Ein Versuch in Leichtigkeit

Man kann es ja mal versuchen. Locker die Formen andeuten, sich gar nicht erst vornehmen, jedes Detail abzubilden, und vor allem: im richtigen Moment aufzuhören. Seit Tagen holte ich mir immer neue Sträuße Gartenrosen in die Wohnung (sie halten ja nicht lange), stellte sie vor mich auf den Tisch und hoffte auf den richtigen Moment für ein Bild – heute Abend war er endlich gekommen.

(Vor Jahren, als ich den Rosenbusch neu gepflanzt hatte, habe ich winters seine ersten Hagebutten gezeichnet, die Hagebutten der Physikerin.)

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Ein Strauß Rosen der Sorte „Marie Curie“ aus meinem Garten.


Radieschen

Erster Urlaubstag – mittags gibt es kalte Suppe mit Radieschen, Gurke und Rote-Bete-Saft; und ich nehme mir die Zeit, die Radieschen zu malen. Aquarell im Alltagsbuch, zügig soll es gehen, doch am Ende ist das Motiv doch wieder komplexer als gedacht. So lasse ich die Farbe erst einmal trocknen, mache ein Foto, esse die Suppe und widme mich dem Bild am Abend noch einmal.

Dieses Mal habe ich zum Schluss dann doch noch etwas Tinte eingesetzt – das komplizierte Geflecht der Mäuseschwänzchen wollte sich anders einfach nicht in Szene setzen lassen. Ich bin ganz glücklich mit der Auswahl an Rot, die mein kleiner Kasten nun zu bieten hat: vom hellen Kadmiumrot (hier nicht mit dabei) über Scharlach, Magenta, Opernrosa bis zu dunklem Krapp.

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Radieschen. Aquarell mit etwas Tinte und Marker im Kunst&Papier Skizzenbuch.

 


Frauenkirche

Hier nun das dritte und letzte Bild meiner Dresden-Reise, entstanden samstagmorgens an der Elbe. Ich war früh auf, und bevor noch mein Frühstückscafé öffnete, setzte ich mich in einen kleinen, um diese Zeit natürlich verlassenen Biergarten am Elbufer. Vor mir lag das berühmte Panorama im Morgenlicht, anfangs noch sanft und verhangen, später in greller stechender Sonne.

Deren Licht einzufangen war nicht einfach und (für mich) letztlich nur um den Preis von viel Blau am Himmel und viel Grau in den Schatten zu haben. Auf stützende Tintenlinien zu verzichten fiel mir nicht leicht, immer wieder zuckte die Zeichenhand zum Füller; am Ende kam er dann mit einem kleinen Stück Schrift zum Einsatz.

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Die Dresdener Frauenkirche im Morgenlicht. Aquarell auf Stillman&Birn Beta.


Lieblingsplätze in Funchal

Der Tag war grau und windig gewesen; als der Regen abends nachließ, drehte ich noch einmal eine Runde durchs Viertel und zeichnete eine flotte Skizze von einem typischen Funchaler Wohngegend-Blick – sozusagen das Pendant zu meiner Ankunftszeichnung.

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Blick aufs Meer an einem regnerischen Abend.

Bevor das Wetter auf Madeira zum Abschied dann  noch einmal mit Regenmassen und im im Sturm sich biegenden Palmen auftrumpfte, spendierte es mir noch einen sonnig-freundlichen Abschiedstag: beste Bedingungen, um ein paar meiner Lieblingsplätze zum Zeichnen aufzusuchen. Die Igreja de Nossa Senhora do Socorro, die „Kirche Unserer Lieben Frau des Beistandes“, wurde einmal als Pestkapelle gebaut und steht jetzt an einem der schönsten Plätze von Funchal: auf einer Klippe über dem Meer, an einem schön gestalteten Platz am östlichen Ende der Altstadt, umgeben von alten Bäumen.

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Igreja de Nossa Senhora do Socorro, Funchal.

Am Nachmittag dann lies ich mich an der Uferpromenade nieder; das Wetter war so freundlich geworden, dass ich Lust auf einen sommerlichen Cocktail bekam. Der Blick von dieser Stelle ist der wahrscheinlich schönste auf die Kathedrale.

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Blick auf die Kathedrale von Funchal von der Uferpromenade aus.

Zeichnerisch ist das Motiv allerdings so komplex, dass ich mit meinem Hoch-im-Breitformat technisch an Grenzen kam. Dieses Blatt illustriert nicht nur meinen Abschied von Funchal für dieses Jahr, sondern auch vom Hahnemühle Watercolour Book im Landschaftsformat. Ich hatte das Buch in Eutin geschenkt bekommen und mir schon bald vorgenommen, es für die diesjährige Madeira-Reise zu nutzen. Meinen Zeichengewohnheiten kam es eher nicht entgegen, was nichts macht, es ist immer wieder schön, etwas Neues auszuprobieren.
Für interessierte Zeichner hier ein kleiner Arbeitsbericht: das Papier ist hervorragend, es macht alles mit, auch Füller der verschiedensten Marken und Tinten gleiten darauf fast wie auf Markerpapier, dabei ist es richtiges Aquarellpapier einer ordentlichen Grammatur, das sich nur sehr wenig wellt. Das Buch liegt flach auf dem Tisch, der wasserfeste Einband, die runden Ecken, Gummiband und Lesebändchen lassen es zu einem sehr praktischen Reisebegleiter werden.
Dass ich mich mit dem Format schwertat, habe ich mehrfach angedeutet, und ich mochte es für Hochformate auch nicht drehen – ich lege meine Reisezeichnungen eher als ein Tage- als ein Skizzenbuch an, es erzählt eine Geschichte, und die soll man fortlaufend lesen können. Hierin liegt natürlich auch ein Vorteil: in manchen Situationen kann sich die Geschichte auf einem solchen Format richtig entfalten – die Fortsetzung dieses Stils wäre dann ein Leporello. (Und zu ein paar Breitwandlandschaften, die sonst so nicht gezeichnet hätte, hat es mich auch eingeladen.)
Fazit: tolles Papier, tolle Verarbeitung, für die nächste Reise gibt es das gleiche im Hochformat.

 

 

 

 

 


Ring ums Herz

Das Märchen vom Froschkönig ist eines der bekanntesten der Brüder Grimm. Doch wer erinnert sich an den Schluss? Der (im Übrigen durch Wandwurf und nicht durch Kuss) erlöste Prinz fährt mit seiner Prinzessin in der Kutsche heim, als es hinter ihnen kracht:

 „Heinrich, der Wagen bricht!“/ „Nein, Herr, der Wagen nicht,/ es ist ein Band von meinem Herzen,/ das da lag in großen Schmerzen,/ als Ihr in dem Brunnen saßt,/ als Ihr noch ein Fretsche wast.(Frosch wart)“

An diesen eisernen Reif ums Herz dachte ich, als ich den alten Taufstein in Großhaslach mit seinem Stahlring sah. Die Großhaslacher Kirche ist pilgerfreundlich hergerichtet mit einem Rastplatz, ein angenehmer Ort auf einem Hügel, luftig und freundlich, und neben der Kirche in der Bruchsteinkapelle steht der Taufstein. Wie alt er wirklich ist, weiß niemand – schon die Angaben in den ausliegenden Broschüren schwanken zwischen 800 und 1000 Jahren.

 Der Stein war auf dem Pfarrgrundstück vergraben und wurde, wiedergefunden, erst einmal viele Jahre als Blumenkübel „genutzt“, bis er in der Kapelle einen würdigen Platz fand. Die Granitschale hat einen Riss und ein Stück ist herausgebrochen. Vor einiger Zeit las ich ein Buch über alte Granittaufen in Mecklenburg, und der Autor kam zu dem erstaunlichen (und gut begründeten) Ergebnis, das diese Steine wohl schon lange vor der offiziellen „Christianisierung“ des Landes von christlichen germanischen Völkern mit von Rom unabhängigen sogenannten „Eigenkirchen“ geschaffen wurden. Mit der Unterwerfung durch Heinrich den Löwen wurden sie zu „Heiden“ erklärt und ihre Taufsteine zerstört, zumindest unbrauchbar gemacht.

Vielleicht hat der Großhaslacher Taufstein ein ähnliches Schicksal erlitten. Jetzt dient er wieder seinem ursprünglichen Zweck, in den Granit ist eine Messingschale für das Taufwasser eingelassen.

Ich habe in der angenehm kühlen Kapelle eine schöne, ruhige Stunde zugebracht, bevor es wieder in die fast absurde Hitze hinausging. Mutig habe ich auf stützende Tintenstriche verzichtet und den Stein nur mit Aquarellfarben abgebildet, die ich zu Hause noch ein wenig vertieft habe.

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Taufstein in der Großhaslacher Taufkapelle, Aquarell in S&B Beta


Mal was anderes

Diese beiden Porträtskizzen sind am Rande unseres Zeichentreffens in der Classic Remise entstanden, beide auf Aquarellpostkarten im A6-Format.


Mein erstes Auto

Der Berliner Nordwesten ist nicht hip. Im Niemandsland zwischen Großmarkt und Autobahn, zwischen S-Bahn, Kleingartenverein und Kanal sind die langen geraden Straßen leer, grau und – in den Grenzen des Möglichen – sogar still. In so einer stillen Straße beherbergt ein ehemaliges Straßenbahndepot einen ganz besonderen Schatz: Die Classic Remise Berlin, eine riesige Oldtimer-Garage.

Als Berliner Zeichenfreunde den Ort für ein Nachmittagstreffen vorschlugen, war ich innerlich ein bisschen zweifelnd. Autos zeichnen? Ich? Ist das nicht eher so ein Ort für eckige Typen mit Goldkettchen? Angekommen lief ich erst einmal zwanzig Minuten durch die Reihen der dort geparkten (und zum Verkauf angebotenen) Autos: vom 100 Jahre alten Vorkriegsauto über Rennwagen aus allen Zeiten und Ländern bis zu alten Kleinwagen ist alles dabei. An einer Wand der Halle entlang ziehen sich Werkstätten, in denen unter den Augen kundiger Besucher geschraubt, poliert und auch mal mit dem Motor geröhrt wird.

Ich ließ mich mit Blick auf eine Werkstatt nieder und zeichnete zum ersten Mal im Leben ein Auto: einen Volvo 444 von 1953, „Buckelvolvo“ genannt, das schwedische Pendant zum „Käfer“ und der Anfang der Volvo-Erfolgsgeschichte. Kaum hatte ich begonnen, bot mir der Inhaber der Werkstatt einen Kaffee an – überhaupt war die Stimmung in der ganzen Halle angenehm und freundlich. Was – so begann ich zeichnend zu ahnen – auch gar nicht anders sein kann, bei der fast zärtlichen Sorgfalt, mit er dort alle mit ihren „Schützlingen“ umgehen.

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1953er Volvo, gezeichnet und aquarelliert in der Classic Remise Berlin. (Zu Hause habe ich die Farbe noch einmal etwas vertieft.)


Nachtrag, Rückblick

Jede Reise, so liest es sich bisweilen, begänne mit dem ersten Schritt. Das ist wahr, in gewisser Weise, denn ohne diesen Schritt bliebe sie eine Reise im Konjunktiv. Wenn der Schritt dann aber gegangen wurde, so stellen wir fest, dass sie lange vorher begann, mit den ersten Träumen davon, der Verdinglichung der Pläne in Notizen, Mindmaps, Land- und Fahrkarten, in Stapeln von Dingen auf dem Zimmertisch, im endlich gepackten Rucksack. Für zeichnende Menschen kommt noch die Auswahl der Werkzeuge dazu, der Besuch beim Künstlerbedarf …

Und ebenso endet die Reise nicht mit dem Schlüssel in der heimatlichen Wohnungstür. Ein paar Tage liegt alles kreuz und quer, die Waschmaschine rödelt, langsam schrumpfen die Stapel. Wie jedes Mal überlege ich, was mit den unfertigen Skizzen im Reisetagebuch geschehen soll. (Kann eine Skizze unfertig sein? Eine der vielen Fragen nach dem Selbstverständnis der Art von Zeichnerei, wie ich sie treibe. Und dabei eine, die weit ins Philosophische führt.) Für dieses Jahr habe ich beschlossen, sie, so lange der innere Zugang noch da ist, zu einer Art Abschluss zu führen, Schrift zu ergänzen, Farbe, Schatten, alles was mir nötig scheint, um zu der vollständigen Unvollständigkeit zu kommen, die in Reisebüchern mein Ideal ist. Und dabei die Reise noch ein bisschen zu verlängern …

Ich fange an mit zwei Bildern vom ersten Tag, die bei ähnlichen Motiven sehr unterschiedlich geworden sind. Noch bin ich nah genug dran, um zu ahnen, was ich vor meinem inneren Auge sah, als ich ein paar Bleistiftstriche zog, vielleicht ein paar Tintenakzente setzte. Im ersten, bunten Fall die Pilgerherberge des Klosters Kirchschletten – dass der Pilgerstempel nicht wasserfest ist, hatte mir auch keiner gesagt – weich im herbstlichen Morgenlicht, Rosen an der Pforte … Im zweiten ein anfangs minimalistischer Versuch, ein paar Charakteristika der Gegend eher grafisch aufs Blatt zu bringen: Fachwerk, Nussbaum, frommer Spruch. (Letzterer im Original aus gesägten Holzbuchstaben, ein Fach füllend.)


Postkarten

Dieses Jahr hatte ich auf meiner Wanderung neben meinem gebundenen Skizzenbuch auch ein Kästchen mit Aquarellpostkarten dabei. Das erwies sich als Glücksfall: auf Reisen bin ich mit meinen Zeichnungen im Reisetagebuch nicht so locker wie zu Hause, ist es weniger Skizzenbuch, habe ich eine gewisse Scheu vor dem Vorläufigen. Außerdem hatte ich dieses Jahr ein Exemplar mit sehr glattem Papier dabei – Stillman&Birn Zeta – das sich für exakte Studien am heimischen Zeichentisch gut eignet – für Aquarell unterwegs nur bedingt. Dazu noch die Kälte, in der die Farben langsam trocknen.

Also habe ich mich auf den Karten locker gemalt: Füller oder Tintenstift raus, schnelle Skizze ohne Vorzeichnung und großzügige und nicht zu sehr an den Originaltönen klebende Kolorierung abends im Gasthof. Das strukturierte Papier hat mir dabei ebenso geholfen wie das Wissen, auch mal eine Karte verwerfen zu dürfen.


Powells Hakenlilie – von der Skizze zum Bild

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Powells Hakenlilie – crinum x powellii – ein Amaryllisgewächs, das in Madeiras Wäldern vielfach verwildert zu finden ist.

Das Bild ist eine Erinnerung an meine Reise nach Madeira. Ich habe es mit nur vier Farbtönen von Schmincke Horadam – Cölinblauton, Ultramarin, Magenta und Indischgelb (in der Untermalung ist noch eine Spur Cadmium Zitrone) auf getöntem 300g-Bockingford-Papier gemalt.

90% oder mehr meiner Bilder sind „Skizzen“, Zeichnungen oder Aquarelle, die vor Ort entstehen und allenfalls nach- aber nicht umgearbeitet werden. Lediglich auf botanische Studien verwende ich eine längere Vorarbeit, doch auch sie entstehen letztlich „am Modell“. Für das Bild der Hakenlilien bin ich einen anderen Weg gegangen, habe die vor-Ort-Studie verändert, komprimiert und umgewandelt, bevor ich begann, sie im Stil der „Negativmalerei“ (z.B. nach Brenda Swenson) aufs Papier zu bringen. (Eine Premiere, bisherige Versuche scheiterten an zu komplexen Motiven oder mangelnder Vorbereitung.)

Da ich das so selten mache, habe ich Teile des Prozesses nachgezeichnet: