte. Zweihundert Jahre später, in der Hochromanik, galten sie als hoffnungslos veraltet und wurden anderweitig verbaut.

Fünfzehn Kilometer talabwärts, im Örtchen Mals, gibt es die kleine, von außen völlig unbedeutend wirkende Kirche St.Benedikt. Ich habe sie hier auf ein postkartengroßes, einmal für andere Zwecke grundiertes Stück Aquarellpapier gezeichnet. Die Kirche ist nur an einem Tag der Woche wenige Stunde mit Führung geöffnet, Fotografieren eigentlich nicht erlaubt, so dass ich eine sehr schnelle Bleistiftskizze gemacht habe und einen „Schnellschuss“ mit dem Handy.

Meine Zeichnung bewahrt den skizzenhaften Charakter. Die karolingische Inneneinrichtung muss spektakulär gewesen sein, mit hochkomplexen dreidimensionalen Stuck-„Applikationen“, Chorschranken aus feinstem Marmor, die perfekt erhalten sind, obwohl sie später z.B. als Türschwellen verbaut wurden, und einer kompletten Ausmalung in leuchtenden Farben. Die durchbrochenen Chorschranken-Reliefs und die Stuckarbeiten haben ebenfalls eine „keltische“ Anmutung mit Flechtwerk, die Malereien kontrastieren mit einem spätrömischen Realismus. Der von mir farbig hervorgehobene Herr stellt einen fränkischen Adligen dar (manche Autoren halten ihn gar für Karl den Großen selbst), dessen Kleidung, Haar- und Barttracht mit fast dokumentarischer Genauigkeit gemalt sind.

Oberhalb von Mals liegt am Hang das Kloster Marienberg, ein riesiger Barockbau, der das Schicksal der fiktiven Abtei im „Namen der Rose“ geteilt hat, jedoch nach dem Brand wieder aufgebaut wurde.

Wenige hundert Meter neben dem Klosterkomplex findet sich ein Kirchlein, das in seiner Gründung noch auf die Völkerwanderungszeit zurückgeht – St.Stephan. St. Stephan war eine Pilgerkirche, in der sich auch Schlafplätze befanden. Später wurde sie erweitert und gotisch ausgemalt, von früherer Ausstattung findet sich hier nichts mehr. Auch hier habe ich eine sehr schnelle Skizze gemacht (in diesem Fall saß mir der Busfahrplan im Nacken), war allerdings mit dem Foto nicht eingeschränkt. Das Aquarell ist nicht vor Ort entstanden, sondern ganz und gar nach der Fotografie, angepasst an das Postkartenformat der anderen Arbeiten auf Aquarellpapier im Buch.

Ich habe diese kleinen Bilder zu den meist einfarbigen Fineliner-Zeichnungen (es war Inktober-Zeit gewesen) ergänzt, indem ich sie eingeklebt habe, verbunden mit anderm Material ist eine sehr dichte und schöne Buch-Collage entstanden. Das Buch ist in einem ungewöhnlichen „amerikanischen“ Format gehalten, 7×10 Inches, was etwa 18×25 cm entspricht, irgendwo zwischen A4 und A5, neben den kleinen quadratischen Handschmeichlern von Hahnemühle mittlerweile mein Lieblingsbuch.

Zum Abschluss hier noch eine Madonna aus dem Klostermuseum von Marienberg – hemmungslose Mixed Media mit Aquarell, Finelinern und Kreiden. Hier kann man die Untermalung, die einmal etwas ganz anderes werden sollte, noch gut erkennen.

Für diese Vollendungsaktion habe ich noch einmal mehrere Abende gebraucht, nun konnte ich das Buch getrost ins Regal stellen. Die restlichen Bilder der Reise finden sich in diesem Blog im Archiv (auf der rechten Seitenleiste über „aktuelle Beiträge“) unter Oktober 2025.


Im Kloster

In den Jahren 773/74 war der noch nicht dreißigjährige Frankenkönig Karl bereits ein ehrgeiziger und in weiten Teilen erfolgreicher Herrscher, doch bis er zum Kaiser gekrönt werden sollte, vergingen noch 25 Jahre. („Der Große“ wurde er ohnehin erst nach seinem Tod.)

Der Legende nach kam er in dieser Zeit an einem Alpenpass in einen Schneesturm; als er den wie durch ein Wunder überlebt hatte, beschloss er aus Dankbarkeit, im nächsten Tal ein Kloster zu gründen. So entstand das Kloster Müstair, das heute in der Schweiz liegt und von dort aus noch immer nur über einen hochgelegenen Straßenpass zu erreichen ist.

Ob die Geschichte sich genau so abgespielt hat, ist nicht mehr nachweisbar – doch wissen wir aus Jahresringanalysen, dass der Bau um das Jahr 775 begonnen wurde.

Ich liebe diesen Ort und habe ihn Anfang Oktober wieder einmal besucht. Ich blieb vier Nächte in der Klosterherberge und war mit einem Zimmer in der Nonnenklausur gesegnet. In dieses Zimmer gelangte ich über zahlreiche Treppen, durch kopfsteingepflasterte Gänge, vorbei an uralten, noch immer genutzten Wirtschaftsräumen, die nach Äpfeln und getrockneten Kräutern dufteten.

Eine sehr kunstvoll ausgeführte lebensgroße Holzplastik, die den Evangelisten Johannes darstellt, steht in einem der Flure.

(Diese Zeichnung, wie auch die folgenden, ist weitgehend mit Fineliner ausgeführt – meine Referenz an den Inktober.)

Der Schutzpatron des Klosters ist Johannes der Täufer, ein anderer Johannes, ein raubeiniger Bußprediger, der die Menschen zur Umkehr in ein besseres, „tugendhafteres“ Leben aufforderte. Ein rituelles Bad im Jordan, ein Reinigungsritual, sollte diese Umkehr bekräftigen. Auch Jesus ließ sich von ihm taufen, und als er aus dem Wasser stieg, kam der heilige Geist in Gestalt einer Taube auf ihn herab, während eine Stimme sprach: „Du bist mein geliebter Sohn.“

Diese Szene ist auf einem Relief in der Klosterkirche dargestellt. Man sieht hier neben Johannes und Jesus rechts (in meiner Zeichnung nur angeschnitten) einen Engel, der Jesus frische Kleidung reicht.

Der Abschiedstag, der 3.Oktober, war ein makelloser Tag; vor den Bergen und dem blauen Himmel leuchteten die weißen Klostergebäude in unwirklicher Schönheit. Gezeichnet habe ich eine Kapelle, die in der Bauzeit zum Klosterkomplex gehörte, nun aber ein bisschen getrennt davon steht.

Die Anlage hat schon in den 1980er Jahren den Welterbe-Status bekommen, und es fährt auch immer mal der eine oder andere Bus vor – vom Übertourismus ist der Ort glücklicherweise noch immer weit entfernt.

Noch leben acht Benediktinerinnen im Kloster, die jüngste ist 62, die älteste 94 Jahre alt. Ihre Gärten und Handwerke können sie nur noch mit Hilfe von außen betreiben. Wenn man ein paar Tage in der Klosterherberge verbringen darf, kommt man ihnen nah. Sie wissen, dass sie die letzten ihrer Art sind, dass mit ihnen 1250 Jahre Tradition enden …


Auf Reisen

Seit sieben Wochen habe ich hier nichts mehr gezeigt. Aus gemischten Gründen. Grund Nummer eins war ein Bildgeschenk, Nummer zwei ein anderes Kunstprojekt, Nummer drei Äpfel, Nummer vier Birnen. Letztere beide wollten aufgelesen, gepflückt, geschält, eingelegt (oder getrocknet) werden und nahmen dabei den Zeitrahmen ein, der sonst den Bildern gehört hätte. (Es gab auch noch Nummer fünf und sechs.)

Und nun bin ich – endlich – auf Reisen. Mit dem Nachtzug zu Freunden an der Schweizer Grenze, gefolgt von Spaziergängen, Sehenswürdigkeiten, Gesprächen: in Assoziationen schwelgende kommunikative Gegenwart.

Am Nachmittag des Ankunftstages spazierten wir durch einen Garten im englischen Stil, eine private Anlage, deren Rosen schon weitgehend verblüht waren. Die Farbe kam von japanisch anmutenden bunten Ahornen und noch viel bunteren Kois.

Am nächsten Tag ging es mit der Straßenbahn zum Goetheanum, das nahe Basel in idyllischem Hügelland liegt. Hier schlug einmal das Herz der anthroposophischen Bewegung.

Das Gebäude hat nichts zartes oder fließendes. Die organischen Formen sind aus Beton, wuchtiges Art Déco, surreal, eher an Insekten als an Pflanzen erinnernd.

Auch im Innern sind die rechten Winkel rar, bei den Grundrissen wie bei der Dekoration. Im Café fielen besonders die Wandlampen ins Auge.

Zurück in Basel-Stadt erholten wir unsere Sinne in zwei konventionellen gotischen Kirchen – St.Peter nahe der Universität und die Predigerkirche, an deren Fiedhofmauer einst der berühmte Basler Totentanz gemalt war. (Die Mauer wurde bereits 1805 abgebrochen, doch gibt es Kopien.)

Zum Zeichnen wählte ich mir ein Akanthus-Kapitell am Lettner. Für den surrealen Eindruck sorgt der Malgrund – ich hatte mir von zu Hause handlich zugeschnittene Blätter aus unvollendeten Aquarellen mitgebracht. Außerdem bin ich mit zwei lange nicht benutzten Aquarellkästen mit Farben von White Nights unterwegs, deutlich bunter als meine sonstige Palette.