Streuobstwiesen

Die letzten beiden Tage bin ich hügelauf hügelab durch schier endlose Streuobstwiesen gelaufen, einen kleinen Garten Eden von unerwarteter Schönheit. (Unerwartet, denn die Orte sind meist gesichtslose Eigenheimsiedlungen, die die alten Dorfgrenzen schon lange überschritten haben und aus den Tälern die Hügel hinaufwuchern.)

Immer wieder nehme ich mir vor, eine Zeichnung von dieser Landschaft zu machen, und immer wieder „passt es nicht“, ist zu windig, zu sonnig oder es fehlt ein geeigneter Sitzplatz. Bis dann kurz vor Winnenden doch noch eine Bank an genau der richtigen Stelle auftaucht, gegen den Wind die ungeliebte quietschgrüne Jacke aus dem Rucksack geholt wird und es losgehen kann …

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Auf einer Wiese unterhalb von Bürg bei Winnenden.


Am Weg

Wann immer es geht, versuche ich bei einer Rast zu zeichnen, was ich sehe. Keine spektakulären Ansichten, keine lange gesuchten Blickwinkel – die Übung heißt in diesem Fall, das Besondere im Alltägliche zu sehen. Da das auch immer mal schiefgeht, greife ich in diesem Fall zur Postkarte.

Gern rastet die Pilgerin auf Friedhöfen, wenn sie an einer Kirche gelegen sind. Immer findet sich eine Bank, windgeschützt und im Schatten, auch wenn die Kirchentür verschlossen ist. 

Auch in Tullau hatte ich das Kirchlein im Rücken, ohne Friedhof, dafür mir Blick auf ein unsaniertes Fachwerkhaus mit üppigem Garten und Backofen darin. 

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Manchmal allerdings ist der Blick vom Rastplatz nicht alltäglich,  wie hier oberhalb von Westheim, wo ein perfekter Grillplatz mit Tisch und Bänken die Aussicht feierte – früh um acht war ich selbstverständlich allein an dem Ort. (Wie überhaupt weitgehend auf meinen Wegen. Andere Pilger habe ich keine getroffen, Wanderer sehr vereinzelt, eher Radfahrer.)


Ein Versuch in Leichtigkeit

Man kann es ja mal versuchen. Locker die Formen andeuten, sich gar nicht erst vornehmen, jedes Detail abzubilden, und vor allem: im richtigen Moment aufzuhören. Seit Tagen holte ich mir immer neue Sträuße Gartenrosen in die Wohnung (sie halten ja nicht lange), stellte sie vor mich auf den Tisch und hoffte auf den richtigen Moment für ein Bild – heute Abend war er endlich gekommen.

(Vor Jahren, als ich den Rosenbusch neu gepflanzt hatte, habe ich winters seine ersten Hagebutten gezeichnet, die Hagebutten der Physikerin.)

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Ein Strauß Rosen der Sorte „Marie Curie“ aus meinem Garten.


Radieschen

Erster Urlaubstag – mittags gibt es kalte Suppe mit Radieschen, Gurke und Rote-Bete-Saft; und ich nehme mir die Zeit, die Radieschen zu malen. Aquarell im Alltagsbuch, zügig soll es gehen, doch am Ende ist das Motiv doch wieder komplexer als gedacht. So lasse ich die Farbe erst einmal trocknen, mache ein Foto, esse die Suppe und widme mich dem Bild am Abend noch einmal.

Dieses Mal habe ich zum Schluss dann doch noch etwas Tinte eingesetzt – das komplizierte Geflecht der Mäuseschwänzchen wollte sich anders einfach nicht in Szene setzen lassen. Ich bin ganz glücklich mit der Auswahl an Rot, die mein kleiner Kasten nun zu bieten hat: vom hellen Kadmiumrot (hier nicht mit dabei) über Scharlach, Magenta, Opernrosa bis zu dunklem Krapp.

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Radieschen. Aquarell mit etwas Tinte und Marker im Kunst&Papier Skizzenbuch.

 


Frauenkirche

Hier nun das dritte und letzte Bild meiner Dresden-Reise, entstanden samstagmorgens an der Elbe. Ich war früh auf, und bevor noch mein Frühstückscafé öffnete, setzte ich mich in einen kleinen, um diese Zeit natürlich verlassenen Biergarten am Elbufer. Vor mir lag das berühmte Panorama im Morgenlicht, anfangs noch sanft und verhangen, später in greller stechender Sonne.

Deren Licht einzufangen war nicht einfach und (für mich) letztlich nur um den Preis von viel Blau am Himmel und viel Grau in den Schatten zu haben. Auf stützende Tintenlinien zu verzichten fiel mir nicht leicht, immer wieder zuckte die Zeichenhand zum Füller; am Ende kam er dann mit einem kleinen Stück Schrift zum Einsatz.

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Die Dresdener Frauenkirche im Morgenlicht. Aquarell auf Stillman&Birn Beta.


Lieblingsplätze in Funchal

Der Tag war grau und windig gewesen; als der Regen abends nachließ, drehte ich noch einmal eine Runde durchs Viertel und zeichnete eine flotte Skizze von einem typischen Funchaler Wohngegend-Blick – sozusagen das Pendant zu meiner Ankunftszeichnung.

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Blick aufs Meer an einem regnerischen Abend.

Bevor das Wetter auf Madeira zum Abschied dann  noch einmal mit Regenmassen und im im Sturm sich biegenden Palmen auftrumpfte, spendierte es mir noch einen sonnig-freundlichen Abschiedstag: beste Bedingungen, um ein paar meiner Lieblingsplätze zum Zeichnen aufzusuchen. Die Igreja de Nossa Senhora do Socorro, die „Kirche Unserer Lieben Frau des Beistandes“, wurde einmal als Pestkapelle gebaut und steht jetzt an einem der schönsten Plätze von Funchal: auf einer Klippe über dem Meer, an einem schön gestalteten Platz am östlichen Ende der Altstadt, umgeben von alten Bäumen.

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Igreja de Nossa Senhora do Socorro, Funchal.

Am Nachmittag dann lies ich mich an der Uferpromenade nieder; das Wetter war so freundlich geworden, dass ich Lust auf einen sommerlichen Cocktail bekam. Der Blick von dieser Stelle ist der wahrscheinlich schönste auf die Kathedrale.

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Blick auf die Kathedrale von Funchal von der Uferpromenade aus.

Zeichnerisch ist das Motiv allerdings so komplex, dass ich mit meinem Hoch-im-Breitformat technisch an Grenzen kam. Dieses Blatt illustriert nicht nur meinen Abschied von Funchal für dieses Jahr, sondern auch vom Hahnemühle Watercolour Book im Landschaftsformat. Ich hatte das Buch in Eutin geschenkt bekommen und mir schon bald vorgenommen, es für die diesjährige Madeira-Reise zu nutzen. Meinen Zeichengewohnheiten kam es eher nicht entgegen, was nichts macht, es ist immer wieder schön, etwas Neues auszuprobieren.
Für interessierte Zeichner hier ein kleiner Arbeitsbericht: das Papier ist hervorragend, es macht alles mit, auch Füller der verschiedensten Marken und Tinten gleiten darauf fast wie auf Markerpapier, dabei ist es richtiges Aquarellpapier einer ordentlichen Grammatur, das sich nur sehr wenig wellt. Das Buch liegt flach auf dem Tisch, der wasserfeste Einband, die runden Ecken, Gummiband und Lesebändchen lassen es zu einem sehr praktischen Reisebegleiter werden.
Dass ich mich mit dem Format schwertat, habe ich mehrfach angedeutet, und ich mochte es für Hochformate auch nicht drehen – ich lege meine Reisezeichnungen eher als ein Tage- als ein Skizzenbuch an, es erzählt eine Geschichte, und die soll man fortlaufend lesen können. Hierin liegt natürlich auch ein Vorteil: in manchen Situationen kann sich die Geschichte auf einem solchen Format richtig entfalten – die Fortsetzung dieses Stils wäre dann ein Leporello. (Und zu ein paar Breitwandlandschaften, die sonst so nicht gezeichnet hätte, hat es mich auch eingeladen.)
Fazit: tolles Papier, tolle Verarbeitung, für die nächste Reise gibt es das gleiche im Hochformat.

 

 

 

 

 


Ring ums Herz

Das Märchen vom Froschkönig ist eines der bekanntesten der Brüder Grimm. Doch wer erinnert sich an den Schluss? Der (im Übrigen durch Wandwurf und nicht durch Kuss) erlöste Prinz fährt mit seiner Prinzessin in der Kutsche heim, als es hinter ihnen kracht:

 „Heinrich, der Wagen bricht!“/ „Nein, Herr, der Wagen nicht,/ es ist ein Band von meinem Herzen,/ das da lag in großen Schmerzen,/ als Ihr in dem Brunnen saßt,/ als Ihr noch ein Fretsche wast.(Frosch wart)“

An diesen eisernen Reif ums Herz dachte ich, als ich den alten Taufstein in Großhaslach mit seinem Stahlring sah. Die Großhaslacher Kirche ist pilgerfreundlich hergerichtet mit einem Rastplatz, ein angenehmer Ort auf einem Hügel, luftig und freundlich, und neben der Kirche in der Bruchsteinkapelle steht der Taufstein. Wie alt er wirklich ist, weiß niemand – schon die Angaben in den ausliegenden Broschüren schwanken zwischen 800 und 1000 Jahren.

 Der Stein war auf dem Pfarrgrundstück vergraben und wurde, wiedergefunden, erst einmal viele Jahre als Blumenkübel „genutzt“, bis er in der Kapelle einen würdigen Platz fand. Die Granitschale hat einen Riss und ein Stück ist herausgebrochen. Vor einiger Zeit las ich ein Buch über alte Granittaufen in Mecklenburg, und der Autor kam zu dem erstaunlichen (und gut begründeten) Ergebnis, das diese Steine wohl schon lange vor der offiziellen „Christianisierung“ des Landes von christlichen germanischen Völkern mit von Rom unabhängigen sogenannten „Eigenkirchen“ geschaffen wurden. Mit der Unterwerfung durch Heinrich den Löwen wurden sie zu „Heiden“ erklärt und ihre Taufsteine zerstört, zumindest unbrauchbar gemacht.

Vielleicht hat der Großhaslacher Taufstein ein ähnliches Schicksal erlitten. Jetzt dient er wieder seinem ursprünglichen Zweck, in den Granit ist eine Messingschale für das Taufwasser eingelassen.

Ich habe in der angenehm kühlen Kapelle eine schöne, ruhige Stunde zugebracht, bevor es wieder in die fast absurde Hitze hinausging. Mutig habe ich auf stützende Tintenstriche verzichtet und den Stein nur mit Aquarellfarben abgebildet, die ich zu Hause noch ein wenig vertieft habe.

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Taufstein in der Großhaslacher Taufkapelle, Aquarell in S&B Beta