Bei der Mutter der Insel
Veröffentlicht: 4. März 2017 Abgelegt unter: Allgemein, Ink&Wash, Madeira 2017, Reiseskizzen, Urban Sketching | Tags: Funchal, Madeira, Madonna, Wallfahrtskirche Ein KommentarHoch oben über der Stadt Funchal steht im Vorort Monte eine Wallfahrtskirche. Hier ist es deutlich kühler als unten und feucht vom Nebel. „Die Kälte, die Feuchtigkeit, die Nebel schaffen ein durch und durch von Pflanzen beherrschtes Reich, in dem die Menschen fast fürchten, auf ihren Händen könnten Flechten wachsen und auf ihrem Haar Moos“ schreibt Helena Marques in ihrem Madeira-Roman „Raquels Töchter“. (Das Buch ist eine aus anrührenden kleinen Geschichten zusammen gesetzte Familiensaga aus der Welt des gehobenen Funchaler Bürgertums um 1900; manchmal dicht am Kitsch, gibt es doch viele interessante Hintergrundinformationen zu dem, was man heute in Funchal sieht.)
Um die Kirche herum ist Trubel, hier kommen die Touristen von der Seilbahn und drängen sich die Korbschlittenfahrer um Kundschaft. Gut hundert Meter weiter gibt es einen kleinen Platz mit Anklängen an früheren Kurbetrieb, Bänken, Platanen, ein, zwei Cafés. Aus einer Felswand, gefasst in ein hübsches Brunnenhäuschen und überhangen von riesigen Farnwedeln, sprudelt eine Quelle. Hier ist der eigentliche Ort der „Nossa Senhora de Monte“.
Es war an dem Nachmittag, an dem ich dort saß – die Sonne war aus dem Nebel hervorgekommen, stand aber schon schräg – ein ungemein friedlicher, stiller Ort. Einzelne Menschen betraten das blumengeschmückte Brunnenhäuschen mit dem Madonnenbild, tranken einen Schluck, einige füllten wohl auch mitgebrachte Flaschen und zündeten eine Kerze an. Der Kellner des Cafés, ein alter Herr, kam ab und zu und richtete die umgefallenen Kerzen wieder auf …

Das Brunnenhäuschen der heiligen Quelle in Monte/Madeira.
Moderne auf Madeira III – der Engel der Arbeiterklasse
Veröffentlicht: 28. Februar 2017 Abgelegt unter: Allgemein, Architektur, Madeira 2017, Pen&Ink, Reiseskizzen, Urban Sketching, visuelles Tagebuch | Tags: Funchal, Madeira, Moderne Ein KommentarIm Hotelviertel von Funchal steht auf einer tristen Verkehrsinsel die Skulptur eines Engels. Wobei: „steht“ nicht der richtige Ausdruck ist. Er ist in einem Eisengestell aufgehängt, mit deutlichen Anleihen an die Ikonografie des Schmerzensmanns. Meist fährt man mit dem Bus daran vorbei; bevor man noch richtig einordnen kann, was man da gesehen hat, ist man schon einen Kilometer weiter.
Gestern ergab es sich, dass ich in der Nähe wandern war, und so konnte ich mir die Figur endlich in Ruhe anschauen. Erst einmal: sie ist riesig. Mindestens zwei Stockwerke hoch, vielleicht drei. Und: was ikonografisch an Sakrales anknüpft, ist ein Arbeiterdenkmal. Ein Denkmal für „alle, die im Bereich des öffentlichen Bauens mitgearbeitet haben“, so ließe sich die Widmung aus dem Jahr 2004 frei übersetzen.
Auch unter den Voraussetzungen von iberischem Pathos ist das ein erstaunliches Denkmal. Erklärlicher wird es aus der Topografie der Insel: hier bedeutet „öffentlicher Bau“ Straßen- und Wasserleitungsbau unter unglaublichen Bedingungen, an Steilhängen und durch Tunnel, immer wieder zurückgeworfen durch Erdbeben, Flut und Feuer.

„Denkmal für den Arbeiter“ – „Monumento ao Trabalhador“ von Ricardo Velosa auf der Praça Assicom in Funchal/Madeira
Oscar Niemeyer oder das Glück der Moderne
Veröffentlicht: 20. Februar 2017 Abgelegt unter: Allgemein, Architektur, Madeira 2017, Reiseskizzen, Urban Sketching | Tags: 60er Jahre, Funchal, Madeira, Moderne Ein KommentarIch weiß nicht mehr, wie alt ich war, als der erste Band des „Lexikon der Kunst“ aus dem DDR-Seemann-Verlag bei uns auftauchte, irgendwann zwischen Kindheit und Noch-Nicht-Erwachsensein, Anfang der 70er. Es war eine bilderarme Zeit in einem bilderarmen Land, Papier knapp und der sozialistische Realismus noch offizielle Doktrin. So sah ich manches, was anderswo Allgemeingut war, in diesem Lexikon zum ersten Mal, und ich schaute es mir so oft an, bis es Teil meines innersten Bildarchivs geworden war.
Vermutlich habe ich auch das erste Bild von Niemeyers Brasília in einem der dicken grauen Bände gesehen. Dass ich für den Kunstunterricht ein elegantes Stelzenhaus mit schrägem Dach entwarf, war dadurch inspiriert (und durch die lichten Stahlbetonparabeln von Ulrich Müther, die ich von eigenem Ansehen kannte.) Ich mochte diese hellen, freundlichen Gebäude, so wie vermutlich die meisten Menschen in meiner Umgebung sie mochten: mit ihnen war der Krieg endgültig vorbei. Der WBS-70-Mehltau sollte sich erst zehn Jahre später über das Land legen, und bis zu den postmodernen Erkerchen war es auch noch eine Weile hin.
Das alles fiel mir heute beim Anblick des Niemeyerschen Hotelbaus in Funchal wieder ein – stückweise, denn ich hatte Jahrzehnte nicht mehr daran gedacht. Ich war zuerst wegen des spektakulären Casinos hergekommen, das leider durch hässliche Werbung so verhunzt ist, dass mir die Lust auf eine Zeichnung verging. Das Hotel sieht auf den ersten Blick wie eine ganz normale, nur etwas geschwungene Bettenburg aus. Wie harmonisch das Ganze ist, wie rhythmisch gegliedert, wie durchsichtig, ohne indiskret zu sein: das sah ich, als ich die Lobby betrat und dann auch ganz mutig bis zur Poolbar durchging. Von dort aus habe ich den Blick auf das meerseitig gelegene Restaurant skizziert.

Restaurant des Hotel Pestana Casino Park in Funchal. Aquarell und etwas Tinte in S&B Beta.
Chinoiserie
Veröffentlicht: 29. Januar 2017 Abgelegt unter: Allgemein, Mixed Media, Pen&Ink, Urban Sketching | Tags: China, Hamburg 5 KommentareViele Male war ich als Kind im Park von Sanssouci, und häufig lag das Chinesische Teehaus am Weg, ein von Blattgold strotzendes Rokoko-Tempelchen, von dessen Dachtraufe putzige vergoldete Troddeln hingen, unter denen galante Paare mit Tatarenbärten und Sonnenschirmchen turtelten – wie man sich das ferne und nur wenigen von Angesicht bekannte China derzeit eben vorstellte. Chinoiserie war eine Mode der Zeit.
Gestern hatte ich die glückliche Gelegenheit, in Hamburg eine ganz andere Chinoiserie zu zeichnen. Im Stadtteil Rotherbaum findet sich zwischen Gründerzeit- und Art-Deco-Fassaden unvermittelt ein chinesischer Bau, wie er chinesischer nicht sein könnte: Das „Yu-Garden“-Teehaus, ein Geschenk der Stadt Shanghai an die Partnerstadt Hamburg. Hier ist das Hamburger Konfuzius-Institus zu Hause – das chinesische Pendant zum Goethe-Institut -, ansonsten dient das aufwändig in traditioneller chinesischer Bauweise errichtete Gebäude als Veranstaltungs- und Tagungsgebäude.
Anlässlich des chinesischen Neujahrsfestes waren die Hamburger Urban Sketchers eingeladen, in dem Gebäude zu zeichnen, und ich hatte mich ihnen angeschlossen. Mein morgendlicher Aufbruch in Schwerin war etwas holprig gewesen und als ich mit dem Zeichnen beginnen wollte, hatte ich nur ein Skizzenbuch mit viel zu glattem Papier und gar keinen Bleistift dabei. Ich probierte verschiedenes aus, diese Skizze des über dem kleinen Teich fast schwebenden Teepavillons habe ich vor Ort mit einem hellgrauen „Graphik“-Liner von Derwent angelegt. Zu Hause gefiel mir der zarte Grau, und ich vertiefte mit es mit Lexington Grey Ink von Noodlers und nicht zu viel Farbe. Ostasien war bei dieser Übung gleich zweimal mit im Spiel: die schöne graue Tinte steckt in einem feinen japanischen Füller (Pilot Prera) und die Aquarellfarben sind von er koreanischen Firma Mijello – leuchtende, kräftige, dabei wenig opake Töne, die ein bisschen an Acrylfarben erinnern.

Teepavillon im Hamburger Yu-Garden.
Mal was anderes
Veröffentlicht: 30. November 2016 Abgelegt unter: Allgemein, Aquarell, Urban Sketching, visuelles Tagebuch | Tags: Porträt 3 KommentareDiese beiden Porträtskizzen sind am Rande unseres Zeichentreffens in der Classic Remise entstanden, beide auf Aquarellpostkarten im A6-Format.
- Porträt Th.L., Lexington Grey Ink und Wasserfarbe, A6.
- Porträt K.M., verschiedene Marker und Wasserfarbe, A6.
Wand-Lettering
Veröffentlicht: 29. November 2016 Abgelegt unter: Allgemein, Bewohntes Gelände 5, Reiseskizzen, Urban Sketching | Tags: 60er Jahre, Brauerei, Fränkische Schweiz, Kalligraphie, Oberfranken Hinterlasse einen KommentarDas Städtchen Gräfenberg in Oberfranken hat – mit allen eingemeindeten Dörfern – viertausend Einwohner, drei Brauereien und einen Bahnanschluss Richtung Nürnberg. Über den kommen am Wochenende die Bierwanderer und absolvieren den 5-Seidla-Steig. Auf meiner Herbsttour konnte ich sie in ihren primärfarbenbunten Wetterjacken schon von weither sehen.
Im Gasthof einer der Brauereien habe ich übernachtet, und an der zweiten kam ich vorbei. Besonders hatte es mir der schöne 60er-Jahre-Schriftzug über der Rampe angetan. Heute nennt man so etwas „Hand-Lettering“: geschwungene Buchstaben mit der Anmutung von Handschrift. Dieser hier brauchte keine gemalten 3-D-Effekte, der Schattenwurf ist echt und der Oktobermorgensonne gedankt.

Rampe der Brauerei Friedmann in Gräfenberg, vor Ort mit Bleistift skizziert und zu Hause koloriert.
Mein erstes Auto
Veröffentlicht: 27. November 2016 Abgelegt unter: Allgemein, Aquarell, Dinge, Urban Sketching, visuelles Tagebuch | Tags: Berlin, Oldtimer Ein KommentarDer Berliner Nordwesten ist nicht hip. Im Niemandsland zwischen Großmarkt und Autobahn, zwischen S-Bahn, Kleingartenverein und Kanal sind die langen geraden Straßen leer, grau und – in den Grenzen des Möglichen – sogar still. In so einer stillen Straße beherbergt ein ehemaliges Straßenbahndepot einen ganz besonderen Schatz: Die Classic Remise Berlin, eine riesige Oldtimer-Garage.
Als Berliner Zeichenfreunde den Ort für ein Nachmittagstreffen vorschlugen, war ich innerlich ein bisschen zweifelnd. Autos zeichnen? Ich? Ist das nicht eher so ein Ort für eckige Typen mit Goldkettchen? Angekommen lief ich erst einmal zwanzig Minuten durch die Reihen der dort geparkten (und zum Verkauf angebotenen) Autos: vom 100 Jahre alten Vorkriegsauto über Rennwagen aus allen Zeiten und Ländern bis zu alten Kleinwagen ist alles dabei. An einer Wand der Halle entlang ziehen sich Werkstätten, in denen unter den Augen kundiger Besucher geschraubt, poliert und auch mal mit dem Motor geröhrt wird.
Ich ließ mich mit Blick auf eine Werkstatt nieder und zeichnete zum ersten Mal im Leben ein Auto: einen Volvo 444 von 1953, „Buckelvolvo“ genannt, das schwedische Pendant zum „Käfer“ und der Anfang der Volvo-Erfolgsgeschichte. Kaum hatte ich begonnen, bot mir der Inhaber der Werkstatt einen Kaffee an – überhaupt war die Stimmung in der ganzen Halle angenehm und freundlich. Was – so begann ich zeichnend zu ahnen – auch gar nicht anders sein kann, bei der fast zärtlichen Sorgfalt, mit er dort alle mit ihren „Schützlingen“ umgehen.

1953er Volvo, gezeichnet und aquarelliert in der Classic Remise Berlin. (Zu Hause habe ich die Farbe noch einmal etwas vertieft.)
Von Müllern und Katern
Veröffentlicht: 20. November 2016 Abgelegt unter: Allgemein, Architektur, Bewohntes Gelände 5, Farbstifte, Mixed Media, Reiseskizzen, Urban Sketching | Tags: Fränkische Schweiz, Katzen, Oberfranken Hinterlasse einen KommentarAm Ende des schönen Trubachtals liegt das Örtchen Egloffstein, zwei Handvoll Häuser, von der unvermeidlichen Burg überkrönt. Übernachtet habe ich unten neben der Trubach, in einer ehemaligen Wassermühle. Vor dem Aufbruch am nächsten Morgen bemerkte ich gerade noch rechtzeitig die Tür mit dem Wappen der Mühle: Zwei Kater, eine Zahnwelle haltend. Ein sinniges Motiv, dürften doch Mäuseplagen den Müllern aller Zeiten zugesetzt haben.
Dass Künstler früherer Jahrhunderte Löwen oft etwas eigentümlich abbildeten, ist der Tatsache geschuldet, dass sie nie einen im Original sahen – warum aber der unbekannte Künstler, dem Felis silvestris sicher eine vertraute Art war, sie derart seltsam darstellte, dieses Geheimnis hat er mit ins Grab genommen. In die Länge gezogen und mit löwenartig bequasteten Schwänzen (auf meiner Zeichnung nicht besonders gut zu erkennen) sind sie ein so merkwürdiger Anblick, dass ich einen Moment überlegen musste, welche Tiere überhaupt gemeint sind. An ihrem Geschlecht hingegen gibt es keinen Zweifel: beide ziert eine prächtige Erektion.
Vor Ort gezeichnet habe ich das Motiv mit Bleistift; als ich die Schatten zu Hause ebenfalls mit Graphit vertieft hatte, kam ich auf die Idee, mit Albrecht-Dürer-Aquarellstiften weiterzuarbeiten. Der etwas opake, kreidige Charakter der Stifte schien mir besser zu dem Motiv zu passen als Aquarellfarbe. Wieder einmal ist mir dabei aufgefallen, wie anders diese Stiftfarben sich verhalten als übliche Wasserfarbe.

Alte Eingangstür mit Wappen der Egloffsteiner Mühle. Graphit und Aquarellstifte.
Steampunk
Veröffentlicht: 13. November 2016 Abgelegt unter: Allgemein, Alltag, Mixed Media, Urban Sketching, visuelles Tagebuch | Tags: Kaffee, Schwerin, Steampunk Hinterlasse einen Kommentar„Steampunk“ steht für eine Stilrichtung, die an die Ästhetik von Jules-Vernes-Verfilmungen anknüpft, an unsere Bilder von Ballonfahrten, Taucherglocken, allerersten Automobilen. An all das und ein bisschen auch an die Weltraumreisen des Piloten Pirx durfte ich mich glücklich erinnern, als ich am Freitag Nachmittag in der Schweriner „Rösterei Fuchs“ die Kaffeeröstmaschine zeichnete.

Röstmaschine in der Schweriner Kaffeerösterei „Fuchs“. Füllfeder, verschiedene Marker und Aquarellstifte.



