Berg und Tal

„Du pilgerst? Ist der Jakobsweg nicht in Spanien?“ So fangen viele Gespräche an, wenn Menschen mich mit meinem Rucksack sehen oder ich von meiner Reise berichte. Meist erkläre ich, dass ich nicht nach Santiago gehe, sondern über die Alpen nach Assisi und Rom – was durchaus zutrifft, aber eben nicht alles umfasst.

„Gibt es da, wo du gehst, einen Pilgerweg?“ Schaut man auf Wanderkarten und ins Netz, stellt man bald fest, dass Mitteleuropa von einem immer dichter werdenden Netz aus „Pilgerwegen“ überzogen ist, jährlich kommen neue dazu; manche werden von Vereinen liebevoll gepflegt, mit Büchern begleitet, an manchen gibt es Herbergen und Privatquartieren; offene Kirchen am Weg, in die freundliche Menschen in warmen Sommern kühle Getränke stellen. So war es in all den Jahren für mich nicht schwierig, mir meinen eigenen Weg anhand solcher Routen zusammenzustellen.

Oft habe ich unterwegs, mit gehenden Füßen und freiem Kopf überlegt, was – neben dem Besuch spiritueller Orte – das Pilgern vom Wandern unterscheidet. Ein Teil der Antwort lautet vielleicht, den ganzen Weg zu gehen und nicht nur attraktive Teilabschnitte. Endlose Forststraßen, Agrarsteppe und hässliche Neubausiedlungen – es ist alles dabei. (Eine Ausnahme machen für mich nur die Randgebiete sehr großer Städte.)

In den letzten vier, fünf Tagen hatte ich Gelegenheit, ganz handfest über diese Dinge nachzudenken. Für den Weg das Rheintal hinauf hatte ich mir den „Rheintaler Höhenweg“ als „Grundlage“ ausgesucht und mich auf weite Blicke und attraktive Landschaften gefreut. Beides bekam ich überreichlich geboten – steile An- und Abstiege und schlammige und steinige Pfade gab es genauso reichlich dazu. Dies war eindeutig ein Wanderweg! Ein Weg, zuvörderst für den Genuss an Weg und Landschaft konzipiert und nicht, auf den Füßen zwar, aber doch voranzukommen. Und womöglich noch am Wegrand zu zeichnen. Ich hatte etwas dazugelernt und beschloss, fürderhin im Tal zu bleiben.

Voll neuer Zeichenvorfreude ging ich auf Schloss Werdenberg zu, das lockend in der Vormittagssonne oberhalb der Stadt Buchs lag. Ich stieg zum Schlosshof hoch und fand einen stillen und einladenden Ort, an dem drei Menschen auf Besucher warteten: Ein Covid-Kontrolleur, eine Museumsdame und die Servicekraft im Bistro. Während ich dort saß, kam eine Gruppe aus diesem Tor heraus und niemand ging hinein. Es gab einen schattigen Sitzplatz, guten Kaffee, glutenfreien Kastanienkuchen und was man sonst auf einer Wanderung so braucht.

Das „Städtli“ darunter ist ein pittoresker Ort mit uraltem Stadtrecht, ein Museumsort aus krummen Holzhäusern, eine perfekte Kulisse. Währen ich dort zeichnend saß, kamen nicht weniger als vier Hochzeitspaare mit ihren Fotografen, lebende Bilder von Schein und Sein, von in Konventionen gegossenen Gefühlen … Gern hätte ich sie mit ins Bild geholt, doch bin ich noch immer nicht geübt genug im Zeichnen von Menschen, um in solch exponierter Situation damit herauszurücken. So blieb es bei der Kulisse. 


One Comment on “Berg und Tal”

  1. […] nächsten Tag wanderte ich über Berg und Tal und versuchte, endlich angekommen, noch die Skizze eines modernen Kirchleins gegen den Abendhimmel […]

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