Neuland

Mit diesen gelben Tulpen habe ich Neuland betreten. Genauer gesagt: mit dem Bild, denn gelbe Tulpen gehören seit Jahren zum Spätwinter in meiner Wohnung. Mindestens so lange zeichne ich Bilder von meinem Alltag, von Blumen, Teetassen, Früchten – und fast immer tue ich das mit Füller oder Fineliner und Aquarellfarbe auf weißem Papier.

Dafür gibt es gleich mehrere Gründe: zum einen ist weißes Papier in unserer Zeit und Kultur das natürliche Schreib- und Zeichenmaterial. Zum anderen habe ich mich, bald nachdem ich mit dem regelmäßigen Zeichnen begann, ganz bewusst zur Beschränkung entschieden. Meine Zeichenzeit ist begrenzt und in dieser Begrenzung scheint es mir nicht sinnvoll, mit immer anderen Materialien zu experimentieren.

Doch nun habe ich mich zu einem Kurs bei der kongenialen Zeichnerin Pat Southern-Pearce angemeldet, deren stark graphische, vom Jugenstil inspirierte Arbeiten ich schon lange bewundere. Sie arbeitet mit Füller, Markern und verschiedenen Kreiden und Buntstiften, und zwar fast immer auf getöntem Papier. In meinem Schrank fand ich noch einen Block naturbraunes Multimediapapier der Marke PaintOn von Clairefontaine und war beim ersten Versuch so begeistert, dass ich mir auch noch die graue Variante besorgt habe. Zusammen mit einem kleinen Satz wasserlöslicher Wachskreiden kam das Päckchen am Freitag an.

Gelbe Tulpen am Fenster. Füller, wasserlösliche Wachskreiden und Albrecht-Dürer-Aquarellstifte mit etwas weißem PITT-Pen auf grauem PaintOn-Papier von Clairefontaine.



Zug um Zug

Im Winter fahre ich, entgegen allen guten Vorsätzen, selten mit dem Zug zur Arbeit – in der dunklen Zeit macht der sonst so geliebte Bahnhofsweg durch Schwerin und Ludwigslust einfach keinen Spaß. Dabei habe ich es gut: auf unserer Strecke sind die Züge sauber, leer und pünktlich und die halbe Stunde ist lang genug, um die Malsachen auszupacken.

Nun, wo die Tage wieder länger werden, nehme ich den Weg am Pfaffenteich entlang wieder auf und genieße die geschenkte Zeit.

Noch fährt der Regio im Dunkeln
Drei Wochen später erfreut mich schon ein grandioser Sonnenaufgang.


Alpenveilchen

„Wie heißt die Blume dort?“ – – – Meine greise Mutter kann sich Begriffe nicht mehr gut merken, und so fragt sie bei jedem Besuch aufs Neue, sichtlich erfreut von den kräftig purpurn leuchtenden Blüten. Am Silvestertag war für mich endlich die Gelegenheit für eine Skizze gekommen.

Ich habe das Bild ganz ohne Vorzeichnung mit dem Pinsel angelegt und die sparsamen Tintenstriche in rot und grün zu Hause ergänzt, dabei auch die Farbtöne noch einmal etwas vertieft. Mein dezeitiges Skizzenbuch ist ein Stillman&Birn Zeta mit glattem, kräftigem, wunderbar plan liegendem Papier, das sich mit Übergängen und Verläufen schwerer tut als mit feinen Linien.



Nebenbei

Im kleinen Hahnemühle-Buch sammeln sich die Bilder, die eher „nebenbei“ entstehen, im Konzert, im Theater oder im Restaurant; manchmal nur ein paar Tinten- oder Bleistiftstriche … Heute war Zeit, mir drei davon vorzunehmen, Farbe oder  Schrift zu ergänzen und zu hoffen, dass die Atmosphäre erhalten bleibt.

Zuerst ein kleiner Nachtrag der Dresden-Reise, ein geistliches Chorkonzert im Meißener Dom – der Rücksicht auf die anderen Konzertbesucher geschuldet vor Ort nur mit Füller gezeichnet.

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Geistliche Abendmusik im Meissener Dom.

Noch weniger geht im Theater, zumal im Ballett, wo die Tänzer selten still halten, es im Saal dunkel ist und der Nachbar sich womöglich schon räuspert – dennoch war der Bühneneindruck bei dem hinreißenenden Ballett „Andy Superstar“ über Andy Warhol so prägnant, dass ich ihn aus ein paar angedeuteten Linien rekonstruieren konnte.

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Andy Warhol auf einem überdimensionierten Sofa in der „Factory“ – Szene aus dem Ballett „Andy Superstar“ am Schweriner Theater.

Zum Schluss, gestern, beim Mittagessen in einem kleineren Einkaufszentrum, bin ich mit meinem Bild fast fertig geworden; nur die Schrift habe ich zu Hause ergänzt. Von einem Logenplatz aus schaute ich auf einen überdachten Innenhof, in dem – so habe ich später nachgelesen – ein Modeflohmarkt aufgebaut wurde.

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Irgendwas mit Mode – noch wird aufgebaut.


Deutschland, einig Vaterland

Das mecklenburgische Dorf Mestlin wurde in den 50er Jahrne zum „sozialistischen Musterdorf“ ausgerufen und erhielt einen großen leeren Platz mit Schule, Landambulatorium, Geschäften und vor allem einem überdimensionierten Kulturhaus im Stalinstil. Es steht mittlerweile unter Denkmalschutz, wird von einem Verein betreut und nach langem Leerstand gelegentlich wieder genutzt.

Als ich am Sonntagabend dort zum Zeichnen Halt machte, hing eine blauweiße Rautenflagge draußen und kündigte ein „Oktoberfest“ an. Kaum hatte ich mich in der Bushaltestelle niedergelassen, kam ein offensichtlich genervter Halbwüchsiger vorbei und schmiss ein paar Knaller dagegen – ob sie mir galten, habe ich lieber nicht ermittelt. Die faschingsmäßig „bayerisch“ kostümierten Dorfbewohner, die nach und nach eintrafen, nahmen von mir zum Glück keine Notiz.

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Der sozialistische Dorfplatz in Mestlin.


September

Nein, mit dem Zeichnen Tag für für Tag ist es dann wieder nichts geworden, doch stelle ich erstaunt fest, dass ich in den letzten anderthalb Monaten immerhin ein kleines Hahnemühle-Büchlein mit 30 Seiten (fast) gefüllt habe.

Stillleben gehen immer am besten.

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Kaktusfeigen.

 

Auch im Café zu zeichnen, ist eine unendliche Geschichte und wird mir nicht über.

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Ein Freund ist zu Besuch und wir gehen ins Bio-Café Müllers, wo es den besten Kuchen von Schwerin gibt.

Ach ja, vor zwei Jahren war hier noch eine Suppenstube, und wir haben beim allersten Schweriner Zeichnertreffen in dem schönen Hof mit Domblick gesessen.

Das nun folgende Bild fällt aus dem Rahmen – ich habe es nach einem Foto gezeichnet, das meine Tochter von ihrer Katze gemacht hat. Mich hatte darauf das tiefe Schwarz beeindruckt, das ich dann mit dem legendären schwarzen Kalligraphiestift von Pentel umgesetzt habe.

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Die Katze Krümel auf dem Fensterbrett.

 

Bei einem Zeichnertreffen im Berliner Gleisdreieckpark hatte ich die Gelegenheit, mich mit dem kanadischen Zeichner Bob Altwein zu unterhalten – und ihn zu zeichnen.

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A Portait of Bob.

 

Natürlich war ich auch mal wieder japanisch essen – und konnte dabei ganz ungestört den jungen asiatisch aussehenden Mann zeichnen, der hingebungsvoll und sichtlich hungrig mit seiner Nudelsuppe beschäftigt war. Der Kaktus stammt noch von den Vormietern des Lokals.

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Nudelsuppe mit Stäbchen.

 


Sommerbilder II

Täglich zeichnen – was im Urlaub zu den Grundbedürfnissen gehört, will mit dem Alltag immer wieder neu ausdiskutiert werden, streitet sich mit Meditations- , Bewegungs- und Lesezeit um freie Plätze und Prioritäten ……..

Im Restaurant, im kleinen Freitagsnachmittagsurlaub, geht es leicht von der Hand und muss sich nur mit dem Hunger unterhalten. Und dann sind die Sushi – oh Schreck! –  doch schon fast aufgegessen, als mir einfällt, dass ich kein Foto gemacht habe. Weshalb der Tee die Hauptrolle bekommt.

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Endlich ein gutes Sushi-Restaurant in Schwerin. 

Abends bei Freunden, während die Kinder ins Bett gebracht werden, ist auch eine gute Zeit.

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Auch der Sonntag bietet eine Gelegenheit, zu der das Zeichnen dazugehört: einen Museumsbesuch. „Hinter dem Horizont“ ist eine kleine und feine Schau von DDR-Kunst aus der Sammlung des Schweriner Museums, klug präsentiert und kommentiert. Zum Skizzieren entscheide ich mich für ein Bild von Clemens Gröszer, „Bildnis Andrea P. II“. Wie immer, wenn ich ein Bild abzeichne, bin ich mit jedem Blick, mit jedem Strich faszinierter davon. Hier kommt zur Kunstfertigkeit des Malers (allein der raffinierte Ausschnitt mit den ganz leicht angeschnittenen Füßen!) noch ein Wiederkennen dazu: die Abgebildete muss Ende der Achtziger etwa so alt gewesen sein wie ich damals, und sie trug die gleiche Kleidung (von den weißen Lederhandschuhen abgesehen), den gleichen graugrünen Pullover mit überschnittenen Schultern und sich beulenden Nähten, die gleichen Till-Eulenspiegel-Schuhe; der Frisur jener Jahre bin ich bis heute treu geblieben.

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Museumsbesuch in Schwerin

Das Montagsbild lasse ich aus, und das von gestern – habe ich heute morgen gemalt. (Was nur funktioniert hat, weil ich den Vorsatz schon gestern Abend gefasst hatte.) Obst aus dem Garten, vom frisch geschüttelten Baum aufgelesen und auf den Frühstückstisch gelegt. Die dekorativen blauen Schatten verdankt es dem Lampenlicht, was um diese Morgenstunde zum Frühstück schon wieder nötig ist.

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Morgenobst. Dieses Mal bin ich konzentriert genug, die Lichter freizulassen und muss sie nicht nachträglich mit Marker einfügen.