Das Kleid der Marschallin

Im Oktober sah ich am Schweriner Theater den „Rosenkavalier“. Ich kannte vorher weder Handlung noch Melodie und war angerührt von der heiter-melancholischen Geschichte zwischen Romanze und Klamauk, an deren Ende die Hauptperson, die Marschallin, eine „reife Frau“, ihren jungen Geliebten an eine andere verliert und dennoch alle Fäden in der Hand behält.

Ich hatte in der Vorstellung ein paar Striche aufs Papier gebracht und später nach Fotos zu einem Blatt ergänzt.

Gestern nun gab es für uns Schweriner Zeichnerinnen die Möglichkeit, in der Schneiderwerkstatt des Theaters zu zeichnen. Mit großer Freude sah ich dort das Kleid der Marschallin wieder und machte mich daran, es zu zeichnen.

Das Kleid gibt der Trägerin Schutz, betont Würde und gesellschaftliche Position, ohne ihre weibliche Reife auszusparen. Und es hat einen komplizierten Schnitt, der der Zeichnerin einiges abverlangt.


Testbild und Neubeginn

Auf den großen Zeichenfestivals gibt es immer Warenproben der verschiedensten Art – Farben, Stifte, Skizzenbücher … Das war auch in Amsterdam nicht anders, einen üppig gefüllten Gabenbeutel brachte ich mit nach Schwerin. Manches wurde gleich ausprobiert, ein kleines Skizzenheft schon vor Ort vollgezeichnet; zu Hause angekommen, ordnete ich die Papiere ins Regal, der Rest lag lange in einem Kistchen, wurde kondensiert und in eine kleinere Schachtel gelegt – um dort wieder eine geraume Zeit zuzubringen.

Auf der Suche nach einem neuen Projekt fielen mir die guten Gaben wieder ein – für die nächsten Bilder würde ich die neuen Materialien verwenden. Damit hatte ich mir auch gleich die Erlaubnis für Wohlfühlmotive gegeben. Angefangen habe ich mit den Stiften – beim Rattenbild vom Montag habe ich mit zwei unterschiedlichen schwarzen Stiften von Cretacolor experimentiert.

Richtig überzeugt hat mich bei den ersten Probestrichen ein Procolour-Farbstift von Derwent – als Muster in der Farbe Indigo. Im Vergleich mit dem Polychromos-Stift der gleichen Farbe hatte er die Nase vorn – ein satter, weicher und präziser Farbauftrag. Kombiniert habe ich ihn auf dem vertrauten grauen Papier mit einem weißen Pastellstift – CarbOthello von Schwan Stabilo, schon lange in meinem Bestand – und einem bisschen weißem Gelmarker.

Als Motiv habe ich ein Foto meiner Urgroßmutter Helene Glaser gewählt. Das Bild ist vermutlich 1959 aus Anlass ihres 70.Geburtstags aufgenommen, im Hof ihres Hauses an der Havel in Oranienburg. Sie war eine gütige, warmherzige und tatkräftige Frau, die ich, 1960 geboren, noch gut gekannt habe. So wurde diese Zeichnung für mich zu einer beglückenden Reise in die Kindheit – und hoffentlich zum Beginn einer neuen Bilderserie, denn in den alten Fotoalben ist noch viel zu entdecken.


Zum Jahr der Ratte

Vor vielen Jahren zogen anlässlich eines Geburtstags Mitte Februar bei uns zwei Ratten aus Filz ein. Seitdem gehören die handgroßen Figuren für mich zum Spätwinter, zu Hyazinthen, Tulpen und den ersten helleren Himmeln beim Blick in den Garten.

Dieses Mal habe ich sie drei Wochen eher aus dem Schrank geholt, anlässlich des chinesischen Jahres der Ratte – bin ich doch schließlich selbst in einem Ratten-Jahr geboren.

Die Zeichnung ist eine kleine Fingerübung am Abend; ich habe sie genutzt, um einige Materialien aus dem Amsterdamer Gabenbeutel auszuprobieren. Ein wasserlöslicher Graphitstift ist dabei, ein interessanter ölbasierter Kohlestift (Cretacolor Nero) und noch einiges an Markern, aufgelockert mit einem rotem Aquarellstift namens Marino, ebenfalls von Cretacolor.


Männer

Gestern war der Tag der seltsamen Männer. Also zum Zeichnen. Die Schweriner Urban Sketchers hatten sich im Kaufhaus Kressmann versammelt, um im Warmen und unter Dach sitzen zu können. Vom „Café Honig“ aus hat man einen schönen Blick nach draußen, auf den Dom und die (immer noch leerstehende) alte Post, drinnen kann man die Gäste im Café zeichnen oder es sich im Kaufhaus in einer der Sitzecken gemütlich machen.

Magisch angezogen wurden wir von zwei ganz besonderen Schaufensterpuppen. Die beiden Herren, deutlich lebensnäher als in ihrer Branche sonst üblich, tragen ihre Unterwäsche mit Würde.

Der dritte seltsame Mann bewacht das Haus gegenüber. Eine Blattmaske, auch als Grüner Mann bekannt – dieser hier ist allerdings aus rotem Stein.


Pink Poinsettia

Weihnachtsstern, Poinsettia, Euphorbia pulcherrima – immer wenn die Pflanzen im Spätherbst in den Gärtnereien auftauchen, versuche ich möglichst viele verschiedene Exemplare zu ergattern, und in meiner Wohnung über den Winter zu bringen. Letzteres ist gar nicht so einfach; meine Altbauwohnung ist ihnen zu dunkel und zu kühl und sie brauchen jedes Jahr viel gutes Zureden, den hellsten und wärmsten Platz und genau abgemessene Mengen an vorgewärmtem Gießwasser. Sie danach auch noch auf dem Balkon zu übersommern habe ich aufgegeben, das endete noch jedes Mal mit Fäulnis und Läusen.

Also wollen sie im Winter gemalt werden, so lange es ihnen noch gut geht. Dieses Bild habe ich am Silvesternachmittag begonnen und erst gestern Abend fertig gestellt. Es ist ein erneuter Versuch mit mehr oder minder deckender Farbe auf grau.


Tee in der Komfortzone

Heute bin ich gar nicht gewachsen. Jedenfalls nicht, wenn es nach dauergutgelaunten Lebenshilferatgebern geht, die all denen, die es sich in ihrer Komfortzone gemütlich machen, mit Konsequenzen drohen. „Kein persönliches Wachstum“, das liest sich ein bisschen wie „ohne Abendbrot ins Bett“ – Strafe muss sein.

Nein, kein Challenge, kein Projekt, kein persönlicher Entwicklungsplan: mein guter Vorsatz für heute war die altbekannte Teetasse; ein Stillleben, das schön still hält, aus dem ich mich während des Zeichnens mit schwarzem Tee bedienen kann, während ich nebenbei dem Ofen beim Zimmerwärmen zusehe.

Naja, zugegeben – ein klitzekleines bisschen Projekt ist doch dabei. Im Gegensatz zu der Weihnachtspyramide in Gouache ist die Tasse nämlich mit Aquarellfarben gemalt. Abgeguckt habe ich mir die Technik bei Marie Silver, die in dieser Weise auf dem beigen Stillman&Birn-Papier arbeitet. Das Weiß wird ebenso wie die anderen Farben in Aquarellmanier lasierend eingesetzt und der – in meinem Fall graue – Untergrund darf durchscheinen. Zum Schluss gibts noch ein paar Higlights mit einem weißen Marker obendrauf.


Nach Weihnachten

Es war wohl Karl Valentin, der den Spruch prägte, dass es wieder ruhiger würde, wenn die stille Zeit vorüber sei. Was auch etwas darüber sagt, dass vorweihnachtliche Hektik keine Erfindung des 21.Jahrhunderts ist. Wie auch? Die Kartoffelsalat-und-Würstchen-Tradition entstammt schließlich Haushalten, in denen am Tag vor dem Heiligen Abends noch gearbeitet wurde und die Hausfrauen ihre liebe Not damit hatten, alles vorzubereiten.

Um alles unter einen Hut zu bekommen – auch gänzlich unweihnachtliche, aber nicht minder notwendige Termine – hatte ich mir eine Zeichenpause gegönnt. Ja, so sehr ich das Zeichnen liebe, manchmal setzt mich der Gedanke daran unter Druck. Um so schöner ist es, wieder anzufangen, am liebsten mit einem „Auf-dem-Tisch-unter-der-Lampe“-Bild: Da steht um diese Jahreszeit die Weihnachtspyramide und dreht mehr oder weniger gemächlich ihre Flügel. (Zum Gezeichnet-Werden darf sie dann auch mal stillstehen.)

Es ist keine besondere Pyramide, kein kostbares Erbstück; ich habe sie vor einigen Jahren an einem Verkaufsstand in der Fußgängerzone erworben. Immerhin stammt sie aus dem Erzgebirge, wo ich geboren bin. (Die Pyramide, die so alt war wie ich, war allmählich zu Bröseln zerfallen und bekam letzte Weihnachten ihr Abschiedsbild.)

Gemalt habe ich sie mit Gouache-Farben in das graue S&B-Buch, das mich nun schon seit dem Inktober begleitet. Ich bin mit diesen Farben nicht geübt und hatte zum Schluss meine liebe Not, das kleinteilige Motiv mit den eher für großflächigeres Arbeiten gemachten Materialien aufs Papier zu bringen. Am Ende musste dann doch noch der weiße Stift mithelfen, etwas Struktur hineinzubringen. Zwei Abende und einen Morgen brachte ich mit dem Bild zu, Zeit und Gelegenheit auch, den einen oder anderen Gedanken an die Geschichte zu wenden, die hier in hellen und dunklen Holztönen erzählt wird.