Dreifach im Quadrat

Acht Monate hatte das Reisetagebuch in meinem letzten Beitrag gewartet, bis es endlich abgeschlossen war – ein Lieblingsbuch, Dokument einer besonders schönen Reise und mir ans Herz gewachsen als Collage aus Fineliner-Zeichnungen, Aquarellen auf vorgrundiertem Papier und allerlei Fundstücken. So kam ich darauf, mich einem nächsten Lieblingsstück zu widmen, dem Stillman&Birn Nova Trio Square, das ich seit 2020 in Benutzung habe.

Habent sua fata libelli, die Bücher haben ihre Schicksale, das gilt auch für Skizzenbücher. Sie sind für das Schicksal-Haben gemacht. Wie kommt ein Skizzenbuch mit einem Namen wie das abgefahrenste Getränk einer amerikanischen Kaffeekette in meinen Haushalt?

Die moderene Skizzenbuchkultur ist ein Kind des Internetzeitalters, eine Form des Tagebuchs, das sich privat gibt und dabei die mitlesende, mitschauende Öffentlichkeit beim Schreiben und Malen immer schon einbezieht. Für mich war diese Art des nun möglichen Selbstausdrucks ein himmlisches Geschenk, immer schon hatte ich gern geschrieben, in jedem Urlaub ein Reisetagebuch mit Zeichnungen geführt. Im Sommer 2013 gelang es mir erstmals, das Reisebuch in den Alltag zu holen.

Damit stellte sich bald die Frage, was für ein Buch, rein materiell, es denn sein sollte. (Natürlich stellte sie sich auch inhaltlich; diese Geschichte wird an anderer Stelle erzählt werden.) Für botanische Studien (die am Anfang einen breiten Raum einnahmen) verwendete ich ein gerade auf Reisen angefangenes Buch des deutschen Herstellers Vang weiter; wunderbares cremeweißes, aquarellgeignetes Papier mit einer Anmutung von Pergament – leider wird es schon lange nicht mehr angeboten. Für unterwegs suchte ich eine Weile und fand dann den amerikanischen Hersteller Stillman&Birn. S&B bietet eine schier unüberschaubare Kombination aus sieben Papierqualitäten in fünf Farben und den verschiedensten Formaten. (Der deutsche Hersteller Hahnemühle zog mit noch besser aquarellgeeigneten Büchern bald darauf nach und ich benutze mittlerweile beide Marken.)

Buntstift und verschiedene weiße Kreiden auf einer schwarzen Seite.

Das quadratische „Nova Trio“ erhielt ich 2019 beim Urban-Sketching-Festival in Amsterdam anlässlich eines Seminars der britischen Künstlerin Pat Southern-Pearce als Geschenk. (Wer bei einem solchen Festival an einem Seminar teilnimmt, wird von den Firmen als Influencer eingestuft und reich beschenkt.) Da ich bereits ein eigenes Buch vorbereitet hatte (auch in dem gibt es noch leere Seiten!) sparte ich das geschenkte noch ein bisschen auf; ich begann damit Anfang 2020, im ersten Corona-Frühling. „Nova“ steht für getönte Papiere in drei Farben: schwarz, grau und beige, und im „Trio“ finden sich alle drei vereint. Das Buch ist mit 19×19 cm für unterwegs ziemlich unhandlich, außerdem passt es aufgeklappt nicht auf den A4-Scanner – beides Gründe dafür, dass es noch ungenutzte Seiten gab.

Eine Rose für Ingeborg Bachmann – die letzte graue Seite.

Während ich mit dem schwarzen Papier so fremdele, dass immer noch leere Blätter übrig sind, mag ich die grauen Seiten sehr – fast wunderte ich mich ein bisschen, dass noch eine frei geblieben war. Ende Juni hätte Ingeborg Bachmann ihren 100.Geburtstag gehabt; ich erinnerte mich an die Liebe, die mich mit ihren Gedichten verbindet, an die ersten Begegnungen mit ihren Prosatexten, an das Erschrecken, als ich, nach und nach, von ihrer Biografie erfuhr. Ich blätterte in den Büchern, die teils zer-, teils ungelesen in meinem Regal stehen, suchte nach einer geeigneten Fotovorlage für eine Porträtzeichnung – und zeichnete am Ende eine Rose aus meinem Garten.

Radieschen in Gouache.

Mit den Radieschen auf Beige hingegen tat ich mich leicht – abgesehen davon, dass ich zur Zeit gerade einen Haufen „Kram“ zu erledigen habe und abends oft müder bin als erhofft. Der Beigeton – die dritte Farbe – erinnerte mich an die fast zerfallenen Seiten eines alten Haushaltslexikons, das ich als Collage mit einbaute. Auch dieses ist die letzte Seite im Buch, das nun wieder zugeklappt im Schrank auf die nächste Chance für Schwarz wartet.


One Comment on “Dreifach im Quadrat”

  1. Avatar von Stefan Herok Stefan Herok sagt:

    Toll! besonders die BachmannRose!!!

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