Bagger, Reframing und Popkultur

Fast schon wäre es mir zur Mühsal geworden, die letzten Seiten im Reisebuch vorzeigbar herzurichten – zum Glück hatte ich gestern ein paar „leere“ Stunden zur Verfügung, in denen ich noch ein bisschen Farbe und Schrift verteilen konnte.

Einiges, wie die flüchtigen Skizzen der letzten, kurzen Wanderetappe von Bisingen nach Balingen bleibt unfertig und ungescannt zwischen den Buchdeckeln. Dafür leistete ich am Morgen beim Frühstück, schön im Warmen hinter einer großen Scheibe, meinen Beitrag zu einem derzeitigen running gag der Urban Sketcher: ich zeichnete einen Bagger. (Und hatte, da keine Wanderetappe anstand, Zeit für die Kolorierung.) Das kleine Bagger-Glück war ein schönes Beispiel für das, was Psychologen auf neudeutsch Reframing nennen: Dinge neu zu bewerten, in dem man sie in einem anderen Rahmen betrachtet – eine Baustelle vor dem Hotel gehört sonst ja eher nicht zu den Reisefreuden.

Im Regio von Tübingen nach Stuttgart konnte ich noch das Rätsel lösen, was es mit den jungen „Trachten“-Träger*innen auf sich hatte, die uns hier in der Gegend immer mal wieder aufgefallen waren. Eine junge Frau in einem rosa Dirndl saß in meinem Sichtfeld; sie war so sehr mit sich, ihrer Verkleidung, ihrer Bierbüchse und dem Gespräch mit ihrem Gegenüber beschäftigt, dass ich sie ungestört zeichnen konnte.

In Bad Cannstadt stieg sie aus, und mit ihr noch zahlreiche andere bedirndlte und belederhoste Gleichaltrige, die dem „Wasen“ zustrebten, einem Stuttgarter Volksfest. Dass es dort seit einigen Jahren Usus geworden ist, sich in etwas zu kleiden, was man eher ein popkulturelles Zitat als eine Tracht im eigentlichen Sinn bezeichnen kann, war sogar der Lokalpresse einen Artikel wert. (Und erinnerte mich daran, im vergangenen Herbst im tiefsten Mecklenburg Zaungast eines „Oktoberfestes“ gewesen zu sein, zu dem die Menschen ähnlich faschingsmäßig kostümiert antraten.)


Orte

In den letzten drei Wochen war ich so von gleich zwei mit diesem Blog nur wenig kompatiblen Projekten beansprucht, dass zum Zeichnen nur ein kleiner Platz blieb. Keine Frühstücksbilder, keine Blumen und leider auch keine Menschen im Café … nur drei Skizzen von Orten, von kleinen Pausen auf der Durchreise und auf dem Morgenweg …

Alte Kachelofenfabrik in Brüel.

Fährt man von Schwerin nach Güstrow, kommt man nach 20 km an Brüel vorbei, einem Ackerbürgerstädtchen von nicht einmal dreitausend Einwohnern. Der kleine Ort zieht sich mit zwei Straßen über einen Höhenzug, der von sumpfigen Wiesen und einem Flusslauf umgeben ist; Neubaugebiete werden so auf Abstand gehalten. Eine altmodisch schmale Allee führt ortsauswärts und zu einer alten Fabrik, lange verlassen und von einer Katzenfamilie bewohnt, die sich in den Fenstern sonnt.

Kaum habe ich meine Zeichnung begonnen, spricht mich eine Dame an; die Mutter des jetzigen Besitzers. Von ihr erfahre ich, dass hier einmal Ofenkacheln gebrannt wurden und noch eine Menge mehr – bis zur Anzahl der Katzen … (die zu füttern sie gerade unterwegs ist.) Ich soll doch wiederkommen, wenn ihr Sohn da ist, er würde mir die Anlage zeigen und ich könnte den ganzen Tag dort zeichnen …

Morgenblick auf das Schweriner Schloss.

Am nächsten Wochenende steckt das kleine A6-Hahnemühle-Buch (zu dem ich nach einem Ausflug in größere Formate zurückgekehrt bin) beim Morgenweg in der Jackentasche. Den Sonnenaufgang habe ich um eine halbe Stunde verpasst, doch das Schloss im Morgenlicht entschädigt mich. Leider ist es zum Sitzen noch zu feucht, so dass die kleine Skizze samt Kolorierung im Stehen fertig – und dann auch noch trocken! – werden muss.

Die Sternberger Kirche von Süden.

Letztes Wochenende, wieder auf dem Weg nach Güstrow, habe ich in Sternberg Rast gemacht. Hier führt die Ortsumgehung direkt an der eindrucksvollen alten Stadtbefestigung entlang, die Kirche mit ihrem dicken Turm ist auf jeder Durchreise eine Einladung zum Zeichnen. Natürlich war auch dieses Mal wieder die Zeit knapp – anderthalb Stunden blieben für Kaffee, Motivsuchspaziergang und schlussendlich das Bild.

Der Ort, den ich zum Zeichnen gefunden hatte, war traumhaft: ein ungestörter Sitzplatz mit Blick auf die im Streiflicht prunkende Südfassade der Kirche, nur: wie bringt man so viel Pracht in zwanzig Minuten unter? Ich entschied mich für „erst-Farbe-dann-Linie“. Allerdings habe ich einen Tag später noch die Schatten vertieft – und gemerkt, dass es manchmal überhaupt nichts macht, wenn die Perspektive nicht stimmt.

Im Übrigen schien in dieser Sonntagsidylle die Eile in der Luft zu liegen. Während ich zeichnete, ging die Feuersirene und kurz darauf brauste ein Auto auf den Hof des Gemeindehauses, auf dessen Treppe ich daß. Natürlich brachte ich beides in meiner Versunkenheit gar nicht miteinander in Verbindung – erst als der freiwillige Feuerwehrmann, sich auch noch freundlich entschuldigend, mit einem Satz über meine Malutensilien sprang, ging mir ein Licht auf.


Neuland

Mit diesen gelben Tulpen habe ich Neuland betreten. Genauer gesagt: mit dem Bild, denn gelbe Tulpen gehören seit Jahren zum Spätwinter in meiner Wohnung. Mindestens so lange zeichne ich Bilder von meinem Alltag, von Blumen, Teetassen, Früchten – und fast immer tue ich das mit Füller oder Fineliner und Aquarellfarbe auf weißem Papier.

Dafür gibt es gleich mehrere Gründe: zum einen ist weißes Papier in unserer Zeit und Kultur das natürliche Schreib- und Zeichenmaterial. Zum anderen habe ich mich, bald nachdem ich mit dem regelmäßigen Zeichnen begann, ganz bewusst zur Beschränkung entschieden. Meine Zeichenzeit ist begrenzt und in dieser Begrenzung scheint es mir nicht sinnvoll, mit immer anderen Materialien zu experimentieren.

Doch nun habe ich mich zu einem Kurs bei der kongenialen Zeichnerin Pat Southern-Pearce angemeldet, deren stark graphische, vom Jugenstil inspirierte Arbeiten ich schon lange bewundere. Sie arbeitet mit Füller, Markern und verschiedenen Kreiden und Buntstiften, und zwar fast immer auf getöntem Papier. In meinem Schrank fand ich noch einen Block naturbraunes Multimediapapier der Marke PaintOn von Clairefontaine und war beim ersten Versuch so begeistert, dass ich mir auch noch die graue Variante besorgt habe. Zusammen mit einem kleinen Satz wasserlöslicher Wachskreiden kam das Päckchen am Freitag an.

Gelbe Tulpen am Fenster. Füller, wasserlösliche Wachskreiden und Albrecht-Dürer-Aquarellstifte mit etwas weißem PITT-Pen auf grauem PaintOn-Papier von Clairefontaine.



Zug um Zug

Im Winter fahre ich, entgegen allen guten Vorsätzen, selten mit dem Zug zur Arbeit – in der dunklen Zeit macht der sonst so geliebte Bahnhofsweg durch Schwerin und Ludwigslust einfach keinen Spaß. Dabei habe ich es gut: auf unserer Strecke sind die Züge sauber, leer und pünktlich und die halbe Stunde ist lang genug, um die Malsachen auszupacken.

Nun, wo die Tage wieder länger werden, nehme ich den Weg am Pfaffenteich entlang wieder auf und genieße die geschenkte Zeit.

Noch fährt der Regio im Dunkeln
Drei Wochen später erfreut mich schon ein grandioser Sonnenaufgang.


Alpenveilchen

„Wie heißt die Blume dort?“ – – – Meine greise Mutter kann sich Begriffe nicht mehr gut merken, und so fragt sie bei jedem Besuch aufs Neue, sichtlich erfreut von den kräftig purpurn leuchtenden Blüten. Am Silvestertag war für mich endlich die Gelegenheit für eine Skizze gekommen.

Ich habe das Bild ganz ohne Vorzeichnung mit dem Pinsel angelegt und die sparsamen Tintenstriche in rot und grün zu Hause ergänzt, dabei auch die Farbtöne noch einmal etwas vertieft. Mein dezeitiges Skizzenbuch ist ein Stillman&Birn Zeta mit glattem, kräftigem, wunderbar plan liegendem Papier, das sich mit Übergängen und Verläufen schwerer tut als mit feinen Linien.



Nebenbei

Im kleinen Hahnemühle-Buch sammeln sich die Bilder, die eher „nebenbei“ entstehen, im Konzert, im Theater oder im Restaurant; manchmal nur ein paar Tinten- oder Bleistiftstriche … Heute war Zeit, mir drei davon vorzunehmen, Farbe oder  Schrift zu ergänzen und zu hoffen, dass die Atmosphäre erhalten bleibt.

Zuerst ein kleiner Nachtrag der Dresden-Reise, ein geistliches Chorkonzert im Meißener Dom – der Rücksicht auf die anderen Konzertbesucher geschuldet vor Ort nur mit Füller gezeichnet.

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Geistliche Abendmusik im Meissener Dom.

Noch weniger geht im Theater, zumal im Ballett, wo die Tänzer selten still halten, es im Saal dunkel ist und der Nachbar sich womöglich schon räuspert – dennoch war der Bühneneindruck bei dem hinreißenenden Ballett „Andy Superstar“ über Andy Warhol so prägnant, dass ich ihn aus ein paar angedeuteten Linien rekonstruieren konnte.

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Andy Warhol auf einem überdimensionierten Sofa in der „Factory“ – Szene aus dem Ballett „Andy Superstar“ am Schweriner Theater.

Zum Schluss, gestern, beim Mittagessen in einem kleineren Einkaufszentrum, bin ich mit meinem Bild fast fertig geworden; nur die Schrift habe ich zu Hause ergänzt. Von einem Logenplatz aus schaute ich auf einen überdachten Innenhof, in dem – so habe ich später nachgelesen – ein Modeflohmarkt aufgebaut wurde.

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Irgendwas mit Mode – noch wird aufgebaut.


Deutschland, einig Vaterland

Das mecklenburgische Dorf Mestlin wurde in den 50er Jahrne zum „sozialistischen Musterdorf“ ausgerufen und erhielt einen großen leeren Platz mit Schule, Landambulatorium, Geschäften und vor allem einem überdimensionierten Kulturhaus im Stalinstil. Es steht mittlerweile unter Denkmalschutz, wird von einem Verein betreut und nach langem Leerstand gelegentlich wieder genutzt.

Als ich am Sonntagabend dort zum Zeichnen Halt machte, hing eine blauweiße Rautenflagge draußen und kündigte ein „Oktoberfest“ an. Kaum hatte ich mich in der Bushaltestelle niedergelassen, kam ein offensichtlich genervter Halbwüchsiger vorbei und schmiss ein paar Knaller dagegen – ob sie mir galten, habe ich lieber nicht ermittelt. Die faschingsmäßig „bayerisch“ kostümierten Dorfbewohner, die nach und nach eintrafen, nahmen von mir zum Glück keine Notiz.

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Der sozialistische Dorfplatz in Mestlin.