Storchenwiese

In Greifswald war ich auf Familienbesuch, also bekamen Dom und Marienkirche nur ein paar kurze Blicke. Stattdessen zeichnete ich im Tierpark – erst mit schnellen Strichen Alpakas und Erdmännchen und schließlich mit wachsendem Vergnügen die Störche auf der Storchenwiese. Dort brüten flugunfähige Vögel in bodennahen Nestern – eine einmalige Gelegenheit zur Beobachtung der Tiere.

Storchenfamilie auf der Greifswalder Storchenwiese.


Was vom Hechte übrigblieb …

… gab eine schmackhafte Sülze ab. Während die Maräne im als Bratfisch den Abend nicht überlebte, musste ich mit dem Hecht noch ein bisschen was anstellen, um ihn essbar zu machen. Hechte sind feine Speisefische mit schmackhaftem festen Fleisch, doch leider ist das mit fiesen gegabelten Gräten durchsetzt, denen weder im rohen noch im gegarten Zustand gut beizukommen ist. (Was auch dazu führt, dass ein ganzer Hecht, noch dazu beim Fischer gekauft, ein erschwingliches Vergnügen ist.)

Daher wird Hecht meist püriert und als Klößchen gegessen oder so lange sauer eingelegt, bis die Gräten weich sind. Man kann ihn aber auch filetieren, wenn man ein scharfes Messer und die richtige Anleitung hat. Das Messer musste sowieso mal wieder geschärft werden, und Anleitungen zum Fische zerlegen findet man im Internet zuhauf – Angler sind da unermüdlich.

Die Filets sind auch was geworden, und die Reste einschließlich Kopf kamen in den Topf, um zu einem Fischfond zu werden. Der hatte dann noch so viel Substanz, dass mit Dill, Mohrrüben, Zwiebeln, Essig und drei Blatt Gelatine eine kleine Terrine voll Sülze daraus wurde. Zu Bratkartoffeln war sie ein Festessen, doch der schönste Moment war das Kochen: Der Duft, der aus dem Topf aufstieg, ließ mich an meine Urgroßmutter und ihre Kochkünste denken, an das lange abgerissene Haus am Havelufer in Oranienburg, wo mein Urgroßvater „den Wurm wässerte“ und eben manchmal auch einen Fisch mit nach Hause brachte.


Kleine große Maräne

Statt Freitag ist bei mir oft am Mittwoch Fischtag. Da habe ich manchmal etwas eher Feierabend, kann auf den Wochenmarkt gehen oder gleich beim Fischer in Muess vorbeifahren. In erster Linie habe ich es auf regionalen Fisch abgesehen und zu meiner Freude konnte ich diese Woche eine ganz besondere Beute machen: eine große Maräne. Zwei Exemplare lagen dort zum Verkauf – ich entschied mich für das kleinere, ca. 40 cm lange.

Mit den Maränen – ich habe schon öfter welche gezeichnet und darüber geschrieben – ist das so eine Sache: Sie wissen manchmal selbst nicht genau, wie sie heißen: Maränen, Felchen, Renken, Schnäpel …. Die kleinen, ja, die kriegen das wenigstens mit dem wissenschaftlichen Namen noch hin: Coregonus albula. Die großen heißen Coregonus lavaretus – vielleicht, denn die seien eigentlich endemisch in einigen Westschweizer Seen. Die Schaalseemaräne, Coregonus holsatus, die es sogar in das Wappen der Stadt Zarrentin geschafft hat, konnte sich in genetisch reiner Form nur in einen kleinen See der mecklenburgischen Seenplatte retten, von wo aus sie nun wieder vermehrt wird.

Alles maränige dazwischen hat sich vermutlich mittlerweile fröhlich vermischt, ist durch Besatzmaßnahmen von der reinen Lehre abgekommen, so dass mittlerweile nur noch Gentiker die richtigen Namen kennen.

Meiner Maräne war das vermutlich in ihrem Schweriner Seenleben ziemlich egal gewesen; und nun lag sie ohnehin ausgenommen, doch zu meiner Freude ansonsten noch einschließlich Schuppen vollständig erst auf Eis und später auf meinem Küchentisch. Ich machte erst eine Skizze, dann ein Foto und anschließend einen schönen Bratfisch. Vervollständigt habe ich die Zeichnung heute, wobei ich mich reichlich der Sorte glitzernder Gelstifte bediente, mit denen normaler Weise kleine Mädchen ihre Prinzessinen malen.


Freitag ist Fischtag

Seit einiger Zeit gibt es auf Facebook eine Gruppe, in der unter dem Hashtag #freitagistfischtag Bilder und Zeichnungen rund um den Fisch gezeigt werden. Die ganze Woche über kann vom Kutter bis zum Kraken alles gepostet werden, was irgendwie mit dem Wasser zu tun hat – freitags dürfen es wirklich nur Fische sein.

Also bin ich losgezogen und habe mir Fische zum Zeichnen (und natürlich auch zum Essen) besorgt. Letzte Woche waren es Barsche, die ich mit Ölkreiden auf das nun schon vertraute schwarze Papier gemalt habe.

Diese Woche hatte ich mich für einen hecht entschieden, der dann leider ausgenommen und geschuppt nicht mehr schön aussah. So blieb es für die Zeichnung beim Kopf – dieses Mal wieder ganz konventionell mit Wasserfarbe.


Tee in der Komfortzone

Heute bin ich gar nicht gewachsen. Jedenfalls nicht, wenn es nach dauergutgelaunten Lebenshilferatgebern geht, die all denen, die es sich in ihrer Komfortzone gemütlich machen, mit Konsequenzen drohen. „Kein persönliches Wachstum“, das liest sich ein bisschen wie „ohne Abendbrot ins Bett“ – Strafe muss sein.

Nein, kein Challenge, kein Projekt, kein persönlicher Entwicklungsplan: mein guter Vorsatz für heute war die altbekannte Teetasse; ein Stillleben, das schön still hält, aus dem ich mich während des Zeichnens mit schwarzem Tee bedienen kann, während ich nebenbei dem Ofen beim Zimmerwärmen zusehe.

Naja, zugegeben – ein klitzekleines bisschen Projekt ist doch dabei. Im Gegensatz zu der Weihnachtspyramide in Gouache ist die Tasse nämlich mit Aquarellfarben gemalt. Abgeguckt habe ich mir die Technik bei Marie Silver, die in dieser Weise auf dem beigen Stillman&Birn-Papier arbeitet. Das Weiß wird ebenso wie die anderen Farben in Aquarellmanier lasierend eingesetzt und der – in meinem Fall graue – Untergrund darf durchscheinen. Zum Schluss gibts noch ein paar Higlights mit einem weißen Marker obendrauf.


Nach Weihnachten

Es war wohl Karl Valentin, der den Spruch prägte, dass es wieder ruhiger würde, wenn die stille Zeit vorüber sei. Was auch etwas darüber sagt, dass vorweihnachtliche Hektik keine Erfindung des 21.Jahrhunderts ist. Wie auch? Die Kartoffelsalat-und-Würstchen-Tradition entstammt schließlich Haushalten, in denen am Tag vor dem Heiligen Abends noch gearbeitet wurde und die Hausfrauen ihre liebe Not damit hatten, alles vorzubereiten.

Um alles unter einen Hut zu bekommen – auch gänzlich unweihnachtliche, aber nicht minder notwendige Termine – hatte ich mir eine Zeichenpause gegönnt. Ja, so sehr ich das Zeichnen liebe, manchmal setzt mich der Gedanke daran unter Druck. Um so schöner ist es, wieder anzufangen, am liebsten mit einem „Auf-dem-Tisch-unter-der-Lampe“-Bild: Da steht um diese Jahreszeit die Weihnachtspyramide und dreht mehr oder weniger gemächlich ihre Flügel. (Zum Gezeichnet-Werden darf sie dann auch mal stillstehen.)

Es ist keine besondere Pyramide, kein kostbares Erbstück; ich habe sie vor einigen Jahren an einem Verkaufsstand in der Fußgängerzone erworben. Immerhin stammt sie aus dem Erzgebirge, wo ich geboren bin. (Die Pyramide, die so alt war wie ich, war allmählich zu Bröseln zerfallen und bekam letzte Weihnachten ihr Abschiedsbild.)

Gemalt habe ich sie mit Gouache-Farben in das graue S&B-Buch, das mich nun schon seit dem Inktober begleitet. Ich bin mit diesen Farben nicht geübt und hatte zum Schluss meine liebe Not, das kleinteilige Motiv mit den eher für großflächigeres Arbeiten gemachten Materialien aufs Papier zu bringen. Am Ende musste dann doch noch der weiße Stift mithelfen, etwas Struktur hineinzubringen. Zwei Abende und einen Morgen brachte ich mit dem Bild zu, Zeit und Gelegenheit auch, den einen oder anderen Gedanken an die Geschichte zu wenden, die hier in hellen und dunklen Holztönen erzählt wird.


Mittwochsmarkt

Ich wollte immer schon mal auf dem Schweriner Mittwochsmarkt zeichnen, doch es ist nie etwas daraus geworden. Heute hatte ich es mir fest vorgenommen und saß mit gespitztem Bleistift und neuem „Schmierheft“ (dem hübschen Rausreißbuch von Leuchtturm1917 aus dem Amsterdamer Gabenbeutel) auf einem der begehrten Außenplätze vom „Fuchs“. Ich wollte den Schwung vom letzten Wochenende nutzen und Menschen zeichnen.

Das tat ich auch – erst einmal. Doch der Kaffee war noch nicht ausgetrunken, als mich die Dächerlinie und der dramatische Himmel magisch anzogen, ich mein Aquarellbuch rausholte und ein bisschen was im Stil von Pat Southern-Pearce probierte – nur eben mit Aquarell und auf weißem Blatt. Ich begann mit der Dächerlinie, kolorierte dann den Himmel und widmete den Gebäuden möglichst wenig Aufmerksamkeit.

Und was wurde aus den „gesture drawings“? Die zwei ausdrucksstärksten habe ich zu Hause ausgeschnitten und in die „Sense-of-Place“-Kästchen geklebt, die ich schon vorbereitet hatte. Das Ergebnis ist eine Symbiose aus zwei sehr unterschiedlichen Seminarerfahrungen, ein bisschen unruhig und „wild“, und ich bin gespannt, wie es weitergeht.

Auf dem Schweriner Mittwochsmarkt.

Menschen!

Dieses Wochenende habe ich Menschen gezeichnet, und zwar viele. Unter Anleitung der Illustratorin Nicola Maier-Reimer ging es zwei Tage lang vor allem um eines: das Erfassen der menschlichen Gestalt in Bewegung. Stundenlang saßen wir in Hamburger Einkaufszentren und Selbstbedienungsrestaurants und versuchten, nicht nur schnell zu sein, sondern uns auch in die gezeichneten Gegenüber einzufühlen.


Hamburg

Zum Ende meines Urlaubs gab es noch einen Ausflug nach Hamburg. Anlass war die „Licht des Nordens“-Ausstellung in der Kunsthalle. Die Ausstellung ist nicht sehr groß, so dass noch ausreichend Zeit für Teile der ständigen Sammlung blieb. Hier stieß ich auf Leibls „Drei Frauen in der Kirche“, von dem ich zwei kleine Skizzen anfertigte – nicht ohne zu denken, dass ich mit dem Kopieren dieses Bildes gern Wochen zugebracht hätte.

Um dem Trubel des CSD zu entgehen, wendeten wir uns anschließend Richtung Landungsbrücken und Elphi uns saßen ganz wie richtige Touristen am Dallmannkai, nicht ohne später die moderne Architektur am Überseeboulevard zu bewundern.

Etwas erschöpft saßen wir bis zur Abfahrt unseres Zuges (die sich noch sehr verzögern sollte) am Rand einer Seitenstraße in Bahnhofsnähe.

Zum guten Schluss kam der Zug doch – und ich hatte noch die Kraft, einen unendlich gelassenen Hund zu skizzieren.


Bagger, Reframing und Popkultur

Fast schon wäre es mir zur Mühsal geworden, die letzten Seiten im Reisebuch vorzeigbar herzurichten – zum Glück hatte ich gestern ein paar „leere“ Stunden zur Verfügung, in denen ich noch ein bisschen Farbe und Schrift verteilen konnte.

Einiges, wie die flüchtigen Skizzen der letzten, kurzen Wanderetappe von Bisingen nach Balingen bleibt unfertig und ungescannt zwischen den Buchdeckeln. Dafür leistete ich am Morgen beim Frühstück, schön im Warmen hinter einer großen Scheibe, meinen Beitrag zu einem derzeitigen running gag der Urban Sketcher: ich zeichnete einen Bagger. (Und hatte, da keine Wanderetappe anstand, Zeit für die Kolorierung.) Das kleine Bagger-Glück war ein schönes Beispiel für das, was Psychologen auf neudeutsch Reframing nennen: Dinge neu zu bewerten, in dem man sie in einem anderen Rahmen betrachtet – eine Baustelle vor dem Hotel gehört sonst ja eher nicht zu den Reisefreuden.

Im Regio von Tübingen nach Stuttgart konnte ich noch das Rätsel lösen, was es mit den jungen „Trachten“-Träger*innen auf sich hatte, die uns hier in der Gegend immer mal wieder aufgefallen waren. Eine junge Frau in einem rosa Dirndl saß in meinem Sichtfeld; sie war so sehr mit sich, ihrer Verkleidung, ihrer Bierbüchse und dem Gespräch mit ihrem Gegenüber beschäftigt, dass ich sie ungestört zeichnen konnte.

In Bad Cannstadt stieg sie aus, und mit ihr noch zahlreiche andere bedirndlte und belederhoste Gleichaltrige, die dem „Wasen“ zustrebten, einem Stuttgarter Volksfest. Dass es dort seit einigen Jahren Usus geworden ist, sich in etwas zu kleiden, was man eher ein popkulturelles Zitat als eine Tracht im eigentlichen Sinn bezeichnen kann, war sogar der Lokalpresse einen Artikel wert. (Und erinnerte mich daran, im vergangenen Herbst im tiefsten Mecklenburg Zaungast eines „Oktoberfestes“ gewesen zu sein, zu dem die Menschen ähnlich faschingsmäßig kostümiert antraten.)