Der Drache

Etwa elf Jahre alt muss ich gewesen sein, als ich im Ostberliner „Deutschen Theater“ mit  Jewgenij Schwarz‘ „Drachen“ so ziemlich das beste sah, was auf einer Theaterbühne möglich ist – und für schlechtes Theater  von nun an verloren war. Die Ostberliner Aufführung wurde von 1965 bis 1981 gespielt, auch auf Tourneen durch ganz Europa. Das Inselbändchen mit den Figurinen und Bühnenbildentwürfen sah ich mir immer wieder an, und auch die Moral von der Geschichte habe ich mit elf schon verstanden: dass die Menschen ihren Drachen in sich tragen.

Lanzelot, ein „berufsmäßiger Held“, kommt in die sprichwörtliche Kleine Stadt, die sich mit ihrem Drachen längst arrangiert hat. Auch die Jungfrau, die er sich dieses Jahr ausgesucht hat, begehrt nicht gegen ihr Schicksal auf, und bald muss der Drachentöter selbst um sein Leben fürchten …

Letztes Wochenende sah ich das Stück im Rahmen der „Klassikertage Wismar“ in der Wismarer Georgenkirche. Wie schon die Aufführungen der vergangenen Jahre („Faust“ und „Jedermann“) war es rundum gelungen; poetisch, ohne sentimental zu sein, werkgetreu, traurig und lustig, von hervorragenden Schauspielern getragen (deren ältere weitgehend noch jener DDR-Theaterkultur entstammen, die die damalige legendäre Inszenierung hervorgebracht hat) und von hohem Schauwert. (Nur einen bühnenfüllenden Theatermaschinendrachen gibt das Budget eines freien Sommerfestivals nicht mehr her.)

Und weil es ein Märchen ist, geht am Schluss natürlich alles doch noch gut aus.


2 Kommentare on “Der Drache”

  1. Des Drachen „Dritter Kopf“ ist besonders schön getroffen. Ja, ich war vom Schauspiel auch positiv beeindruckt. (Und einen bühnenfüllenden Theaterdrachen hatte ich weder erwartet noch hätte ich ihn mir wirklich gewünscht. – Da stelle ich mir lieber vor, was in Mariechens Brillen und Spiegeln zu sehen ist.)

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    • Der Theater-Maschinen-Drache war eines der Highlights jener sagenumwobenen Aufführung am Deutschen Theater. Schauspielerisch war man hier in Wismar den Größen von einst mindestens ebenbürtig. (Mein persönlicher Favorit [neben der herzzerreißenden Szene, in der der Tod ruft]: Kopf drei, kurz mach der von mir gezeichneten Szene, auf dem Weg die Treppe hinauf zur Echse werdend. )

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